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Gute Freunde

Die wahre Geschichte des FC Bayern München

Der FCB – eine Klasse für sich!

Keine Mannschaft hat den deutschen Fussball so sehr revolutioniert wie der FC Bayern. Beckenbauers Leichtigkeit, Müllers Torhunger und das unbändige Selbstbewusstsein der jungen Spieler Hoeness und Breitner erschlossen dem Fussball neue spielerische und wirtschaftliche Dimensionen. Thomas Hüetlin, „Spiegel“-Reporter und Kenner der Fussballszene, beschreibt den Aufstieg der Bayern: packend und unmittelbar wie eine Radioreportage, scharfsinnig und witzig wie ein Tom-Wolfe-Bestseller.

Eine ganz neue Art von Fussballbuch: Die Geschichte des deutschen Top-Vereins als Familien-, Firmen- und Kulturgeschichte.

Portrait
Thomas Hüetlin, geboren 1961, wuchs in München auf. Der "Egon-Erwin-Kisch"-Preisträger war für den "Spiegel" Korrespondent in New York und Berlin, und heute in London. Mit Artikeln über Beckham und Kahn erregte er landesweites Aufsehen. Mit Reinhold Messner schrieb er 2004 den Bestseller "Mein Leben am Limit. Eine Autobiographie in Gesprächen". Heute lebt er in Berlin und London.
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  • Prolog
    Es war zwei Uhr früh, vier Stunden nach Abpfiff, als Franz Beckenbauer zum ersten Mal tief durchatmen durfte. Er trug ein weisses Hemd mit gestärktem Kragen, den obersten Knopf auch jetzt noch geschlossen, und dazu, logisch, eine Krawatte. Während einige Mannschaftskameraden durch die Nürnberger Nachtlokale zogen, hatten andere sich zum Kartenspielen in einer Ecke des Kurhotels Beringersdorf versammelt, angeführt vom Mittelstürmer Gerd Müller mit den Worten: »Bin I froh, dass die Gaudi vorbei ist, jetzt tu ma an Schafkopf.«
    Beckenbauer wollte von all dem nichts wissen.
    Er sass unten im Speisesaal des Kurhotels und blinzelte auf das, was vom Fest übrig geblieben war: ein Wappen des FC Bayern aus Marzipan, das die Fans der Mannschaft überreicht hatten, stand da, überragt von einem silber glänzenden Kelch, von dessen Seiten sich zwei Henkel abhoben wie ein Satz riesiger Segelohren – eine der begehrtesten Trophäen des Weltfussballs, der Europacup der Pokalsieger.
    Der Kelch hatte in letzter Zeit einiges aushalten müssen. Die Spieler, die ihn gewannen, brüllten ihn im Siegesrausch an. Sie füllten ihn mit Sekt, sie küssten ihn, zerrten ihn unter die Dusche, und manche nahmen ihn sogar mit ins Bett. Aber jetzt sass dieser einundzwanzig Jahre alte Bursche vor dem Kelch und starrte ihn bloss an. Er hatte hart gefightet, um ihn zu gewinnen, natürlich. Er war durch den Dreck geschlittert, hatte gekeucht und geflucht, gelegentlich hatte er eines seiner Kunststückchen zelebriert, indem er, waagerecht in der Luft hängend wie eine Eisenbahnschranke, den Ball vor den anstürmenden Schotten stoppte. Franz Beckenbauer hatte gelitten.
    Aber, und das war Teil seines Stils, von diesen Leiden liess er sich nichts anmerken. Es war, als hätte die Leichtigkeit, welche ihn umgab, die Anstrengung des Spiels geschluckt. Einfach so. Ganz selbstverständlich. Wie ein Bergsee einen Stein.
    Jetzt murmelte Franz Beckenbauer: »Ah so a grausliger Schloopfen, und für den hama uns so geplagt.«
    Menschen, die weiter weg standen, müssen gedacht haben, er spreche ein Gebet. Dabei war es nur eine nachmitternächtliche Bestätigung jener Haltung, die sein Spiel auf dem Platz schon immer verheissen hatte. Franz Beckenbauer liess sich nicht in die Knie zwingen. Nicht durch die Zuschauer. Nicht durch den Gegner. Und schon gar nicht durch einen Pokal. Es gab nichts, wovor er Angst haben musste.
