Kaum zu glauben - und doch nicht wahr

Kaum zu glauben - und doch nicht wahr

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Beschreibung

Details

Einband

Gebundene Ausgabe

Erscheinungsdatum

01.09.2005

Verlag

Blessing, Karl

Seitenzahl

284

Beschreibung

Details

Einband

Gebundene Ausgabe

Erscheinungsdatum

01.09.2005

Verlag

Blessing, Karl

Seitenzahl

284

Maße (L/B/H)

22.4/14.6/3 cm

Gewicht

495 g

Sprache

Deutsch

ISBN

978-3-89667-283-4

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Der Glaube an den Zweifel
Kaum zu glauben und doch nicht wahr
Der Glaube an die kortikale Entlastung
Der Glaube an das Selbstgespräch
Der Glaube an die Zensur
Der Glaube an die eigene Unfähigkeit
Der freie Wille
Der Glaube an die Wissenschaft
Der Glaube an die Volkswirtschaft
Steuerreform
Binnennachfrage
Der Glaube an das freie Spiel der Kräfte
Als ich als Sozi aufwachte
Schwindel
Armut ist legal
Armut hat Zukunft
Armut ist für alle
Eine Hiobsbotschaft
Das Vertrauen in die Jugend
Der Glaube an die Renten
Vom Zuviel und Zuwenig – Der Glaube an die Gerechtigkeit
Zutraulich
Wilde Tiere
Österliche Fragmente
Ausgerechnet London!
Der Glaube an gutnachbarliche Beziehungen
Der Glaube an Europa
Der kleine Glaube an die Vernunft
Nationalgefühle?
Der Glaube an die Toleranz
Der Glaube an den deutschen Besinnungsaufsatz
Der Glaube an die Partei
Der Glaube an die Geschichten
Der Glaube an die Angela
Der Geist von Otzenhausen
Konservativ?
Der Glaube an den Heiligen Geist
Gutmensch
Es ist ein Witz!
Philosophie am Morgen
Heimatstadt

