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Nesser, H: Und Piccadilly Circus liegt nicht in Kumla

Roman

In einem kleinen verschlafenen Dorf in Schweden herrscht Idylle pur. Mauritz träumt von der grossen weiten Welt und der hübschen Nachbarstochter Signhild. Heimlich beobachtet er sie und realisiert dabei zu spät, dass eine dunkle Gestalt um ihr Haus schleicht. Doch dann geschieht etwas, das die Gemeinschaft in ihren Grundfesten erschüttert: Der Uhrmacher Kekkonen, ein mürrischer, wortkarger Mann, wird im ehelichen Schlafzimmer brutal ermordet aufgefunden. Wer war der Täter? Etwa jemand aus dem Dorf?

Portrait
Håkan Nesser, geboren 1950, ist einer der beliebtesten Schriftsteller Schwedens. Für seine Kriminalromane erhielt er zahlreiche Auszeichnungen, sie sind in über zwanzig Sprachen übersetzt und mehrmals erfolgreich verfilmt worden. Håkan Nesser lebt abwechselnd in Stockholm und auf Gotland.
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  • Viel später

    Die Zeit ist ein Dieb.
    Sie stiehlt unser Leben. Frisst unsere Tage, wie man behaupten könnte, und verschlingt unsere Nächte. Stunde für Stunde, Minute für Minute.
    Menschen, Augenblicke, Geheimnisse.
    Ganz hinten in meiner unordentlichen Schreibtischschublade, der mittleren, die ich nie leere, sondern immer nur fülle, da bewahre ich seit vielen Jahren einen Daumen auf.
    Er liegt in seiner geheimnisvollen Einsamkeit zwischen Bleistiftstummeln, alten Quittungen, verbrauchten Olivettifarbbändern, Gummibändern, Büroklammern und Papierschnipseln, und er gehörte einmal einem deutschen Soldaten. Vielleicht werde ich davon berichten. Ja, wenn es so läuft, wie mir schwant, dass es laufen muss, werde ich es natürlich tun. Ob ich nun will oder nicht.
    Ich hole ihn heute Abend hervor, den Daumen, es ist jetzt schon lange her, und ich sitze mit ihm auf dem Balkon und blicke über den Sund. In drei Stunden geht der Zug, ich habe noch Zeit, eine Weile den Sonnenuntergang zu betrachten. Vielleicht ist es trotz allem möglich, das wieder zurückzuerobern, was uns genommen wurde, vielleicht ergibt sich für mich die Gelegenheit, den Dieb zu bestehlen.
    Warum nicht? Ihm nützt die Beute doch nichts, wir selbst sind diejenigen, die die Verantwortung übernehmen müssen.