    Ausser vor seinem eigenen Talent.
    Wer so spielte, war zum Siegen verdammt. Alles andere hätte das Publikum ihm nicht verziehen.
    Das Dumme war nur, dass sie eigentlich keine Chance gehabt hatten, dieses Mal.
    Es war Ende Mai 1967, und wie das bisweilen so ist im Süden Deutschlands, hatte es seit Tagen in Strömen geregnet. Die Wiesen waren vollgesogen mit Wasser. Sie boten wenig Halt und ertränkten schon vorab die vagen Hoffnungen der Bayern, gegen die Weltklassemannschaft der Schotten bestehen zu können. Glasgow Rangers – das waren die schnellen Aussenstürmer Johnston und Henderson, die an den Aussenbahnen entlangzogen, unaufhaltsam wie schwere Kugeln auf einer Kegelbahn. Und hatten die Glasgow Rangers nicht mit Hynd in der Mitte ihres Sturms einen, den sie auf der Insel einen striker nennen und der in die Abwehr des Gegners eindringt wie ein Meissel? Stand im Zentrum ihres Spiels nicht mit Alec Smith ein Stratege, der jedes gegnerische Mannschaftsgefüge auseinander nehmen konnte? Es war kein Zufall, dass die Rangers alles besiegt hatten, was sich ihnen auf dem Weg in dieses Europacup-Endspiel in Nürnberg entgegengestellt hatte: unter anderem Sofia, Zaragoza und Borussia Dortmund.
    Die Bayern dagegen hatten das Konto glücklicher Zufälle schon überzogen, böse überzogen. Es leuchtete tiefrot.
    Sie hatten Glück gehabt und dann noch mehr Glück. Das Los hatte ihnen schwache Gegner zugeteilt, die sie jedoch nur mit grosser Mühe überwanden. Vereine, von denen man noch nie gehört hatte, an Orten, die auf einer normalen Landkarte nicht eingezeichnet waren, Fussballplätze, die man nur finden konnte, wenn man sich vorher Spezialatlanten besorgte. Clubs wie Tatran Presov aus der Tschechoslowakei oder die Shamrock Rovers aus Irland. Bayern besiegte sie jeweils nur mit einem Tor Unterschied, die Hinspiele hatten 1:1 geendet. Später wurden die Städte grösser, aber die Spiele kaum besser. Gegen Rapid Wien erzielten sie das entscheidende Tor in der Verlängerung des Rückspiels. Erst im Halbfinale gegen Standard Lüttich gab es endlich einmal ordentliche, grosszügig klingende Ergebnisse. Das Problem war bloss, sie täuschten ein wenig. Erst 2:0. Dann 3:1. Was in der nüchternen Form der Zahlen wie ein Triumph aussah, war es nicht, wenn man im April 1967 zwei Abende jeweils 90 lange Minuten auf den kalten Rängen herumgestanden hatte. Die Münchner siegten, weil die Abwehr der Belgier ungefähr so gut organisiert war wie ein Bierzelt um Mitternacht. Die Anhänger spürten keine besondere Freude, ihre Mannschaft gegen solch einen Gegner siegen zu sehen. »Das Arbeitsklima ist nüchterner geworden, die Spiele wirken nicht mehr so mitreissend.« Der Mann, der das schrieb, war kein bayernhassender Schreibsöldner. Es war ein Bursche namens Helmut Stegmann vom braven, bavariatümelnden Heimatblatt Münchner Merkur.
