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Historische Kriminalitätsforschung

Historische Einführungen Band 9

Gewaltrituale, organisiertes Verbrechen oder verbotene Sexualität - kaum etwas charakterisiert eine Gesellschaft anschaulicher als das, was sie als abweichendes Verhalten definiert. Folgerichtig beschäftigt sich die Geschichtswissenschaft zusehends intensiver mit den typischen Erscheinungsformen von Kriminalität und ihrem Wandel in verschiedenen Epochen. Gerd Schwerhoff vermittelt in diesem Band die zentralen Fragestellungen, Methoden und Theorien der historischen Kriminalitätsforschung. Er skizziert die wichtigsten Deliktfelder vom Mittelalter bis in die neueste Zeit sowie das breite Spektrum möglicher Sanktionen und zeigt, welche Quellen wie genutzt werden können.
Der Band gibt einen umfassenden Überblick über die Geschichte der Kriminalität und ihre Erforschung.
Portrait
Gerd Schwerhoff ist Professor für Geschichte der Frühen Neuzeit an der Technischen Universität Dresden.
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  • Artikelbild-0
  • 1. Einleitung: Gegenstand und Begriffe

    Kriminalität ist ein Teil unseres gegenwärtigen Alltags. Geht es
    um das eigene Lebensumfeld, denken wir uns dabei zunächst einmal
    als Opfer von Einbrüchen, Autodiebstählen oder Überfällen
    oder aber als Zeugen von kriminellen Handlungen. Wenn wir ehrlich
    sind, kommen die meisten von uns aber auch als potentielle
    Gesetzesbrecher in Frage: Wer mag sich davon frei sprechen, schon
    einmal als Ladendieb, als Versicherungsbetrüger, als Steuerhinterzieher
    oder auch lediglich als Verkehrssünder tätig oder gar
    auffällig gewesen zu sein? Häufiger beschäftigt uns Kriminalität
    jedoch in fiktionaler Form: In den Urlaub begleitet uns der unvermeidliche
    Kriminalroman, während wir jeden Tag in zahlreichen
    Fernsehserien Polizisten oder Privatdetektiven bei ihren Ermittlungen
    zusehen können. Als Brücke zwischen erlebter Realität und
    Fiktion fungieren die Massenmedien. Gerade hier nimmt die Kriminalität
    einen zentralen Platz ein. Berichte über besonders grausame
    Verbrechen, über aussergewöhnliche kriminelle »Karrieren«
    oder über die Macht der organisierten Kriminalität bringen die
    unterschiedlichsten Seiten bei den Rezipienten zum Klingen: Sie
    können Unterhaltungsbedürfnisse befriedigen, Bedrohungs- und
    Ohnmachtsgefühle wachrufen, aber auch – auf dem Umweg über
    vermeintliche Ausnahmefälle – Einblicke in politische und ökonomische
    Strukturen der heutigen Gesellschaft vermitteln. Einfühlsamen
    Gerichtsreportern kann es gelingen, aus dem Schicksal von
    Angeklagten, Klägern und Opfern ein beredtes Porträt unserer Zeit
    zu destillieren. Über den Einzelfall hinaus werden in ihren Berichten
    Schattenseiten und Konfliktlinien unserer Gesellschaft deutlich.
    Kriminalität und abweichendes Verhalten, so wird hier sichtbar,
    sind ein wichtiges Abbild gesellschaftlicher Zustände. Polizeistatistiken –
    auch über sie wird regelmässig berichtet – erscheinen
    geradezu als Fieberkurve sozialer Krankheitszustände.
    Am eindrücklichsten gilt das für die Grossstadtkriminalität. Seit
    etlichen Jahren ist Frankfurt am Main Träger der roten Laterne
    der höchsten Kriminalitätsbelastung und gilt als »gefährlichste
    Grossstadt Deutschlands«, obwohl Experten die Aussagekraft der
    Daten in Frage stellen und zum Beispiel auf die »importierte« Kriminalität
    auf dem Rhein-Main-Flughafen verweisen (spiegel online
    12.4.2007). Eng verwoben mit den Diagnosen sind die kriminalpolitischen
    Therapievorschläge. Weil sich hier wie kaum irgendwo
    anders ordnungspolitische Vorstellungen kristallisieren, wird mit
    dem Thema Kriminalität regelmässig Politik gemacht. Wie stark
    die Bewertungen divergieren können, zeigt die Tatsache, dass
    wechselweise zum Beispiel Gewalt gegen Ausländer und Gewalt
    durch Ausländer zum Thema gemacht wird. So verwundert es
    nicht, dass die Rezepte zur Kriminalitätsbekämpfung ebenfalls
    diametral entgegengesetzt ausfallen: Wo die einen nach
    der »starken Hand« von Polizei, Justiz und Strafvollzug rufen
    loben, verweisen die anderen auf soziale Deprivation als Kriminalitätsursache
    und sehen die Abhilfe eher in Prävention und
    Resozialisierung. Dabei ist die allgemeine Wahrnehmung der
    Bevölkerung von der statistisch »gemessenen« Kriminalität weitestgehend
    abgekoppelt und wird durch sensationalistische Medienberichte
    geprägt: Während zwischen 1993/5 und 2003/5 in
    Deutschland insgesamt ein zum Teil erheblicher Rückgang der
    Straftaten zu verzeichnen war, zeigen Stichprobenbefragungen,
    dass allgemein ein starker Anstieg der Zahlen unterstellt wird
    (Windzio 2007: 20).
    Kriminalität (von lat. crimen = Beschuldigung, Anklage, Verbrechen),
    das zeigen schon die einleitenden Bemerkungen, ist
    keine soziale Wirklichkeit sui generis, sondern kulturell und gesellschaftlich
