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Das Ende ist mein Anfang

Ein Vater, ein Sohn und die große Reise des Lebens - Ein SPIEGEL-Buch

Tiziano Terzani

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Beschreibung


Ein Vater spricht über das Leben, den Tod und das Abschiednehmen

Tiziano Terzani hat als langjähriger Korrespondent des SPIEGEL unser Bild von Asien mit geprägt. Das damals noch unzugängliche China kannte er wie kaum ein anderer westlicher Journalist, im asiatischen Denken war er seit langem zu Hause. Als nach längerer Krebserkrankung sein Tod naht, lädt der 65-jährige Terzani seinen Sohn Folco zu sich ein, um Abschied zu nehmen. In einem langen Zwiegespräch erzählt der Vater dem Sohn von seinem bewegten Leben zwischen Europa und Asien und von der Auseinandersetzung mit Krankheit und dem Sterben. Es entspinnt sich ein berührender Dialog über das Leben und die Begegnung mit dem Tod, über Abschied, Trauer und Verlust, aber auch über Hoffnung und Wiederkehr.

Die sehr persönlichen Erinnerungen des bekannten SPIEGEL-Journalisten und Asienkenners.

"Ein Bestseller über die Kunst des Sterbens." Frankfurter Allgemeinen Zeitung

Produktdetails

Einband gebundene Ausgabe
Herausgeber Folco Terzani
Seitenzahl 411
Erscheinungsdatum 02.04.2007
Sprache Deutsch
ISBN 978-3-421-04292-7
Verlag DVA
Maße (L/B/H) 22.1/14.6/3.4 cm
Gewicht 582 g
Originaltitel La fine è il mio inizio
Abbildungen mit Fotos. 22 cm
Auflage 16. Auflage
Übersetzer Christiane Rhein
Verkaufsrang 1679

Kundenbewertungen

Durchschnitt
28 Bewertungen
Übersicht
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4
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von einer Kundin/einem Kunden am 19.06.2019
Bewertet: anderes Format

Terzani erzählt seinem Sohn bei einem ihrer letzten Treffen seine bewegte Lebensgeschichte. Er hat in Asien ein ganz anderen Zugang zu den Themen Leben und Sterben bekommen. Klug.

Beeile dich, mir bleibt nicht mehr viel Zeit. Ich umarme dich, dein Papa.
von einer Kundin/einem Kunden am 13.05.2019
Bewertet: Einband: Taschenbuch

Auf Einladung des Vaters begibt sich der Sohn zu seinem Vater nach Italien. Der Landsitz der Familie in Arsenia, Italien wird für die nächsten Wochen Zeuge der Familiengeschichte der Terzanis. Der Vater, Krebs im Endstadium zieht sich hier her zurück um seinem Sohn noch einmal die Chance zu geben gemeinsam das Leben des Vater... Auf Einladung des Vaters begibt sich der Sohn zu seinem Vater nach Italien. Der Landsitz der Familie in Arsenia, Italien wird für die nächsten Wochen Zeuge der Familiengeschichte der Terzanis. Der Vater, Krebs im Endstadium zieht sich hier her zurück um seinem Sohn noch einmal die Chance zu geben gemeinsam das Leben des Vaters Revue passieren zu lassen. Terzani, Auslandskorrespondent für den Spiegel ging immer dort hin wo seiner Meinung nach Geschichte geschrieben wurde. Es werden viele Stationen dieses bewegten Lebens dargestellt. Terzani blickt weit zurück und nimmt uns mit in eine Welt die so schon längst zu Ende gegangen ist. Aufgewachsen in ärmlichen Verhältnissen in Italien schafft Tiziano Terzani den Sprung in die weite Welt. Als glühender Verehrer des Sozialismus schafft er es sogar bis nach China doch was er dort mit erleben muss lässt ihn schier verzweifeln. Nie zweifelt er an den Menschen sondern immer nur an den Systemen in dem der Menschen sich seine eigenen Ketten anlegt. Das bewegende an dem Buch sind aber die Gespräche des Vater zum Sohn und die Offenheit mit dem beide diese Gespräche führen. Und diese Offenheit gewährt uns tiefe Einblicke in ein Vater-Sohn Geflecht das geprägt ist von Abwesenheit des Vaters und der Sehnsucht des Sohnes nach Nähe zu eben diesem. Das Ende ist mein Anfang ist viel mehr als ein Abschied, ein Vermächtnis, es ist die liebevolle Vorbereitung auf die Abwesenheit des Vaters und die Leere die nicht ausgefüllt werden kann.

