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Wächter der Ewigkeit / Wächter Bd.4

Roman

Wächter Band 4

Sergej Lukianenko

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Beschreibung


Der grandiose Abschluss der Bestseller-Saga

Nach den Bestsellern „Wächter der Nacht“, „Wächter des Tages“ und „Wächter des Zwielichts“ nun der Höhepunkt in Sergej Lukianenkos einzigartiger Mystery-Saga um die sogenannten „Anderen“ – Vampire, Hexen, Magier, Gestaltwandler –, die seit ewigen Zeiten unerkannt in unserer Mitte leben.

Längst ist der Friede zwischen den Mächten des Lichts und den Mächten der Dunkelheit zusammengebrochen, und auf Moskaus Strassen tobt eine unerbittliche Schlacht. Da taucht eine rätselhafte Kraft auf, die das Schicksal der Welt für immer entscheiden wird ...

Sergej Lukianenkos Wächter-Romane: eine einzigartige Mischung aus Horror und Fantasy, die als Vorlage für die erfolgreichsten russischen Filme aller Zeiten diente und auch in Deutschland längst Kultstatus erreicht hat.

"Einzigartig! Eine atemberaubende Mischung aus Dostojewski und 'Dawn of the Dead'!"

Sergej Lukianenko, 1968 in Kasachstan geboren, studierte in Alma-Ata Medizin, war als Psychiater tätig und lebt nun als freier Schriftsteller in Moskau. Er ist der populärste russische Fantasy- und Science-Fiction-Autor der Gegenwart, seine Romane und Erzählungen wurden mehrfach preisgekrönt. Die Verfilmung von "Wächter der Nacht" war der erfolgreichste russische Film aller Zeiten.

Produktdetails

Einband Taschenbuch
Seitenzahl 446
Erscheinungsdatum 02.04.2007
Sprache Deutsch
ISBN 978-3-453-52255-8
Reihe Die Wächter-Romane 4
Verlag Heyne
Maße (L/B/H) 20.8/13.7/3.6 cm
Gewicht 511 g
Originaltitel The Last Watch
Übersetzer Christiane Pöhlmann

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Kundenbewertungen

Durchschnitt
14 Bewertungen
Übersicht
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3
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von einer Kundin/einem Kunden aus Langenfeld am 03.06.2017
Bewertet: anderes Format

Lukianenko's "Wächter"-Reihe sticht besonders durch eine wundervoll düstere Atmosphäre hervor, auch dieser Band bildet hier keine Ausnahme, spannend bis zur letzten Seite!

von einer Kundin/einem Kunden am 13.06.2016
Bewertet: anderes Format

Gut und Böse? Licht und Dunkel? Am Ende ist alles dasselbe. Großartige Reihe um den alten Kampf Gut gegen Böse. Lukianenkos Welt der Wächter ist eine der besten, die ich kenne.

von einer Kundin/einem Kunden am 13.06.2016
Bewertet: anderes Format

Der explosive Höhepunkt der Wächter-Reihe. Fesselnd, spannend und herrlich verstörend düster.