    konstruiert. Zum einen, so eine Bestimmung aus
    der gegenwartsbezogenen Kriminologie, bezeichnet der Begriff
    »Kriminalität« diejenigen Tatbestände, die »das jeweilige Kontrollsystem
    – bestehend aus Verbrechensopfer und Anzeigenerstatter
    bis hin zu Polizei und Strafrechtspflege – besonders missbilligt
    und bestraft sehen will« (G. Kaiser, Art. »Kriminalität«, in: KKW).
    Diese Definition bezieht sich offensichtlich vor allem
    auf eine konkrete Zurechnung: Verdient ein individuelles Verhalten,
    etwa eine Gewalttat, das Etikett »kriminell«? Oder handelt
    es sich um einen Akt der Notwehr oder gar um einen Unfall?
    Dieser Zurechnung vorausgehen muss jedoch zum anderen eine
    gesellschaftliche Verständigung darüber, was das jeweilige Kontrollsystem
    als Kriminalität sanktionieren, unter welchen Umständen
    also zum Beispiel Gewalt als abweichendes Verhalten
    gelten soll und wann nicht (wie etwa im Krieg). Dieser Verständigungsprozess
    ist ein komplexer gesellschaftlicher Diskurs, den
    die unterschiedlichsten Akteure aus Politik, Wissenschaft und
    Rechtspraxis in verschiedenen Medien vorantreiben (vgl. Kap. 6)
    und der sich dann in rechtlichen Normen kristallisiert. Genauer
    besehen handelt es sich bei Kriminalität also um eine (mindestens)
    doppelte soziokulturelle Konstruktion. Diese Feststellung
    macht zugleich deutlich, dass Kriminalität historisch variabel ist.
    Denn jenseits der Geltungsbehauptung überzeitlicher, gleichsam
    anthropologischer Normen (»Du sollst nicht töten!«, »Du sollst
    nicht stehlen!«) lassen sich kaum universeller gültige Regeln dafür
    aufstellen, ob ein bestimmtes Verhalten als kriminell gelten soll.
    So wird etwa die Betrachtung der Gewaltsamkeit zeigen, dass
    sich die Grenze zwischen legitimer Rache oder Selbsthilfe und
    verabscheuenswertem Mord vom Mittelalter zur Neuzeit deutlich
    verschiebt (vgl. Kap. 5.1). Unser heutiges Verständnis von Kriminalität
    ist das Ergebnis komplexer geschichtlicher Entwicklungen
    und lässt sich nur sehr bedingt auf die Antike (vgl. Riggsby 1999)
    oder das Mittelalter (vgl. Kap. 4) übertragen. Im engeren Sinn
    entwickelte sich das Konzept der Kriminalität erst seit der ersten
    Hälfte des 19. Jahrhunderts (Ludi 1999).
    Den herkömmlichen Massstab von Kriminalität in der Gegenwart
    bilden das Strafrecht und der darin enthaltene Sanktionsanspruch,
    denn sie wird definiert als »die Summe der strafrechtlich
    missbilligten Handlungen« (G. Kaiser, Art. »Kriminalität«,
    in: KKW). Das engt zum einen das Spektrum der betrachteten
    Handlungen stark ein, denn leichtere Vergehen gegen die Rechtsordnung
    werden von vornherein beiseite gelassen. Vor allem aber
    ist dieser Massstab für die historische Arbeit problematisch, weil
    ein öffentliches Strafrecht nicht in jeder historischen Epoche existierte,
    sondern sich in Europa im späten Mittelalter und in der
    Frühen Neuzeit erst allmählich und regional höchst phasenverschoben
    entwickelte. Dieser Prozess selbst ist für die Rechts- und
    Kriminalitätsgeschichte von hoher Relevanz (Willoweit 1999).
    Um eine übergeordnete analytische Perspektive zu finden, empfiehlt
    es sich deshalb, den exklusiven Bezug auf ein schriftlich fixiertes
    Strafrecht zu vermeiden. Einige Autoren verwenden daher
    den Begriff »Delinquenz« (Straffälligkeit) (Burghartz 1990: 9 f.).
    An einem soziologischen statt einem rechtlichen Bezugsrahmen
    orientieren sich Studien, die von Devianz (abweichendem Verhalten)
    sprechen. Auch dieses abweichende Verhalten kann nur in
    Relation zu bestimmten Normen näher bestimmt werden, jedoch
    müssen diese Normen keine rechtliche Qualität, also Gesetzeskraft,
    besitzen, sondern können ebenso gut informeller Natur
    sein. Auch die ungeschriebenen Gesetze der Peer Group besitzen
    soziale Bindekraft. »Soziale Normen und kulturelle Übereinkünfte
    bestimmen nicht nur abweichendes Verhalten, sondern
    auch die angemessenen Reaktionen darauf. Die sozialen und
    gesellschaftlichen Mechanismen und Prozesse, die abweichendes
    Verhalten verhindern und einschränken, fallen unter die Rubrik
    der sozialen Kontrolle« (Bohle 1984: 1). Das enge Koordinatensystem
    »Kriminalität – Strafrecht – Strafe« kann so erweitert werden
    zu dem Beziehungsdreieck »Devianz – rechtliche und soziale
    Normen – Sanktionen« innerhalb eines umfassenden Konzeptes
    der sozialen Kontrolle (Peters 1995: 129 ff.). In ihrer allgemeinsten
    Form wird soziale Kontrolle definiert als »alle Arten, in denen Personen
    abweichendes Verhalten definieren und darauf […] durch
    eine Massnahme reagieren« (Dinges 1994: 169). Das mögliche
    Spektrum von Sanktionen erschöpft sich dementsprechend nicht
    nur in formalisierten Strafen; ebenso umfasst es zum Beispiel die
    negative Stigmatisierung und den Versuch des sozialen Ausschlusses
    durch Beleidigungen oder durch den Klatsch der Nachbarn.
  • Inhalt

