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Die Haushälterin

Roman

Jens Petersen

(2)
Buch (gebundene Ausgabe)
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Beschreibung

Vater und Sohn leben nach dem Tod der Mutter alleine in einer Hamburger Gründerzeitvilla; der Sohn ist fünfzehn Jahre alt, der Vater Atomphysiker. Als er arbeitslos wird, verwahrlost der Haushalt, bis der Vater nach einem Unfall ins Krankenhaus kommt und der Sohn die Initiative übernimmt. Er stellt die polnische Studentin Ada als Haushälterin ein. Das verändert die Situation im Haus von Grund auf ...

Die Haushälterin ist ein Generationenroman, eine Vater-und-Sohn-Geschichte und zugleich der Roman einer ersten Liebe. Jens Petersen hat mit seinem Debüt ein einfühlsames Porträt eines jungen Erwachsenen geschrieben – lakonisch und witzig.

Dieses Buch wurde mit dem Bayerischen Kunstförderpreis 2005 sowie dem "aspekte"-Literaturpreis 2005 ausgezeichnet.

Jens Petersen, 1976 in Pinneberg geboren, lebt in Zürich. Er studierte Medizin in München, Lima, New York, Florenz und Buenos Aires. Derzeit absolviert er eine Ausbildung zum Facharzt für Neurologie an der Universitätsklinik Zürich. Er veröffentlichte zahlreiche journalistische Texte und Erzählungen in Kinder- und Jugendbuchanthologien. 2005 erschien sein Debütroman "Die Haushälterin" (DVA), für den er mehrere Auszeichnungen erhielt, darunter den „aspekte“-Literaturpreis. Für einen Auszug aus seinem Roman "Bis dass der Tod" erhielt Jens Petersen den Ingeborg-Bachmann-Preis 2009.

Produktdetails

Einband gebundene Ausgabe
Seitenzahl 174
Erscheinungsdatum 09.02.2005
Sprache Deutsch
ISBN 978-3-421-05786-0
Verlag DVA
Maße (L/B/H) 20.6/12.6/2.1 cm
Gewicht 293 g
Auflage 5
Verkaufsrang 38997

Kundenbewertungen

Durchschnitt
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Übersicht
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Die Haushälterin
von einer Kundin/einem Kunden aus Jena am 18.07.2010
Bewertet: Buch (Taschenbuch)

Dieser Roman erzählt von einem Vater und dessen Sohn denen es beiden nach derselben Frau verlangt. Sohn Philipp sucht nach dem Tod der Mutter eine Haushaltskraft. Er setzt ein Stellenangebot in die Zeitung, woraufhin sich die junge Ada meldet. Damit beginnt die erste Liebe für Philipp. Jedoch hat auch sein Vater ein Auge auf die... Dieser Roman erzählt von einem Vater und dessen Sohn denen es beiden nach derselben Frau verlangt. Sohn Philipp sucht nach dem Tod der Mutter eine Haushaltskraft. Er setzt ein Stellenangebot in die Zeitung, woraufhin sich die junge Ada meldet. Damit beginnt die erste Liebe für Philipp. Jedoch hat auch sein Vater ein Auge auf die Dame geworfen. Hin und hergerissen trifft Philipp die für ihn einzig mögliche Entscheidung. Eine außergewöhnlich schwungvoll erzählte Geschichte über die Beziehung zwischen Vater und Sohn.

leise, traurig, wunderschön
von einer Kundin/einem Kunden am 26.08.2009
Bewertet: Buch (Taschenbuch)

"Die Haushälterin" von Jens Petersen ist eine wunderschöne, ganz leise Geschichte über eine Vater-und Sohnbeziehung. Philpp sucht nach dem Tod der Mutter eine Haushälterin für sich und seinen Vater und findet sie in der 23 jährigen Ada aus Lublin. ....Vielleicht hatte ich damals ein falsches Bild von meinem Vater, aber als i... "Die Haushälterin" von Jens Petersen ist eine wunderschöne, ganz leise Geschichte über eine Vater-und Sohnbeziehung. Philpp sucht nach dem Tod der Mutter eine Haushälterin für sich und seinen Vater und findet sie in der 23 jährigen Ada aus Lublin. ....Vielleicht hatte ich damals ein falsches Bild von meinem Vater, aber als ich begann, genauer darüber nachzudenken, war es für uns beide zu spät......