  • Artikelbild-0
  • Erste Geschichte

    Die gemeinsame Sache

    Prolog
    Lächelnd sah Lera Viktor an. In jedem Mann – und mochte er noch so erwachsen sein – steckte ein kleiner Junge. Viktor war jetzt fünfundzwanzig und damit natürlich erwachsen. Mit der ganzen Überzeugung einer verliebten neunzehnjährigen Frau würde Valerija diese Ansicht verteidigen.
    »Verliese«, flüsterte sie Viktor ins Ohr. »Verliese und Drachen. Huhu!«
    Vitja schnaubte. Sie sassen in einem Raum, der schmutzig gewirkt hätte, wäre er nicht so dunkel gewesen. Um sie herum drängten sich aufgeregte Kinder und verlegen lächelnde Erwachsene. Auf einer mit mystischen Symbolen bemalten Bühne alberte ein junger Mann mit weiss geschminktem Gesicht und wallendem schwarzen Umhang herum. Von unten strahlten ihn einige purpurrote Lampen an.
    »Gleich werden Sie dem Entsetzen begegnen!«, schrie der Mann mit gedehnter Stimme. »Ah! Ah, ah, ah! Selbst mir jagt das, was Sie sehen werden, Angst ein!«
    Seine Aussprache war so klar und artikuliert, wie es nur bei Schauspielstudenten der Fall ist. Sogar Lera, die kaum Englisch sprach, verstand jedes Wort.
    »Mir hat das unterirdische Budapest gefallen«, flüsterte Viktor ihr zu. »Dort gibt es echte alte Katakomben … wirklich interessant.«
    »Und das hier ist nur ein grosses Gruselkabinett.«
    Viktor nickte entschuldigend. »Dafür ist es kühl«, meinte er.
    Der September in Edinburgh war heiss. Am Morgen hatten Vitja und Lera Edinburgh Castle besucht, das Hauptziel aller touristischen Wallfahrten. Anschliessend hatten sie in einem der unzähligen Pubs etwas gegessen und ein Pint Bier getrunken. Und jetzt hatten sie etwas gefunden, wo sie der Mittagshitze entkommen konnten.
    »Sie wollen es sich wirklich nicht noch einmal überlegen?«, erkundigte sich der Mime im schwarzen Umhang mit beschwörender Stimme.
    Hinter Lera liess sich leises Weinen vernehmen. Als sie sich umdrehte, stellte sie erstaunt fest, dass da ein etwa sechzehnjähriges – also ein fast schon erwachsenes – Mädchen weinte, das bei ihrer Mutter und ihrem kleinen Bruder stand. Von irgendwoher aus der Dunkelheit tauchten Angestellte auf, um rasch die ganze Familie hinauszuführen.
    »Das ist die Kehrseite des europäischen Wohlstands«, stellte Vitja oberlehrerhaft fest. »Würde in Russland ein erwachsenes Mädchen in einem Gruselkabinett Angst kriegen? Das allzu ruhige Leben bringt die Leute dazu, sich vor allen möglichen Albernheiten zu fürchten …«
    Lera verzog das Gesicht. Viktors Vater war Politiker. Kein sehr einflussreicher, dafür aber ein ausgesprochen patriotischer, der stets und überall die Verderbtheit der westlichen Zivilisation nachzuweisen wusste. Was ihn freilich nicht daran hinderte, seinen Sohn zum Studium nach Edinburgh zu schicken.
    Und Viktor, der zehn Monate im Jahr im Ausland verbrachte, wiederholte hartnäckig die väterlichen Tiraden. Einen Patrioten wie ihn traf man in Russland kaum noch an. Mitunter amüsierte Lera das, manchmal ärgerte es sie aber auch ein wenig.
    Glücklicherweise ging der Einleitungsteil gerade zu Ende, und der gemächliche Streifzug durch »Schottlands Verliese« begann. Unter einer Brücke in der Nähe des Bahnhofs hatten geschäftstüchtige Menschen triste Betonräume in winzige Kämmerchen unterteilt. Sie hatten trübe Glühbirnen installiert und überall Stofffetzen und Plastikspinnennetze aufgehängt. Die Wände zierten Bilder von Wahnsinnigen und Mördern, die Edinburgh im Laufe seiner langen Geschichte heimgesucht hatten. Und so unterhielt man die lieben Gäste.
    »Das ist ein spanischer Stiefel!«, verkündete die junge, in Lumpen gehüllte Frau, die sie durch dieses Zimmer führte, mit heulender Stimme. »Ein schreckliches Folterinstrument!«
