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Das Wunder eines Augenblicks

Roman

Für seine große Liebe ist der New Yorker Jeremy in ein Provinznest gezogen. Doch gerade als er beginnt, sein neues Leben zu genießen, erhält er eine mysteriöse Nachricht, die die Schatten der Vergangenheit heraufbeschwört und sein ganzes Glück zu zerstören droht.
Jeremy Marsh war sich seiner Sache ganz sicher gewesen: Nie mehr würde er seinem Herzen folgen, nie New York verlassen - und vor allem niemals Vater werden. Doch nun sitzt er plötzlich mit Lexie, der Liebe seines Lebens, im abgeschiedenen Örtchen Boone Creek und freut sich auf die Geburt seiner Tochter. Alles scheint perfekt - wären da nur nicht die Zweifel, die an Jeremy nagen: Lexie war für ihn Liebe auf den ersten Blick, aber kennt er sie wirklich? Und kann er sich ihrer Gefühle auch im grauen Alltag und in schlechten Zeiten sicher sein? Da erhält Jeremy eine anonyme Nachricht, die alte Wunden wieder aufreißt und ihm den Boden unter den Füßen wegzieht. Sein Glück steht plötzlich auf dem Spiel.

Nicholas Sparks über "Das Wunder eines Augenblicks":
Ich kämpfte lange mit dem Ende von Die Nähe des Himmels – bis mir klar wurde, dass ich ZWEI Bücher gleichzeitig zu schreiben versuchte. Ich merkte: Mit Lexie und Jeremy war ich noch lange nicht fertig. Was erlebt ein eingefleischter New Yorker, der einer Frau zuliebe in ein kleines Städtchen in North Carolina zieht? Wie fühlt sich dieser Mann, der sich für einen ewigen Junggesellen gehalten hat, wenn er plötzlich verheiratet ist und ein Kind erwartet? Darin schienen mir eine ganze Reihe interessanter Konflikte und Probleme zu stecken – und, nicht zu vergessen, ein paar erstaunliche Wendungen.
Portrait
Sparks, Nicholas
Nicholas Sparks, 1965 in Nebraska geboren, lebt in North Carolina. Mit seinen Romanen, die ausnahmslos die Bestsellerlisten eroberten und weltweit in über 50 Sprachen erscheinen, gilt Sparks als einer der meistgelesenen Autoren der Welt. Mehrere seiner Bestseller wurden erfolgreich verfilmt. Alle seine Bücher sind bei Heyne erschienen, zuletzt »Seit du bei mir bist«.
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  • Prolog

