Warenkorb
 

Profitieren Sie im Juli von 5-fach Meilen auf Bücher & eBooks!*

Ein todsicherer Job

Roman. Deutsche Erstveröffentlichung

Zum Brüllen komisch und absolut hinreissend – eine liebenswerte Komödie der besonderen Art.

Charlie Ashers Welt ist perfekt, bis seine Frau Rachel bei der Geburt ihres ersten Kindes stirbt. Über Nacht ist Charlie nicht nur Vater, sondern auch Witwer. Und darüber scheint er den Verstand zu verlieren – anders kann er sich das Wesen in Minzgrün nicht erklären, das ihm immer wieder erscheint. Dann fallen auch noch wildfremde Menschen tot vor ihm um, und es stellt sich heraus, dass Charlie von ganz oben eine neue Aufgabe zugewiesen bekommen hat: Seelen einzufangen und sicher ins Jenseits zu befördern. Ein todsicherer Job, aber trotzdem nichts für Charlie …

Rezension
"Ein Fest für Fans schön bösen und pechschwarzen Humors." Nordwest-Zeitung
Portrait
Moore, Christopher
Der ehemalige Journalist Christopher Moore arbeitete als Dachdecker, Fotograf und Versicherungsvertreter, bevor er anfing, Romane zu schreiben. Inzwischen haben seine Bücher längst Kultstatus. Christopher Moore liebt den Ozean, Acid Jazz und das Kraulen von Fischottern. Er lebt in San Francisco.
… weiterlesen
  • Artikelbild-0
  • 1
    Da ich auf den Tod nicht warten konnte, war er so nett, auf mich zu warten Charlie Asher wandelte auf Erden wie eine Ameise übers Wasser – als müsste er bei dem geringsten Fehltritt untergehen. Mit der Einbildungskraft eines Betamännchens blinzelte er sein Leben lang in die Zukunft, um herauszufinden, ob sich die Welt verschworen hatte, ihn umzubringen – ihn, seine Frau Rachel und die kleine Sophie, die eben erst zur Welt gekommen war. Doch trotz seiner Vorsicht, seiner Paranoia, seiner unablässigen Sorge, seit Rachel einen blauen Streifen auf ihren Schwangerschaftstest gepinkelt hatte, bis zu dem Moment, als man sie in die Aufwachstation des St. Francis Memorial gerollt hatte, schlich der Tod heran.
    »Sie atmet nicht«, sagte Charlie.
    »Sie atmet genau richtig«, sagte Rachel und klopfte dem Baby auf den Rücken. »Möchtest du sie halten?«
    Charlie hatte die kleine Sophie schon vor einer Weile auf dem Arm gehabt, sie dann aber hastig an eine Krankenschwester weitergereicht und darauf bestanden, jemand, der qualifizierter sei als er, solle Finger und Zehen durchzählen. Er hatte es schon zweimal getan und kam jedes Mal auf einundzwanzig.
    »Die tun gerade so, als sei nichts dabei. Als wäre alles in Ordnung, sobald ein Kind nur mindestens zehn Finger und zehn Zehen hat. Was ist mit Sonderausstattungen? Hm? Extrabonusfinger? Was ist, wenn es ein Schwänzchen hat?« (Charlie war überzeugt davon, dass er auf dem Sechs-Monats-Ultraschallbild einen kleinen Schwanz gesehen hatte. Von wegen Nabelschnur! Das Bild hatte er aufbewahrt.)
    »Sie hat kein Schwänzchen, Mr. Asher«, erklärte die Krankenschwester. »Und es sind zehn und zehn. Wir haben genau nachgezählt. Vielleicht sollten Sie nach Hause gehen und sich etwas ausruhen.«
    »Ich liebe sie trotzdem, auch wenn sie einen Finger mehr hat.«
    »Sie ist absolut normal.«
    »Oder einen Zeh.«
    »Wir wissen, was wir tun, Mr. Asher. Sie ist ein hübsches, gesundes kleines Mädchen.«
    »Oder ein Schwänzchen.«