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  • Prolog

    Vielleicht hatte ich damals ein falsches Bild von meinem Vater, aber als ich begann, genauer darüber nachzudenken, war es für uns beide zu spät. Er mass zwei Meter, konnte mit seinen blauen Augen die Luft zerschneiden und trug einen schmalen Schnurrbart, den er mit Brother's love in Form hielt. Seine bevorzugten Schuhe waren älter als ich, handgenähte Budapester, die er mit einem Geschirrtuch polierte, in deren Profil graue Flusen vom Teppich seines Büros und die hellen Körnchen der Pfade des städtischen Friedhofs steckten. Wenn das Wetter schlechter wurde, spielte sein Darm verrückt. Hinter dem Kaffeeservice für besondere Gäste lag im oberen Küchenregal ein Vorrat bunter Schachteln. Sobald die Krämpfe kamen, verzog er den Mund, ging zum Schrank, schluckte zwei grüne Kapseln mit einem Teelöffel Honig und sah nach oben, als harrte dort einer, der ihn erlösen könnte.
    Er liebte Antiquitäten; unser Haus war voll davon. Mein Urgrossvater hatte sie während der Wirtschaftskrise erstanden. Sie stammten aus Epochen, deren Namen ich ständig vergass. Jede Volute war voller Bedeutung, aber sobald mein Vater in Monologe verfiel, nickte ich mit dem Kopf, sank in eine Art Trance und dachte an Schallplatten, die ich mir kaufen wollte, oder an Mädchen.
    »Diese Intarsien«, setzte er an, »diese Servante«, »diese Poudreuse«, »dieser Bauernspiegel« ... Wenn ich mich auf Stühle setzte, Schubladen oder Schränke öffnete, rechnete ich mit berstendem Holz, porösem Leim, dem Ausreissen eines Griffes. Es war eines dieser Häuser, in denen man nachts zu bleiben hatte, wo Erwachsene einen haben wollten, im Bett; das knarzende Parkett hätte jeden verbotenen Schritt direkt an ihr Schlafzimmer übermittelt.
    Mein Urgrossvater hatte das Haus zwischen den Kriegen gekauft - »für eine Milliarde Reichsmark!«. Diese Anekdote erzählte mein Vater bei Familientreffen, wenn meinen Onkels und Tanten der Gesprächsstoff ausging. Er dröhnte es in die Runde: »Für eine Milliarde Reichsmark!«, mit bemühtem Ernst, als wollte er unser Lachen erzwingen. In solchen Momenten schämte ich mich.
    In jede Lehne, jeden Deckel, selbst in den Schuhschrank bei der Garderobe hatte mein Urgrossvater seine Initialen graviert. Er hatte Blumenkübel aus Marmor in den Vorgarten gestellt. Einige Jahre nach Kriegsende, kurz bevor er starb, liess er Türen einbauen, hinter denen sich kein weiteres Schlafzimmer verbarg, kein ungenutzter Salon, nicht mal eine Kammer, bloss die nackte Aussenmauer. Jemand erzählte mir, dass später die stämmigen Frauen der Arbeiterwohlfahrt darauf hereingefallen waren, »Prunk!« und »Luxus!« gerufen hatten, während sie ihm den Hintern putzten.