    Februar 2005

    Gibt es Liebe auf den ersten Blick? Diese Frage liess ihn nicht los. Es war sicher das hundertste Mal, dass er darüber nachdachte. Er sass in seinem Wohnzimmer auf dem Sofa, die Wintersonne war schon lange untergegangen, und durchs Fenster sah man nur noch graue Nebelschleier. Ein kahler Zweig klopfte sacht gegen die Scheibe, sonst war alles still. Aber er war nicht allein. Leise stand er auf und ging den Flur hinunter, um einen Blick auf sie zu werfen. Er überlegte kurz, ob er sich zu ihr legen sollte. Es wäre ein guter Vorwand, um kurz die Augen schliessen zu können. Wie gern würde er sich ein bisschen ausruhen – aber andererseits wollte er nicht das Risiko eingehen, schon so früh einzunicken. Sie rührte sich im Schlaf, als würde sie seinen Blick spüren. Wehmütig wanderten seine Gedanken zurück in die Vergangenheit. Er dachte daran, welch verschlungene Wege sie zusammengeführt hatten. Was für ein Mensch war er damals gewesen? Und wer war er jetzt? Oberflächlich betrachtet schienen diese Fragen leicht zu beantworten. Er hiess Jeremy, war zweiundvierzig Jahre alt, Sohn eines irischen Vaters und einer italienischen Mutter. Seinen Lebensunterhalt verdiente er sich mit dem Schreiben von Zeitschriftenartikeln. Das erwiderte er immer, wenn ihn jemand fragte. Die Angaben waren korrekt, aber manchmal fragte er sich, ob er nicht noch etwas hinzufügen müsste – zum Beispiel, dass er vor fünf Jahren nach North Carolina gefahren war, um einem Geheimnis auf die Spur zu kommen. Dass er sich dort verliebt hatte, und zwar nicht nur einmal, sondern gleich zweimal – innerhalb eines Jahres. Und dass dieses Glück mit tiefer Trauer verbunden war und er sich immer noch fragte, welche Erinnerungen ihm bleiben würden.
    Auf Zehenspitzen ging er zurück ins Wohnzimmer. Nein, er klammerte sich nicht an die Erinnerungen an damals, aber er wich ihnen auch nicht aus. Er konnte das Kapitel so wenig aus seinem Leben löschen, wie er sein Geburtsdatum ändern konnte. Es gab Tage, an denen er sich wünschte, er könnte die Uhr zurückdrehen und alles Traurige tilgen, doch er spürte gleichzeitig, dass er damit auch das Positive ausradieren würde. Und das wollte er auf keinen Fall.
    In den dunkelsten Stunden dachte er oft an jene Nacht mit Lexie auf dem Friedhof, als sie die geisterhaften Lichter sahen, derentwegen er von New York hierher gekommen war. Da war ihm plötzlich bewusst geworden, wie viel Lexie ihm bedeutete. Sie sassen zwischen den Gräbern und warteten in der nächtlichen Finsternis auf die Lichter, und Lexie erzählte ihm ihre Lebensgeschichte. Dass sie schon als kleines Kind Waise geworden war, hatte Jeremy bereits gewusst, nicht aber, dass sie ein paar Jahre nach dem Tod ihrer Eltern schreckliche Albträume bekommen hatte, Angstvisionen, die immer wieder kamen und in denen sie den Tod ihrer Eltern vor sich sah. Ihre Grossmutter Doris wusste sich schliesslich nicht mehr anders zu helfen und nahm sie mit auf den Friedhof, um ihr die geheimnisvollen Lichter zu zeigen. Für ein Kind waren sie wie ein Wunder, das der Himmel geschickt hatte, und Lexie war fest davon überzeugt, dass sie in ihnen die Geister ihrer Eltern erkannte. Und aus irgendeinem Grund hatte ihr diese Erfahrung geholfen, die Albträume zu überwinden.
    Jeremy war von dieser Geschichte sehr ergriffen gewesen; Lexies Schmerz und die unschuldige Kraft ihres Glaubens hatten ihn tief berührt. Und nachdem er in jener Nacht selbst die Lichter gesehen hatte, wollte er von ihr wissen, wofür sie diese mysteriösen Erscheinungen hielt. Sie hatte sich zu ihm gebeugt und geflüstert: »Es waren meine Eltern. Wahrscheinlich wollten sie dich kennen lernen.«
    Am liebsten hätte er sie in die Arme geschlossen und an sich gedrückt. Denn genau in diesem Augenblick hatte er sich in sie verliebt – und nie mehr aufgehört, sie zu lieben.
    Der Februarwind draussen frischte wieder auf. In der undurchdringlichen Dunkelheit konnte man nichts sehen, und mit einem müden Seufzer legte sich Jeremy auf die Couch. Er spürte, wie ihn der Zauber der Erinnerung zurückführte in jene Zeit … Er hätte die Bilder vertreiben können, doch er liess sie kommen, den Blick zur Zimmerdecke gerichtet. Er liess sie immer kommen.
    Und er dachte an das, was damals geschah.