    Begeistert kreischten die Kinder auf. Die Erwachsenen dagegen schauten betreten drein, als habe man sie dabei erwischt, wie sie Seifenblasen aufsteigen liessen oder mit Puppen spielten. Um der Langeweile zu entgehen, blieben Lera und Viktor zurück und küssten sich unter dem Geleier der Fremdenführer. Ein halbes Jahr waren sie jetzt bereits zusammen. Beide konnten sich des aussergewöhnlichen Gefühls nicht erwehren, diese Beziehung entwickle sich für sie zu etwas Besonderem.
    »Jetzt gehen wir durchs Spiegellabyrinth!«, teilte der Fremdenführer mit.
    So komisch das auch klingen mochte – das stellte sich in der Tat als interessant heraus. Lera hatte immer geglaubt, bei den Beschreibungen von Spiegellabyrinthen, in denen man sich verirrte und mit voller Wucht mit der Stirn gegen das Glas prallte, handle es sich um Übertreibungen. Wie sollte man denn nicht erkennen, wo Glas, wo ein Durchgang war?
    Jetzt zeigte sich indes: das konnte passieren. Sogar sehr leicht. Lachend liefen sie gegen die kalten Spiegelflächen, tasteten mit den Armen herum, irrten durch den lärmenden Menschenreigen, der im Nu von einer Hand voll Personen zu einer wahren Masse anschwoll. Viktor winkte zwischendurch jemandem einladend zu, und als sie endlich aus dem Labyrinth heraus waren – perfiderweise war die Tür auch als Spiegel getarnt –, blickte er sich lange um.
    »Suchst du jemanden?«, fragte Lera.
    »Nö.« Viktor lächelte. »Unsinn.«
    Dann folgten noch einige Säle mit den finsteren Attributen mittelalterlicher Kerker und schliesslich der »Blutfluss«. Die Besucher, inzwischen still geworden, setzten sich in einen langen metallenen Kahn, der langsam über das dunkle Wasser »ins Schloss zu den Vampiren« glitt. Hohngelächter und bedrohliche Stimmen zerrissen die Dunkelheit. Über ihren Köpfen schlugen unsichtbare Flügel zusammen. Das Wasser grummelte. Der Eindruck wurde einzig dadurch zunichte gemacht, dass der Kahn bloss fünf Meter fuhr – danach gaukelten den Bootsinsassen ins Gesicht blasende Ventilatoren die Bewegung vor.
    Gleichwohl wirkte der Horror auf Lera. Sie schämte sich für ihre Angst, empfand sie aber dennoch. Viktor und sie sassen auf der letzten Bank, um sie herum war niemand, vorn stöhnten und kicherten die Schauspieler gemäss ihrer Vampirrolle, hinter ihnen …
    Hinter ihnen war Leere.
    Trotzdem wollte Lera das Gefühl nicht verlassen, da wäre jemand.
    »Vitja, ich habe Angst«, stiess Lera hervor und griff nach seiner Hand.
    »Dummerchen …«, flüsterte ihr Viktor ins Ohr. »Fang mir jetzt bloss nicht an zu weinen, okay?«
    »Gut«, versicherte Lera.
    »Ha, ha, ha! Hier sind schreckliche Vampire!«, imitierte Viktor den Tonfall der Schauspieler. »Ich spüre genau, wie sie sich an mich heranschleichen!«
    Lera schloss die Augen und packte seine Hand noch fester. Jungs! Sie alle sind Jungs, selbst mit grauen Haaren noch! Weshalb musste er sie so erschrecken?
    »Autsch!«, schrie Viktor durch und durch überzeugend auf. Um dann hinzuzufügen: »Jemand … jemand beisst mich in den Hals …«
    »Blödmann!«, meinte Lera lakonisch, ohne die Augen zu öffnen.
    »Lerka, jemand trinkt mein Blut …«, brachte Viktor mit verzagter und ersterbender Stimme heraus. »Aber ich habe nicht einmal Angst … wie im Traum …«
    Ein kalter Wind wehte aus den Ventilatoren, das Wasser gluckerte gegen den Kahn, wilde Stimmen heulten. In der Luft hing sogar ein Geruch, der an Blut erinnerte. Kraftlos sank Viktors Hand nach unten. Voller Wut kniff Lera ihn heftig in die Hand, doch Viktor zuckte nicht einmal zusammen.
    »Du machst mir Angst, du Blödmann«, rief Lera ziemlich laut.