    Im Keller hing dieses Photo: mein Grossvater vor seinem Fahrrad. Das Photo war grobkörnig und bleich, unmöglich, im Gesicht zu lesen; aber wie er dastand, in
    einem Turnanzug, mit geschwellter Brust, die Arme über den Kopf gereckt, zählte er nicht zu den Menschen, die ich gern gekannt hätte.
    Mein Vater bezog das Haus nach Ende seines Studiums. Er veränderte fast nichts, als wollte er keine Spuren hinterlassen oder niemanden erzürnen. Lediglich die Hundeklappe zur Terrasse war sein Werk, ein rot lackiertes Blechquadrat mit gummierten Rändern, dessen Scharniere im Wind quietschten. Im Garten markierte ein morscher Holzpflock das Grab eines Golden Retriever, der an meinem dritten Geburtstag das Rattengift in den Ecken der Wäschekammer entdeckt hatte.
    Am Südrand des Grundstückes floss der Fluss, ein Nebenarm der Elbe, auf dem im Sommer Familien in ihren Kanus zum Sperrwerk trieben. Manche legten an, breiteten ihre Decken aus, pinkelten hinter die Brombeersträucher und hinterliessen auf unserem Rasen leere Zigarettenschachteln, Kerngehäuse oder Klümpchen aus Alufolie. Ich sah ihnen zu, hinter den Gardinen versteckt, damit sie sich nicht fühlten wie Störenfriede.
    In der Nachbarschaft wohnten ein junges Ärztepaar, ein Steuerberater, ein Pastor und der Kassenwart der SPD. In ihren Vorgärten standen die neuesten Opel, Hondas und Volkswagen. Die Ärzte hatten ein Baby, das morgens um sechs zu schreien begann; manchmal wachte ich davon auf. Mein Vater und diese Leute hatten wenig miteinander zu tun, höchstens sagten sie »Guten Tag« oder brachten sich Pakete, wenn der Postbote jemanden nicht angetroffen hatte.
    Neben der Auffahrt stand eine Eiche. Früher glaubte ich, sie leide an einer tödlichen Krankheit; oben im Stamm und in der Krone wucherten Schmarotzer. An schweren Tagen stand ich am Fenster meines Zimmers und sprach mit dem Baum, wie man mit einem Guru spricht. Ich steckte Zeichnungen nackter Mädchen, mit denen ich gern gegangen wäre, unter seine Borke, und als ich einmal betrunken gegen den Stamm gepinkelt hatte, bestrafte ich mich am nächsten Morgen, indem ich einen Zehnmarkschein verbrannte und die Asche in den Wind streute.
    Tagsüber warfen die Äste ihre Schatten auf das Mansarddach. Viktorianische Gauben ragten aus dem Dach hervor, in denen Tauben nisteten, deren Kot die Ziegel bleichte. An Ostern hatte mein Vater genug und warf ihre Nester auf den Kompost. Wir befestigten Fliegengitter. Der Sommer begann, es wurde warm, dann wurde es heiss, so heiss wie nie. Bald hingen in den Fliegengittern vertrocknete Pfauenaugen und Wespen. Ich zupfte sie ab, aus Langeweile; zwischen meinen Fingerspitzen zerfielen sie zu Staub.