Ansichten eines Weitgereisten...
von einer Kundin/einem Kunden am 26.02.2019

Tiziano Terzani ist viele Jahre Fernost-Korrespondent für den Spiegel, das dortige Denken ist im Inspiration. Als er den nahen Tod spürt, spricht er mit seinem Sohn über das Leben und das Sterben, über das was wirklich wichtig ist. Ein trauriges, berührendes und positives Buch! Großartig verfilmt mit Bruno Ganz! Lesen!


  • Artikelbild-0
  • Orsigna, den 12. März 2004

    Mein lieber Folco,
    Du weisst, wie ungern ich telefoniere und wie schwer es mir meine schwindenden Kräfte machen, selbst wenige Zeilen zu Papier zu bringen. Daher ist dies kein richtiger Brief, sondern ein „Telegramm“ mit zwei, drei Punkten, die mir noch wichtig sind und die Du wissen sollst.
    Ich bin entsetzlich schwach, aber heiter und gelassen. Ich liebe dieses Haus und rechne damit, bis zum Ende hier zu bleiben. Ich hoffe, Dich bald zu sehen, aber nur unter der Bedingung, dass Du mit Deiner Arbeit fertig geworden bist. Denn bist Du erst einmal hier, wird Dich (uns) alles andere vollkommen in Anspruch nehmen, besonders wenn Du Dich auf eine Idee einlässt, über die ich lange nachgedacht habe. Und zwar folgende: Wie wäre es, wenn wir zwei uns jeden Tag eine Stunde zusammensetzten und Du mich fragtest, was Du schon immer fragen wolltest, und ich Dir frei von der Leber weg erzählte, was mir wichtig ist, von mir und meiner Familie, von der grossen Reise des Lebens? Ein Austausch zwischen uns beiden, Vater und Sohn, so verschieden und einander doch so ähnlich, ein Testament, das Du dann zu einem Buch zusammenstellen könntest.
    Beeil Dich, denn ich glaube, mit bleibt nicht mehr viel Zeit. Sieh zu, wie Du es einrichten kannst, und ich werde mir Mühe geben, noch eine Weile zu leben, um dieses wunderschöne Projekt mit Dir zu verwirklichen, wenn Du Lust dazu hast.
    Ich umarme Dich.
    Dein Papa

    KUCKUCK

    Folco, Folco, komm schnell! In der Kastanie sitzt ein Kuckuck! Ich kann ihn nicht sehen, aber er singt dort sein Lied:
    Kuckuck, Kuckuck,
    vorbei ist der April,
    im Maien angekommen,
    der Kuckuck schweigt nicht still.