    Das Vergangene und das, was uns geraubt wurde, hervorholen müssen. Ich selbst, genauer gesagt, warum sich hinter einem wir verstecken?
    Aber fünfunddreissig Jahre sind eine ganz schön lange Zeit, da kann viel auf der Strecke bleiben. Doch eine nächtliche Zugreise ist natürlich genau das richtige Tor zu den Erinnerungen. Seit das Rattern der Schienenstösse aufgehört hat, kann ich gar nicht mehr schlafen. Und die Schlaflosigkeit an sich kann schon die Diktatur des Heute und des gerade Existierenden vom Sockel stossen, das ist keine neue Erkenntnis.
    Ich schaue über den Sund und die Brücke. Erinnere mich und denke nach. Zunächst rief er an, dann sie. Nur eine Stunde später. Er hatte es bereits angekündigt, aber es war merkwürdig, ihre Stimme zu hören.
    Hab nicht mehr viel Zeit, sagte er. Ich würde es zu schätzen wissen, wenn du vorbeischauen könntest. Da ist noch was.
    Du kommst doch?, fragte sie ihrerseits. Es ist wichtig.
    Nach all diesen Jahren ist es plötzlich ganz eilig und wichtig. Warum eigentlich?
    Ich komme, sage ich. Natürlich komme ich, aber was will er von uns?
    Sie sagt, das wisse sie nicht. Ich meine, herauszuhören, dass sie lügt. Meine, noch etwas anderes herauszuhören, das ich nicht richtig fassen kann.
    Wo wohnst du? Von wo aus rufst du an?
    Aus Lulea.
    Das sind mehr als tausend Kilometer, und wir wollen uns in der Mitte treffen. In der Universitätsstadt, ich habe dort selbst einige Jahre in den Siebzigern gelebt. Kann mich noch an einiges erinnern. An ein Schloss. Einen Bach. Eine Frau, die B. hiess.
    Dann bis morgen früh!, sagt sie. Klingt plötzlich fast ängstlich.
    Um 7.50 Uhr, sage ich. Dann kommt mein Zug an. Ich bin da und hole dich ab, sagt sie.
    Ich schlafe nicht.
    Auf der unteren Pritsche liegt ein riesiger Kerl und sägt Baumstämme. Er schläft für uns beide.
    Ich habe ein Buch dabei, aber ich lese nicht. Habe genug Gedanken für eine halbe Menschheit.
    00.42 Hässleholm.
    01.34 Alvesta.
    Die Zeit ist ein Dieb, und ich habe Witterung aufgenommen. Die nächtlichen Minuten ticken rückwärts, Tag für Tag, Jahr für Jahr. Bald sind wir da. Bald haben wir die Linsen auf die richtige Entfernung eingestellt.
    Aber was will er von uns?
    Von mir und von ihr?
    Liegt er wirklich im Sterben?
    Und wenn es schon vorbei ist, wenn wir ankommen? Dieser neuen Frau möchte ich wirklich nicht begegnen. Unter keinen Umständen und schon gar nicht unter diesen hier.
    Quatsch. Unnötige Befürchtungen. Er hat versprochen, sie da rauszuhalten, und natürlich lebt er noch einen Tag länger, aus reiner Willenskraft, das macht doch jeder.
    Ich verspüre ein gewisses Unbehagen, wie vor einem bevorstehenden Fiasko. Eine Kapitulation. Begreife eigentlich nicht so recht, warum. Ich versuche, nicht zu spekulieren, aber es ist sinnlos. Meine Gedanken sperren sich hartnäckig, was sollten sie in einer schlaflosen Nacht wie dieser sonst auch tun?
    02.25 Nässjö.
    Ich sollte versuchen, zumindest eine Stunde zu schlafen. Da ist noch was. Was? Ahne ich etwas oder nicht? Was sind das für verschämte, leichenblasse Larven, die in mein Unterbewusstsein kriechen? Lass mich nur eine Minute schlafen und sie zu Träumen formen.
    Aber nein.
    03.48 Linköping.
    04.18 Norrköping.
    Es beginnt schon zu dämmern. Bald ist der Morgen da. Keinen Moment des Schlummers, ich werde älter aussehen als nötig. Sie wird finden, dass ich alt bin.
    Aber was soll's, ich bin ja auch alt. Bin es mit den Jahren geworden.
    Mein zufälliger Bettgenosse lässt einen Wind fahren und seufzt zufrieden im Schlaf.
    Sie, denke ich. Ausgerechnet sie, von allen Menschen.
    Wir nähern uns jetzt Södertälje. Ich klettere hinunter und gehe duschen, es ist eng und unbequem. In Kürze umsteigen in Stockholm. Dann eine Stunde bis zur Universitätsstadt. Oder vierzig Minuten, heutzutage geht es schnell.
    Ich stelle fest, dass ich zittere. Auf jeden Fall wird es im Hauptbahnhof für eine Tasse Kaffee reichen, das beruhigt mich ein wenig. Und für eine Zimtwecke, von der ich drei Viertel liegen lasse.
    Der nächste Zug ist überfüllt mit Pendlern. Ich sitze neben einer dunkelhäutigen Frau, die nach allem zu urteilen Medizin studiert. Jung und üppig. Ich fühle mich alt und grau.
    Arlanda.
    Knivsta.
    Uppsala.
    Die Morgensonne sickert durch das schmutzige Fenster. Und dann steht sie da.

    Früher

    Es war ein Donnerstag in meiner Jugend.
    So ungefähr acht Monate, bevor die Kirche brannte. Dieser dramatische Februarsamstag - mit dem erschossenen Kerl oben in dem verbrannten Turm - war es natürlich, der die Leute das Drama um die Familie Kekkonen-Bolego vergessen liess. Oder sie zumindest aufhören liess, darüber zu jeder passenden und unpassenden Gelegenheit zu reden, wie man es den ganzen Sommer, Herbst und den halben Winter über getan hatte.
    Man könnte also sagen: Es gibt nichts Schlimmes, was nicht auch etwas Gutes in sich hätte.
    Ich selbst vergass nichts. Während all der Jahre nicht, die verschwanden. Obwohl es genau das war, was ich mir mehr oder weniger vorgenommen hatte. Es auszuradieren. Zu begraben.

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Beschreibung

Produktdetails

Einband Taschenbuch
Seitenzahl 336
Erscheinungsdatum 17.10.2005
Sprache Deutsch
ISBN 978-3-442-73407-8
Verlag btb
Maße (L/B/H) 18.8/11.9/2.6 cm
Gewicht 328 g
Originaltitel Och Picadilly Circus ligger inte i Kumla
Auflage 4. Auflage
Übersetzer Christel Hildebrandt
Verkaufsrang 32552
Buch (Taschenbuch)
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Kundenbewertungen

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3 Bewertungen
Übersicht
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Ausgebremstes Lesevergnügen
von einer Kundin/einem Kunden aus Rinteln am 02.09.2014
Bewertet: PDF

Die mangelhafte Orthografie verleidet einem das Lesen dieses wirklich guten Stoffs - man sollte einfach nicht am Lektorat sparen, oder aber fähigere Leute dafür einsetzen.