    1

    Als die Ferien begannen, verlor mein Vater seinen Job bei den Hamburgischen Elektrizitätswerken. Zwanzig Jahre hatte er Kernkraftwerke im Hamburger Umland gewartet. Er hatte mir sämtliche Schwachstellen von Primärkreisläufen, Brennelementen und Wärmetauschern aufgezeigt, war morgens um sieben mit seiner braunen Aktentasche zur S-Bahn gegangen und nachmittags zurückgekommen, manchmal spät am Abend, ein- oder zweimal im Monat erst am nächsten Tag. Die HEW hatte ihn vor die Wahl gestellt, nach Japan zu gehen - nicht nach Tokio, sondern in eine kleinere Stadt an der Küste Hokkaidos, wo ein Schneller Brüter gebaut wurde - oder eine Abfindung zu akzeptieren, sechzigtausend Mark. Das erzählte er mir beim Frühstück, an einem Sonntag, einige Tage nach dem Gespräch mit Doktor Steinberg, seinem Chef. Er trug das karierte Flanellhemd mit den abgewetzten Manschetten und strich sein Brötchen mit Leberpastete, nachdem er noch einmal den Deckel der Dose geprüft, das Verfallsdatum kontrolliert und am Inhalt gerochen hatte.
    »Sechzigtausend Mark«, sagte er und zupfte die Serviette auf seinem Schoss zurecht.
    Ich wusste, dass ihm sein Job gefiel. Er schätzte Doktor Steinberg, und er mochte seine Kollegen. Manchmal sprach er von ihnen, als hätten sich leidenschaftliche
    Bienenzüchter, Schachspieler und Antiquitätennarren, Physiker allesamt, durch einen glücklichen Zufall gefunden, um die Gefahren der Nukleartechnik mit einer Leichtigkeit zu bannen, die mich an den Computerkurs der Projektwoche erinnerte. Er schwieg, wenn bei Familientreffen von Urlaubsplanung, Überstundenausgleich oder Vorgesetzten die Rede war, als wollte er die HEW vor meinen Onkels und Tanten, die ihre Jobs offenbar hassten, durch sein Schweigen schützen.
    Während der folgenden Tage sass er mit starrer Miene vor dem Fernseher und nestelte am Manschettenknopf seines Hemdes. Die Serben belagerten Sarajevo, Deutschland verlor in Sofia ein Länderspiel gegen Bulgarien. Ich wollte verstehen, warum er Japan nicht wenigstens in Erwägung zog. Er konnte dort helfen, eine riesige Anlage zu errichten, einen Schnellen Brüter der jüngsten Generation, zusammen mit französischen und japanischen Ingenieuren. Angeblich gab es in der Stadt, in die wir ziehen sollten, sogar eine deutsche Schule. Ich liess ihn allein; ich war sein stilles Nachdenken nicht gewohnt.
    Er stand spät auf und ging früh ins Bett. Nachts hörte ich durch die dünnen Wände den Lattenrost in seinem Bett knarren. Oft, wenn ich eingeschlafen war, weckten mich Geräusche aus dem Bad wieder auf. Ich hatte nur einen Menschen gekannt, der zwischen drei und fünf Uhr morgens aufs Klo ging, meine Grossmutter, in deren Wohnung ich ein paarmal auf der Couch übernachtet hatte. Ich drückte mein Ohr an die Wand, um herauszufinden, was er tat, aber ich hörte nur seinen Strahl ans Porzellan prasseln; dann kam minutenlang nichts, bis die Spülung rauschte. Ich stellte mir vor, wie er im Sitzen schlief oder starb, an die Wand gelehnt, oder dass er im trüben Spiegel über dem Waschbecken sein Gesicht betrachtete.
    Einmal ging ich auf den Flur und wartete im Dunkeln. Er kam heraus, schloss die Tür, drehte sich um und fuhr zusammen.
    »Ich bin's.«
    »Spinnst du«, sagte er. »Wie spät ist es. Musst du aufs Klo?« Er roch nach alter Bettwäsche. »Ich weiss nicht«, sagte ich. »Du wirst dich erkälten!«
    Ich glaubte damals, dass Männer sich von Zeit zu Zeit an einen Tisch setzten und alles miteinander besprachen. Ich hatte das Gefühl, ein solches Gespräch stehe kurz bevor. Aber wir standen um vier Uhr morgens im dunklen Flur, in unseren Pyjamas; ich dachte an seine nackten Füsse, an sein Brusthaar oben am Kragen, und plötzlich war er nicht mehr mein Vater, sondern ein Fremder, und ich wollte weg, zurück in mein Zimmer, durchs Fenster nach draussen und über den Zaun.