    Kapitel 1
    Fünf Jahre zuvor
    New York City, 2000

    »Verstehst du nicht? Es ist ganz einfach«, sagte Alvin. »Erst lernt man ein nettes Mädchen kennen, dann geht man für eine Weile mit ihm aus, um herauszufinden, ob man dieselben Wertvorstellungen hat. Man muss doch wissen, ob man zusammenpasst, wenn es um die grossen Entscheidungen geht, so nach dem Motto: ›Das ist unser Leben, wir wollen es gemeinsam meistern.‹ Du weisst schon – man bespricht, wessen Familie man an welchen Feiertagen besucht, ob man in einem Haus oder in einem Apartment wohnen möchte, ob man einen Hund oder lieber eine Katze haben will, wer morgens zuerst unter die Dusche geht, solange noch genug heisses Wasser da ist. Und wenn man sich in all diesen Punkten einig ist, dann heiratet man. Kannst du mir folgen?«
    »Selbstverständlich kann ich dir folgen«, antwortete Jeremy.
    Jeremy Marsh und Alvin Bernstein befanden sich in Jeremys Wohnung in der Upper West Side von Manhattan. Es war ein kühler Samstagnachmittag im Februar. Sie waren schon seit Stunden mit Packen beschäftigt, überall stapelten sich die Kartons, manche waren bereits voll und warteten neben der Tür darauf, dass die Möbelpacker sie in den Umzugswagen schleppten, andere mussten erst noch gefüllt werden. Es sah aus, als wäre ein Tasmanischer Teufel durch die Tür gehüpft, hätte sich in sämtlichen Räumen ausgetobt und wäre wieder verschwunden, nachdem er alles durcheinander gewirbelt hatte. Jeremy staunte, wie viel Kram sich im Laufe der Jahre angesammelt hatte. Den ganzen Vormittag schon hatte seine Verlobte, Lexie Darnell, ihn immer wieder darauf hingewiesen. Vor zwanzig Minuten hatte sie schliesslich frustriert die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen und verkündet, sie werde jetzt mit Jeremys Mutter Mittagessen gehen und die beiden Männer ihrem Schicksal überlassen. Jeremy und Alvin waren also zum ersten Mal allein.
    »Und? Kannst du mir dann mal erklären, was du eigentlich vorhast?«, hakte Alvin nach.
    »Genau das, was du gerade gesagt hast.«
    »Aber das stimmt doch gar nicht! Du stellst die Reihenfolge auf den Kopf und steuerst blindlings auf das grosse ›Ich will‹ zu, bevor ihr zwei überhaupt ausprobiert habt, ob ihr die Richtigen füreinander seid! Du kennst Lexie doch gar nicht!«
    Jeremy verstaute eine Ladung Kleidungsstücke in einem Karton. Er hätte Alvin gern dazu gebracht, endlich das Thema zu wechseln. »Doch, ich kenne sie.«
    Nun fing Alvin an, die Papiere auf Jeremys Schreibtisch zu sortieren, und legte einen Stapel in dieselbe Kiste, die Jeremy gerade packte. Als Jeremys bester Freund hatte er das Gefühl, offen mit ihm sprechen zu können.
    »Ich will einfach nur ehrlich mit dir sein – und du solltest vielleicht auch wissen, dass ich das ausspreche, was deine ganze Familie in den letzten Wochen gedacht hat. Die Sache ist die – du kennst Lexie einfach nicht gut genug, um in den Süden zu ziehen. Und schon gar nicht, um sie zu heiraten. Das ist nicht wie bei dir und Maria«, fügte er hinzu. Maria war Jeremys Exfrau. »Vergiss nicht – ich kenne Maria auch sehr gut, wesentlich besser als du Lexie, aber ich wäre trotzdem nie auf die Idee gekommen, dass das ausreicht, um sie zu heiraten.«
    Jeremy holte die Papiere wieder aus der Kiste und legte sie zurück auf den Schreibtisch. Es stimmte – Alvin hatte Maria schon vor ihm kennen gelernt und war immer noch mit ihr befreundet. »Ja, und?«
    »Was – ja, und? Was würdest du sagen, wenn ich das machen würde? Stell dir vor, ich würde plötzlich zu dir kommen und erklären: Ich habe eine supertolle Frau getroffen, deshalb hänge ich meine Karriere an den Nagel, lasse all meine Freunde und meine Familie im Stich und ziehe in die Südstaaten, damit ich diese Frau heiraten kann. Zum Beispiel diese … wie heisst sie gleich? … diese Rachel!«