Der Glaube an den Zweifel

Klaviermusik. Von oben? Oder von unten? In diesem Haus kann man nie sicher sein, woher die Musik kommt. Vermutlich von oben. Ich kenne das Stück nicht. Vielleicht eine Eigenkomposition von Andreas Rebers? Klingt nicht übel. Könnte eine Filmmusik sein.
In mir gewinnt die Vorstellung, ich könnte mich momentan in einem Film befinden, die Oberhand. Ich habe die Hauptrolle. Logisch: Eine andere Rolle kann ich mir in meinem Leben gar nicht vorstellen. Aber was ist das für ein Film? Es gibt so viele Handlungsstränge. Ein Vater/Tochter-Drama lässt sich nicht vermeiden. Die rot-grüne Regierung sorgt für Unterhaltung, ein Kardinal aus Bayern wird Papst, und ein Mädchen aus Brandenburg überschätzt sich. Es ist ziemlich was los. Langweilig ist er nicht, der Streifen. Damit ist die Chance relativ gross, dass es kein deutscher Film ist. Das Stimmungsbild allerdings verweist eindeutig auf einen deutschen Spielort.
Es ist trübe und grau draussen. Es regnet. Novemberwetter. Passt also in die Zeit, denn wir haben Mitte November. Gut. Wenigstens von dieser Seite ist kein Widerspruch zu erwarten. Das beruhigt. Im November hochsommerliche Temperaturen, das hatten wir auch schon einmal, allerdings nicht in München. Wo war das noch mal? Teneriffa? Oder doch eher irgendwo in Asien? Ich weiss es nicht. Ich sehe eine grosse Welle, die sich immer weiter aufbaut zu einer Riesenwelle und auf den Strand zu rauscht. Bin ich in einem Film von Roland Emmerich? Träume ich, oder habe ich so etwas Ähnliches im Fernsehen gesehen? Kann sein, dass ich in meiner Erinnerung einiges nicht mehr auseinander halten kann.
Jetzt geht ein Mann im schwarzen Rollkragenpullover und einem ungeheuren Verantwortungsgesicht in einen Raum, in dem ein Krisenstab tagt. Der sieht aus wie Fischer, der Aussenminister. Warum ist der so dick? Der war doch immer ausgemergelt. Irgendetwas stimmt da nicht. Mit mir! Mit dem Aussenminister ist alles in Ordnung. Hoffentlich. Ganz sicher kann ich mir da auch nicht sein, denn er schaut ein bisschen so aus, als würde es in seiner Umgebung schlecht riechen. Er sitzt jetzt an einem Tisch in einem Untersuchungsausschuss und sagt zwölf Stunden lang die Wahrheit. Er steht Rede und Antwort. Ich fange an mir Sorgen zu machen.
Es verschiebt sich so viel. Ich leide unter Verschiebungen. Warum sagt der Fischer die Wahrheit, so knapp vor einer Wahl? Dass die ersten Nikoläuse Ende August ins Regal wandern, daran habe ich mich gewöhnt. Und ebenso normal kommt es mir vor, dass die Osterhasen relativ schnell nach Weihnachten aufmarschieren, aber dass der Aussenminister die Wahrheit sagt, daran kann ich mich nicht gewöhnen. Zwölf Stunden lang! Zwei Stunden Lüge sind kurzweiliger. Oder übertreibe ich jetzt? Egal, immer öfter passt die Zeit nicht zum Geschehen oder umgekehrt, die Inhalte passen nicht in die Zeit. Das sind die Momente, in denen ich Gefahr laufe, den Glauben an mich und meine Wahrnehmung zu verlieren, weil ich das Gefühl habe, alles läuft verkehrt.
Vielleicht liegt es auch daran, dass alles immer schneller läuft und dadurch das Gefühl entsteht, alles passiert immer auf einmal. Eine Erklärung dafür könnte sein, dass die Prozessoren in den Computern immer schneller werden. Wenn es stimmt, dass wir nur so viel von der Welt behalten, wie wir uns merken können, dann könnte es sein, dass die immer schnellere Versorgung mit Daten unser Hirn überfordert, weil wir an der Peripherie nur suboptimal konfiguriert sind. Auf Deutsch, der Arbeitsspeicher in unserem Kopf ist zu klein, um die Quantität der verdateten Welt verarbeiten zu können. Wir schaffen uns!
»… ich sah vier Engel stehen an den vier Ecken der Erde, die hielten die vier Winde der Erde fest, damit kein Wind über die Erde blase noch über das Meer noch über irgendeinen Baum.«
Woher kommt das denn jetzt? Es stimmt etwas nicht mit mir. Seit einiger Zeit schon registriere ich dieses Phänomen. Es steigen Sätze und Bilder aus den Tiefen meines Unterbewusstseins nach oben in die Bewusstseinsebene und treiben dort still, manchmal auch laut, aber immer ziemlich auffällig herum und stören das Gesamtbild.
Keine Angst, es ist halb so wild. Ich habe das im Griff. Ausserdem hatte ich mit LSD nie etwas am Hut. Aber Sie sollten sich darauf einstellen, dass es in diesem Buch immer mal wieder zu seltsamen Assoziationsketten kommt, in denen Engel mit Posaunen, verirrte Lämmer, Frauen mit Schlangen, Propheten in Walfischen und ausfahrende Dämonen eine wesentliche Rolle spielen.
Es kommt ganz einfach zu zeitlichen Verschiebungen. Geschichten meiner Vergangenheit schieben sich unaufhaltsam wie ein Gletscher in die Gegenwart. Und solange sich kein Gletscher aus der Zukunft, sozusagen von vorne, in mein Leben schiebt, will ich mich nicht beklagen.
Komisch, jetzt scheint die Sonne. Wie passt denn das jetzt in den November? Die Menschen sehen aus, als hätten wir Mai. Sie gehen kurzärmelig. Eine dunkelhaarige Frau hält eine Rede, vor ihr sitzen ernst dreinschauende Männer, der Bundeskanzler, der Bundespräsident, wichtig, ganz wichtig, wichtiger geht’s gar nicht mehr. Sie hält einen Zahn hoch und einen gelben Judenstern. Was sagt sie? Sie möchte den Zahn und den Stern im Stelenfeld beisetzen. Sie habe das versprochen. Tatsächlich. Das gibt Ärger mit dem Zentralrat der Juden in Deutschland. Die Eröffnung des Mahnmals für die ermordeten Juden Europas in Berlin war doch erst vor kurzem.