    2

    Er hatte das Bad belassen, als lebte meine Mutter noch. Ihr Lou Lou von Cacharel, der rosa Kamm auf der Ablage, kleine weisse Handtücher fürs Gesicht. Sogar ein Päckchen Always Ultra lag noch im Schrank über dem Waschbecken - abgepackt 1987, stand auf der Seite zu lesen. Hin und wieder kamen Frauen und benutzten diese Dinge. Der Spiegel im Parfumflacon sank, in den Zacken des Kammes hingen lange Haare, die Handtücher trugen graue Spuren. Manchmal lag im Mülleimer zerknülltes Papier mit dem Always-Schriftzug.
    Da war die Verkäuferin der Schuhboutique am Rathausmarkt. Im Schaufenster hingen Wildlederboots an Nylonschnüren von der Decke, gehüllt in dünne Pelze aus Staub. Zwei der leuchtenden Buchstaben über der Eingangstür waren durchgebrannt: SCH..BOUTIQUE. Als sie das erste Mal in unser Haus kam, brachte sie einen kleinen Beutel Paranüsse mit, den sie mir mit hochgezogenen Brauen überreichte. Wenn ich am Rathausmarkt vorbeikam, lief ich hinter den Kirschbäumen auf der anderen Seite entlang, um ihren Blicken zu entgehen.
    Diese Frau stand eines Morgens in unserer Küche, in einem Morgenrock meines Vaters, zwinkerte und prostete mir mit Orangensaft zu. Sie ging zum Fernseher und schaltete ihn ein, setzte sich in den Ohrensessel, schlug die Beine übereinander und trank in aller Ruhe den Saft. Ich setzte mich zu ihr und sagte etwas über das Wetter, eine Sache, mit der Erwachsene sich oft beschäftigten. Aber sie antwortete mir, wie man einem Kind antwortet; ich spürte, dass sie versuchte, besonders freundlich zu sein. Ich wandte mich dem Fernseher zu und schielte dabei auf ihre Füsse. Sie hatte krumme Zehen, dunkelrot lackierte Nägel und ein grosses Hühnerauge.
    »Mögen Sie Stiefel?« fragte ich.
    »Stiefel?« sagte sie und zog ein überraschtes Gesicht.
    »Stiefel sind toll«, sagte ich. »Man kann sie zu jeder Gelegenheit tragen. Sie nehmen sogar dem Outfit vom letzten Jahr das Tussihafte.«
    Ich hatte den Satz in der »Zeit« gelesen, in einem Interview mit Wolfgang Joop. Sie sah mich eine Weile an, dann sagte sie etwas Dummes, etwas völlig Unpassendes. Ich musste raus aus dem Wohnzimmer. Ich konnte sie nicht ertragen, ihr Lächeln, die nackte Haut ihrer Beine und die Selbstverständlichkeit, mit der sie sich in unserer Küche bediente. Trotzdem gefiel mir etwas an ihr, vielleicht die Tatsache, dass meine Abneigung sie nicht zu stören schien, aber da war noch etwas anderes - das Lou Lou meiner Mutter.
    »Ich putz mir die Zähne«, sagte ich und liess sie im Wohnzimmer allein.