    Rachel arbeitete als Bedienung in dem Restaurant, das Lexies Grossmutter gehörte, und als Alvin nach Boone Creek gekommen war, hatte er ein Auge auf sie geworfen und sie sogar nach New York eingeladen.
    »Ich würde sagen, dass ich mich für dich freue.«
    »Also bitte! Weisst du noch, wie du reagiert hast, als ich darüber nachgedacht habe, ob ich Eva heiraten soll?«
    »Natürlich weiss ich das noch. Aber mein Fall liegt völlig anders.«
    »Na klar! Ich verstehe. Weil du reifer bist als ich.«
    »Erstens das – und zweitens, weil Eva keine Frau zum Heiraten ist.«
    Dass das stimmte, konnte Alvin nicht leugnen. Lexie arbeitete als Bibliothekarin in einer Kleinstadt im Süden und wollte gern eine Familie gründen, während Eva eine Tattoo-Künstlerin aus Jersey City war. Von Eva stammten übrigens die meisten Tätowierungen auf Alvins Armen sowie fast sämtliche Piercings in seinen Ohren. Wegen dieser Verzierungen bekam man fast den Eindruck, Alvin wäre gerade aus dem Gefängnis entlassen worden. Das alles hatte ihn nicht weiter gestört. Was ihre Beziehung schliesslich zum Scheitern brachte, war die Tatsache, dass Eva vergessen hatte, ihm mitzuteilen, dass sie mit ihrem Freund zusammenlebte.
    »Selbst Maria findet es verrückt!«
    »Du hast es ihr erzählt?«
    »Aber sicher! Wir reden über alles.«
    »Ich freue mich, dass du so ein gutes Verhältnis zu meiner Exfrau hast. Aber eigentlich geht es sie nichts an. Genauso wenig wie dich.«
    »Ich versuche doch nur, dich irgendwie zur Vernunft zu bringen. Du darfst nichts überstürzen. Du kennst Lexie doch gar nicht!«
    »Wie oft willst du das noch wiederholen?«
    »So oft, bis du endlich zugibst, dass du eine Frau heiraten willst, die eine Fremde für dich ist.«
    Alvin wusste offenbar nicht, dass man ein Thema irgendwann fallen lassen muss. Da verhielt er sich genau wie Jeremys fünf ältere Brüder. Er ist wie ein Hund, der einen Knochen nicht hergeben will, dachte Jeremy.
    »Sie ist keine Fremde für mich.«
    »Nein? Na gut – wie heisst sie denn mit zweitem Vornamen?«
    »Wie bitte?«
    »Du hast mich genau verstanden. Sag mir, wie Lexie mit zweitem Vornamen heisst.«
    »Was hat das mit der ganzen Sache zu tun?« Jeremy kniff die Augen zusammen.
    »Nichts. Aber wenn du sie heiraten willst, solltest du solche Fragen beantworten können – findest du nicht?«
    Jeremy holte Luft, um etwas zu sagen, aber dann fiel ihm auf, dass er Lexies zweiten Vornamen tatsächlich nicht kannte. Sie hatte ihn nie erwähnt, und er hatte sie nie danach gefragt. Als würde Alvin spüren, dass er endlich zu seinem verstockten Freund durchdrang, preschte er weiter vor.
    »Also – wie sieht’s mit den übrigen Grundinformationen aus? Was hat sie studiert? Was für Freunde hatte sie am College? Was ist ihre Lieblingsfarbe? Isst sie lieber Weissbrot oder Vollkornbrot? Was ist ihr Lieblingsfilm? Welche Fernsehsendungen sieht sie gern? Wer ist ihr Lieblingsschriftsteller? Weisst du überhaupt, wie alt sie ist?«
    »Anfang dreissig.«
    »Anfang dreissig? Das hätte ich dir auch noch sagen können.«
    »Ich bin mir ziemlich sicher, dass sie einunddreissig ist.«
    »Du bist dir ›ziemlich sicher‹? Merkst du denn gar nicht, wie absurd sich das anhört? Du willst eine Frau heiraten, von der du nicht mal weisst, wie alt sie ist?«
    Jeremy zog die nächste Schublade auf und stopfte den Inhalt in einen Karton. Alvins Argumentation war logisch, das wusste er, wollte es aber nicht zugeben. Stattdessen atmete er tief durch und sagte: »Ich dachte, du würdest dich für mich freuen, dass ich endlich jemanden gefunden habe.«