    Die Schwester seufzte. Sie war kurz und breit, mit einer tätowierten Schlange am rechten Unterschenkel, die durch ihre weissen Nylonstrümpfe schimmerte. Vier Stunden täglich verbrachte sie damit, Frühchen zu massieren, wobei sie ihre Hände durch Öffnungen im Brutkasten schob, als hätte sie es mit radioaktivem Material zu tun. Sie sprach mit ihnen, redete ihnen gut zu, dass sie etwas ganz Besonderes seien, und fühlte, wie die kleinen Herzen in Brustkörben flatterten, die kaum grösser als ein Paar aufgerollte Tennissocken waren. Sie beweinte jedes einzelne Kind und glaubte fest daran, dass die Tränen und Berührungen etwas von ihrer eigenen Lebenskraft auf die winzigen Körper übertrugen. Sie hatte davon reichlich. Seit zwanzig Jahren war sie Säuglingsschwester, und noch nie hatte sie ihre Stimme gegen einen frischgebackenen Vater erhoben.
    »Die Kleine hat aber keinen Schwanz. Sie Vollidiot! Hier!« Sie riss die Decke zurück und hielt ihm den Babyhintern hin, als wollte sie eine Salve von waffenfähigem Urin auf das arglose Betamännchen abfeuern.
    Charlie wich zurück, schlank und wendig mit seinen dreissig Jahren, doch als ihm einfiel, dass das Baby ja gar nicht geladen war, zupfte er mit einer Geste rechtschaffener Entrüstung das Revers an seinem Tweedjackett zurecht. »Er könnte im Kreisssaal entfernt worden sein, ohne dass wir etwas davon wüssten.« Er wusste es tatsächlich nicht. Man hatte ihn gebeten, den Kreisssaal zu verlassen, erst der Arzt, dann sogar Rachel. (»Er oder ich«, hatte sie gesagt. »Einer von uns beiden muss gehen.«)
    In Rachels Zimmer sagte Charlie: »Falls man ihren Schwanz entfernt hat, werde ich ihn mir holen. Bestimmt will sie ihn haben, wenn sie älter ist.«
    »Sophie, dein Papa ist nicht wirklich geisteskrank. Er hat nur ein paar Tage nicht geschlafen.«
    »Sie guckt mich an«, sagte Charlie. »Sie guckt mich an, als hätte ich ihre Ausbildungsversicherung auf der Rennbahn verzockt, und jetzt muss sie fremden Männern gefügig sein, damit sie Ökonomie studieren kann.«
    Rachel nahm seine Hand. »Liebling, ich glaube, in diesem Stadium kann sie noch gar nichts erkennen. Ausserdem ist sie noch so klein. Du brauchst dir keine Sorgen zu machen, dass sie fremden Männern gefügig sein muss, um Ökologie zu studieren.«
    »Ökonomie«, verbesserte Charlie. »Heutzutage fangen sie früh an. Bis ich den Weg zur Rennbahn gefunden habe, könnte sie alt genug sein. Oh, Gott! Deine Eltern werden mich hassen.«
    »Ist das was Neues?«
    »Es gibt neue Gründe. Ich habe ihre Enkelin zur Schickse gemacht.«
    »Sie ist keine Schickse, Charlie. Darüber haben wir doch schon gesprochen. Sie ist meine Tochter und genauso jüdisch wie ich.«
    Charlie sank neben dem Bett auf die Knie und nahm Sophies winzige Hände zwischen seine Finger. »Es tut Daddy leid, dass er dich zur Schickse gemacht hat.« Er liess den Kopf hängen, vergrub sein Gesicht zwischen Rachel und dem Baby. Rachel strich mit dem Fingernagel an seinem Haaransatz entlang.
    »Du solltest nach Hause fahren und schlafen.«
    Charlie murmelte etwas in die Decke. Als er aufblickte, hatte er Tränen in den Augen. »Sie fühlt sich warm an.«
    »Sie ist auch warm. Das soll so sein. Es liegt daran, dass sie ein Säugetier ist. Hat mit dem Stillen zu tun. Warum weinst du?«