    Unter dem Hocker in der Garderobe standen ihre Pumps. Ich wog den linken in meiner Hand, strich mit dem Finger am Absatz entlang, spielte mit den Riemen und roch - ein bisschen Leder, ein bisschen Schuhcreme und dieses seltsame Menschenaroma, anders als meines, anders als das meines Vaters. Ich glaubte, dieses Aroma konnte nur vom Fuss einer Frau stammen, aber ich hatte keinen Vergleich; was meine Mutter an Strümpfen und Schuhpaaren hinterlassen hatte, roch mittlerweile nach Dachboden. Ich holte ein Brotmesser aus der Küche und suchte in meinem Zimmer den Klebstoff, der zum Basteln gedacht war. Ich nahm die Schuhe mit ins Bad, liess das Wasser laufen, schnitt mit dem Messer die Absätze ab und klebte sie wieder an die Sohlen.
    Wir liefen dann ein Stück zusammen, sie zum Bus, ich zum Markt. An der Haltestelle sagte ich »Tschüs«, sie sagte »Ciao« - wieder ihr bemühter Blick, diese Freundlichkeit. Ich bog um die nächste Ecke, blieb stehen, ging ein Stück zurück, duckte mich hinter den Altglascontainer und sah ihr beim Warten zu.
    Sie stand einfach da, in der Entfernung kaum grösser als meine Fingerkuppe, die Arme vor der Brust verschränkt. Sie ging zum Fahrplan, sah auf die Uhr, wippte von einem Bein auf das andere, eine nervöse Frau an einer Bushaltestelle. Ich hatte diese Sendung über ein Mädchen gesehen, das in London Schuhe bei John Lobb verkaufte: morgens die Fahrt zur Arbeit, sieben Stunden herumstehen mit entspanntem Gesicht, eine Stunde Gespräche führen: passt wie angegossen, aber probieren Sie noch den hier, der ist ein bisschen teurer, die Verarbeitung, Sie verstehen. Abends Kartoffeln kochen an einem kleinen Herd in einer Wohnung in Lewisham, das mich an Allermöhe erinnerte, direkt vorm Fenster das Nachbarhaus, im Briefkasten nur die Stromrechnung und Reklame vom Pizza-Service...
    Vielleicht war alles ganz anders, aber nach solch einem Leben sah unsere Schuhverkäuferin aus.
    Plötzlich dachte ich, dass mich das alles nichts anging. Ich wollte zurückgehen und sie warnen; ich hatte erlebt, wie ein Mädchen aus der Schule mit gebrochenem Absatz umgeknickt war und mehrere Stunden operiert werden musste. Dann kam der Bus, und sie stieg ein und fuhr an mir vorbei. Ich sah sie am Fenster sitzen, ein Umriss wie aus Papier geschnitten.
    Ich ging zum Markt, kaufte Salat, frische Eier und Karotten. Ich sah ein Töpfchen mit Walderdbeeren und handelte den Preis herunter, probierte orangenen Käse und ass an einem Stand ein Würstchen. Über die Schuhverkäuferin dachte ich nicht mehr nach.
    Beim Abendbrot fragte mein Vater, was ich von ihr hielte.
    »Und du von ihr?« sagte ich.
    »Ein bisschen langweilig«, sagte er.
    »Ja«, sagte ich, »und sie verbraucht Mutters Lou Lou.«
    Er starrte auf die Walderdbeeren. Ich hatte sie in unserer schönsten Schale auf den Tisch gestellt.
    »Es ist nicht einfach, jemanden zu finden«, sagte er. »Ein paar Wochen noch.«

