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Die letzten Zeugen

Kinder im Zweiten Weltkrieg

(1)

Jahrzehnte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs sprechen Männern und Frauen, die beim Einmarsch der Deutschen in Weissrussland noch Kinder waren, zum ersten Mal darüber, woran sie sich erinnern. Ihre erschütternden Berichte machen Die letzten Zeugen zu einem der eindringlichsten Antikriegsbücher überhaupt.»Ich bat sie alle um eines«, schreibt Alexijewitsch. »Sich an ihre kindlichen Worte zu erinnern. An ihre kindlichen Gefühle. Zurückzukehren in jene Zeit, als sie noch Engel waren. Denn ich wusste: Mit anderen Worten lässt sich das nicht wiedergeben.« Oft sind diese Erinnerungen nur Bruchstücke, und doch haben diese Kinder Dinge gesehen und erlitten, die niemand, am allerwenigsten ein Kind, sehen und erleiden dürfte.Nobel- und Friedenspreisträgerin Swetlana Alexijewitsch erweist sich einmal mehr als begnadete Zuhörerin und grosse Chronistin. In ihren Texten versteht sie es, den Erfahrungen von Menschen in Extremsituationen, im Ausnahmezustand, einen einzigartigen Resonanzraum zu verschaffen.

Portrait
Swetlana Alexijewitsch, 1948 in der Ukraine geboren, ist eine der wichtigsten Zeitzeugen der postsowjetischen Gesellschaft. Ihre Bücher wurden vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem "Kurt-Tucholsky-Preis" des schwedischen PEN, mit dem "Triumph-Preis für Kunst und Literatur Russlands" und mit dem "Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung". 2013 erhielt Swetlana Alexijewitsch den "Friedenspreis des Deutschen Buchhandels" und 2015 den "Nobelpreis für Literatur".
Ganna-Maria Braungardt,
geboren 1956 in Crimmitschau, Studium in Woronesh, übersetzt seit 1991 aus dem Russischen, u. a. Werke von Ljudmila Ulitzkaja, Boris Akunin und Polina Daschkowa.
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Beschreibung

Produktdetails


Einband Taschenbuch
Seitenzahl 299
Erscheinungsdatum 08.05.2016
Sprache Deutsch
ISBN 978-3-518-46697-1
Verlag Suhrkamp Verlag AG
Maße (L/B/H) 188/116/27 mm
Gewicht 285
Originaltitel Poslednije swidetel
Auflage 1
Buch (Taschenbuch)
Fr. 17.90
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Die verlorene Kindheit der Engel
von Nisnis aus Dortmund am 29.07.2016