    Viktor antwortete nicht, sackte allerdings sanft gegen sie. Damit sah die Situation schon nicht mehr ganz so furchtbar aus.
    »Ich werde dir noch selbst die Kehle durchbeissen!«, drohte Lera. Das schien Viktor peinlich zu berühren. Er schwieg. Zu ihrer eigenen Überraschung fügte Lera hinzu: »Und dann trinke ich dein ganzes Blut. Hast du verstanden? Sofort … nach unserer Hochzeit.«
    Zum ersten Mal sprach sie dieses Wort im Zusammenhang mit ihrer Beziehung aus. Wie gebannt wartete sie auf Viktors Reaktion. Schliesslich musste jeder unverheiratete Mann auf das Wort »Hochzeit« reagieren! Entweder erschrocken oder begeistert.
    Viktor schien jedoch an ihrer Schulter eingedöst zu sein.
    »Hab ich dich erschreckt?«, fragte Lera. Dann lachte sie nervös. Und öffnete die Augen. Um sie herum herrschte nach wie vor Dunkelheit, obwohl das Geheul sich inzwischen gelegt hatte. »Gut … ich werde dich nicht beissen. Und zu heiraten brauchen wir auch nicht!«
    Viktor schwieg.
    Die Mechanik quietschte, der Eisenkahn fuhr noch einmal fünf Meter durch den schmalen ausbetonierten Graben. Ein trübes Licht ging an. Die lärmenden Blagen strömten zum Ufer. Ein Mädchen von drei, vier Jahren hielt ihre Mutter bei der Hand und nuckelte an einem Finger, während sie immer wieder den Kopf zurückdrehte und Lera nicht aus den Augen liess. Was interessierte sie denn bloss so? Eine junge Frau, die in einer ausländischen Sprache sprach? Nein, das konnte nicht sein, nicht in Europa …
    Lera seufzte und schaute zu Viktor hinüber.
    Der schlief tatsächlich! Seine Augen waren geschlossen, seine Lippen zu einem Lächeln erstarrt.
    »Was hast du denn?« Lera schubste Viktor sanft – worauf er umzukippen und mit dem Kopf auf die Eisenkante des Boots aufzuschlagen drohte. Lera schrie auf und konnte Viktor gerade noch auffangen und auf die Holzbank betten. Was bedeutete das? Was geschah hier bloss? Warum war er so schlaff, so willenlos? Auf ihren Schrei hin kam sofort ein Angestellter herbeigeeilt – in schwarzem Umhang, mit Eckzähnen aus Plastik und schwarz und rot geschminkten Wangen. Behände sprang er in den Kahn.
    »Ist mit Ihrem Freund alles in Ordnung, Miss?« Der Mann war noch sehr jung, vermutlich ein Altersgenosse Leras.
    »Ja … nein … ich weiss nicht!« Sie sah den Angestellten an, doch der war selbst verwirrt. »Helfen Sie mir! Wir müssen ihn aus dem Boot schaffen!«
    »Ob es was mit dem Herzen ist?« Der Mann beugte sich hinunter, um Viktor bei den Schultern zu packen – und zog die Hände zurück, als habe er sich verbrannt. »Was ist das? Was soll der dumme Scherz? Licht! Wir brauchen Licht!«
    Ohne Ende schüttelte er seine Hände, von denen dicke dunkle Tropfen wegspritzten. Lera stand wie versteinert da und starrte auf Viktors reglosen Körper. Das Licht ging an, ein grelles weisses, alle Schatten verbannendes Licht, das die Stätte des Schreckens in die Bühne einer erbärmlichen Farce verwandelte.
    Doch auch die Farce endete zusammen mit der Gruselvorstellung. An Viktors Hals klafften zwei Schnittwunden. Aus ihnen sickerte träge wie die letzten Tropfen Ketchup aus einer umgedrehten Flasche Blut. Die wenigen, stossweise austretenden Tropfen wirkten umso schauriger, weil die Wunden so tief waren. Und noch dazu direkt über der Schlagader lagen … als stammten sie von zwei Rasierklingen … oder von zwei sehr spitzen Zähnen …
    Und dann fing Lera an zu schreien. Hoch und schrecklich, mit geschlossenen Augen, während sie mit den Armen vor sich in der Luft herumfuchtelte wie ein kleines Mädchen, vor dessen Augen gerade sein Lieblingskätzchen von einem Laster auf dem Asphalt zerquetscht worden war.
    Schliesslich steckt in jeder Frau – und mag sie noch so erwachsen sein – ein kleines, verängstigtes Mädchen.