    »Ihr beiden seid so wunderschön.« Er breitete Rachels dunkles Haar auf dem Kissen aus, drapierte eine lange Locke auf Sophies Kopf – wie eine Babyperücke.
    »Ist schon okay, wenn ihr keine Haare wachsen. Es gab da mal so eine wütende, irische Sängerin, die keine Haare hatte und trotzdem ansehnlich war. Wenn wir ihr Schwänzchen hätten, könnten wir daraus vielleicht Haare transplantieren.«
    »Charlie! Geh nach Hause!«
    »Deine Eltern werden mir die Schuld geben. Ihre kahle Enkelin ist eine Schickse, die fremden Männern gefügig ist und Betriebswirtschaft studiert … wahrscheinlich kriege ich die Schuld an allem.«
    Rachel nahm den Summer von ihrer Decke und hielt ihn hoch, als wäre er mit einer Bombe verdrahtet. »Charlie, ich schwöre dir: Wenn du nicht auf der Stelle nach Hause gehst und dich ausschläfst, rufe ich nach der Schwester und lass dich rauswerfen.«
    Sie klang ernst, lächelte aber. Charlie hatte sie schon immer gern angesehen, wenn sie lächelte. Es fühlte sich an wie Zustimmung, Genehmigung. Die Lizenz, Charlie Asher zu sein.
    »Okay, ich werde gehen.« Er fühlte ihre Stirn. »Hast du Fieber? Du siehst müde aus.«
    »Ich habe eben ein Kind zur Welt gebracht, du Träumer!«
    »Ich mach mir nur Sorgen um dich.« Er war kein Träumer. Sie gab ihm nur die Schuld an Sophies Schwänzchen, und deshalb nannte sie ihn »Träumer« und nicht »Vollidiot« wie alle anderen.
    »Liebster, geh! Bitte! Damit ich mich ein bisschen ausruhen kann.«
    Charlie schüttelte ihre Kissen auf, sah nach dem Wasserkrug, stopfte die Bettdecke fest, küsste ihre Stirn, küsste das Baby, schüttelte das Baby auf, dann fing er an, die Blumen umzuarrangieren, die seine Mutter geschickt hatte, holte die grosse, weisse Lilie nach vorn, rückte das Knabenkraut zurecht …
    »Charlie!«
    »Ja, doch! Ich geh ja schon!« Er sah sich noch mal im Zimmer um, dann schob er sich rückwärts zur Tür.
    »Soll ich dir irgendwas von zu Hause mitbringen?«
    »Ich bin gut versorgt. In dem Klinikkoffer, den du mir gepackt hast, ist alles drin. Es könnte sogar sein, dass ich den Feuerlöscher gar nicht brauche.«
    »Besser, einen zu haben und ihn nicht zu brauchen, als einen zu brauchen und …«
    »Geh! Ich ruh mich etwas aus. Der Arzt will sich Sophie noch mal ansehen, dann nehmen wir sie morgen mit nach Hause.«
    »Das scheint mir doch sehr bald zu sein.«
    »Es ist normal.«
    »Soll ich dir noch ein bisschen Propangas für den Campingkocher bringen?«
    »Wir werden versuchen, ohne auszukommen.«
    »Aber …«
    Rachel hielt den Summer hoch, als drohte sie mit harschen Konsequenzen, falls man ihren Wünschen nicht entsprechen sollte. »Hab dich lieb«, sagte sie.
    »Ich dich auch«, sagte Charlie. »Euch beide.«
    »Bye, Daddy.« Wie eine Puppenspielerin winkte Rachel mit Sophies kleiner Hand.
    Charlie hatte einen Kloss im Hals. Noch nie hatte jemand »Daddy« zu ihm gesagt, nicht mal eine Puppe. (Einmal hatte er Rachel beim Sex gefragt: »Wer ist dein Daddy?«, woraufhin sie »Saul Goldstein« antwortete. Danach war er eine Woche lang impotent gewesen, denn es warf alle möglichen Themen auf, über die er lieber gar nicht nachdenken wollte.)
    Rückwärts ging er aus dem Zimmer und schloss die Tür ganz leise, dann lief er den Flur entlang, am Tresen vorbei, wo ihn die Krankenschwester mit dem Schlangen-Tattoo im Vorübergehen anlächelte.

