Mein Vaterland war ein Apfelkern

Ein Gespräch mit Angelika Klammer

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Herta Müller hat spätestens nach der Verleihung des Literatur-Nobelpreises im Jahr 2009 faszinierte Leserinnen und Leser in aller Welt gefunden. In einem grossen Gespräch mit Angelika Klammer erzählt sie nun zum ersten Mal ausführlich von dem, was sie zum Schreiben gebracht hat und was ihr Leben als Autorin bestimmt: von der dörflichen Kindheit im diktatorisch regierten Rumänien über die Ausreise nach Westdeutschland 1987 bis zur Verleihung des Nobelpreises in Stockholm. Eine Lebensgeschichte in der Literatur.
Portrait
Herta Müller wurde 1953 in einem deutschsprachigen Dorf im Banat/Rumänien geboren. Nach einem Publikationsverbot und Repressionen durch den Geheimdienst Securitate konnte sie 1987 nach Berlin ausreisen, wo sie auch heute lebt. Zu ihren bekanntesten Werken gehören die Romane ›Atemschaukel‹ und ›Der Fuchs war damals schon der Jäger‹, die Prosabände ›Niederungen‹ und ›Der Mensch ist ein grosser Fasan auf der Welt‹, der Essayband ›Der König verneigt sich und tötet‹. Für ihren Roman ›Herztier‹ wurde sie 1998 mit dem Impac Dublin Literary Award ausgezeichnet, dem weltweit höchstdotierten Literaturpreis für ein einzelnes Werk. Nach zahlreichen weiteren Ehrungen erhielt sie 2009 den Nobelpreis für Literatur.
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Beschreibung

Produktdetails


Einband Taschenbuch
Herausgeber Angelika Klammer
Seitenzahl 240
Erscheinungsdatum 25.05.2016
Sprache Deutsch
ISBN 978-3-596-03365-2
Verlag Fischer Taschenbuch Verlag
Maße (L/B/H) 19,3/12,5/2 cm
Gewicht 187 g
Auflage 3. Auflage
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Aus Einsamkeit zum Schreiben
von Doreen Gehrke am 20.05.2015
Bewertet: Buch (gebunden)