    »Ich freue mich für dich. Aber ich habe nicht erwartet, dass du gleich von New York wegziehen und sie heiraten willst. Zuerst habe ich das für einen Witz gehalten! Du weisst, ich finde sie auch toll, ehrlich, und wenn du in ein, zwei Jahren immer noch fest entschlossen bist, dann schleppe ich dich höchstpersönlich zum Traualtar! Aber jetzt geht alles so holterdiepolter, und dafür gibt es keinen Grund.«
    Jeremy schaute aus dem Fenster. Er sah die grauen, russverschmierten Backsteine, von denen die schmucklosen rechteckigen Fenster des Nachbarhauses umrahmt wurden. Hinter den Scheiben konnte man bewegliche Schattenbilder erkennen: eine Frau am Telefon, einen Mann, der, in ein Handtuch gehüllt, zum Badezimmer strebte, eine andere Frau, die bügelte und dabei fernsah. In all den Jahren, die er jetzt schon hier wohnte, hatte er seine Nachbarn kein einziges Mal auch nur gegrüsst.
    »Lexie ist schwanger«, sagte er schliesslich.
    Zuerst dachte Alvin, er habe sich verhört. Erst als er Jeremys Gesichtsausdruck sah, wusste er, dass sein Freund keinen Witz gemacht hatte.
    »Wie bitte? Sie ist schwanger?«
    »Es ist ein Mädchen.«
    Alvin liess sich aufs Bett fallen, als hätten seine Beine nachgegeben. »Warum hast du mir das nicht eher gesagt?«
    Jeremy zuckte die Achseln. »Sie hat mich gebeten, es keinem zu erzählen. Also behalte es bitte für dich, versprochen?«
    »Ja klar.« Alvin klang ziemlich benommen. »Versprochen.«
    »Und da ist noch was.«
    Alvin blickte hoch.
    Jeremy fasste ihn an den Schultern. »Ich hätte dich gern als Trauzeugen.«
    Wie war das alles gekommen?
    Als er am nächsten Tag mit Lexie durch das riesige Spielzeuggeschäft FAO Schwarz schlenderte, wo sie sich ein bisschen umschauen wollte, grübelte er wieder einmal über diese Frage nach. Nicht über die Frage, warum Lexie schwanger war – diese Nacht würde er nie in seinem Leben vergessen. Aber obwohl er Alvin gegenüber so entschieden aufgetreten war, hatte er doch manchmal das Gefühl, als würde er eine Rolle in einer charmanten Liebeskomödie spielen, in der bis zum Abspann alles offen blieb.
    Was ihm widerfahren war, passierte nicht alle Tage. Das heisst, eigentlich passierte es so gut wie nie. Wer fährt schon in eine kleine Stadt im Süden, um einen Artikel für den Scientific American zu schreiben, lernt dort eine Bibliothekarin kennen und verliebt sich innerhalb von ein paar Tagen Hals über Kopf in sie? Wer beschliesst spontan, die Chance auf einen Job beim Frühstücksfernsehen auszuschlagen, sein Leben in New York City hinter sich zu lassen und nach Boone Creek, North Carolina, zu ziehen, ein Städtchen, das nicht viel mehr ist als ein Punkt auf der Landkarte?
    So viele Fragen!
    Nein, es war nicht so, dass ihm grundsätzliche Zweifel kamen. Im Gegenteil! Während er Lexie zuschaute, wie sie das Angebot an Superman-und Barbie-Puppen inspizierte – sie wollte seine zahlreichen Nichten und Neffen mit Geschenken überraschen, um einen guten Eindruck zu machen –, war er sich sicherer denn je, dass er die richtige Entscheidung getroffen hatte. Er lächelte, weil er das Leben, das auf ihn wartete, schon deutlich vor sich sah: entspannte Mahlzeiten, romantische Spaziergänge, lustige und zärtliche Momente vor dem Fernseher, wunderschöne Stunden – lauter Dinge, die das Leben lebenswert machten. Er war nicht so naiv zu glauben, dass Lexie und er sich nie streiten würden, aber er wusste, dass es ihnen gelingen würde, die Probleme zu meistern. Sie würden feststellen, dass sie füreinander bestimmt waren, und ein glückliches Leben führen.