    Charlie fuhr einen sechs Jahre alten Minivan, den er von seinem Vater geerbt hatte, zusammen mit dem Secondhandladen und dem Gebäude, in dessen Erdgeschoss sich dieser befand. Schon immer hatte es im Lieferwagen leicht nach Staub, Mottenkugeln und Körpergeruch gestunken, trotz aller Duftbäumchen, die Charlie auf sämtliche Haken, Knöpfe und Knäufe verteilt hatte. Er öffnete die Fahrertür, und der Duft des Unerwünschten – die Ware eines Trödlers – zog über ihn hinweg.
    Bevor er den Schlüssel überhaupt im Zündschloss hatte, sah er die Sarah-McLaughlin-CD auf dem Beifahrersitz. Rachel würde sie vermissen. Es war ihre Lieblings-CD, und jetzt musste sie ohne sie entspannen. Das wollte er nicht zulassen. Charlie griff sich die CD, schloss den Lieferwagen ab und machte sich auf den Weg zu Rachels Zimmer.
    Zu seiner Erleichterung stand die Schwester nicht mehr hinterm Tresen, was ihm einen vorwurfsvollen Blick ersparte. Im Stillen hatte er eine kleine Ansprache darüber vorbereitet, dass ein guter Ehemann und Vater die Bedürfnisse seiner Frau vorauszusehen habe, und dazu gehöre eben auch, ihr Musik zu bringen … na ja, er konnte den kleinen Vortrag auch auf dem Rückweg halten, wenn sie ihn mit ihrem frostigen Blick bedachte.
    Langsam schob er die Tür von Rachels Zimmer auf, um sie nicht zu erschrecken, erwartete ihr freundlich tadelndes Lächeln, doch sie schien zu schlafen, und ein sehr grosser, schwarzer Mann im mintgrünen Anzug stand neben ihrem Bett.
    »Was machen Sie da?«
    Erschrocken fuhr der Mann in Mint herum. »Sie können mich sehen?« Er deutete auf seine schokoladenfarbene Krawatte, und eine Sekunde lang fühlte sich Charlie an diese dünnen Pfefferminztaler erinnert, die in besseren Hotels auf den Kopfkissen lagen.
    »Natürlich kann ich Sie sehen. Was machen Sie hier?«
    Charlie trat an Rachels Bett, drängte sich zwischen den Fremden und seine Familie. Die kleine Sophie schien von dem grossen, schwarzen Mann ganz fasziniert zu sein.
    »Das ist nicht gut«, sagte der Mintmann.
    »Sie sind im falschen Zimmer«, sagte Charlie. »Raus hier!« Charlie langte hinter sich und tätschelte Rachels Hand.
    »Das ist wirklich, wirklich nicht gut.«
    »Sir, meine Frau versucht zu schlafen, und Sie sind im falschen Zimmer. Wenn Sie jetzt bitte gehen würden, bevor ich …«
    »Sie schläft nicht«, sagte Mintmann. Seine Stimme war sanft, klang nach Südstaaten. »Tut mir leid.«
    Charlie drehte sich um und sah Rachel an, erwartete, sie lächeln zu sehen, doch sie hatte die Augen geschlossen, und ihr Kopf war neben das Kissen gesunken.
    »Liebling?« Charlie liess die CD fallen und schüttelte sie vorsichtig.
    Die kleine Sophie fing an zu schreien. Charlie fühlte Rachels Stirn, nahm sie bei den Schultern und rüttelte sie. »Liebling, wach auf! Rachel!« Er hielt sein Ohr an ihr Herz und hörte nichts. »Schwester!«
    Charlie hechtete über das Bett, um den Summer zu nehmen, der Rachel aus der Hand gefallen war, und lag quer auf der Decke. »Schwester!« Er drückte den Knopf und drehte sich zu dem Mann in Mint um. »Was ist passiert …?«
    Er war weg.
    Charlie rannte auf den Flur hinaus, doch da war niemand. »Schwester!«
    Zwanzig Sekunden später kam die Schwester mit dem Schlangen-Tattoo, dreissig Sekunden darauf gefolgt vom Wiederbelebungsteam mit einem Rollwagen.
    Sie konnten nichts mehr tun.