    Hör doch, wie schön!
    Ich bin so froh, mein Sohn. Ich bin jetzt sechsundsechzig, und mein Leben, diese grosse Reise, geht dem Ende zu. Ja, ich bin an der Endstation angelangt. Aber ohne Trauer, im Gegenteil, fast mit einem Schmunzeln. Vor ein paar Tagen hat deine Mutter mich gefragt, „Hör mal, wenn jemand anriefe und uns von einem Mittel erzählte, mit dem du noch zehn Jahre weiterleben könntest, würdest du es nehmen?“ Und ich habe ganz spontan gesagt: „Nein!“ Ich würde es nicht nehmen, ich will nicht noch zehn Jahre leben. Wozu denn? Um all das zu tun, was ich bereits getan habe? Ich bin im Himalaja gewesen und habe mich darauf vorbereitet, auf den grossen Ozean des Friedens hinauszusegeln. Warum sollte ich mich da noch einmal in ein Bötchen setzen, um am Ufer entlang zu schippern und zu angeln? Das interessiert mich einfach nicht mehr.
    Sieh dir die Natur an, von dieser Wiese aus, sieh sie dir genau an, hör ihr zu. Der Kuckuck; all die zwitschernden Vögel in den Bäumen – wer die wohl sind? –, die Grillen im Gras, der Wind, der durchs Laub streicht. Ein einziges, grosses Konzert mit einem eigenen Leben, das von dem Tod, auf den ich warte, vollkommen unberührt bleibt. Die Ameisen krabbeln weiter vor sich hin, die Vögel singen ihrem Gott ein Lied, und der Wind weht wie eh und je.
    Was für eine grosse Lehre! Deshalb bin ich so heiter. Seit Monaten spüre ich eine geballte Freude in mir, die in alle Richtungen ausstrahlt. Ich habe das Gefühl, nie zuvor so leicht und glücklich gewesen zu sein. Und wenn du mich fragst: Wie geht es dir?, kann ich nur antworten: hervorragend. Mein Kopf ist frei, ich fühle mich wunderbar. Nur dieser Körper fault vor sich hin und ist inzwischen überall leck. Das Einzige, was bleibt, ist, sich von ihm zu lösen und ihn seinem Schicksal zu überlassen, dem Schicksal der Materie, die zerfällt und wieder zu Staub wird. Ohne Angst, denn es ist doch die natürlichste Sache der Welt.
    Aber eben weil mir nur noch wenig Zeit bleibt, möchte ich noch etwas Letztes tun: mit dir reden. Mit dir, der du fünfunddreissig Jahre lang – oder wie alt bist du jetzt? Vierunddreissig? – Teil meines Lebens gewesen bist, Zuschauer dieser langen Reise, die du von unten, aus der Perspektive des Sohns, mitverfolgt hast. Immer warst du da, und doch weiss ich, dass du nicht mein ganzes Leben kennst. So wie ich eigentlich nur sehr wenig vom Leben meines Vaters wusste und am Ende bedauerte, nicht ein wenig Zeit mit ihm verbracht zu haben, um darüber zu reden.
    FOLCO: Also hast du deinen Tod tatsächlich angenommen, Papa?
    TIZIANO: Weisst du, diese Vorstellung vom „Tod“ würde ich gern vermeiden. Die indische Wendung „den Körper verlassen“, die dir so geläufig ist wie mir, finde ich viel schöner. Mein Traum wäre es zu verschwinden, als gäbe es diesen Moment der Trennung nicht. Der letzte Akt des Lebens, den man Tod nennt, macht mir keine Angst, denn darauf habe ich mich vorbereitet.
    Ich will nicht sagen, dass es in deinem Alter genauso wäre. Aber in meinem! Ich habe alles getan, was ich wollte, ich habe ungeheuer intensiv gelebt, und ich habe nicht das Gefühl, ich hätte irgendetwas versäumt. Ich brauche nicht zu sagen: „Ach, wie gern hätte ich noch ein bisschen Zeit, um dies oder jenes zu tun.“ Und ich habe keine Angst – dank jener zwei, drei Dinge, die ich für wesentlich halte und die alle Grossen und Weisen der Vergangenheit begriffen haben.