Von meinem Gefühl her befinde ich mich immer noch im November letzten Jahres. Ich muss wirklich höllisch aufpassen, die Abfolge der Zeiten zu beachten.
Ganz klar, es ist November, denn am Weissenburger Platz wird der Weihnachtsmarkt aufgebaut. Das ist ein wichtiger Orientierungspunkt im Ablauf meines Jahres, genauso wie das Oktoberfest, das Erntedankfest, Weihnachten, Ostern, Pfingsten, dazwischen Aschermittwoch und der Starkbieranstich auf dem Nockherberg, der zumindest in Bayern ein ganz wichtiger Tag ist, mindestens so bedeutend wie der Tag der Auferstehung des Herrn.
Gott sei Dank haben wir das Kirchenjahr, mit dessen Hilfe wir der schnell fortlaufenden Zeit eine feste Struktur geben. Es beginnt mit dem Advent. Eine Wartezeit, habe ich gelernt. Die Christenheit erwartet die Ankunft des Herrn, des Messias! Dieses Jahr erwartet die Christenheit am zweiten Weihnachtsfeiertag ein Tsunami, aber da sie das noch nicht weiss, steht sie froh und munter am Glühweinstand und hofft auf weisse Weihnachten. Es regnet in Strömen. Es wird eine Welle der Nächstenliebe geben, die sich gewaschen hat. Rosi und ich haben auch gespendet. Aber das konnten wir zu diesem Zeitpunkt doch noch gar nicht wissen.
»Sieh, es wird der Herr sich nahen und mit ihm der heiligen Schar und ein Licht voll Herrlichkeit wird erstrahlen in Ewigkeit.« Eine Liedzeile. »Tauet Himmel den Gerechten, Wolken regnet ihn herab!«
Sie belächeln mich, wenn ich mit meinem kleinen Weihrauchfass durch die Wohnung streife, um mit himmlischem Wohlgeruch die Dämonen in Schach zu halten. Wahrscheinlich gibt es keine.
Mein Freund Dr. Peter Vaitl, der Psychiater, erzählte mir, dass er hie und da mit einem Mann zu tun habe, der mit dem Teufel rede. Ich sagte, aha, das glaube ich sofort. Eines ist sicher, ich habe zurzeit keine Lust, mit dem Teufel zu reden. Und Weihrauch kann er überhaupt nicht vertragen, der Satan. Sollen sie ruhig über mich lachen. Ich steh da drüber. Kein Mensch hält mich davon ab, in den Raunächten zwischen Weihnachten und Heilig Drei König Weihrauch in alle Ecken des Hauses vom Dach bis zum Keller zu tragen. Und nicht zu knapp. Es darf schon ein bisschen mehr sein. Ich gehe dabei sehr gewissenhaft vor. Wird nicht hinterfragt. Muss einfach sein! Punkt und Amen.
Ich habe diesen Brauch von der niederbayerischen Oma übernommen, die den geweihten Rauch auf einer Kohlenschaufel entzündete und alle Räume damit besuchte.
»Und ich sah einen Engel vom Himmel herabfahren, der hatte den Schlüssel zum Abgrund und eine grosse Kette in seiner Hand.«
Es klingelt an der Wohnungstür. Es wird doch nicht der Engel mit dem Schlüssel zum Abgrund sein? Ich öffne. Der Postbote fragt, ob ich ein Päckchen für die Nachbarn annehmen kann. Das kann ich. Ich bin froh, dass es nicht zwei Zeugen Jehovas sind, die mich in ein Bibelgespräch verwickeln wollen. Auf die muss man immer gefasst sein.
»Und wenn die tausend Jahre vollendet sind, wird der Satan losgelassen werden aus seinem Gefängnis und wird ausziehen, zu verführen die Völker an den vier Enden der Erde, Gog und Magog, um sie zum Kampf zu versammeln, deren Zahl ist wie der Sand am Meer.«
Der Magog kann nur der Amerikaner sein, aber wer ist der Gog?
Wenn man als Kind katholisch zugerichtet wurde, hat man ein Leben lang etwas davon. Mein Gott, was haben sie mit uns alles gemacht. Angst haben sie uns gemacht, immer wieder Angst, vor dem Teufel vor allem. Der Teufel war hinter uns her beziehungsweise hinter unserer armen Seele, wobei uns kein Mensch erklären konnte, was die Seele ausmacht und wo sie sich befindet? Dafür haben sie uns genauestens beschrieben, wie er aussieht, der Teufel, der Luzifer, der gefallene Engel, der sein wollte wie Gott. Eine schaurige Geschichte war das schon. Wir haben es geglaubt, weil wir gläubig waren. Gutgläubig. Ich glaub, ich war vielleicht auch mal besser gläubig! Das Leben, das war lange Zeit klar, vollzog sich am besten gläubig.
Zweifel gab es zunächst überhaupt nicht und wenn, dann wurden sie ausgeräumt. Das Leben war katholisch strukturiert. Von morgens bis abends. Morgens verliess man fröhlich das Bett mit einem »In Gott’s Nam auf!« Abends ging man nie zu Bett, ohne ein Gebet gesprochen zu haben. Bevor das Brot angeschnitten wurde, machte die Grossmutter drei kleine Kreuzzeichen auf den Laib. Die Grossmutter lebte uns ihren katholischen Glauben vor. Unverkrampft und selbstverständlich, ohne Frömmelei und Bigotterie. Nichts davon war aufgesetzt, es war von klein auf eingeübte Praxis. Glauben war notwendig wie Essen und Trinken.
Sie war als ältestes von zwölf Kindern auf einem Bauernhof in Niederbayern aufgewachsen. Es gab für sie, wie sie uns erzählt hat, »ein Leben lang nur Arbeit, von der Früh bis auf d’Nacht. Sieben Tag die Woch! Und am Sonntag nach der Stallarbeit sind wir in die Kirch ganga«. Arbeiten und Beten.