    Eins
    »Wieso konnte ich das?«, fragte Geser. »Und wieso konntest du es nicht?«
    Wir standen inmitten einer endlosen grauen Ebene. Der Blick konnte in dieser ganzen Weite keine leuchtenden Farben ausmachen, brauchte sich aber nur einmal an einem einzigen Sandkorn festzuhaken, um es golden, glutrot, azurblau und grün aufflackern zu lassen. Über uns prangte es weiss und rosa, gleichsam als erstrecke sich am Himmel ein Land, darinnen Milch und Honig fliessen.
    Wind ging, und kalt war es. In der vierten Zwielicht-Schicht fror ich immer, was jedoch nur meine individuelle Reaktion war. Bei Geser traf beispielsweise das genaue Gegenteil zu: Er schwitzte, sein Gesicht leuchtete knallrot, über seine Stirn rannen kleine Schweissperlen.
    »Meine Kraft reicht nicht«, antwortete ich.
    »Falsch!« Gesers Gesicht changierte jetzt ins Purpurrote. »Du bist ein Hoher Magier. Wenn auch nur zufällig, aber so ist es nun einmal. Warum werden wohl Hohe Magier auch Magier ausserhalb jeder Kategorie genannt?«
    »Weil sie sich durch ihre Kraft nur noch so geringfügig voneinander unterscheiden, dass dieser Unterschied nicht mehr messbar ist und man nicht mehr sagen kann, wer schwächer oder stärker ist …«, brummelte ich. »Das weiss ich doch, Boris Ignatjewitsch. Trotzdem reicht meine Kraft nicht. Ich kann nicht in die fünfte Schicht eintreten.«
    Geser blickte zu Boden. Wirbelte mit der Schuhspitze Sand auf, schleuderte ihn in die Luft. Trat nach vorn – und verschwand.
    Was war das? Ein Tipp?
    Ich schleuderte ebenfalls etwas Sand in die Luft. Trat vor – versuchte aber vergeblich, meinen Schatten zu fassen zu kriegen.
    Da war kein Schatten.
    Nichts hatte sich verändert.
    Nach wie vor klebte ich in der vierten Schicht fest. Mir wurde immer kälter, der Dampf von meinem Atem stob schon nicht mehr als weisse Wolke auf, sondern hagelte in pikenden Nadeln auf den Sand herab. Ich drehte mich um, denn es ist psychologisch immer leichter, die Flucht nach hinten anzutreten, machte einen Schritt und kam in der dritten Schicht des Zwielichts heraus. In dem farblosen Labyrinth aus von der Zeit zerfressenen Steinplatten, über denen ein tiefer schwerer Himmel graute. Hier und da mäanderten vertrocknete Halme über die Steine, eine wuchernde Ranke, die der Frost festgenagelt zu haben schien.
    Jetzt noch einen Schritt. Die zweite Schicht des Zwielichts. Das Steinlabyrinth verschwand unter einem Astgeflecht …
    Und noch einen. Die erste Schicht. Schon ohne Steine. Bereits wieder mit Wänden und Fenstern. Mit den bekannten Wänden der Moskauer Nachtwache, wenn auch in ihrer Zwielicht-Erscheinung.
    Mit letzter Kraft schleppte ich mich aus dem Zwielicht in die reale Welt. Direkt in Gesers Arbeitszimmer.
    Selbstredend sass der Chef bereits in seinem Sessel. Während ich schwankend vor ihm stand.
    Wie? Wie hatte er mich überholen können? Schliesslich war er in die fünfte Schicht abgetaucht, als ich mich auf den Weg aus dem Zwielicht gemacht hatte.
    »Als ich gesehen habe, dass du es nicht schaffst«, meinte Geser, ohne mich auch nur anzusehen, »habe ich das Zwielicht auf direktem Wege verlassen.«
    »Aus der fünften Schicht direkt in die richtige Welt?« Ich konnte meine Verblüffung nicht verhehlen.
    »Ja. Wundert dich das?«
    Ich zuckte mit den Achseln. Da gab es nichts zu wundern. Wenn Geser mich überraschen wollte, konnte er aus dem Vollen schöpfen. Vieles wusste ich noch nicht. Und in diesem Fall …
    »Ein Jammer«, riss mich Geser aus meinen Gedanken. »Setz dich, Gorodezki.«
    Ich nahm Geser gegenüber Platz. Legte die Hände auf die Knie und senkte sogar den Kopf – als ob ich mich irgendwie schuldig fühlte.