    Was ist es, was uns am Tod so ängstigt?
    Was uns vor Angst erstarren lässt, wenn wir an den Augenblick des Todes denken, ist die Vorstellung, dass in dem Moment alles, woran wir hängen, verschwindet. Zunächst einmal der Körper. Was für eine ungeheure Bedeutung haben wir ihm zugemessen! Denk doch nur, wie wir mit ihm wachsen, wie wir uns mit ihm identifizieren. Sieh dich an, so jung, so stark, überall Muskeln. Ich war doch genauso! Ich bin jeden Tag kilometerweit gejoggt, um in Form zu bleiben, ich habe Gymnastik gemacht, ich hatte gerade Beine, einen dichten Schnurrbart und den ganzen Kopf voller rabenschwarzer Haare! Ich war ein schöner junger Mann! Wenn einer „Tiziano Terzani“ sagt, stellt er sich diesen Körper vor.
    Das ist doch zum Lachen! Sieh dir an, wie ich jetzt aussehe! Nur noch Haut und Knochen, die Beine geschwollen, der Bauch rund wie ein Ballon! Die Geometrie des Körpers ist auf den Kopf gestellt: Zuerst hat man breite Schultern und schmale Hüften, jetzt habe ich schmale Schultern und einen riesigen Bauch. Wieso sollte ich an diesem Körper hängen? Einem Körper, der mit jedem Tag schwächer wird, dem die Haare ausfallen, der nur noch humpeln kann, an dem die Chirurgen herumschnippeln?
    Wir sind nicht dieser Körper. Aber was sind wir dann?
    Wir glauben, all das zu sein, was wir mit dem Tod zu verlieren fürchten. Unsere Identität. Da hast du dich mit deinem Beruf identifiziert, Journalist, Rechtsanwalt, Bankdirektor, und der Gedanke, dass all das auf einmal verschwindet, dass du nicht mehr der grosse Journalist oder der erfolgreiche Bankdirektor bist, dass der Tod dir all das nimmt, erschüttert dich. Und dann alles, was dir gehört – das Fahrrad, das Auto, ein wertvolles Bild, das du dir mit den Ersparnissen deines ganzen Lebens gekauft hast, ein Grundstück, ein Häuschen am Meer. Alles deins! Und jetzt stirbst du und verlierst es. Der Grund, warum wir solche Angst vor dem Tod haben, ist, dass wir plötzlich auf alles verzichten müssen, woran unser Herz hängt, unseren Besitz, unsere Wünsche, unsere Identität. Ich habe das bereits hinter mir. In den letzten Jahren habe ich all diese Dinge über Bord geworfen, und jetzt gibt es nichts mehr, woran ich hänge.
    Denn natürlich bist du nicht dein Name, natürlich bist du nicht dein Beruf und auch nicht dein Haus am Meer. Und wenn du schon im Leben lernst, zu sterben, wie die Weisen der Vorzeit es gelehrt haben – die Sufis, die Griechen, unsere geliebten Rischis im Himalaja –, dann gewöhnst du dich daran, dich mit diesen Dingen nicht zu identifizieren und zu erkennen, was für einen absolut begrenzten, vorübergehenden, lächerlichen, vergänglichen Wert sie haben. Wenn dein Haus am Meer eines Tages – wrumm! – von einer Sturmflut fortgerissen wird; wenn dein Sohn, einer wie du, der du so lange mein Kind gewesen bist, um den ich mir so viele Gedanken und manchmal auch Sorgen gemacht habe, aus dem Haus geht und ihm ein Ziegelstein auf den Kopf fällt und auf einmal – wrumm! – alles vorbei ist, dann begreifst du, dass du unmöglich etwas sein kannst, was einfach so verschwindet.
