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Alfred Reumont

»Diplomat, Historiker und Publizist, * 15.8.1808 Aachen, † 27.4.1887 Burtscheid bei Aachen, begraben Aachen, Ostfriedhof. (katholisch)

Geprägt vom aufgeklärten Geist des Elternhauses studierte R. seit 1827 Medizin in Bonn und Heidelberg, gab nach dem Tod des Vaters das Studium auf und wandte sich Arbeiten zur Geschichte Aachens und der Rheinlande zu, die ihn bekannt machten (Aachener Liederkranz u. Sagenwelt, 1829, Nachdr. 1984; Rheinlands Sagen, Geschichten u. Legenden, 1837). Seit 1830 Privatsekretär des preuss. Gesandten in Florenz, Friedrich v. Martens, folgte er diesem 1832 nach Konstantinopel, kehrte aber 1833 nach Florenz zurück, um in den Dienst des dortigen preuss. Geschäftsträgers, Karl v. Schaffgotsch, zu treten. Zuvor war er noch 1833 kumulativ von der Univ. Erlangen zum Dr. phil. promoviert worden. Seine weitere Laufbahn führte R. 1835 nach Berlin in das Auswärtige Amt, 1836 nach Rom, wo er als Mitarbeiter des preuss. Sondergesandten Friedrich Wilhelm Gf. v. Brühl während dessen drei Missionen, an deren Abschluss das Ende der ›Kölner Wirren‹ stand, Verdienste erwarb. 1843 wieder im Auswärtigen Amt, wurde R. Gast der ›Kgl. Tafelrunde‹, woraus sich eine lebenslange Freundschaft mit Kg. Friedrich Wilhelm IV. entwickelte. Seit 1848 wieder in Rom, wurde R. 1851 preuss. Geschäftsträger zu Florenz mit Zuständigkeit auch für Parma und Modena, 1854 ›selbständiger Geschäftsträger‹ in Florenz und 1856 Ministerresident am Grosshzgl. Hof. Dieser Wirksamkeit setzten die revolutionären Ereignisse in Italien ein Ende. In Preussen fand der Katholik und ehemalige Vertraute Kg. Friedrich Wilhelms IV. keine Verwendung mehr im preuss. Staatsdienst. Seinen Wohnsitz nahm R. zunächst in Bonn, seit 1878 in Burtscheid.

Bereits bei seinen ersten Aufenthalten in Florenz schloss sich R. den liberalen ›Moderati‹ an, die im Gegensatz zu den ›radikalen‹ Liberalen die Revolution als Weg zur Einigung Italiens ablehnten und statt dessen die Kräfte zu den erforderlichen Reformen in der Besinnung auf die Geschichte erblickten. So entwickelte sich R., der 1833 Leopold Ranke in Florenz kennengelemt und vom romantischen Geschichtsverständnis Abschied genommen hatte, zu einem quellenorientierten Erforscher der ital. Geschichte und Kulturgeschichte sowie zu einem fruchtbaren historischen Publizisten. Scheiterte auch das von ihm in Berlin mitherausgegebene Jahrbuch›Italia‹ (1838–40), so blieb dem von ihm 1844 mitbegründeten ›Archivio Storico Italiano‹ Erfolg beschieden.

Nach 1861 begann R. auf Anregung Kg. Maximilians II. von Bayern mit seinem Lebenswerk, der ›Geschichte der Stadt Rom‹ (3 Bde., 1867–70). Methodisch und konzeptionell konservativ, blieb das Werk hinter der Darstellung seines liberalen Rivalen Ferdinand Gregorovius zurück. Dem damaligen Zeitgeist widerstand R. auch mit seiner Schrift ›Pro Romano Pontifico‹ (1871), in dem er das geschichtlich gewordene Recht des Papsttums gegen die Revolution verteidigte. Jedoch erhob R. als liberaler Katholik 1871 anonym in Zeitungsartikeln scharfen Protest gegen das Unfehlbarkeitsdogma. Den Kulturkampf betrachtete er als politischen Irrweg, da er die Liebe der Katholiken zum Königshaus zerstöre. Die Jahre in Deutschland galten dem Abschluss längst vorbereiteter Werke zur Geschichte Italiens, v.a. der Toskana, und der Würdigung des Lebens und Wirkens politischer Freunde und geistiger Weggefährten, wie Gino Capponi (Gino Capponi, Ein Zeit- u. Lb., 1880, ital. 1881) und Karl Witte. Als Bekenntnis zur Toleranz in einer Zeit konfessioneller Intoleranz wollte R. die ›Briefe heiliger und gottesfürchtiger Italiener‹ (1877) und die Biographie der ›Vittoria Colonna‹ (1881, ital. 1883) verstanden wissen. R.s Alterswerk ›Aus Kg. Friedrich Wilhelms IV. gesunden und kranken Tagen‹ (1885) war das Vermächtnis des Freundes und die Erinnerung an die ›Welt von Gestern‹. R. war in Wissenschaft und Publizistik einer der grossen Brückenbauer zwischen Italien und Deutschland. 1879 gründete er den ›Aachener Geschichtsverein‹.«

Lepper, Herbert, in: Neue Deutsche Biographie 21 (2003), S. 454–455

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