    Doch da fiel sein Blick auf ein junges Paar mit zwei Kindern, das vor einem Stapel mit Stofftieren stand. Die zwei waren nicht zu übersehen: um die dreissig, elegant gekleidet, der Mann sah aus wie ein Investment-Banker oder ein Anwalt, bei der Frau hatte man den Eindruck, dass sie ihre Nachmittage hauptsächlich im Luxus-Kaufhaus Bloomingdale’s verbrachte. Sie waren beide mit einem halben Dutzend Tüten aus lauter verschiedenen Geschäften beladen. Der Diamant am Finger der Frau war so gross wie eine Murmel – wesentlich imposanter als der Verlobungsring, den Jeremy gerade für Lexie gekauft hatte. Bestimmt nahmen die Eltern zu solchen Unternehmungen sonst immer ein Kindermädchen mit, dachte Jeremy, denn sie wirkten völlig desorientiert und wussten offenbar nicht, wie sie sich verhalten sollten.
    Das Kind im Buggy schrie aus Leibeskräften. Es war dieses durchdringende Geschrei, bei dem sich die Tapeten von den Wänden lösten und die anderen Kunden abrupt stehen blieben. Der ältere Bruder – er war ungefähr vier Jahre alt – brüllte noch lauter und warf sich dann plötzlich auf den Boden. Die Eltern wirkten wie Soldaten unter Beschuss: gelähmt vor Schreck. Ihre übernächtigte Blässe und die dunklen Ringe unter den Augen waren nicht zu übersehen. Trotz der makellosen Fassade waren sie sichtlich mit ihren Kräften am Ende. Die Mutter schaffte es immerhin, das Baby aus dem Buggy zu befreien. Sie drückte die Kleine an sich, während der Vater ihr besänftigend den Rücken tätschelte.
    »Lass das! Ich kann sie schon beruhigen!«, fuhr sie ihn an. »Kümmere dich lieber um Elliot!«
    Fast erschrocken beugte sich der Mann zu seinem Sohn hinunter, der um sich trat und mit den Fäusten auf den Boden trommelte – ein Wutanfall erster Klasse.
    »Hör sofort auf zu schreien!«, wies sein Vater ihn streng zurecht und drohte ihm mit dem Finger.
    Na, super, dachte Jeremy. Das hilft bestimmt!
    Elliot lief knallrot an und warf sich von einer Seite zur andern.
    Nun konnte auch Lexie die Szene nicht länger ignorieren. Es ist, wie wenn man eine Frau sieht, die im Bikini den Rasen mäht, dachte Jeremy – man muss einfach hinschauen, ob man will oder nicht. Das Baby heulte, Elliot schrie, die Frau blaffte den Mann an, er solle endlich etwas unternehmen, der Vater brüllte zurück, er tue, was er könne.
    Inzwischen hatte sich eine neugierige Menschenmenge um die glückliche Familie versammelt. Die Frauen verfolgten die Szene mit einer Mischung aus Dankbarkeit und Mitleid: dankbar, weil sie selbst nicht die Betroffenen waren, aber gleichzeitig voller Verständnis für die Ausweglosigkeit der Situation – höchstwahrscheinlich kannten sie ähnliche Dramen aus persönlicher Erfahrung. Die Männer hingegen schienen nur einen Wunsch zu haben: nichts wie weg hier – möglichst schnell, möglichst weit.
    Elliot trommelte auf den Fussboden und steigerte die Lautstärke.
    »Komm – wir gehen!«, stöhnte die Mutter in ihrer Verzweiflung.
    »Das sage ich schon die ganze Zeit!«, fuhr der Vater sie an.
    »Heb ihn endlich hoch.«
    »Das versuche ich doch!«, brüllte er aufgebracht.
    Aber Elliot wollte sich nicht von seinem Vater hochheben lassen. Und als dieser ihn dann doch packte, drehte und wand er sich wie eine wütende Schlange. Sein Kopf pendelte blitzschnell hin und her, und seine Beine hörten nicht auf zu treten. Dem Vater traten Schweissperlen auf die Stirn, sein Gesicht verzerrte sich vor Anstrengung. Elliot andererseits schien immer grösser zu werden, eine Art Mini-Hulk, der sich in seiner Wut immer mehr aufblähte.
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Beschreibung