    Und wenn du im Laufe des Lebens zu begreifen beginnst, dass du nicht diese Dinge bist, dann trennst du dich allmählich davon, dann lässt du sie los. Dann lässt du auch das los, was dir am teuersten ist. Für mich war das die Liebe zu deiner Mutter. All die siebenundvierzig Jahre, die wir zusammen gewesen sind, habe ich deine Mutter geliebt, und wenn ich sage, dass ich diese Liebe loslasse, heisst das nicht, dass ich sie nicht mehr liebe, sondern dass ich nicht mehr Sklave dieser Liebe bin; dass ich nicht mehr von ihr abhänge; dass ich mich auch von ihr gelöst habe. Diese Liebe ist Teil meines Lebens, aber ich bin nicht diese Liebe.
    Ich bin vieles … oder vielleicht auch nichts. Aber ich bin nicht diese eine Sache. Und der Gedanke, im Moment des Todes diese Liebe zu verlieren, dieses Haus in Orsigna zu verlieren, dich und Saskia zu verlieren, meinen Beruf zu verlieren, kümmert mich nicht mehr. Er macht mir keine Angst mehr, denn ich habe mich daran gewöhnt. Das hat mich der Himalaja gelehrt, die Einsamkeit dort oben, die Natur, das Glück, diese Krankheit zu bekommen und die Gelegenheit zu haben, über diese Dinge nachzudenken.
    Der andere wesentliche Punkt im Leben eines Menschen, der nicht nur älter, sondern auch reifer wird, wie hoffentlich auch ich, ist das Verhältnis zu seinem Verlangen. Das Verlangen ist unsere grosse Triebfeder. Hätte Kolumbus nicht das Verlangen verspürt, einen neuen Weg nach Indien zu finden, hätte er Amerika nie entdeckt. Der ganze Fortschritt des Menschen, oder Rückschritt, wenn du so willst, die ganze Zivilisation oder De-Zivilisation ist auf das Verlangen zurückzuführen, alle Arten von Verlangen, angefangen vom einfachsten, dem körperlichen, dem Verlangen, das Fleisch eines anderen zu besitzen.
    Das Verlangen ist ein unglaublicher Antrieb, das will ich gar nicht bestreiten. Es ist wichtig und hat die Geschichte der Menschheit geprägt. Aber noch einmal: Wenn du anfängst, es genauer zu betrachten – was ist dieses Verlangen dann? Was sind diese Bedürfnisse, denen du dich nicht entziehen kannst? Vor allem heute, in dieser Gesellschaft, die uns dazu drängt, Bedürfnisse zu erfinden und besonders den banalsten, den materiellen, nachzugehen, denen aus dem Supermarkt. Das Verlangen nach diesen Dingen ist nutzlos, banal, lächerlich.
    Das wahre Verlangen, wenn man denn eines will, ist das Verlangen, man selbst zu sein. Das Einzige, was zu ersehnen Sinn hat, ist, vor keinen Entscheidungen mehr zu stehen, denn die wahre Entscheidung ist nicht die zwischen zwei Sorten Zahnpasta, zwei Frauen oder zwei Autos. Die wahre Entscheidung ist die, du selbst zu sein. Wenn du dich an den Gedanken gewöhnst oder bestimmte Übungen in der Richtung machst, wenn du darüber nachdenkst – nachdenkst! –, dann wirst du erkennen, dass jedes Verlangen eine Form von Sklaverei ist. Denn je heftiger du verlangst, desto mehr begrenzt du dich. Bis dein Verlangen so stark ist, dass du nichts anderes mehr denken und tun kannst, dass du zu seinem Sklaven wirst.
    Wenn du dann älter wirst, und reifer, beginnst du das alles möglicherweise zu sehen …