    2
    Ein scharfes Schwert

    Frische Trauer besitzt eine besondere Schärfe, die die Nerven kappt und die Wirklichkeit abtrennt … eine scharfe Klinge ist barmherzig. Erst nach einer Weile, wenn die Schneide stumpf wird, setzt der echte Schmerz ein.
    Deshalb merkte Charlie auch nichts von seinem Geschrei in Rachels Zimmer, von den Beruhigungsmitteln, die man ihm verabreichte, von dieser elektrisierten Hysterie, die sich wie ein Film über alles legte, was er an jenem ersten Tag tat. Danach war alles nur noch wie die Erinnerung eines Schlafwandlers, gefilmt aus der Augenhöhle eines Zombies, und wie ein Untoter taumelte er durch Vorwürfe, Erklärungen, Vorkehrungen und Formalitäten.
    »Man spricht von zerebraler Thromboembolie«, hatte der Arzt gesagt. »Während der Wehen bildet sich in den Beinen oder in der Hüfte ein kleiner Blutklumpen, der dann zum Gehirn wandert und die Blutzufuhr unterbricht. Sehr selten, aber es kommt vor. Wir konnten nichts machen. Selbst wenn es dem Notfallteam gelungen wäre, sie wiederzubeleben, hätte ihr Hirn schweren Schaden genommen. Sie hatte keine Schmerzen. Vermutlich wurde sie nur müde und ist dann eingeschlafen.«
    Charlie flüsterte, um nicht schreien zu müssen. »Dieser Mann in Mintgrün! Er hat irgendwas mit ihr angestellt. Er hat ihr etwas injiziert. Er war da, und er wusste, dass sie im Sterben lag. Ich habe ihn gesehen, als ich ihr die CD bringen wollte.«
    Sie zeigten ihm das Überwachungsvideo. Die Schwester, der Arzt, die Krankenhausleitung und die Anwälte – sie alle sahen sich die schwarzweissen Bilder an, wie er aus Rachels Zimmer kam, dann den leeren Flur und schliesslich, wie er wieder in ihr Zimmer ging. Kein grosser, schwarzer Mann in Mint. Sie fanden nicht mal die CD, von der er sprach.
    Schlafentzug, sagten sie. Halluzinationen, hervorgerufen durch Erschöpfung. Trauma. Man gab ihm Medikamente zum Schlafen, Medikamente gegen Angst, Medikamente gegen Depressionen, und dann schickten sie ihn mit seiner kleinen Tochter nach Hause.
    Charlies ältere Schwester Jane hielt die kleine Sophie im Arm, als sie Rachel zwei Tage später begruben. Er konnte sich nicht erinnern, einen Sarg ausgesucht oder sonstige Arrangements getroffen zu haben. Es war wieder dieser somnambule Traum: Die angeheirateten Verwandten rannten hin und her, wie taumelnde Gespenster, und gaben unangemessene Kondolenzklischees von sich: »Es tut uns so leid. Sie war so jung. Eine Tragödie. Wenn wir irgendetwas tun können …«
    Rachels Vater und Mutter umarmten ihn, so dass sie die Köpfe wie ein dreibeiniges Stativ zusammensteckten. Tränen tropften auf die Schieferplatten im Foyer des Beerdigungsinstitutes. Jedes Mal, wenn Charlie spürte, dass die Schultern des alten Mannes bebten, brach sein Herz von neuem. Saul nahm Charlies Gesicht in die Hände und sagte: »Du kannst es dir nicht vorstellen, denn ich kann es mir nicht vorstellen.« Doch Charlie konnte es sich vorstellen, denn er war ein Betamännchen. Vorstellungskraft war sein Fluch, und er konnte es sich sehr wohl vorstellen, denn er hatte Rachel verloren und jetzt eine Tochter, diese winzig kleine Unbekannte, die dort in den Armen seiner Schwester lag. Er konnte sich gut vorstellen, wie der Mann in Mint sie ihm genommen hatte.
    Charlie blickte vom tränenfeuchten Boden auf und sagte: »Deshalb sind Beerdigungsinstitute mit Teppichen ausgelegt. Man könnte ausrutschen.«
    »Armer Junge«, sagte Rachels Mutter. »Selbstverständlich sitzen wir shiva mit dir.«
    Charlie bahnte sich einen Weg quer durch den Raum zu seiner Schwester Jane im dunkelgrauen Zweireiher aus Nadelstreifen-Gabardine, in dem sie – mit ihrer gegelten Eighties-Popstar-Frisur und dem Baby in pinkfarbener Decke auf dem Arm – nicht so sehr androgyn, als eher etwas ratlos aussah. Ihr stand der Anzug besser als ihm, aber trotzdem fand Charlie, sie hätte ihn um Erlaubnis bitten sollen.
    »Ich kann das nicht«, sagte er. Er beugte sich vor, bis seine Halbinsel aus dunklem Haar ihren platinblonden Flock-of-Seagulls-Flip berührte. Das schien die beste Haltung für gemeinsame Trauer zu sein, und es kam ihm vor, als stünde er betrunken an einem Pinkelbecken und lehnte sich mit dem Kopf an die Wand. Verzweiflung.
    »Du hältst dich wacker«, sagte Jane. »Niemand kann so was gut.«
    »Was ist denn eigentlich Shiva?«
    »Ich glaube, diese Hindu-Göttin mit den vielen Armen.«
    »Das kann nicht stimmen. Die Goldsteins wollen mit mir darauf sitzen.«
    »Hat Rachel dir denn nichts über jüdische Bräuche beigebracht?«
    »Hab nicht aufgepasst. Ich dachte, wir hätten noch Zeit.«
    Jane schob sich die kleine Sophie auf die Schulter und strich Charlie mit der freien Hand über den Rücken. »Wird schon werden, Kleiner.«