    »Ein guter Magier erlangt seine Fähigkeiten immer im richtigen Moment, Anton«, meinte der Chef. »Solange du nicht lebensklüger wirst, wirst du auch nicht stärker. Solange du nicht stärker wirst, beherrschst du auch die hohe Magie nicht. Solange du die hohe Magie nicht beherrschst, bleiben dir gefährliche Orte verschlossen. Deine Lage ist einmalig. Dich hat der …« Er verzog das Gesicht. »… der Zauber des Fuaran erwischt. Du bist ein Hoher Magier geworden, ohne darauf vorbereitet zu sein. Ja, du hast Kraft. Ja, du kannst sie lenken … Und das, was dir früher schwergefallen ist, bewerkstelligst du heute ohne Probleme. Wie oft bist du denn schon in der vierten Zwielicht-Schicht gewesen? Und jetzt hockst du da, als ob das nichts wäre?! Eben! Und das, was du bisher noch nicht bewerkstelligst …«
    Dann verstummte er.
    »Ich werde es lernen, Boris Ignatjewitsch«, versicherte ich. »Schliesslich sagen mir doch alle, dass ich grosse Fortschritte mache. Olga, Swetlana …«
    »Das tust du ja auch«, stimmte Geser mir ohne Weiteres zu. »So dämlich bist du nun auch wieder nicht, dass du dich überhaupt nicht entwickeln könntest. Aber im Moment erinnerst du mich an einen unerfahrenen Autofahrer, der ein halbes Jahr lang in einem Shiguli gegondelt ist und plötzlich hinter dem Steuer eines Rennwagens von Ferrari sitzt! Nein, schlimmer noch, hinter dem eines Kippers, eines BelAS von zweihundert Tonnen, der in einer Spirale aus der Sandgrube hochfährt … und neben dir ein Abgrund von hundert Metern! Und da unten fahren auch Kipper. Eine unbedachte Bewegung, ein Herumreissen des Lenkrads oder Tritt aufs Pedal – und es heisst für alle Gute Nacht.«
    »Das versteh ich ja.« Ich nickte. »Aber ich hatte es nicht darauf angelegt, ein Hoher zu werden, Boris Ignatjewitsch. Sie waren es, der mich auf die Jagd nach Kostja geschickt hat …«
    »Ich mache dir in keiner Weise einen Vorwurf und versuche, dir viel beizubringen«, erwiderte Geser. Dann fügte er recht übergangslos hinzu: »Wenn du dich bloss endlich wie mein Schüler verhalten würdest!«
    Ich hüllte mich in Schweigen.
    »Ich weiss einfach nicht mehr, was ich tun soll …« Geser trommelte mit den Fingern auf eine vor ihm liegende Mappe. »Dich auf alltägliche Aufgaben ansetzen? Eine Schülerin hat einen obdachlosen Tiermenschen gesehen. In Butowo ist ein Vampir aufgetaucht. Eine Zauberin hat wirklich gezaubert. In meinem Keller ist ein geheimnisvolles Klopfen zu hören. Das bringt doch nichts. Mit diesem Quatsch wirst du bei deiner Kraft spielend fertig. Da lernst du nichts. Soll ich dich hinterm Schreibtisch versauern lassen? Das willst du ja wohl selbst nicht, oder?«
    »Das wissen Sie doch ganz genau, Boris Ignatjewitsch«, antwortete ich. »Geben Sie mir eine richtige Aufgabe. Eine, bei der ich mich einfach weiterentwickeln muss.«
    »Aber sicher.« In Gesers Augen funkelte es ironisch auf. »Ich organisiere einen Überfall auf die Spezialdepots der Inquisition. Oder ich gebe dir den Auftrag, den Sitz der Tagwache zu stürmen …« Dann schob er die Mappe über den Tisch. »Lies das.«
    Geser selbst öffnete eine identische Mappe und vertiefte sich in die Lektüre der handgeschriebenen, aus einem Schulheft herausgerissenen Seiten.
    Woher kamen eigentlich bei uns im Büro diese altmodischen Pappmappen, die noch mit einer ausgefransten Schnur zusammengebunden wurden? Ob wir im letzten Jahrhundert gleich mehrere Tonnen davon gekauft hatten? Oder sie kürzlich bei einer Organisation heimarbeitender Invaliden aus humanistischen Gründen erworben hatten? Stellte man die Dinger in einem steinalten Kombinat in irgendeinem Muchosransk-Fliegenschisshausen her, das der dortigen Nachtwache gehörte?
    Letztendlich blieb die Tatsache, dass im Zeitalter der Computer, Kopierer, durchsichtiger Plastikhüllen und fester schöner Ordner mit einem bequemen Klemmverschluss unsere Wache die lappigen Pappmappen mit Schnüren benutzte. Peinlich, peinlich – vor allem gegenüber ausländischen Kollegen!
    »Mappen aus organischem Material lassen sich problemlos mit Schutzzaubern belegen, die eine Sondierung aus der Ferne verhindern«, erklärte Geser. »Aus demselben Grund werden nur Bücher benutzt, um Magie zu lehren. In einem Text, der im Computer gespeichert ist, steckt keine Magie mehr.«