    Er lacht.
    … und kannst über all dieses Verlangen lachen, das jetzige und das von früher; kannst darüber lachen, dass es zu nichts nütze ist, dass es genauso vergänglich ist wie alles andere, wie das ganze Leben. Und so lernst du allmählich, dich davon zu befreien, es aus dem Weg zu räumen. Auch den letzten Wunsch, den alle haben, den Wunsch nach einem langen Leben. Wenn man denkt, „Gut, mir liegt nichts mehr an Geld und Ruhm, und kaufen will ich auch nichts mehr. Aber was gäbe ich nicht für ein Mittel, das mir noch zehn Jahre schenkt!“
    Auch diesen Wunsch habe ich nicht mehr. Ich habe ihn einfach nicht mehr.
    Ich kann mich glücklich schätzen. Denn die Jahre der Einsamkeit in der Hütte im Himalaja haben mir gezeigt, dass es für mich nichts mehr zu wünschen gab. Dort brauchte ich nichts als ein wenig Wasser zum Trinken, und das gab es an der Quelle, wo auch die Tiere hinkamen. Zum Essen hatte ich ein bisschen Reis mit Gemüse, den ich mir über dem Feuer kochen konnte. Was hätte ich mir denn wünschen können? Doch nicht, mir im Kino den neuesten Film anzusehen! Was hätte ich denn davon?! Was würde das an meinem Leben ändern? Nichts mehr, nichts! Denn was mir jetzt bevorsteht, ist vielleicht die seltsamste, interessanteste, neueste Sache, die mir je widerfahren ist.
    Das ist der Grund, weshalb ich keine Lust mehr habe, in diesem Leben zu verweilen. Weil dieses Leben meine Neugier nicht mehr weckt. Ich habe es von innen und von aussen gesehen, von allen Seiten, und die Wünsche, die es in mir wecken könnte, interessieren mich nicht mehr. Der Tod ist wirklich …
    Er lacht.
    … das einzig Neue, was mir noch passieren kann, denn er ist etwas, was ich noch nie gesehen, noch nie erlebt habe. Nur bei den anderen.
    Vielleicht ist es gar nichts, vielleicht ist es nur, wie abends einzuschlafen. Denn im Grunde sterben wir ja jeden Abend. Das Bewusstsein des wachen Menschen, das ihn dazu bringt, sich mit seinem Körper und seinem Namen zu identifizieren, Verlangen zu verspüren, zu telefonieren und eine Einladung zum Mittagessen anzunehmen, das ist in dem Moment, in dem du einschläfst– puff! – verschwunden. Auch wenn es im Schlaf in gewisser Hinsicht noch da ist, nämlich wenn du träumst. Aber wer träumt da? Wer ist der stille Zeuge deiner Träume? Vielleicht geschieht im Tod ja etwas Ähnliches wie im Schlaf.
    Oder vielleicht auch nichts. Aber eins kann ich dir versichern, Folco, nämlich dass ich zu dieser Verabredung nicht gehe, als erwarte mich ein schwarzer Mann mit einer Sense in der Hand, was immer eine Horrorvision gewesen ist. Ich gehe vielmehr mit innerer Ruhe und leichtem Herzen, so leicht wie nie zuvor. Und vielleicht liegt das an dieser Kombination von Faktoren, die ich dir gerade zu erklären versucht habe: dass ich das Sterben schon vor dem Tod ein wenig gelernt habe; dass ich mich von meinem Verlangen gelöst habe; und dass ich aus der heiligen Erde Indiens das Gefühl gesogen habe, das dieses Land vermittelt: dass ständig unendlich viele Menschen geboren werden, sterben, geboren werden und sterben, und dass die Erfahrung von Geburt, Leben und Tod allen Menschen gemein ist.
