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«Niemandskinder»

Erziehung in den Heimen der Stiftung Gott hilft 1916-2016

Heimkinder galten im frühen 20. Jahrhundert als «verstockt». Später wurden sie als «verhaltensgestört» beschrieben. Heute bezeichnet sie die Forschung oft als traumatisiert. Haben sich die Kinder so gewandelt, oder änderte sich der gesellschaftliche Blick auf sie? Anhand der Kinderheime der Bündner Stiftung Gott hilft geht die Autorin diesen Fragen nach.
In den Heimen sollten die Kinder ‹wie in einer Familie› aufwachsen – so wollte es die Stiftung, aber auch die Gesellschaft. Die «Heimmütter» und «Heimväter» übersahen dabei die Loyalitätskonflikte, in die sie die Kinder stürzten, die ja meist Eltern hatten. Viel guter Wille, auch Liebe, aber ebenso Gewalt, mangelndes Wissen und Überforderung prägten den harten Ar-beitsalltag der Kinder und ihrer Erziehenden. Erst ab 1965 verschaffte eine Ausbildung den Mitarbeitenden methodisches Wissen und die Kinder wurden von der Feldarbeit entlastet. Schulisches Lernen, Sport oder Spiel dominierten den Alltag. Die Kindheit glitt in einen Schonraum, nicht nur im Kinderheim.
Der grösste Wandel in den Erziehungsvorstel-lungen vollzog und vollzieht sich seit den 1990er-Jahren mit der Wahrnehmung der Kinder als ebenbürtig mit den Erwachsenen. Die Fremderziehung wurde neu entworfen; die Familiensimulation verschwand. Die Stiftung Gott hilft hielt über den gesamten Zeitraum an ihren christlichen Werten fest, erwies sich aber im Hinblick auf die Erziehungsvorstellungen als lernfähig und flexibel.
Mit den eindrücklichen Quellen der Stiftung lassen sich die Kinder und ihr Alltag im Heim nachzeichnen, aber auch die Suche nach der ‹passenden› Erziehung zwischen gesellschaftlichem Auftrag und geltenden Normen.
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