Produktdetails

Einband Taschenbuch
Seitenzahl 399
Erscheinungsdatum 06.08.2007
Sprache Deutsch
ISBN 978-3-453-81111-9
Verlag Heyne
Maße (L/B/H) 18.9/11.8/3.5 cm
Gewicht 336 g
Originaltitel At First Sight
Abbildungen 22 schwarzweisse Abbildungen
Übersetzer Adelheid Zöfel
Verkaufsrang 16566
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Fesselnd..
von einer Kundin/einem Kunden aus Hamburg am 24.06.2013

Klasse Buch von Sparks, dennoch finde ich nicht, dass es seinen anderen Werken gleicht. Ich finde dieses Buch ist anders als seine anderen Bücher. Dennoch ist es ein super Buch mit vielen Gefühlen. Das "Geheimnis" des Buches fesselt einen. Und zum Schluss fließen Tränen...

es rührt zu Tränen
von Manja aus Unterweid am 30.10.2012

Wie gewohnt eine kleine Zusammenfassung von mir: Jeremy Marsh war sich seiner Sache ganz sicher gewesen: Nie mehr würde er seinem Herzen folgen, nie New York verlassen – und vor allem niemals Vater werden. Doch nun sitzt er plötzlich mit Lexie, der Liebe seines Lebens, im abgeschiedenen Örtchen Boone Creek und freut sich auf... Wie gewohnt eine kleine Zusammenfassung von mir: Jeremy Marsh war sich seiner Sache ganz sicher gewesen: Nie mehr würde er seinem Herzen folgen, nie New York verlassen – und vor allem niemals Vater werden. Doch nun sitzt er plötzlich mit Lexie, der Liebe seines Lebens, im abgeschiedenen Örtchen Boone Creek und freut sich auf die Geburt seiner Tochter. Er ist fest entschlossen, sich in der Provinz einzuleben, auch wenn es nicht leicht sein wird, dort Freunde zu finden. Das wichtigste für ihn ist Lexie, und mit ihr scheint alles perfekt: Noch nie hat Jeremy so tief geliebt. Doch trotz seiner großen Gefühle nagen auch Zweifel an ihm: Für ihn war es Liebe auf den ersten Blick, aber kennt er Lexie denn wirklich? Und kann er sich ihrer Gefühle sicher sein, auch im grauen Alltag und in schlechten Zeiten? Wird sie ihn noch lieben, wenn sie erst all ihre kleinen Fehler kennt? Da erhält Jeremy eine anonyme Nachricht, die ihm den Boden unter den Füßen wegzieht. Alle Sicherheiten sind plötzlich dahin und tiefe alte Wunden wieder aufgerissen. Sein ganzes Glück steht auf dem Spiel. Für seine große Liebe ist der New Yorker Journalist Jeremy in ein Provinznest gezogen. Doch gerade als der beginnt, sich an sein neues Ledben zu gewöhnen, erhält er eine mysteriöse Nachricht. Sie beschwört die Schatten der Vergangenheit herauf und droht sein ganzes Glück zu zerstören. Mit diesem Ende habe ich nicht gerechnet. Es hat mich richtig bewegt. Kann es nur weiterempfehlen.

Es kullerten Tränen...
von einer Kundin/einem Kunden am 05.06.2012

Dieses Buch ist ein weiteres Wunderwerk von N. Sparks. Ich konnte es kaum mehr aus der Hand legen und zum Schluss kullerten nicht gerade wenige Tränen über meine Wangen. Ein Muss für Romantiker! Absolute Empfehlung!