    Warum macht das Sterben uns bloss solche Angst? Wo das doch alle getan haben! Milliarden und Abermilliarden von Menschen, Babylonier, Hottentotten, alle. Aber wenn wir selber dran sind – ah! Dann sind wir verloren.
    Wie ist das möglich? Wo das doch alle getan haben!
    Wenn du es dir genau überlegst – und das ist ein schöner Gedanke, den natürlich schon viele angestellt haben –, ist die Erde, auf der wir leben, im Grunde ein riesiger Friedhof. Ein immens grosser Friedhof all dessen, was gewesen ist. Wenn wir anfangen würden zu graben, fänden wir überall zu Staub zerfallene Knochen, die Überreste des Lebens. Kannst du dir vorstellen, wie viele Abermilliarden von Lebewesen auf dieser Erde gestorben sind? Die sind alle da! Wir laufen ständig über einen unendlich grossen Friedhof. Das ist seltsam, denn wir stellen uns Friedhöfe immer wie Orte der Trauer vor, Orte des Leidens, der Tränen. Dieser immense Friedhof aber, die Erde, ist wunderschön! Mit all den Blumen, die darauf wachsen, mit all den Ameisen und Elefanten, die darüber laufen. Er ist die Natur!
    Er lacht.
    Wenn du das so siehst, dass du wieder Teil von all dem wirst, dann ist das, was von dir bleibt, vielleicht dieses unteilbare Leben, diese Kraft, diese Intelligenz, die du mit einem Bart schmücken und Gott nennen kannst, auch wenn sie etwas ist, was unser Denken nicht fassen kann, vielleicht der grosse Geist, der alles zusammenhält.
    Was ist das, was alles zusammenhält?
    Deshalb gehe ich zu dieser Verabredung – als eine solche empfinde ich das, und ich möchte sie nicht verpassen, denn ich habe mich sozusagen schon festlich dafür gekleidet – unbeschwert und mit einer geradezu journalistischen Neugier. Obwohl ich den Journalismus schon vor Jahren an den Nagel gehängt habe, bezeichne ich meine Neugierde schmunzelnd als „journalistisch“. Aber im Grunde ist es pure menschliche Neugier, die wissen will:
    „Was ist das eigentlich?“
    Man empfindet sie gewöhnlich, wenn der Vater stirbt. Mein Gefühl damals, das weiss ich noch genau, war, dass nun ich in der ersten Reihe stand. Weisst du, im Krieg hast du immer jemanden vor dir, es gibt eine erste Reihe, wie den vordersten Schützengraben im Ersten Weltkrieg. Und wenn der Vater stirbt, dann steht dort keiner mehr, dann ist man selber dran.
    Tja, und jetzt bin ich dran. Und wenn ich sterbe, wirst du das Gefühl haben, in die erste Reihe aufzurücken.
    Aber jetzt bist du erst einmal gekommen, um meine Hand zu halten, und das gibt uns die Gelegenheit, von der Reise dieses kleinen Jungen zu sprechen, der in einem Bett in der Via Pisana zur Welt gekommen ist, in einem Arbeiterviertel von Florenz, der die grossen Geschehnisse seiner Zeit dann hautnah miterlebt hat – den Vietnamkrieg, China, den Zerfall der Sowjetunion –, der sich schliesslich in den Himalaja zurückgezogen hat und nun hier ist, in seinem kleinen Himalaja, um seine Stunde zu erwarten, die in meiner Vorstellung etwas Erfreuliches ist.
    Deshalb ist dies das Ende, aber auch der Anfang einer Geschichte, der Geschichte meines Lebens, und ich würde mit dir gern noch ein wenig darüber reden, um gemeinsam darüber nachzudenken, ob alles in allem ein Sinn darin liegt.