    3

    Max von der HEW rief an. Er leitete die Presseabteilung, hatte zwei Töchter, die studierten, und spielte am ersten Weihnachtsfeiertag in der Kirche Fagott. Frank aus der Buchhaltung rief auch an. Mein Vater hatte oft mit den beiden im Garten gesessen und Koteletts gegrillt. Sogar Doktor Steinberg rief irgendwann an.
    »Ich bin beschäftigt«, sagte mein Vater. »Oder nicht da. Such dir was aus.«
    Er bohrte sich ein Stäbchen vom China-Food-Service ins Hosenbein. Die Bezüge der Couch, das Tischtuch, der Gardinenstoff, das ganze Wohnzimmer verströmte nach einer Woche China-Food-Service die Aromen von Ente süsssauer, Pflaumenlikör und Schweinefleisch mit Sojasauce.
    »Sag ihnen, ich bin spazierengegangen.«
    Damals konnte ich die Nuancen ihrer Stimmen nicht deuten. Die Zahl ihrer Anrufe - allein Doktor Steinberg versuchte es viermal - schien zu belegen, dass mein Vater diesen Männern wichtig war. Er liess sich weiter verleugnen. Schliesslich fragte ich ihn nicht mehr, sondern begann, mir selbst Geschichten auszudenken: Einmal hatte er sich die Schulter ausgekugelt und musste bis zum nächsten Morgen in der Klinik bleiben, dann war sein Wagen abgeschleppt worden, und er sass in der Stadt fest. Irgendwann blieb das Telefon still. Es kam mir vor, als wäre mein Vater mit dem Sessel verbacken, als nähme seine Haut langsam die Farbe des Polsters an.
    Schliesslich griff er doch nach dem Hörer, und einige Stunden später stand eine Frau vor der Tür, die, daran konnte ich mich erinnern, in Trines Kombüse am Bahnhof Labskaus und Stintsuppe kochte. Sie war eine dieser älteren Frauen, in deren Gesichtern man gerade noch ein Mädchen ahnen konnte. Sie roch nach süssem Schnaps, und eine breite Laufmasche lief vom Saum ihres Minirocks hinunter bis zum Knöchel.
    »Bin ich hier falsch?« fragte sie.
    »Nein«, sagte ich. »Ich bin der Sohn.«
    »Sein Sohn? Da hat er nie von gesprochen.«
    Ich überlegte, ob sie vielleicht zu jenen Frauen gehörte, die ein Witwer - das hatte mein Vater mir nach dem Tod meiner Mutter erklärt - benutzen müsse wie eine Arznei gegen das eigene Sterben.
    Am Abend steckte ich mir Watte in die Ohren, band ein schwarzes T-Shirt um meinen Kopf und versuchte zu schlafen, aber ich schwitzte, träumte schlecht, und als ich aufwachte und durch die Wand das Pumpen der Stahlfedern in der Matratze meines Vaters hörte, war mir, als würde darunter unser Leben zu Staub zermahlen.

    4

    Als mein Vater am nächsten Morgen aus dem Bad kam, klebte Blut an seiner Lippe. Er hielt etwas Gelbliches zwischen den Fingern. Zuerst sah ich weg, und als ich hinsah, erkannte ich Zähne. Die Frau aus Trines Kombüse war fort.
    »Nicht so schlimm«, sagte er. »Ist nur eine Brücke.«
    Ich wusste nicht, was eine Zahnbrücke war, und traute mich nicht, ihn danach zu fragen. Ich legte mich wieder in mein Bett und starrte an die Decke, wo unter einem Himmel aus fluoreszierenden Sternen der Helikopter hing.
    Am letzten Schultag hatten wir bei Luigi Garnelen gegessen und waren danach an die Elbe gefahren. Mein Vater hatte den Wagen direkt am Deich geparkt. Er hatte sich die Hände gerieben, den Kofferraum geöffnet und das rote Geschenkband mit seinem Nagelknipser durchtrennt.
    »Lassen wir ihn fliegen«, hatte er gerufen.
    Dann war er vor mir her an der Böschung entlanggerannt, hatte den Helikopter über die Köpfe der Schafe sausen lassen und sich vor Lachen ins Gras geworfen. Später hatte er die getrockneten Schafsködel mit einem Teelöffel von seinem Trenchcoat gekratzt, nassgeschwitzt und grinsend.
    Ich schloss mich im Bad ein und suchte. Als er in den Keller ging, sah ich in seinem Zimmer nach, im Schrank und in der Kommode - die Zähne waren verschwunden. Ich hörte ihn unten wühlen und fluchen. Nach einer halben Stunde, ich presste gerade Orangen aus, kam er mit einer angerosteten Moulinex-Maschine unter dem Arm in die Küche; früher hatten die stämmigen Frauen der Arbeiterwohlfahrt mit dieser Maschine das Essen meines Urgrossvaters zu Brei gequirlt.
    Den Morgen verbrachten wir vor dem Fernseher. Ich beobachtete meinen Vater von der Seite; als er es merkte, tat ich, als würde ich aus dem Fenster starren.