Überhaupt war die Oma sehr stark, nicht nur im Glauben, auch im Erzählen von Geschichten. Und sie erzählte Furcht einflössende Glaubensgeschichten. Ein junger Bursch sei einmal besoffen aus dem Wirtshaus auf den Friedhof gelaufen und habe mit Jesus gehadert. Geschimpft und geflucht habe er »wia da Leibhaftige, weil er mit seinem Leben nicht zufrieden war. Drum hat er gesoffen!« In seinem Suff habe er dem Herrgott mit einer Stange am grossen Kruzifix mitten im Friedhof einen Arm abgeschlagen und sei »auf und davon« gelaufen. In der darauf folgenden Woche habe er bei der Arbeit einen Arm in die Häckselmaschine bekommen. So habe er einen ganzen Arm verloren.
Doch am schaurigsten waren die Geschichten vom Teufel. Eine weiss ich noch. Am Heiligen Abend hätten die Männer am Weiher draussen bis in die Abendstunden Eisstock geschossen. Und immer sei ein Stock zu viel im Spiel gewesen. Sie hätten ihn eins ums andere Mal ans Ufer geschoben, doch der Stock, der niemandem gehörte, sei immer wieder im Spiel gewesen. Die Oma machte eine grosse Pause, und wir schauten sie gespannt an, gleich würde sie das Geheimnis lüften, was es mit diesem seltsamen Eisstock für eine Bewandtnis hatte. »Da Teifi« habe mitgespielt an jenem Heiligen Abend. Sie bekreuzigte sich und beendete ihre Erzählung mit einem frommen Ja. »Und jetzt legen wir uns nieder zum Schlafen.« An Schlafen war erst einmal nicht zu denken, wenn wir abends eine solche Geschichte erzählt bekommen haben.
Wir beteten ein »Vater unser« und mehrere »Gegrüsst seist du Maria«, um den Schauder in den Griff zu kriegen.
Als Katholik kenne ich meine biblischen Geschichten. Auch die Geschichte vom ungläubigen Thomas, den sie Zwilling nannten, der nicht bei ihnen war, als Jesus kam. Ich halte sie unter den vielen »Kaum zu glauben und doch nicht wahr«-Geschichten für die einzig wahre.
Der Herr, Jesus, ist den seinen erschienen, immer wieder, nachdem er am dritten Tage vom Tode wiederauferstanden war. Er gesellte sich zu ihnen und ging mit ihnen ein Stück des Weges nach Emmaus. Doch sie erkannten ihn nicht. Erst als er mit ihnen zu Tisch sass und das Brot brach, fiel es ihnen wie Schuppen von den Augen, und sie erkannten, mit wem sie beisammen waren.
Sie berichten von diesem Erlebnis den anderen Jüngern, die sofort frohlocken ob dieser frohen Botschaft. Wenn ich auch glaube, dass unter ihnen einige waren, die ihre Zweifel hatten.
Nur einer ist zu diesem Zeitpunkt nicht unter ihnen, der es nicht glauben kann, Thomas, der Ungläubige, der Zweifler. Und den nimmt sich der Herr persönlich zur Brust. Er erscheint ihnen nochmal, und diesmal hat auch Thomas Gelegenheit, seine Zweifel zu überwinden. Er darf seine Finger in die Wundmale des Herrn legen, um endlich glauben zu können. Da wir nichts verfälschen wollen, lesen wir die Geschichte vom Thomas im Original des Evangelisten Johannes nach.
»Da sagten die anderen Jünger zu ihm: wir haben den Herrn gesehen. Er aber sprach zu ihnen: wenn ich nicht in seinen Händen die Nägelmale sehe und meinen Finger in die Nägelmale lege und meine Hand in seine Seite lege, kann ich’s nicht glauben.«
Hallo, da hat einer nicht nur eine klare Vorstellung von einem handfesten Beweis, sondern stellt eindeutige Bedingungen fürs Glaubenkönnen. Thomas reicht es nicht, den Herrn zu sehen, er kann erst glauben, wenn er ihn berühren darf und zwar an den markanten Wundstellen. Vielleicht hält er farbliche Manipulationen in Verbindung mit maskentechnischen Präparierungen der Hautoberfläche für möglich. Was nicht verwundern würde bei einem Mann, der so undurchschaubare Tricks draufhatte wie beispielsweise die wunderbare Brotvermehrung oder die Verwandlung von Wasser in Wein bei einer Hochzeit in Kanaan. Ganz zu schweigen von seinen medizinischen Kräften als Heiler von Kranken und Verstorbenen.