    KINDHEIT UND JUGEND

    Wir sitzen im Schatten eines grossen Ahorns vor dem Haus in Orsigna. Hinter der Wiese fällt das Tal steil zum Fluss ab, und die Wälder jenseits des Flusses beginnen, grün zu werden. Es ist Frühling. Ein frischer Wind weht, und Papa liegt in einem Liegestuhl, mit einer violetten Wollmütze auf dem Kopf und einer indischen Decke um die Beine.
    FOLCO: Also, es kann losgehen. Hast du es bequem? Sekunde, mal sehen, ob der Kassettenrekorder funktioniert.
    TIZIANO: Ist das so laut genug?
    FOLCO: Ja. Hast du eine Vorstellung davon, wie du vorgehen willst?
    TIZIANO: Hm, so ungefähr. Ich möchte dir von meiner Kindheit erzählen, von dieser Mischung verschiedener Dinge, die ich nie in Ruhe schildern konnte. Ich möchte eine Erinnerung an das Leben von damals hinterlassen, weniger für dich als zum Beispiel für deinen Sohn, der keine Ahnung hat, wie meine Generation aufgewachsen ist, was für Beziehungen die Menschen verbanden, wie die Welt aussah, die uns umgab.
    FOLCO: Fangen wir an.
    TIZIANO: Ich bin in einem Arbeiterviertel in Florenz zur Welt gekommen, ausserhalb der Stadtmauer. Ich bin zu Hause geboren, wie das damals üblich war. An meine Geburt erinnere ich mich natürlich nicht, aber ein paar Jahre später habe ich die Geburt meines Vetters mitgekriegt, und bei mir lief es sicher ganz ähnlich ab. Zur Entbindung kamen alle Frauen der Familie. Ich stelle mir meine Mutter in ihrem Ehebett vor, in dem sie später auch gestorben ist. Da hat sie mich zur Welt gebracht.
    Alle meine Kindheitserinnerungen sind an das Viertel, in dem ich geboren wurde, gebunden. Es war eine kleine, beschränkte Welt. Stell dir vor, wir wohnten schon praktisch auf dem Land. Die Häuser standen an einer Strasse, auf der die Strassenbahn vorbeifuhr. Anfangs wurde sie noch von Pferden gezogen, und ein Vetter meines Vaters hatte die Aufgabe, die Gleise sauber zu halten und die Pferdeäpfel einzusammeln. Und da er das auch im Winter tun musste, trug er immer eine warme Jacke, die er von der Stadtverwaltung bekommen hatte, eine dicke Baumwolljacke, die ich als Oberschüler glücklicherweise erbte, so dass ich zu Hause, wo es keine Heizung gab, am Küchentisch sitzen und lernen konnte.
    Wir wohnten sehr einfach. Durch eine schmale Haustür kam man zu einer geraden Treppe, die zu einer winzigen Wohnung hinaufführte. Beim Eintreten stand man direkt im Wohnzimmer. Es gab eine Küche, wo gegessen wurde, und ein Schlafzimmer, in dem wir alle drei schliefen. Mein Bett stand neben dem Ehebett der Eltern.
    Es war eine ganz eigene Welt, die für Beschränktheit, aber auch für Vertrautheit steht. Stell dir vor, die Einrichtung dieser Wohnung, die ich dir gerade beschrieben habe, war zur Hochzeit meiner Eltern im Jahre 1936 angeschafft worden. Man darf nicht vergessen, dass meine Eltern arm waren, bitterarm. Ihre Hochzeitsreise haben sie nach Prato gemacht, das liegt nur fünfzehn Kilometer entfernt, aber für sie war es eine grosse Reise! Die weiteste, die sie je machten, bis ich sie später nach New York und nach Asien einlud.
    Die Wohnung war eingerichtet, wie es damals üblich war. Man heiratete, wenn man die Aussteuer zusammenhatte. Die Aussteuer bestand aus einem Bett, einem Schrank, in dem die ordentlich zusammengelegte Wäsche aufbewahrt wurde – ich erinnere mich noch an den Duft der Lavendelzweige und der Seifen, die meine Mutter zwischen die Laken legte –, und dann gab es noch eine Kommode, die in meinem Leben gewissermassen Freud und Leid verkörperte. Denn wenn mein Vater am Monatsende das Geld, das er verdient hatte, mit seinem Kompagnon teilte und nach Hause brachte, wurde es in diese Kommode zwischen die Laken gelegt. Damals hatte kein Mensch ein Konto auf der Bank. Nie werde ich vergessen, wie es war, wenn der Monat auf den fünfzehnten, siebzehnten oder zwanzigsten zuging; diese Zeremonie, wenn wir in der Kommode nachsahen – ich heimlich, meine Mutter etwas weniger –, wie viel Geld noch zwischen der Bettwäsche lag. Es war nie genug, und am Ende des Monats hatten wir oft kein Geld zum Essen mehr.
    Das Leben war in Wochen- und Feiertage unterteilt, wie ihr jungen Leute euch das heute kaum noch vorstellen könnt. Ich hatte zum Beispiel einen Anzug – ein Paar kurze Hosen, ein Hemd und eine Jacke –, den ich nur am Sonntag tragen durfte. An den übrigen Tagen trug man seine Alltagskleidung. Sonntags hingegen, nach diesem herrlichen Bad … Wir hatten eine grosse Wanne, weisst du, eine Zinkwanne, in der ich, der Held der Familie, als Erster badete. Das Wasser wurde auf dem Gasherd heiss gemacht und in die Wanne gegossen, und dann wurde ich abgeseift. Nach mir kam meine Mutter dran, und als Letztes mein Vater.
    FOLCO: Im selben Wasser?
    TIZIANO: Im selben Wasser. Und dann, im Sonntagsstaat, gingen ich und meine Mutter in die Kirche. Mein Vater hingegen hat nie auch nur einen Fuss hineingesetzt! Dann ging der Sonntag los. Es gab Mittagessen, und nachmittags wurden die Verwandten besucht, meistens zu Fuss, aber manchmal auch mit der Strassenbahn.