Die Visionen des Aynali Baba

Osmanische Erzählung nach Schahbenderzadeh Ahmet Hilmi

Ahmet Hilmi

Er setzte die Djeswe auf das Feuer aus trockenem Gras und Müll, wandte sich mir zu und sagte noch einmal: „Herzlich willkommen, mein Freund. Wie geht es dir?“„El-hamdu lillâh“, antwortete ich. Die im Gegensatz zu seinem Äusseren stehende Würde, die der Mann ausstrahlte, verwirrte mich immer mehr.„Wie heisst du?“ begann er wieder zu sprechen.„Ahmet Radji.“ „So, Ahmet Radji?“ Und lachend: „Du hast den Namen der Menschheit angenommen, mein Freund! Das Menschengeschlecht ist so unfähig, schwach und hilfsbedürftig, dass es sein Leben mit Bitten und Betteln verbringt. Radji – der Bittende – heisst Mensch.“Diese weisen Worte verwirrten mich noch mehr. So fragte ich: „Wie ist denn dein Name?“„Ich habe viel Namen. Überall heiss ich anders und habe ich andere Merkmale. Hier nennt man mich wegen der vielen Spiegelchen auf meiner Kleidung Aynali Dede. Aber wenn du willst, kannst du mich auch Aynali Baba nennen.“Nachdem ich ein wenig überlegt hatte, konnte ich mich nicht zurückhalten und fragte: „Mein lieber Freund. Es ist offenkundig, dass du ein reifer und wissender Mann bist, warum aber versteckst du dich unter dieser merkwürdigen Kleidung? Ich verstehe nicht, warum du dich unter dem Gewand eines Verrückten verbirgst.“„Das ist doch einfach zu verstehen.“ Nachdem er den Kaffee gekocht und die Tassen gefüllt hatte, fuhr er fort: „Jeder liebt irgendeinen Schmuck und Zierrat. Jeder gibt eine Menge Geld aus, um sich verschiedenste Sache anfertigen zu lassen. Ich finde nun halt Freude an solcher Kleidung.“ Diese Antwort war für meinen Verstand teils befriedigend, teils unbefriedigend. Als ich über sie nachdachte, fand ich sie doch unbefriedigend und teilte ihm meinen Gedanken mit. Er antwortete: „So, du findest meine Ausführungen also unzureichend, aber das trifft nicht zu. Du findest es selbstverständlich, wenn ein Mann in meinem Alter sich eine Krawatte, einen Stoffstreifen, den er für fünfzehn oder zwanzig Lira gekauft hat, um den Hals hängt. Warum soll es dann unverständlich sein, wenn ich mir einige Spiegelplättchen an meiner Kappe befestige? Nehmen wir beides als Zeichen der menschlichen Unfähigkeit und Verrücktheit, so ist meine Verrücktheit aber blitzender und verstehbar.“Plötzlich hatte ich eine wunderbare Idee. Warum sollte ich nicht Aynali Baba, diesen weisen, sich hinter der Tracht eines Verrückten verbergenden Menschen, zu den mich seit jeher beschäftigenden Problemen befragen?„Mein verehrter Freund“, sagte ich, „du gleichst einem Juwel in einer Ruine. Ich aber bin ein Vagabund, der nach Weisheit und Erkenntnis lechzt. Bitte erlaube mir, an dem Glanz des Juwels teilzuhaben. Gib mir deine Hand, damit ich sie küssen kann.“„Die Hand küssen? Warum? Wenn du willst, können wir miteinander reden. Aber welchen Nutzen haben die Worte? Wer weiss, wieviele Kamellasten Bücher du bisher gelesen hast! Was hast du dadurch verstanden? Nichts! Nichts! Oder? Was ist es, was die Menschen Wissen nennen? Was ist das für ein Wissen, mit dem sie ihr Ich füttern und für die Wahrheit unempfänglich machen? Es ist nichts, denn was wissen sie über die Wahrheit, über das Absolute? Nichts! Es mag möglich sein, mit dem Mass des Verstandes die Wahrheit zu beschreiben, aber wissen, verstehen, ist das möglich? Worüber wollen wir reden? Kann man den Kern der Weisheit durch das Aneinanderreihen von Buchstaben erfassen?“In diesem Moment bemerkte ich eine eigenartige Wandlung. Die Grösse in den Worten dieses Menschen, der das Wissen und die Erkenntnisse einer siebentausendjährigen Geschichte menschlicher Zivilisation als gering betrachtete, versetzte mich in einen Zustand von Unscheinbarkeit und Geringfügigkeit. Ich wurde sehr klein und bescheiden. Ich hatte nicht mehr die Kraft, meinen Mund zu öffnen. Bittend und flehend richtete ich meinen Blick auf ihn. Lächelnd sagte er: „Aber lassen wir diese ermüdenden Hypothesen und beschäftigen wir uns etwas mit uns selber, oder nicht?“Schweigend trank ich mit Aynali Baba noch einen Kaffee ...
Buch (Kunststoff-Einband)
Buch (Kunststoff-Einband)
Fr. 11.90
Fr. 11.90
inkl. gesetzl. MwSt.
inkl. gesetzl. MwSt.
zzgl. Versandkosten
Versandfertig innert 1 - 2 Werktagen,  Kostenlose Lieferung ab Fr.  30 i
Versandfertig innert 1 - 2 Werktagen
Kostenlose Lieferung ab Fr.  30 i

