Austrian Psycho oder der Rabiat Hödlmoser

Ein Trashroman in memoriam Franz Fuchs

Franzobel

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Beschreibung

Was der Heimatkundeunterricht alles verschweigt.

In einem durchschnittlichen österreichischen Ort findet man mehr Wegweiser zu Wirtshäusern als zu öffentlichen Einrichtungen. Gasthof zur goldenen Sau, zur seligen Oberfläche, Kernstock, zum knochenweissen Semmelkren, und so weiter. Nur mit Glück findet man in einem durchschnittlichen österreichischen Ort den Bahnhof, das Rathaus, die Apotheke. Findet man sie nicht, geht man am besten in eines der Wirtshäuser, denn dort sitzen ohnehin alle und trinken ihre durchschnittlich vier bis acht Liter Bier. Bahnhofsvorstand, Gemeinderat, Bürgermeister. Nicht aber den Apotheker, nicht im durchschnittlichen Mürzzuschlag. In Mürzzuschlag steht der Apotheker Kleewein vor seinen Fläschchen und Tiegeln und empfängt gerade einen Kunden.

– Hödlmoser?, klingt wie Doppelkofler, Hödlmoser, woher kenn ich das, murmelt die verkrachte Apothekersexistenz. Genau, jetzt hab ich’s. Weisst, dass ein Roman vom Erpe Gruber so heisst wie du.

– Ahso?

– Am Ende bist du noch ein Grubenhund? Aber kein Wunder, so Schriftsteller, sagte der mit weisser Strickweste bekleidete Apothekeraffe Kleewein, saugen sich ja die Namen auch nicht aus den Fingern. Alles Giftler.

– Ahso?

– Aber jetzt redn wir nicht mehr davon. Wofür brauchst du die Medikamente denn? Hast wen umbracht? Wen denn? Den Heinz Schilcher? Aber geh, brauchst nicht gleich so schauen, du bringst doch keinen um, gell? Schon gar net den Heinz Schilcher. Du doch net. Oder bist du auch ein Giftler?

– Na, i net, brummte Hödlmoser und schob seinen Reisepass wieder ein. Der Apotheker Kleewein stellte die Medikamente und den Verband auf den Tresen und grinste. Ein Geruch nach Eiter und Salmiak lag in der Luft.

– Ich kenn dich, du bist nicht von da. Du bist ein Auswärtiger, Hödlmoser, stimmts.

– Hört man das?

– Wo kommst denn her?

– Aus Fladnitz.

– Fohnsdorf? Ist auch schön. Der Wiener Burgtheaterdirektor ist von dort. Der Vater von Bachler war Kohlenhändler in Fohnsdorf.

Aber was erzähl’ ich das dir, du musst es ja wissen. Und, wie gefällt dir Mürz. Schon schön, gell. Mürz ist ein in die Steiermark zurückgeflossenes Tirolerdorf. Wenn ein schöner Tag ist, ist Mürz schon schön, säuselte der Apotheker Kleewein und blickte durch das Fenster in den Nebel. Der Nebel, dachte es im Apotheker, das sind die Wadln des Himmels, nur schade, dass Mürz ausgerechnet am Knöchel liegt. Nichts als Nebel, jahrein, jahraus. Tag für Tag. Nur Nebel und Wolken und Hochnebel und Tiefnebel, Seitennebel und Längsnebel, Schrägnebel und Quernebel, dicht und ausgedünnt. Nebel und Nebel. Dauernd schwimmt man in der Nebelsuppn. Natürlicher und künstlicher Nebel, Wasserdampf, Hausbrand. Als wenn die Landschaft immer besoffen wäre. Nebel und Nebel. Und wie sein Blick so durch den Nebel in die Wolken schweifte, merkte der hirnverkühlte Kleewein gar nicht, dass Hödlmoser einfach ging. Draussen hörte man Polizisten und Besoffene, und es war, als würden Väter ihre Knaben schlagen, Bauern junge Stiere kastrieren.

Nein, nicht sagen, nahm sich Hödlmoser vor, nicht schon wieder, nein. Nicht! Doch da war es bereits zu spät. Gross stand es da vor seinen Augen, gross und mächtig und wie ein einzig, göttlich Wort: Durst. Hab ich einen Durst. Was für einen Durst. So einen Durst. Einen geradezu närrischen Durst. Durst, wie er durstiger nicht sein kann. Durst zum Quadrat, ja eine Durstpotenz. Also ging er in ein Wirtshaus und trank erst einmal drei Halbe.

Franzobel: geboren 1967, aufgewachsen im Schatten der so genannten Schimmelkirche in Pichlwang, geprägt durch jahrelanges Ministrieren, schrieb er seine ersten Gedichte auf Hostien. Da in Pichlwang zu wenig Menschen starben, und Franzobel somit von den Kondukten nicht reich werden konnte, musste seine Mutter Schwammerlsuchen gehen, um ihm eine erste Schreibmaschine zu finanzieren. Später hat er den Ministrantendienst gegen den Dienst vor dem Fernseher und der gleichzeitig mit der Messe stattfindenden Sportschau eingetauscht, hinzu kam David Carradines Kung-Fu. Franzobel war intensiver ZDF-Empfänger, später hat er sich intensiv mit Heimatkundeunterricht beschäftigt und mehrere Kinderfreunde-Ferienlager überlebt, seine Schulzeit war geprägt von Wandertagen und dem damit verbundenen Sunkist-Zertreten, seit 1986 lebt er als Erreger, Privatkatholik und Schriftsteller in Wien. Von den zahlreichen Preisen sind besonders jener der Stadt Kassel für grotesken Humor sowie die Bert-Brecht-Medaille hervorzuheben..
Norbert Trummer: geb. 1962 in Leibnitz/Steiermark, Studium der Malerei an der Akademie der bildenden Künste in Wien, Stipendienaufenthalte in Krakau, Budapest, Krumau und Rom, Georg Eisler Preis, Staatsstipendium für bildende Kunst, zahlreiche Ausstellungen und -beteiligungen, verschiedene Buchprojekte. Spielt Akkordeon, Ukulele, Mundharmonika, indisches Harmonium und singt, CD-Veröffentlichungen und Auftritte mit den Bands Scheffenbichler und (a parrot singing), Vertonung von Franzobelgedichten, „An der schönen greenen blauen Donau“, CD, Bibliothek der Provinz 2004. Lebt in Wien.

Produktdetails

Einband gebundene Ausgabe
Herausgeber Richard Pils
Seitenzahl 132
Erscheinungsdatum 01.01.2001
Sprache Deutsch
ISBN 978-3-85252-414-6
Verlag Bibliothek der Provinz
Maße (L) 21.5 cm
Gewicht 325 g
Abbildungen mit Illustrationen 21,5 cm
Auflage 2. Auflage
Illustrator Norbert Trummer

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