Thomas fordert also für sich als potentiellen Gläubigen die gesicherte Wahrnehmung. Er kann nur glauben, sagt er, wenn er weiss, was er sieht.
Was schon problematisch ist, weil er auch an Dinge glaubt, die er nicht sieht, zu Beispiel an seinen Verstand, den er grade sehr überzeugend eingesetzt hat, um seine Zweifel an der Auferstehung seines Herrn zu artikulieren.
Thomas glaubt also auch, was er nicht sieht, nämlich an sich als erkennendes Subjekt. Jetzt muss ich gut auf mich aufpassen, sonst halt ich gleich ein Referat zur Erkenntnistheorie! Ich sehe mich schon in einem Seminarraum der philosophischen Fakultät an der Münchner Universität sitzen. Robert Spaemann redet. Diese assoziative Verschiebung wollen wir jetzt lieber nicht zulassen. Trotzdem: Selbst auf die Gefahr hin, als spitzfindig oder gar sophisticated zu gelten, möchte ich doch behaupten, dass Thomas glaubt, seine Wahrnehmung könne ihn nicht täuschen. Die Bedingungen für sein Wahrnehmungsvermögen stellt er auch nicht in Frage. Sich selber, sein Ich, als erkennendes Subjekt, (gib nicht so an, Jonas!) hält er für gesichert. Da hinterfragt er überhaupt nichts. Daher können wir sagen: Er glaubt an sich.
Mein Gott, kann ich klug daherreden. Ich kann es einfach nicht lassen. Was diese paar Semester Philosophie doch alles angerichtet haben im meinem Kopf.
Wir halten fest, dass sich unser Thomas jeden Tag sieht und auch zu jeder Zeit berühren kann, wann immer er Lust dazu hat.
Der Zweifler hat also in sich selber schon mal einen Anker, den er in die Tiefe senken kann, und wenn das Meer seiner Unkenntnis an der Stelle nicht allzu tief ist, findet er auch einen Grund. Das gibt schon mal eine Sicherheit, wenn auch nur eine relativ schwache.
Acht Tage später waren die Jungs, pardon, die Jünger abermals drinnen versammelt, und diesmal war der Thomas auch dabei. Die Türen sind verschlossen, doch Jesus kommt, wie könnte es anders sein, trotzdem rein und wendet sich sofort an Thomas.
Sieht so aus, als wäre er nur seinetwegen vorbeigekommen. Dieser Zweifler war ihm also sehr wichtig. Jesus fordert Thomas mit fast den gleichen Worten auf, zu tun, was er tun muss, um glauben zu können. In der Geschichte wird nicht erzählt, ob er es tatsächlich getan hat. Es bleibt offen. Es steht geschrieben: »Thomas antwortete und sprach zu ihm. Mein Herr und mein Gott.« Ich vermute mal, dass er die Wundmale des Herrn nicht berührt hat, weil ihn am Ende der Mut verlassen hat. Jesus spricht zu ihm:
»Weil du mich gesehen hast, Thomas, darum glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.«
Das hört sich an wie eine eindeutige Absage ans Fernsehen. Wer Fernseher ist, muss glauben, was er sieht. Zweifler haben es heutzutage schwer. Wir kriegen alles zu sehen. Es gibt nichts, glaube ich, was wir noch nicht zu sehen bekommen haben. Wenn etwas zu sehen ist, hält einer eine Kamera drauf. Die intimsten Dinge unseres Lebens wurden schon festgehalten im Bild. Drum glauben heutzutage alle, was sie sehen. Aber nicht alle können glauben, was sie sehen. Damit wir aber glauben können, was wir sehen, brauchen wir Menschen, die uns sagen, was wir sehen. Drum postieren die Sender »ihre Leute« vor Ort, Reporter, Kommentatoren, Experten, die berichten, analysieren und Stimmungen einfangen, damit wir verstehen, was wir sehen.
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