    »Na und wenn schon«, wird man in der Kabine der Münchner gesagt haben. »So ist Fussball, manchmal. Was zählt, ist das Weiterkommen. Alles andere kann, muss, will man ertragen.«
    Wirkliche Sorgen bereitete der Mannschaft aus München etwas anderes. Es war der Umstand, dass Gerd Müller gegen die Schotten wahrscheinlich nicht würde spielen können. Müller, den sie schon damals den »Bomber«, das »Phantom« und das »Strafraumgespenst« nannten. Dieser Müller hatte sich am 3. Mai bei einem Länderspiel in Belgrad gegen Jugoslawien den rechten Unterarm gebrochen.
    Ausgerechnet er.
    Von den 16 Toren, die den Weg des FC Bayern ins Endspiel pflasterten, hatte er sieben erzielt. Ohne ihn würde mehr fehlen als bloss ein Mann. Es wäre, als hätte man den halben Sturm in Gips gepackt.
    Es stellte sich also nicht die Frage, ob Müller spielen konnte. Er musste. Ungewiss war nur eins: Ob er es überhaupt durfte.
    Eine Woche vor dem Endspiel in Nürnberg hatte es gegen den Hamburger SV einen Test gegeben. Müller war, wie er später sagte, zum ersten Mal in seinem Leben nervös auf den Rasen gegangen. Der Grund: eine Armmanschette aus Leder, welche ihn aussehen liess wie einen Gladiator auf einem Versteigerungspodest. Sie würde den Arm vielleicht vor Regen schützen oder wilden Tieren, aber solche Gegner waren nicht wirklich Müllers Problem. Er hatte Angst vor Stürzen. Würden die gerade zusammenwachsenden Knochen nicht beim ersten Sturz sofort wieder brechen?
    Er spielte, liess sich weder durch die Manschette noch durch seinen Gegenspieler, den Hamburger Nationalstopper Willi Schulz, einschüchtern und schwebte fast, vollgesogen von neuem Selbstvertrauen, zurück in die Kabine. »Müller war gut. Müller war unser bester Stürmer. Müller spielt in Nürnberg«, sagte Trainer Zlatko Cajkovski, und sein rundes, gutmütiges Gesicht strahlte dabei wie ein Papierlampion.
    Allein die europäische Fussballvereinigung war anderer Meinung. Sie wollte sich Müllers Ledergips anschauen, und das sehr genau.
    Der Regen war wieder stärker geworden, als Müller zusammen mit Vereinsarzt Dr. Erich Spannbauer die Tür zum Hotel »Reichshof« in der Innenstadt von Nürnberg öffnete. Sie baten den Portier, im Zimmer 303 anzurufen. Dort nahm ein Mann namens Lo Bello den Hörer ab. Er war für den Abend als Schiedsrichter vorgesehen. Dazu war er Italiener. »Scusi«, sagte Lo Bello mit verschlafener Stimme. »Wir waren doch um halb elf verabredet und nicht schon um halb zehn.«
    Die Herren sollten hochkommen. Signore Concetto Lo Bello öffnete ihnen im Pyjama die Zimmertür.
    »Sehen Sie, ich habe den Regeln zufolge zu prüfen, ob durch diese Manschette eine Verletzungsgefahr für einen Gegner bestehen könnte.«
    Schliesslich verlangte er, dass der Lederarm um zwei Zentimeter gekürzt werde. Er sei sich aber immer noch nicht sicher und müsse noch einmal bei der UEFA anrufen.
    Der Regen fiel weiter und mit ihm die Laune der Bayern-Mannschaft. Das Finale sollte der ganz grosse Durchbruch werden. Noch vor wenigen Jahren hatte sie in kleinen süddeutschen Orten wie Fürth, Hof oder Ingolstadt gespielt. Dann sich hochgearbeitet nach Dortmund, Hamburg oder Gelsenkirchen. Eine schnelle Karriere gewiss, aber überschaubar und für einen Profi nicht ungewöhnlich. Das Endspiel von Nürnberg war dagegen eine Bühne, auf die die ganze Welt schauen würde. Zum ersten Mal stand Bayern München international im Rampenlicht. Und ausgerechnet bei dieser Premiere sollte einer ihrer Besten fehlen: Müller.