    1. Einleitung: Gegenstand und Begriffe . . . . . . . . 7

    2. Forschungsfelder und Forschungskonzepte . . . . 15
    2.1 Themen, Disziplinen und Epochen . . 15
    2.2 Konzepte und Theorien . . . . . . . . . . . . . . 30

    3. Quellen und Methoden . . . . . . . . . . . . . . . . 40
    3.1. Quellen der Kriminalitätsgeschichte . . 40
    3.2 Methoden der Quellenauswertung . . 54

    4. Kriminalität und Recht . . . . . . . . . . . . . . . . 72
    4.1 Normen und Gerichte . . . . . . 74
    4.2 Strafverfolgung und Strafprozess . . . . . . . . . . 81
    4.3 Strafen . . 95
    4.4 Funktionen der Justiz . . . . . . . . . . . . . . . 105

    5. Kriminalität und Gesellschaft . . . . 113
    5.1 Gewaltkriminalität . . . . . . . 113
    5.2 Eigentumsdelikte und organisierte Kriminalität . . 136
    5.3 Sexual- und Sittendelikte . . 151
    5.4 Religionsdelikte und politische Kriminalität . . 164

    6. Kriminalität und Öffentlichkeit . . . 178

    Auswahlbibliographie . . . 197
    Register . . . . . . . 226
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Beschreibung

Produktdetails

Einband Paperback
Seitenzahl 234
Erscheinungsdatum 07.03.2011
Sprache Deutsch
ISBN 978-3-593-39309-4
Verlag Campus Verlag GmbH
Maße (L/B/H) 20.7/13.6/2.3 cm
Gewicht 309 g
Abbildungen 3 sw Abbildungen
Verkaufsrang 7455
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