„Ich glaubte, diese Dorftrauer hat jeden im Griff, sie ist gleichmäßig über alles verteilt. Man kann ihr nicht entkommen. Ich war oft traurig als Kind, weil ich zu viel allein war.“, erzählt Herta Müller über ihre Kindheit im rumänischen Nitzkydorf. „Mein Vaterland war ein Apfelkern“ ist autobiografisch und bibliografisch... „Ich glaubte, diese Dorftrauer hat jeden im Griff, sie ist gleichmäßig über alles verteilt. Man kann ihr nicht entkommen. Ich war oft traurig als Kind, weil ich zu viel allein war.“, erzählt Herta Müller über ihre Kindheit im rumänischen Nitzkydorf. „Mein Vaterland war ein Apfelkern“ ist autobiografisch und bibliografisch zugleich, aber werden Lebensereignisse und Publikationen nicht einfach nur aufgezählt. Es ist ein Gespräch zwischen Herta Müller und Angelika Klammer, das uns Leser auf Herta Müllers Leben blicken lässt und uns erklärt, warum diese zahlreich ausgezeichnete Schriftstellerin gerade die Geschichten geschrieben hat, die sie geschrieben hat und wie sehr Schilderungen in ihren Büchern mit ihrem eigenem Leben verflochten sind und vielleicht auch, weshalb Herta Müllers so wunderbar poetische Sprache ihre Leser fasziniert. Die Publizistin und freie Lektorin Angelika Klammer zitiert aus Essays und Büchern Herta Müllers, fragt nach, kommentiert – so liest Leser kein Frage-Antwort-Spiel, sondern ist vertieft in ein Gespräch. Dabei antwortet und erklärt Herta Müller nahezu wie sie schreibt – ausdrucksstark, nackt, fesselnd. Aufgewachsen in einem rumänischen Dorf prägten harte Arbeit, Religion und Aberglaube, Einsamkeit und Schläge ihre Entwicklung. Herta Müllers Mutter war für fünf Jahre in einem Arbeitslager deportiert worden. Die Erlebnisse dort hatten Einfluss auf ihr Wesen und in Folge auf die Erziehung der Tochter. Herta Müller erzählt, dass ihre Mutter sie schlug, wenn sie beim Schälen einer Kartoffel zu tief hineinschnitt. Nach qualvollem Hunger im Arbeitslager war die Kartoffel der Mutter ihr größter Schatz. Sie beschreibt das Wesen der Dorfbewohner. „Ich glaube, in diesem Dorf war überall etwas ein bisschen gefälscht. Was so dastand wie immer, wie seine öden dreihundert Jahre, war doch in Wahrheit längst aus den Angeln gehoben durch die Katastrophen der Geschichte. Die innere Verstörung wurde zugedeckt durch äußere Sturheit. Fleiß, Sauberkeit, Ausdauer und vor allem dieses Gemisch aus Arroganz und Minderwertigkeitsgefühl.“ Die empfundene Heuchelei der Dorfbewohner wird in Herta Müllers ersten Roman „Niederungen“ thematisiert, wenngleich dies nicht der Grund war, warum sie mit dem Schreiben begann. „Ich hielt mich nicht für eine Schriftstellerin. Ich hatte angefangen zu schreiben, weil mein Vater gestorben war, weil die Schikanen des Geheimdienstes immer unerträglicher wurden. Ich musste mich meiner selbst vergewissern, die Ausweglosigkeit um mich herum machte mir so eine Angst.“ Die Arbeit des rumänischen Geheimdienstes Securitate ziehen sich durch Herta Müllers Publikationen wie ein nie enden wollendes Band. Sie hat es sich zum Thema gemacht, zu ihrem persönlichen Thema – aus der Not geboren, um mit der Angst fertig zu werden. „Niederungen“ wird zensiert, es erscheint 1982 gekürzt und geändert. Auch die deutsche Ausgabe zwei Jahre später im Rotbuch Verlag ist stark gekürzt worden. Dennoch, Herta Müllers Buch wird seitens der Intellektuellen für ihre „innovative Sprache“ gelobt. Es folgen die ersten Literaturpreise im Ausland. Dies bereitet Herta Müller noch mehr Ärger mit dem Geheimdienst. Sie berichtet, wie sie von der Securitate bedrängt wird, für sie als Spitzel zu arbeiten. Aber sie lehnt ab und wird deswegen mit dem Tod bedroht. Es folgen Schikanen. Als Dolmetscherin in einer Fabrik muss sie ihr Büro verlassen und allein auf einer Treppe arbeiten. Es werden Gerüchte verbreitet. Sie solle für den Geheimdienst arbeiten, Kollegen meiden sie. Herta Müller ist wieder einsam. „Wenn man verfolgt wird, gehören Angst und Einsamkeit zusammen. Man wird gemieden, die Kollegen weichen einem aus, sie wollen nicht mit einem gesehen werden, aus Angst, dass auch sie ins Visier geraten. Das tut weh, man ist den anderen nicht mehr gut genug. Man wird von oben schikaniert und von unten diskriminiert. Kurz gesagt, je mehr Schikanen, umso mehr Einsamkeit. Ich habe aus Einsamkeit zu schreiben begonnen, es war die zweite große Einsamkeit.“ Zudem beschreibt Herta Müller den Alltag im Sozialismus. Die Hässlichkeit der forcierten Gleichheit mache apathisch und anspruchslos. Die Folge sei ein schweres Gemüt der Menschen. Sie vergleicht das Dorfleben ihrer Kindheit mit dem Leben in der Stadt und kommt zu dem Schluss: „Sozialismus bedeutet die Austreibung der Schönheit.“ Dieser Ödnis im Alltag begegnet Herta Müller mit Ablenkung. Sie denkt in Bildern, sie beobachtet und seziert das Beobachtete, schreibt, um nicht dem Wahn zu verfallen. Aus der Fabrik wird Herta Müller schließlich entlassen. Sie gibt Schülern Nachhilfestunden, aber der Geheimdienst übt Druck auf die Familien aus, sodass Herta Müller sich ständig neue Jobs suchen muss. Zudem kommen immer wieder Verhöre, bei denen ihr unterstellt wird, sie sei Prostituierte und würde Schwarzhandel betreiben. „Alles voller kalter Gefühle“ wie es heißt, der Vernehmer hatte seine Macht und sie hatte ihre Angst, und beide hassten sich. Zuletzt arbeitet sie als Deutschlehrerin in einer Schule. Dort wird sie nach ihrer dritten Auslandsreise auch entlassen. Herta Müllers Lage spitzt sich zu. Zusammen mit Freunden aus dem Schriftstellerkreis „Schriftstellervereinigung Adam Müller-Guttenbrunn“ stellt sie Ausreiseanträge. 1987 kann Herta Müller zusammen mit ihrem damaligen Mann und ihrer Mutter, der nach Drängen der Securitate ihr Haus aufzugeben dem zustimmt, nach Deutschland ausreisen. Im Übergangsheim in Nürnberg wird Herta Müller vom BND der Spionage für die Securitate verdächtigt und tagelang verhört. Sie ist sich sicher, dass ihre Biografie fingiert wurde und ist enttäuscht vom BND, dass dieser nicht selbst recherchiert hat. Zudem verlangt man von Herta Müller, dass sie sich entscheidet, ob sie Deutsche sein möchte oder eine politisch Verfolgte. Beides ginge nicht, dafür hatten sie kein passendes Formular. Im Jahr 2008, zwanzig Jahre nach ihrer Ausreise, kann Herta Müller ihre Akte lesen bzw. das, was vorhanden ist. Sie ist erleichtert, dass ihre Freundin Jenny erst kurz vor deren Tod sie verraten und niemand aus ihrem Freundeskreis für die Securitate gearbeitet hat. Aber das Erlebte lastet schwer und Herta Müller denkt lange daran, darüber zu schreiben. Besonders über die Deportation, die sie zwar selbst nicht kannte, aber an der sie in ihrer Kindheit litt. Als sie mit Oskar Pastior zu einer Lesung reist, erklärt dieser sich bereit, über seine Deportation und sein Überleben im Arbeitslager zu berichten. Es entsteht der Roman „Atemschaukel“, 2009. Im gleichen Jahr erhält Herta Müller den Nobelpreis für Literatur.