orellfuessli.ch

Mit eBooks in weniger als einer Minute mit dem Lesen beginnen. Sie haben noch keinen tolino?

Robert Havemann - eine persönlich-politische Biographie - Teil 1 Die Anfänge

Robert Havemann zu verstehen braucht mehr als die Vereinfachung des zum ersten Dissidenten der DDR geläuterten Stalinisten. Allein Kindheit und Jugend, die Geschichte der Mutter und auch und gerade des Vaters sind so facetten- und aufschlussreich, dass sie es verdienen, hier erstmals in einem ausführlichen Kontext bis zu Roberts Anfängen als Kommunist dargestellt zu werden.
Rezension
Rezension von Volker Strebel in der Zeitschrift UNIVERSITAS – Orientieren! Wissen! Handeln! Heft 9/September, Nr. 795, Heidelberg 2012, 67. Jahrgang


„Robert Havemann“ eine persönlich-politische Biographie. Teil 1: Die Anfänge
Von Harold Hurwitz, Entenfuss Verlag, Berlin 2012, 272 Seiten, 16,90 €

In den 1970er- Jahren galt der Kommunist Robert Havemann (1910-1982) als der prominenteste Regimkritiker der DDR. Infolge der Ausbürgerung seines Freundes Wolf Biermann im November 1976 war Havemanns Wohnsitz in Grünheide abgeriegelt worden. Zweineinhalb Jahre dauerte dieser Belagerungszustand um Havemanns Haus, der zeitweilig bis zu zweihundert Einsatzkräfte gebunden hatte.
Im vorliegenden ersten Teil einer „persönlich-politischen Biographie“ versucht Harold Hurwitz, Havemanns Entwicklung eines deutschen Lebensweges des 20. Jahrhunderts nachzuvollziehen.
Havemanns Wandlung von einem parteiergebenen Stalinisten hin zum Protagonisten eines reformierten, demokratischen Sozialismus in der DDR war seinerzeit von Havemann selbst eindrucksvoll formuliert und über geographische wie auch politische Grenzen hinweg diskutiert worden. Hurwitz stellt sich in seiner Untersuchung die Frage, ob eine Persönlichkeit wie Robert Havemann mit dieser Charakteristik zureichend beschrieben werden kann.
In einer umfangreichen Recherche unterzieht Hurwitz die familiären Hintergründe der beiden Elternteile Robert Havemanns. Seine Einblicke geben nicht zuletzt mentalitätsgeschichtliche Aufschlüsse preis, zumal Havemanns Vater Hans 13 Jahre jünger als die Mutter Elisabeth, eine geborene Schönfeldt, war. Nach Anfängen als erfolgloser Lehrer hatte der nervlich labile Hans Havemann eine feste Stellung als Resortleiter des Feuilletons der Westfälischen Neuen Nachrichten erhalten. Elisabeth Havemann, die als junge Frau und angehende Malerin die Münchener Boheme kennengelernt hatte, widmete sich nach der Heirat mit Hans ganz ihren beiden Söhnen. Der auffällige Wissensdurst des jungen Robert konnte sich in einem Elternhaus, das sich bewusst der zeitgenössischen Kunst und Kultur verschrieben hatte, gut entfalten. Zu den charakteristischen Widersprüchen des Hans Havemann gehörte freilich auch dessen Fähigkeit, sich den jeweiligen politischen Herrschaftsmodellen anzupassen. Den Parteiausweis der NSDAP tauschte Hans in den Nachkriegsjahren gegen die Mitgliedschaft in der SED ein.
Robert Havemanns spätere Profession als Physikochemiker machte sich bereits in der Jugendzeit dahingehende bemerkbar, als er mit Freunden in seinem Zimmer ein Labor einrichtete. Der naturwissenschaftliche Unterricht im Gymnasium bereitete ihm keinerlei Schwierigkeiten. Zudem zeigte sich sehr bald eine dezidiert ausgerichtete „materialistische“ Weltanschauung, die ohne jegliche Metaphysik auszukommen bereit war. Einen politischen Wendepunkt bedeutete Roberts intensive Bekanntschaft mit Elisabeth Schmidt, einer jungen KPD-Genossin in Berlin. Deren „lustvolle Attacken“ bildeten für Havemann „aus einer für ihn ganz fremden Welt Zumutung und Aufforderung zugleich“. Auch wenn die beiden als Paar nicht zusammen blieben, sollte die Beziehung nie abreissen.