    Der Krieg um die Psyche und die Köpfe der Spieler war in vollem Gange, und sein Anlass war der Ledergips am linken Unterarm des Münchner Mittelstürmers. Trainer fluchten, Aussenläufer pöbelten, stellvertretende Chefredakteure setzten sich an die Schreibmaschine und raunten finstere Prophezeiungen in den Regen.
    »Die Rangers sind zwar keine schmutzige Mannschaft, aber sie sind in Zweikämpfen viel härter, als es die Münchner oder die Hamburger waren. Wenn Müller nicht hundertprozentig fit ist, wäre es Selbstmord, ihn gegen die Rangers aufzustellen.«
    Selbstmord. Das Wort stand da tatsächlich. Und es war nicht Besorgnis, die sich dahinter verbarg, sondern eine schlecht getarnte Drohung. Denn der Verfasser hiess John Fairgrieve von der Scottish Daily Mail, und er wollte, dass die Rangers den Pokal nach Hause brachten.
    Das Fieber, das vor grossen Spielen immer ausbricht, hatte jetzt fast alle gepackt, sogar Trainer Zlatko Cajkovski. Er, der sonst nie Lust auf taktische Besprechungen mit seiner Mannschaft hatte, rief die Münchner Spieler am Abend vor dem Spiel für eine längere Sitzung zusammen.
    »Die Rangers sind kopfballstark, und sie flanken hoch und weit«, warnte er. Da mussten seine Jungs aufpassen.
    Sie nickten und gingen ins Bett. Mitten in der Nacht, da konnten sie hören, wie der Ersatzspieler Hans Rigotti durch das Kurhotel Beringersdorf brüllte: »Bist du wahnsinnig?«
    Was war geschehen?
    Der Torwart Sepp Maier erklärt diesen Zwischenfall heute folgendermassen. Er habe so etwas wie ein mentales Training durchgeführt, sich vor dem Einschlafen immer wieder die hohen Flanken vorgestellt, welche die Schotten vor sein Tor zirkeln würden. Er sprang, er faustete, er fing, er grabschte den Ball von den Köpfen der anstürmenden Gegner. Niemand kam an ihm vorbei. Bis er einen Schlag spürte und hörte: »Bist du wahnsinnig, willst du mir den Kopf abreissen?«
    Hans Rigotti war Maiers Zimmergenosse. Der vermeintliche Ball, den Maier in den Händen hielt, war Rigottis Kopf.
    Der nächtliche Zweikampf war das grosse Thema beim Frühstück, zu dem alle pünktlich erschienen waren, in dunkelblauen Trainingsanzügen mit weissen Streifen. Nur zwei kamen später. Die üblichen Verdächtigen, die Langschläfer, die Burschen, welchen nicht einmal die Glasgow Rangers den Schlaf stehlen konnten. Rudolf Nafziger, der erste Schönling der Bundesliga, und Franz Beckenbauer.
    Cajkovski, der so etwas wie ein Lustcholeriker war, wütete schon wieder über seinen Schinkenbroten, und weil er dazu ein temperamentvoller Mann war, klang das Ganze, als plane er eher einen militärischen Feldzug als ein Fussballspiel. Er wollte die Schotten zurückdrängen, fertig machen, vernichten.
    Beckenbauer kannte diese martialischen Schilderungen schon, konnte mit ihnen aber wenig anfangen. Er grinste, wohlwollend, verbindlich, auch ein wenig herablassend: »Gengas ma, Trainer, die Sie schon alle umgebracht haben wollen, leben alle noch.« Der Scherz prallte wirkungslos ab von der Anspannung ringsum.
    Die Stimmung bessert sich erst gegen Abend, als Schiedsrichter Lo Bello entscheidet, dass Müller mit seiner Ledermanschette spielen darf. 71 000 Zuschauer haben ihre Plätze eingenommen, als die Mannschaften den Rasen betreten: die Schotten in blauen Hemden, weissen Hosen und blauen Stutzen. Die Münchner in weissen Hemden, roten Hosen und roten Stutzen. Das Weiss der Trikots verleiht den jungen Spielern etwas Feierliches und zugleich unschuldig Majestätisches. Es wäre eine Sensation, wenn sie hier siegen würden, gewiss. Aber gerade ihre Jugend und ihr Aussenseitertum verleihen ihrem Selbstbewusstsein Flügel. Kurz bevor sie aus der Kabine trabten, hatte Cajkovski auf Müllers Ledermanschette geklopft und gerufen: »Ist gut für drei Tore.« Sogar der Schiedsrichter musste lachen.
