Tagebuch 1939-1942

Renia Spiegel

10. September 1939 »O Gott, mein Gott! Wir sind schon den dritten Tag unterwegs. Sie haben Przemyśl bombardiert, und wir mussten iehen. Wir sind zu dritt: Ariana, Grossvater und ich. Unterwegs hören wir, dass Przemyśl weiterhin zerstört wird. Oma ist dort geblieben. Gott, bitte beschütze sie. Nachts verliessen wir mit unseren Bündeln zu Fuss die brennende und zum Teil zerstörte Stadt. 17. Juni 1940 »Schon morgen ist mein Geburtstag, ich werde 16 Jahre alt. Weisst Du, was das bedeutet? Die schönste Zeit des Lebens. Häu g hört man: »Ach, noch mal 16 sein.« Und jetzt bin ich so alt und trotzdem so schrecklich unglücklich! Frankreich hat kapituliert. Hitlers Armee überschwemmt ganz Europa. Amerika verweigert seine Hilfe. Wer weiss, ob sie nicht einen Krieg mit Russland anfangen. Und ich bin hier ohne Mama und Papa, ohne ein Zuhause, werde herumgeschubst und ausgelacht. O Gott, warum muss ich so einen Geburtstag erleben? Wäre es nicht besser gewesen, früh zu sterben?«
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Beschreibung

Als Renia Spiegel ihr Tagebuch begann, war sie noch keine fünfzehn Jahre alt und gerade zu ihren Grosseltern nach Przemyśl übersiedelt. Sie vermisste das väterliche Landgut und die Mutter, die sich mit der jüngeren Schwester Ariana häufig in Warschau aufhielt, um Ariana eine Bühnenkarriere aufzubauen. Auf rund 700 Heftseiten schildert Renia den Alltag im Gymnasium und Erlebnisse mit Freundinnen, bald aber auch das Leben und die Nöte in einer geteilten Stadt nach dem Einmarsch der Deutschen und der Sowjets. Vor allem schüttet sie dem Tagebuch ihr Herz aus und fasst ihre Empfindungen in berührende Gedichte. Ihre erste grosse Liebe zu dem Mitschüler Zygmunt wühlt sie innerlich auf, während um sie herum die Nazis vorrücken und die Schrecken des Ghettos über sie hereinbrechen.
Zygmunt, der Zwangsarbeit und Lagerhaft überlebte, gelang es nicht nur, das Tagebuch vor der Zerstörung zu bewahren, sondern er ruhte nicht, bis er Renias Mutter in New York ausfindig gemacht und es ihr übergeben hatte. Wie durch ein Wunder ist uns so ein einzigartiges Zeitzeugnis erhalten geblieben.

»In der heutigen Zeit, da über die Einigung auf simple Wahrheiten politische Schlachten gefochten werden und die Geschichte als Waffe eingesetzt wird, setzt die Veröffentlichung von Renia Spiegels Tagebuch ein wichtiges Zeichen für die Überzeugungskraft der Zeitzeugenschaft,«
New York Times

»Sie wusste nicht, was die Geschichte für sie bereithält, doch dem Leser ist die unausweichliche Katastrophe bekannt. So entfaltet das Tagebuch des vitalen Mädchens aus Polen einen unheimlichen Sog.«
Gernot Kramper, Stern

Renia Spiegel (1924–1942), geboren im polnischen Uhryńkowce, wuchs nach der Trennung der Eltern bei ihren Grosseltern in Przemyśl auf. Dort besuchte sie das Maria-Konopnicka-Gymnasium und verliebte sich in Zygmunt Schwarzer. Nach der Internierung im Ghetto konnte Zygmunt Renia für kurze Zeit auf dem Dachboden eines Hauses verstecken. Durch einen Verrat flog das Versteck auf, und Renia wurde erschossen. Sie war gerade erst 18 Jahre alt geworden.

Elizabeth Bellak, 1930 als Ariana Spiegel geboren, war Kinderschauspielerin und galt als polnische Shirley Temple. 1942 floh sie mit ihrer Mutter aus Warschau zunächst nach Österreich und emigrierte dann nach New York City, wo sie heute lebt.

Joanna Manc, geboren 1959 in Gdynia, lebt seit 1968 in Frankfurt am Main. Sie studierte Germanistik, Romanistik und Slawistik und ist seit 1994 Übersetzerin aus dem Polnischen. 2006 erhielt sie den Förderpreis des Europäischen Übersetzerpreises Offenburg, 2010 zusammen mit Włodzimierz Nowak den Georg-Dehio-Ehrenpreis.

Produktdetails

Einband gebundene Ausgabe
Seitenzahl 480
Erscheinungsdatum 20.07.2021
Sprache Deutsch
ISBN 978-3-89561-414-9
Verlag Schöffling
Maße (L/B) 21/14 cm
Originaltitel Dziennik 1939–1942
Abbildungen mit 32-seitigem Bildteil. Bedruckte Vorsätze
Auflage 1. Auflage
Übersetzer Joanna Manc

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