    »Sieben«, sagte Mrs. Goldstein. »Shiva bedeutet ›Sieben‹. Früher haben wir sieben Tage beisammen gesessen, gebetet und die Toten betrauert. Das ist orthodox. Heutzutage sitzen die meisten nur drei Tage.«
    Sie sassen shiva in Charlies und Rachels Apartment mit Blick auf die Cable Cars an der Ecke Mason und Vallejo Street. Das Gebäude war ein vierstöckiger, edwardianischer Backsteinbau (architektonisch nicht ganz der pompöse Kurtisanenstil der Viktorianer, aber doch so nuttig, dass sich manch ein Seemann in der Seitenstrasse darauf einen runterholen mochte), erbaut nach dem Erdbeben und dem Brand von 1906, dem das ganze Viertel dessen, was heute North Beach, Russian Hill und China Town ist, zum Opfer fiel. Charlie und Jane hatten das Haus und den Laden im Erdgeschoss geerbt, als ihr Vater vor vier Jahren starb. Charlie bekam das Geschäft, die grosse Doppelwohnung, in der sie aufgewachsen waren, und dazu die Instandhaltungskosten des alten Gebäudes aufs Auge gedrückt, während Jane die Hälfte der Mieteinnahmen und das oberste Apartment mit Blick auf die Bay Bridge erbte.
    Auf Mrs. Goldsteins Anweisung hin waren sämtliche Spiegel im Haus mit schwarzem Stoff verhängt, und auf dem Kaffeetisch mitten im Wohnzimmer stand eine grosse Kerze. Man sollte auf niedrigen Bänken oder Kissen sitzen, was Charlie beides nicht im Haus hatte, und so ging er zum ersten Mal seit Rachels Tod hinunter in den Laden, um nachzusehen, ob er was Brauchbares finden konnte. Die Hintertreppe führte von einer Speisekammer neben der Küche direkt ins Lager, wo Charlie sein Büro hatte, zwischen Kisten voller Waren, die sortiert, ausgezeichnet und eingeräumt werden mussten.
    Der Laden war dunkel – bis auf das Licht, das von den Laternen draussen auf der Mason Street durchs Schaufenster fiel. Charlie stand am Fuss der Treppe, mit einer Hand am Lichtschalter, und starrte ins Dunkel. Überall auf den Regalen voller Bücher und Krimskrams, zwischen alten Radios und Kleiderständern leuchtete es rot, pulsierte fast wie pochende Herzen. Ein Sweater auf dem Ständer, ein Porzellanfrosch in der Grabbelkiste, vorn beim Schaufenster ein altes Coca-Cola-Tablett, ein Paar Schuhe. Alles rot.
    Charlie drückte den Schalter, dass die Neonröhren an der Decke flackerten und es hell im Laden wurde. Das rote Leuchten war verschwunden. »Okaaaaay«, sagte er zu sich selbst, ganz ruhig, als wäre jetzt alles in Ordnung. Dann knipste er das Licht wieder aus. Rotes Leuchten. Auf dem Tresen, nicht weit von ihm, stand ein Visitenkartenhalter aus Messing in Form eines schreienden Kranichs und leuchtete matt.
In den Warenkorb