    Als wolle er die Prophezeiung seines Trainers laserstrahlgenau erfüllen, taucht Müller gleich zu Beginn des Spiels im Strafraum der Schotten auf, nimmt den Ball mit rechts an, schiesst sofort, aber leider ein paar Zentimeter am linken Pfosten vorbei. Die Rangers sind geschockt, verwirrt, aber nach 20 Minuten beginnen sie das Spiel zu kontrollieren. Sie drücken von den Flügeln in den Münchner Strafraum, umkurven die Verteidiger wie Strassenlaternen, und nur die überragenden Beckenbauer und Maier verhindern Tore. Den Rest besorgt das Glück.
    Jeder im Stadion spürt: Sollten die Rangers in Führung gehen, würden sie kaum noch zu schlagen sein. Ihre Physis, ihre Erfahrung, ihre Härte, aber auch der nasse Boden – das alles spricht für sie. Für die Bayern spricht nur eins: dass sie bis jetzt ein Gegentor verhindert haben. Und kontern könnten.
    Könnten.
    Zwei Minuten vor Ende wird aus dem Konjunktiv Wirklichkeit. Der Münchner Stürmer Mucki Brenninger steht völlig allein im Strafraum der Schotten. Für einen Wimpernschlag herrscht Stille, dann ohrenbetäubendes Geschrei. Brenninger wirkt in seinem weissen Trikot wie ein Moorgeist, ein Gespenst in der nassen Dunkelheit. Dann schiesst er. Das muss der Sieg sein. Der schottische Torwart reisst die Arme hoch, faustet den Ball in die Finsternis. Verlängerung.
    Das Spiel gleicht jetzt einem von Böen zerzausten Weizenfeld. Mal wogt es hinauf, dann wieder hinunter. Wenn die Spieler in Richtung der Zuschauer laufen, um sich den Ball für einen Einwurf zu holen, scheint es, als schweife ihr Blick in die Ferne der Nacht, als würde dort in der Finsternis, jenseits der Flutlichtmasten, das Ergebnis geschrieben stehen. Aber da kommt nichts, ist nichts. Nur der Ball, der ihnen von einem Balljungen entgegengehalten wird. Weiter.
    Jetzt schlägt der Münchner Olhauser von der Mittellinie den Ball weit vor das Tor der Schotten. Zwei Menschen, ineinander verhakt, springen hoch. Es sind der schottische Verteidiger McKinnon und der Münchner Halbstürmer Franz Roth, wegen seiner Allgäuer Herkunft und Konstitution kurz der »Bulle« genannt. Das Bein des Bullen wird immer länger, sein Schuh berührt den Ball, und von diesem Schuh abgelenkt, senkt er sich ins Netz. Es sieht leicht aus, zwangsläufig, einfach. So, als würde jemand eine Geldmünze schnippen.
    Tor.
    Die Entscheidung.
    Es ist heiss und still in der Kabine. Erst als der Sekt in den Pokal gegossen wird, beginnen die Spieler zu reden, immer lauter. Jeder von ihnen nimmt einen Schluck. Dann ist der Trainer an der Reihe. Als das Tor fiel, hat er vor Freude geweint, und seine Augen glänzen immer noch wie Schokoladenpapier. Er bittet um Ruhe, dankt dem Team, dass es nie aufgegeben habe, an der Aufgabe gewachsen sei.