    Ich sah Geser in die Augen.
    »Ich habe noch nicht einmal den Versuch unternommen, deine Gedanken zu lesen«, bemerkte Geser. »Solange du dein Gesicht nicht unter Kontrolle hast, besteht dafür nämlich keinerlei Notwendigkeit.«
    Jetzt spürte auch ich die Magie, die der Mappe entströmte. Ein leichter Schutz- und Alarmzauber, der für Lichte kein Problem darstellte. Nebenbei bemerkt könnten ihn auch Dunkle ohne Weiteres aufheben – jedoch nicht lautlos.
    Als ich die Mappe aufschlug, die der Grosse Geser mit einem schmalen Band verschnürt hatte, entdeckte ich vier topaktuelle, noch nach Druckerschwärze riechende Zeitungsausschnitte, ein Fax und drei Fotos. Drei der Artikel waren auf Englisch, auf sie konzentrierte ich mich zunächst.
    Der erste kurze Artikel beschäftigte sich mit einem Zwischenfall in der Sehenswürdigkeit »Schottlands Verliese«. Soweit ich es verstand, war in dieser Einrichtung, einer recht banalen Variante eines Gruselkabinetts, »aufgrund eines technischen Defekts« ein russischer Tourist gestorben. Die Verliese waren geschlossen worden, die Polizei hatte Ermittlungen eingeleitet und untersucht, ob den Angestellten etwas vorzuwerfen sei.
    Der zweite Artikel war wesentlich ausführlicher. Ein »technischer Defekt« wurde hier mit keinem Wort erwähnt. Der Text war ein wenig trocken, ja, sogar pedantisch. Mit wachsender Unruhe las ich, dass es sich bei dem Toten um den fünfundzwanzigjährigen Viktor Prochorow handelte, den Sohn »eines russischen Politikers«, der in Edinburgh studiert und die Verliese zusammen mit seiner Freundin Valerija Chomko besucht hatte, die aus Russland zu Besuch gekommen und in deren Armen er an Blutverlust gestorben war. In der Dunkelheit der touristischen Attraktion hatte ihm jemand die Kehle durchgeschnitten. Oder etwas hatte sie ihm durchgeschnitten. Der arme Kerl hatte zusammen mit seiner Freundin in einem kleinen Kahn gesessen, der langsam über den Blutfluss geschippert war, einen kleinen Kanal, der sich um das Schloss der Vampire schlängelte. Ob aus der Mauer vielleicht ein spitzer Eisenhaken herausgeragt haben mochte, der Viktor den Hals aufgeschlitzt hatte?
    Kaum hatte ich diese Stelle erreicht, seufzte ich und sah Geser an.
    »Du hast immer ein gutes Händchen gehabt, wenn es … äh … um Vampire ging«, meinte der Chef, wobei er sich kurz von seinen Papieren losriss.
    Der dritte Artikel entstammte irgendeiner schottischen Boulevardzeitung. Hier erzählte der Schreiber natürlich eine schaurige Geschichte über moderne Vampire, die in der Finsternis der Sehenswürdigkeiten ihren Opfern das Blut aussaugen. Das einzige originelle Detail war die Versicherung des Journalisten, Vampire saugten ihre Opfer normalerweise nicht derart aus, dass diese stürben. Als echter Russe musste der russische Student jedoch derart betrunken gewesen sein, weshalb der arme schottische Vampir ebenfalls in einen Rausch geriet und sich darüber vergass.
    Trotz des tragischen Ausmasses der Geschichte musste ich lachen.
    »Die Boulevardpresse ist überall auf der Welt gleich«, bemerkte Geser, ohne den Blick zu heben.
    »Das Schlimmste ist jedoch, dass es genauso war«, meinte ich. »Bis auf die schwere Trunkenheit natürlich.«
    »Ein Glas Bier zu Mittag«, bestätigte Geser.
    Der vierte Artikel stammte aus einer unserer Zeitungen. Ein Nachruf. Dem Abgeordneten der Staatsduma Leonid Prochorow wurde Beileid ausgesprochen anlässlich des tragischen Todes seines Sohns …
    Ich nahm mir das Fax vor.
    Wie ich vermutet hatte, handelte es sich dabei um den Bericht der Nachtwache aus Edinburgh, Schottland, Grossbritannien.
    Als leicht ungewöhnlich konnte der Adressat gelten, nämlich Geser persönlich, nicht der diensthabende Fahnder oder der Leiter der Internationalen Abteilung. Auch der Ton des Briefs war etwas persönlicher als sonst in offiziellen Dokumenten.