Beschreibung

Produktdetails

Einband Taschenbuch
Seitenzahl 479
Erscheinungsdatum 13.11.2006
Sprache Deutsch
ISBN 978-3-442-54225-3
Verlag Goldmann
Maße (L/B/H) 18.5/12/3.8 cm
Gewicht 391 g
Originaltitel A Dirty Job
Übersetzer Jörn Ingwersen
Buch (Taschenbuch)
Buch (Taschenbuch)
Fr. 14.90
Fr. 14.90
inkl. gesetzl. MwSt.
inkl. gesetzl. MwSt.
zzgl. Versandkosten
Versandfertig innert 1 - 2 Werktagen,  Kostenlose Lieferung ab Fr.  30 i
Versandfertig innert 1 - 2 Werktagen
Kostenlose Lieferung ab Fr.  30 i
In den Warenkorb
Vielen Dank für Ihr Feedback!
Entschuldigung, beim Absenden Ihres Feedbacks ist ein Fehler passiert. Bitte versuchen Sie es erneut.
Ihr Feedback zur Seite
Haben Sie alle relevanten Informationen erhalten?

Kundenbewertungen

Durchschnitt
33 Bewertungen
Übersicht
28
5
0
0
0

Neues Lieblingsbuch vom Autor.
von einer Kundin/einem Kunden am 14.06.2019

Wer die Vampir-Romane von Chris Moore gelesen hat, oder wer (so wie ich) einfach auf abgedrehte Comedy-Fantasy mit pechschwarzem Humor steht, wird mit diesem Buch sehr viel Vergnügen haben. Obwohl ich mir schon bei der Lektüre von "Die Bibel nach Biff" mehrmals fast vor Lachen in die Hose gemacht habe, hat es "Ein todsicherer ... Wer die Vampir-Romane von Chris Moore gelesen hat, oder wer (so wie ich) einfach auf abgedrehte Comedy-Fantasy mit pechschwarzem Humor steht, wird mit diesem Buch sehr viel Vergnügen haben. Obwohl ich mir schon bei der Lektüre von "Die Bibel nach Biff" mehrmals fast vor Lachen in die Hose gemacht habe, hat es "Ein todsicherer Job" geschafft, dass ich das Buch zwischendurch teilweise eine Stunde lang weglegen musste, weil ich mich nicht mehr eingekriegt habe. Vielleicht hab ich auch einfach einen sehr seltsamen Humor...

Gute Unterhaltung mit viel schwarzem Humor.
von einer Kundin/einem Kunden am 12.08.2009

Charlie Asher ist ein glücklicher Mann; bis zu dem Zeitpunkt, als seine Frau Rachel im Kindbett stirbt. Von da an nimmt sein Leben eine drastische Wendung. Offenbar wurde ihm eine ganz spezielle Aufgabe zu teil; er muss die Seelen von Menschen einsammeln, damit diese sicher ins Jenseits befördert werden. Aber Charlie ist nicht g... Charlie Asher ist ein glücklicher Mann; bis zu dem Zeitpunkt, als seine Frau Rachel im Kindbett stirbt. Von da an nimmt sein Leben eine drastische Wendung. Offenbar wurde ihm eine ganz spezielle Aufgabe zu teil; er muss die Seelen von Menschen einsammeln, damit diese sicher ins Jenseits befördert werden. Aber Charlie ist nicht ganz einverstanden mit seinem neuen Job. Doch dann hört merkwürdige Stimmen aus den Abwasserkanälen der Stadt, Menschen fallen plötzlich tot vor ihm um und dann tauchen wie aus dem nichts zwei riesige Höllenhunde auf, die seine Tochter ganz offensichtlich ins Herz geschlossen haben und sie vor allem „beschützen“ – auch vor Charlie. So darf dieser sich mit verschiedenen Problemen herumschlagen: als Chef, als Vater und als Totenbote… Skuril, sarkastisch und unglaublich komisch. Für alle, die schwarzen Humor, Chaos und ein liebenswürdiges, etwas tolpatschiges "Betamännchen" als Protagonist mögen...

von einer Kundin/einem Kunden am 16.03.2016
Bewertet: anderes Format

Aberwitzige rabenschwarze Komödie. Mit viel Sprachwitz unterhält Moore seine Leser von der ersten Seite an. Man lernt den " Tod " von einer anderen Seite kennen.