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Die Merowinger oder Die totale Familie

Roman

(2)

'La famille c'est moi.'
Childerich von Bartenbruch, der schmächtige, doch zu unglaublichen Wutausbrüchen neigende Majoratsherr in Mittelfranken, hält sich - nicht ganz zu Unrecht - für einen Nachfahren der Merowinger. Gleichzeitig verfolgt er hartnäckig die Realisierung seiner Idee von der totalen Familie. Durch eine ungewöhnliche Heirats- und Adoptionspolitik gelingt es ihm, sein eigener Vater, Grossvater, Schwiegervater und Schwiegersohn zu werden.

Portrait
Als Heimito von Doderer am 5. September 1896 in Weidlingau bei Wien als Spross einer wohlhabenden Architekten- und Ingenieursfamilie geboren wird, ist noch alles in Ordnung. Der doppelköpfige Adler hat noch viel Platz, seine Schwingen auszubreiten und der alte Kaiser Franz ist Herr über 46 Millionen Untertanen. Als der Fähnrich Ritter von Doderer 1920 jedoch aus sibirischer Gefangenschaft zurückkommt, ist die k.u.k. Herrlichkeit dahin, die Familie hat einen grossen Teil ihres Vermögens eingebüsst.
Entgegen den Wünschen des Vaters beschliesst der Vierundzwanzigjährige Schriftsteller zu werden, nimmt jedoch in Wien ein Geschichts- und Psychologiestudium auf, das er mit der Promotion abschliesst. 1938 erscheint der erste Roman: ›Ein Mord den jeder begeht‹. Die Anerkennung als Schriftsteller bleibt ihm versagt – bis 1951, dem Erscheinungsjahr der ›Strudlhofstiege‹.
Um sich dem Mammutwerk zu nähern, empfahl Helmut Qualtinger einst folgenden Weg: den »spannenden Krimi« ›Ein Mord den jeder begeht‹(1938) zu Anfang, dann die ›Kurz- und Kürzestgeschichten‹, des weiteren die ›Dämonen‹ und schliesslich die ›Strudlhofstiege‹. In der Tat ist die Lebensgeschichte des Conrad Castiletz eine aufregende Erzählung, die in manchem auf das spätere Werk vorausweist: skurriles Personal, geschliffene Sprache, Zufälle und Unwahrscheinlichkeiten, die mit einer solchen Selbstverständlichkeit erzählt werden, dass selbst das Ungeheuerlichste plausibel erscheint. Auch wenn Doderer erst mit den nach 1951 erschienenen Büchern bekannt wurde, ist das Vorkriegswerk nicht weniger bedeutend. Unter anderem entstanden bis zum zweiten Weltkrieg die beiden Romane ›Ein Umweg‹ (veröffentlicht 1940) und ›Die erleuchteten Fenster oder Die Menschwerdung des Amtsrates Julius Zihal‹.
Der Roman ›Die Strudlhofstiege‹, das bedeutendste Werk Doderers, ist für den mittlerweile 55-jährigen der schriftstellerische (und somit finanzielle) Durchbruch, dem offizielle Ehrungen folgen. Die Jugendstiltreppe im IX. Bezirk ist geographischer Mittelpunkt einer Beschreibung der Wiener Gesellschaft zwischen 1910 und 1925. Der souverän gearbeitete Erzählteppich fasst die unterschiedlichsten Lebensstränge in pralle Bilder und köstliche Geschichten zusammen. Mit zum Teil denselben Figuren schrieb Doderer diese österreichische „chronique scandaleuse“ in den fast 1400 Seiten umfassenden ‘Dämonen’ (1956) weiter. Dostojewskij frech herbeizitierend ist der in den späten zwanziger Jahren spielende Roman auch eine Auseinandersetzung mit dem Phänomen der Ideologie. In beide Romane sind all die Turbulenzen eingegangen, die Doderer in den vergangenen Jahrzehnten erlebt hat: seine seelischen, sexuellen und politischen. Zu ihnen zählt die spannungsreiche Beziehung zu Gusti Hasterlik, der Kampf gegen den cholerischen Vater, der »barbarische Irrtum«, wie er später sagte, in der NSDAP einen gesellschaftlichen und politischen Ort finden zu können, den er 1940 mit der Konversion zum Katholizismus wettzumachen versucht. All dem wohnt der Wunsch inne, »ein Mensch zu werden«, sich von den inneren und äusseren Fesseln zu befreien, seinem literarischen Generalthema. »Mein Leben: eine Schachtel, in die ich verpackt war, aus der ich mich herausgenommen habe.« So schrieb auch: »Mein eigentliches Werk besteht, allen Ernstes, nicht aus Prosa oder Vers: sondern in der Erkenntnis meiner Dummheit.«
Die Heirat 1952 mit Maria Thoma war Ausdruck des nächsten Schritts: sich selbst Form und Ordnung zu geben. Bei ihr im niederbayerischen Landshut lebte er jedoch nur in Abständen, um zu arbeiten, ansonsten blieb er in Wien, der Stadt, die ihm literarischer Rahmen geworden war.
Grotesker Familienroman und Totalitarismuskritik in einem ist sein komischstes Werk: ‘Die Merowinger’ von 1962. Krönender Abschluss des Lebenswerks sollte der vierteilige ‘Roman No. 7’ sein. Zu Lebzeiten erschienen ist nur der erste Teil: die Vater-Sohn-Geschichte ‘Die Wasserfälle von Slunj’ (1963), die dem Literarischen Quartett im Doderer-Gedächtnisjahr 1996 eine Empfehlung wert war.
Am 23. Dezember 1966 starb er in einem Wiener Krankenhaus an Darmkrebs, Folge seiner Alkoholexzesse – »Der Tod steht am Rande unseres Lebens und blickt in dieses hinein. Er umrandet unsere Existenz.« (Aus dem Tagebuch vom 6. April 1964).
Thomas Zirnbauer
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Beschreibung