    »Bestes Mannschaft von Welt«, beendet er seine kurze Rede beseelt. Dann hat der kleine, dicke Mann mit der weissen Trainingsjacke noch einen letzten Wunsch, der eigentlich ein Kompliment ist. »Holen nun den Titel auf Mond.«

    1. Stern des Südens
    Das Ende des Ruinenfussballs
    Tschik Cajkovski war ein Poet, natürlich, aber Poesie war das Letzte, was Wilhelm Neudecker, der Präsident des FC Bayern, im Sinn gehabt hatte, als er den Verein im April 1962 übernahm. Neudecker wollte das, was jeder Präsident will: Erfolg, schnell und ohne Schulden. Er wollte nach oben. Nicht mehr verlieren gegen Vereine wie TSG Ulm 46 und FC Schweinfurt 05. Nicht mehr zufrieden sein mit einem Zuschauerdurchschnitt von 14 667. Nicht mehr am Ende der Saison, wenn die Leute das Schlauchboot auf den Dachträger packen, um in den Sommerurlaub zu fahren, dastehen auf Platz 8 der Oberliga Süd.
    Das nämlich war die Bilanz des Clubs in der Saison 1960/61 gewesen. Und jetzt, sieben Jahre später, standen sie ganz oben. »Eine Revolution«, sagten die einen, »ein Fussballwunder«, die anderen. Da hatte es eine Mannschaft von 0 auf 100 geschafft, die aus lauter Namenlosen aus der eigenen Jugend bestand. Die meisten Spieler waren gerade mal alt genug, sich in der Öffentlichkeit ein Bier bestellen oder wählen zu dürfen. Im Jahre 1967, als sie auf den Thron des europäischen Fussballs kletterten, betrug das Durchschnittsalter des Teams 21,8 Jahre.
    Als sie angefangen hatten, sich hochzuarbeiten, zu Beginn der sechziger Jahre, hatte Adalbert Wetzel, Präsident des erfolgreichen anderen Münchner Clubs, des TSV 1860, noch gehöhnt: »Passt auf, dass wir euch nicht vernichten.« Jetzt staunte dessen Trainer Max Merkel über die ehemaligen Nobodys Franz Beckenbauer und Gerd Müller. »Das ist ja, als würden Mozart und Beethoven in einer Band spielen.«
    Wie konnte das passieren?
    Am 28. April 1962 musste ein neuer Präsident her, weil der alte, ein Fabrikant namens Roland Endler, beim Deutschen Fussball-Bund in Verruf geraten war: Endler hatte den Spielern Schwarzgelder in Form von überhöhten Urlaubszahlungen zukommen lassen, was mit Punktabzug bestraft worden war und den Verein in die Mittelmässigkeit versenkt hatte. Mit Endler an der Spitze, das war klar, würde dort so schnell kein Weg rausführen.
    Also wurde nach einem neuen Boss gesucht. Aber es fand sich keiner, jedenfalls keiner, auf den sich die Mitglieder der Hauptversammlung wirklich einigen konnten. Keiner, der bedenkenlos vorzeigbar gewesen wäre, und so verfielen die Mitglieder auf diesen Typen, der zwar die weissen Haare zurückgekämmt trug wie der Filmstar Curd Jürgens, nie ohne Krawatte aus dem Haus kam und seine Masskleidung beim Münchner Edelschneider Max Dietl bezog, aber trotzdem selten so wirkte, als hätte er das Zeug zu grossen Auftritten, mit denen er den Verein und das Publikum mitreissen könnte. Der Mann hiess Wilhelm Neudecker, und er war ein Bauunternehmer aus der niederbayrischen Provinz, aus Straubing.

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Beschreibung

Produktdetails

Einband Taschenbuch
Seitenzahl 357
Erscheinungsdatum 02.07.2007
Sprache Deutsch
ISBN 978-3-453-60051-5
Verlag Heyne
Maße (L/B/H) 18.8/12.1/3.2 cm
Gewicht 360 g
Abbildungen Aktualis., mit 37 Fotos auf Taf. 19 cm
Buch (Taschenbuch)
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von einer Kundin/einem Kunden aus Berka /Werra am 30.08.2011

Das Buch läßt sich sehr gut lesen und gibt eine Menge interessanter Information ab. Für neue Fans des FCB gibt es viele Überraschungen, welche man so nicht kannte.