Für Havemann öffnete sich unter zunehmend brutaleren Bedingungen die politische Welt des antifaschistischen Engagements. Einen besonders tragischen Verlauf hatte das Schicksal für Elisabeth Schmidt bereitgehalten, die dem jungen Studenten Robert Havemann in das nähere Umfeld der KPD verholfen hatte. Als politische Exilantin in der Sowjetunion hatte sie sich nur mit Mühe den politischen Verdächtigungen des Staatsapparates entziehen können, ihr Mann Heinz Altmann war freilich den Säuberungen zum Opfer gefallen. In die DDR konnte Elisabeth Schmidt erst ab 1954 zurückkehren. Als Bürgen, der zu Bewerbungszwecken Auskunft über sie erteilen könnte, nannte sie an erster Stelle Prof. Dr. Robert Havemann – damals noch in Amt und Würde. Jahre später war ihr neuer Lebensgefährte, der antifaschistische Aktivist Rudi Wunderlich, der in der Nazizeit acht Jahre im KZ und in Gefängnissen sass, von der SED wegen „parteischädigen Verhaltens“ mit einer „strengen Rüge“ bedacht worden. Begründung: Wunderlich hatte als Sekretär des Komitees der antifaschistischen Widerstandskämpfer den mittlerweile in Ungnade gefallenen Havemann zur Teilnahme an der Gedenkfeier zum 25. Jahrestag der Befreiung des Zuchthauses Brandenburg verholfen. Zudem war Wunderlich daraufhin fristlos gekündigt worden.
Der im Mai 2012 im Alter von 88 Jahren verstorbene Harold Hurwitz, und das wirkt sich zugunsten der Lesbarkeit dieser Biographie aus, war mit den einschlägigen historischen Umständen gut vertraut. Er hatte sich besonders mit seinen Standardwerken „Die Stunde Null der deutschen Presse“ oder „Demokratie und Antikommunismus in Berlin nach 1945“ als Experte hervorgetan.
Ein darstellender Gesamtüberblick über Leben und Schicksal von Robert Havemann in einer „Einführung“ sowie ein Personenregister runden diese ansprechende Studie ab. Einen besonderen Hinweis verdient der Umgang von Harold Hurwitz mit seinen einschlägigen Quellen, einschliesslich von Interviews mit Zeitzeugen, die fast durchwegs in einer entsprechenden Disposition in der Robert-Havemann-Gesellschaft abgelegt sind und dort auch eingesehen werden können.
Mit diesem ersten Teil einer Robert-Havemann-Biographie ist ein Zugang zu einer beeindruckenden Persönlichkeit geschaffen, der von seiner Lebendigkeit in der Darstellung profitiert. Man darf gespannt auf den zweiten, politisch noch weitaus brisanteren Teil hoffen!
Volker Strebel.
Portrait
Ein linker Lebenslauf - Zum Tode von Harold Hurwitz Im März 2012 erlebte Harold Hurwitz mit grosser Genugtuung die Vorstellung seines Buches "Robert Havemann. Eine persönlich-politische Biographie" durch die Robert-Havemann-Gesellschaft. Nur wenige Wochen später, am 30. Mai 2012, ist er gestorben. Er war ein produktiver und anregender Wissenschaftler und zugleich ein engagierter Berliner Sozialdemokrat, der bis zuletzt der Partei verbunden blieb. Dabei war es ihm nicht an seiner Wiege gesungen worden, dass er einmal in Berlin seine Wahlheimat finden sollte. 1924 in Hartford/Connecticut/USA geboren, studierte er an der Columbia-Universität Soziologie und gehörte an der Universität einer links orientierten Studentengruppierung an. Seit 1946 war er als Zivilangestellter bei der amerikanischen Militärregierung in Berlin tätig, Den Amerikanern wurde er jedoch - es waren die Jahre der Hexenjagd eines McCarthy - bald verdächtig. Er wurde "ausgefroren - frozen out", wie Willy Brandt 1948 an einen Parteigenossen schrieb, um Hilfe für ihn zu organisieren. Seit diesen Jahren war Harold Hurwitz Mitglied der Berliner SPD, später auch Mitglied der Historischen Kommission der SPD Berlin. Er beriet den Regierenden Bürgermeister und den Berliner Senat. Er promovierte und habilitierte sich, wurde Professor an der Freien Universität Berlin und veröffentlichte eine Fülle von Publikationen, darunter die vielbändige Darstellung "Demokratie und Antikommunismus in Berlin nach 1945". Schon seit den vierziger Jahren waren Willy Brandt und er eng befreundet. Beider Familien waren in diese Freundschaft mit einbezogen. Sein Briefwechsel mit Willy Brandt dokumentiert, wie sehr er Anteil nahm an der Berliner Politik. Brandt wusste die Ratschläge seines Freundes zu schätzen. Im August 1959 schrieb er am Schluss eines längeren Briefes an Hurwitz: "Es wäre gut, wenn wir uns bald ... einmal zu einem ruhigen Gespräch zusammenfänden. Den Termin vereinbaren am besten unsere Frauen. Euch beiden und der Prinzessin herzliche Grüsse". Die beiden Frauen waren Rut Brandt und Greta Hurwitz. Harold Hurwitz wird nun an der Seite seiner 2009 verstorbenen Frau Greta seine letzte Ruhe finden. Mit "Prinzessin" war die Tochter Kathy Hurwitz gemeint. Wir trauern mit ihr. Siegfried Heimann
… weiterlesen
Beschreibung