Produktdetails


Einband Taschenbuch
Seitenzahl 312
Erscheinungsdatum 01.11.1990
Sprache Deutsch
ISBN 978-3-423-11308-3
Verlag dtv
Maße (L/B/H) 193/120/20 mm
Gewicht 268
Auflage 10. Auflage
Illustratoren Hans Eggenberger
Buch (Taschenbuch)
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La famille c'est moi
von Susanna Wiedermann aus Wien am 26.04.2011

Ein Roman, um dessen skurrile Hauptfigur Childerich von Bartenbruch III, sich eine ebenso skurrile Geschichte rankt. Childerich strebt die Totalisierung der Familie in seiner Person an, ganz nach dem Motto „La famille c’est moi“. Nachdem er durch geschickte Heiratspolitik bereits sein eigener Großvater, Vater, Schweigervater und Schwiegersohn geworden ist,... Ein Roman, um dessen skurrile Hauptfigur Childerich von Bartenbruch III, sich eine ebenso skurrile Geschichte rankt. Childerich strebt die Totalisierung der Familie in seiner Person an, ganz nach dem Motto „La famille c’est moi“. Nachdem er durch geschickte Heiratspolitik bereits sein eigener Großvater, Vater, Schweigervater und Schwiegersohn geworden ist, versucht er, das Ganze durch Adoptionen noch weiter zu treiben. Doch Childerich wird in seinen Plänen von verschiedenen Seiten behindert. Seine Mitspieler und Gegenspieler scheint der Autor Heimito von Doderer allesamt einem Kuriositätenkabinett menschlicher Seelen entnommen zu haben. Immerwiederkehrende Elemente des Romans sind die beispiellosen Wutausbrüche und Massenprügeleien, die zumeist grotesk comichaft anmuten. „Die Merowinger oder Die totale Familie“ stellt zwar kein Hauptwerk Doderers dar, doch sollte man sich diesen Genuss keinesfalls entgehen lassen.

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Der andere Doderer?
von einer Kundin/einem Kunden am 31.08.2009

Der andere Doderer? Nicht ganz, doch ballt sich hier zur Faust, was für Momente in den allseits bekannten Opera dieses Giganten der österreichischen Literatur des letzten Jahrhunderts aufblitzt. Und die Faust ballt sich mitunter auch um den Knüppel, wie er im Wappen der Childerichschen Sippe geführt wird. Es ist... Der andere Doderer? Nicht ganz, doch ballt sich hier zur Faust, was für Momente in den allseits bekannten Opera dieses Giganten der österreichischen Literatur des letzten Jahrhunderts aufblitzt. Und die Faust ballt sich mitunter auch um den Knüppel, wie er im Wappen der Childerichschen Sippe geführt wird. Es ist ein Buch über die Wut – die Wut des Unterdrückten, der, einmal groß geworden, in unbändigem narzisstischen Toben es seiner Familie heimzahlt- „Verprügelt mir nicht Jeden! Dafür aber die Richtigen saftig.“

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