Weitere Formate

Beschreibung

Wer wollte sich nicht immer schon einmal mit einem Stein unterhalten oder aus der Sicht einer Ameise eine andere Welt kennenlernen und gleichzeitig er selbst bleiben. – Alte Kindheits- oder auch Menschheitsträume werden wahr in der Verzauberung durch die Flöte des Derwischs, das Bild rasender Urkräfte, Entstehung des Planeten, Kampf zwischen Licht und Finsternis. – Von den visionenerzeugenden Klängen der Flöte Aynali Babas in vergangene Zeiten und an fremde Orte entführt, erlebt Radji phantastisch bizarre Abenteuer von berückender Schönheit. Wer immer ihn auf diesem gefährlichen Weg begleitet, hat nach einem Wechselbad von Furcht und Hoffnung am Ende selbst eine ihm gänzlich neue Welt betreten. – Es überrascht nicht, dass die Lektüre dieser berühmten osmanischen Erzählung A’mak i Hayal (Die Tiefe der Visionen) von Schahbenderzadeh Ahmet Hilmi seit je als eine Art von Einweihung verstanden und geschätzt wurde.'Als ich im Alter von 12 Jahren meinen ersten Sufimeister traf, war dessen erste Frage, ob ich dieses Buch gelesen hätte. Alle späteren Meister stellten mir dieselbe Frage.' Dr. Oruc Güvenc

Ahmet Hilmi (1865–1914) wurde im heutigen Bulgarien geboren. Als junger Mann traf er Aynali Baba, den "Spiegel-Dede", einen "kosmischen Doktor", der auf dem örtlichen Friedhof lebte. Der Dede mit den Spiegeln lieferte die Inspiration für Hilmis spirituelle Transformation. Hilmi wurde später selbst Sufilehrer und Autor vieler Bücher.

Produktdetails

Einband Kunststoff-Einband
Seitenzahl 191
Erscheinungsdatum 14.01.2011
Sprache Deutsch
ISBN 978-9963-40-007-2
Verlag Spohr Publishers Limited
Maße (L/B/H) 17.8/10.8/2 cm
Gewicht 136 g
Originaltitel A´mak i Hayal
Auflage 2. 2. veränderte Auflage 2010
Übersetzer A. H. Dornbrach

Kundenbewertungen

Es wurden noch keine Bewertungen geschrieben.

  • Artikelbild-0
  • Inhaltgeleitwort .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. 6erster teili das zusammentreffen mit aynali baba .. .. .. .. .. .. .. .. 9ii der erste tag: der gipfel des nichtseins .. .. .. .. .. .. .. 20iii der zweite tag: der kampf von licht und finsternis .. 31iv der dritte tag: evolution – mikro- und makrokosmos .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. . 47v der vierte tag: die tomatenwesen – vom abenteuer der wissenschaft . .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. ... 53vi der fünfte tag: der vogel anka, eine reise durchs weltall .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. . 60 vii der sechste tag: der schöne drache .. .. .. .. .. .. .. .. . 68viii der siebente tag: zwei augen sehen eins .. .. .. .. .. .. .. 79 ix der achte tag: auf der suche nach dem geist .. .. .. . 85x der neunte tag: was ist glückseligkeit? .. .. .. .. .. .. .. 91zweiter teilxi im irrenhaus von manisa .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. 99xii meine freunde die verrückten: grössenwahn – das hafis-duo – der besserwisser .. .. 107xiii wiedersehen mit aynali baba: im reiche der ameisen .. 110
    xiv leila und madjnûn .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. 116 xv die madjnûne ohne leila .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. 126 xvi die goldene kette .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. 132xvii aynali babas abschied von dieser welt: glück – im kaffeehaus – der jungbrunnen .. .. .. .. .. .. .. 140anmerkungen .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. .. 159