Produktdetails


Format ePUB i
Kopierschutz kein Kopierschutz
Seitenzahl 272, (Printausgabe)
Erscheinungsdatum 01.02.2012
Sprache Deutsch
EAN 9783944127088
Verlag Entenfuß Verlag
eBook (ePUB)
Fr. 3.90
inkl. gesetzl. MwSt.
Sofort per Download lieferbar
In der Cloud verfügbar
Premium Card
Fr. 3.90 Umsatz sammeln
Weitere Informationen

Andere Kunden interessierten sich auch für

  • 45395243
    Russensommer
    von Cornelia Schmalz-Jacobsen
    eBook
    Fr. 18.90
  • 30934476
    Erzähl es niemandem!
    von Lillian Crott Berthung
    (3)
    eBook
    Fr. 11.50
  • 45254838
    Der Mensch Martin Luther
    von Lyndal Roper
    eBook
    Fr. 27.50
  • 45254834
    Die Romanows
    von Simon Sebag Montefiore
    eBook
    Fr. 34.50
  • 46530704
    Mein Sprung in ein neues Leben
    von Kira Grünberg
    eBook
    Fr. 18.90
  • 46676790
    Dem Leben so nah wie nie zuvor
    von Tanja Gutmann
    eBook
    Fr. 26.90
  • 45481887
    Pioniere reiten los
    eBook
    Fr. 22.50
  • 42239337
    Glück ist was für Augenblicke
    von Christine Nöstlinger
    eBook
    Fr. 15.50
  • 41550053
    Che - Die Biographie
    von Jon Lee Anderson
    eBook
    Fr. 14.00
  • 30837893
    Lotti Latrous
    von Gabriella Baumann-von Arx
    eBook
    Fr. 7.90

Kundenbewertungen


Es wurden noch keine Bewertungen geschrieben.

Wird oft zusammen gekauft

Robert Havemann - eine persönlich-politische Biographie - Teil 1 Die Anfänge

Robert Havemann - eine persönlich-politische Biographie - Teil 1 Die Anfänge

von Harold Hurwitz

eBook
Fr. 3.90
+
=
Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur

Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur

von Andrea Wulf

eBook
Fr. 23.90
+
=

für

Fr. 27.80

inkl. gesetzl. MwSt.

Alle kaufen