Und "Und Picadilly Circus liegt nicht in Kumla" ist kein Krimi
von Thomas Zörner aus Lentia am 24.09.2011

„Und Picadilly Circus liegt nicht in Kumla“ tarnt sich vielleicht als Krimi, aber eigentlich ist es keiner. Dieser Roman von Bestsellerautor Hakan Nesser versteht sich wesentlich mehr als Coming of Age Geschichte, denn als Kriminalroman. Zwar gibt es einen Mord, aber der spielt nur einen Nebenrolle. Aber von vorne. Mauritz ist e... „Und Picadilly Circus liegt nicht in Kumla“ tarnt sich vielleicht als Krimi, aber eigentlich ist es keiner. Dieser Roman von Bestsellerautor Hakan Nesser versteht sich wesentlich mehr als Coming of Age Geschichte, denn als Kriminalroman. Zwar gibt es einen Mord, aber der spielt nur einen Nebenrolle. Aber von vorne. Mauritz ist ein ganz normaler 17jähriger in den späten 60igern, und frühen 70igern. Er hört Pink Floyd, verehrt Bob Dylan, liest Sartre, und fühlt sich ob all dieser Dinge nicht nur künstlerisch begabt, sondern auch intellektuell. Doch selbst einem solchen jungen Mann kann die Liebe ganz schön dazwischen funken, und das tut sie in Form von Signhild, einer Kindheitsfreundin, die seit Jahren gegenüber wohnt, und dank Pubertät und diversen Wachstumsschüben inzwischen nicht nur als Spielkameradin angesehen werden kann. Makabererweise soll gerade der Mord an ihrem Vater dafür sorgen, dass Mauritz und sie sich näher kommen. Dank seiner Verbindungen zur Polizei (sein Schwager in spe), und dem Journalismus (sein Vater) erfährt Mauritz zusätzlich noch wesentlich mehr über den Mordfall. Wie bereits erwähnt spielt dieser aber keine wichtige Rolle, der meiste Raum wird der verwirrten Gefühlswelt des heranwachsenden Helden eingeräumt. Erste Liebe, Geld beim Ferialjob verdienen um sich neue Platte zu kaufen, das bestimmt nicht nur das Weltbild von Mauritz, sondern auch das Schriftbild des Romans. Das ist aber nicht unbedingt negativ, denn Nesser weiß dank seines schönen Stils, und seines unterschwelligen Humors auch so zu gefallen. Und doch hätte man einen Krimi erwartet, und bekommt ihn nicht. Spannung im herkömmlichen Sinne kommt nie auf, dafür unterhält die Geschichte aber mit ihren genannten anderen Stärken. Schön natürlich wenn man vielleicht noch etwas für die Zeit übrig hat in der das Buch spielt, oder vielleicht sogar in dieser aufgewachsen ist. In diesem Sinne: Pink Floyd auflegen und diesen Roman, der kein Krimi ist, genießen.

"heimtückisch spannend"
von Urte aus Olching am 07.03.2006

Spannend ist dieses Buch nur, weil der Leser bis zum Schluss auf Spannung wartet. "Heimtückisch spannend" eben, wie es die "Brigitte" urteilt. Nur weil ein Nachbar geköpft in seinem Bett aufgefunden wird, muss dieses Buch noch lange kein Krimi sein. Dieses Buch hat eher die Qualitäten eines Jostein Gaarder, als eines Mankell ode... Spannend ist dieses Buch nur, weil der Leser bis zum Schluss auf Spannung wartet. "Heimtückisch spannend" eben, wie es die "Brigitte" urteilt. Nur weil ein Nachbar geköpft in seinem Bett aufgefunden wird, muss dieses Buch noch lange kein Krimi sein. Dieses Buch hat eher die Qualitäten eines Jostein Gaarder, als eines Mankell oder einer Ekman. Dennoch finde ich es lesenswert - mit Mauritz, einem schwedischen Jungendlichen , den Mittsommer zu verbringen, seine große Liebe zu entdecken, die Bücher und Musik seiner Zeit zu lesen und zu hören...und festzustellen, dass es in Schweden nicht anders war, als hierzulande - aber eben alles andere als Spannungslektüre. Die Suche nach dem Mörder zieht sich lediglich wie ein roter Faden durch die Geschichte, dominiert sie aber nicht.