Zweiter Weltkrieg: Beim Einmarsch der Deutschen in Weißrussland, waren sie noch Engel. Sie waren unbedarft, zarte Geschöpfe voller Freude an den Dingen um sie herum. Sie waren noch neugierig, besaßen offene, große Herzen, denn sie waren noch Kinder. Doch der Einmarsch der Deutschen hat den Engeln die Kindheit für immer... Zweiter Weltkrieg: Beim Einmarsch der Deutschen in Weißrussland, waren sie noch Engel. Sie waren unbedarft, zarte Geschöpfe voller Freude an den Dingen um sie herum. Sie waren noch neugierig, besaßen offene, große Herzen, denn sie waren noch Kinder. Doch der Einmarsch der Deutschen hat den Engeln die Kindheit für immer genommen. Swetlana Alexijewitsch hat sich an sie erinnert. Sie hat die einstigen Engel gebeten, ihre Erinnerungen an den Einmarsch der Deutschen (1941-1945), aus ihrer kindlichen Sicht zu erzählen, ihre kindlichen Worte für das Erlebte wiederzufinden und ihre kindlichen Gefühle zu beschreiben. Chronistin Swetlana Alexijewitsch hörte ihnen zu und verstand es, das Gehörte niederzuschreiben, um uns Menschen einfühlsam einen Hauch dieser niederschmetternden Zeit voller Grausamkeiten, aus der Sicht von Kindern dieser Zeit, näher zu bringen. Viele der letzten Zeugen haben trotz der dazwischenliegenden Jahrzehnte ihre Erinnerungen nicht verloren und sie können sie noch aus ihrer kindlichen Sicht schildern. Manche behüten nur noch kleine Erinnerungsfetzen, andere können nur unter stillen Tränen erzählen, andere sind stumm. Eine klassische Rezension zu diesem Werk zu schreiben ist mir nicht möglich. Sicher, Swetlana Alexiejewitsch Sprache und der Stil in dem sie schreibt ist hochwertige Literatur und bedeutend einfühlsam. Ich kann dieses „Gesprächsbuch“ nicht rezensieren und bewerten, denn die Protagonisten in diesem Buch sind die Zeitzeugen des Zweiten Weltkrieges. Sie sind real. Die letzten Zeugen ist eine gelungene, vielschichtige Komposition von vielen Zeitzeugengesprächen, dass den Nobelpreis für Literatur wahrlich verdient. Swetlana Alexijewitsch gibt in ihrem Buch jedem Zeitzeugen eine seiner Erinnerung angemessene Überschrift und sie nennt den Namen desjenigen, sein damaliges Alter und seinen heutigen Beruf. An dieser Stelle kann ich nur schreiben wie sehr mich dieses Buch betroffen und traurig gemacht hat. Auch wenn ich aus Interesse an der Deutschen Geschichte schon sehr viel über den Zweiten Weltkrieg gelesen habe und ich immer von neuem zutiefst berührt und erschrocken bin, so hat mich dieses Werk besonders berührt und nachdenklich gestimmt. Meine Nachdenklichkeit entsteht beim Lesen vor allem da, wo Kinderstimmen von ihren Erlebnissen erzählen. Es ist nicht das Große an Kriegsereignissen was mich so schmerzlich trifft, sondern das Kleine, das die Kinder plötzlich in ihrem Alltag zu spüren und zu sehen bekamen. Meistens schildern sie den unfassbaren schmerzlichen Verlust des Vaters, der an die Front ging und nicht widerkehrte oder sie schildern den Anblick der vielen Toten, die achtlos und unbegraben am Wegesrand ihres Dorfs oder auf dem eigenen Hof lagen. Als Mutter projizieren meine Gedanken das Gelesene immer wieder in das Hier und Jetzt. So ein Buch klingt unwahrscheinlich lange nach. Eine bewusste, intensive Vorstellung was diese Kinder erlebt haben, was sie verzweifeln ließ und was ihnen so große Angst bereitete, gelingt mir nur annähernd, wenn ich meine Augen schließe. Die tagtäglichen Nachrichten über die Kriege unserer Welt, wie den Krieg in Syrien, machen mir im Kontext mit diesem Buch bewusst, dass auch diese Kinder dort, etwas sehr ähnliches tagtäglich erleben. Hilflosigkeit macht sich in mir breit. Ich möchte dieses Buch manchem Politiker und Machthaber als Pflichtlektüre zum Lesen geben und hoffen, dass sie ebenso berührt Wendungen herbeiführen, damit Kinderseelen gesund bleiben. Jede geweinte Kinderträne ist eine zu viel. Die Autorin: Swetlana Alexijewitsch, 1948 in der Ukraine geboren und in Weißrussland aufgewachsen, lebt heute in Minsk. Ihre Werke, in ihrer Heimat verboten, wurden in mehr als 30 Sprachen übersetzt. Sie wurde vielfach ausgezeichnet, 1998 mit dem Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung und 2013 mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. 2015 erhielt sie den Nobelpreis für Literatur. Zitate: „ Vor der Stadt schossen sie gezielt auf uns. Die Menschen fielen auf die Erde. In den Sand, ins Gras. „Mach die Augen zu, mein Sohn … Schau nicht hin“, bat Vater. Ich hatte Angst zum Himmel zu schauen – dort war alles schwarz von Flugzeugen – und auch auf der Erde, überall lagen Tote. Ein Flugzeug flog ganz dicht vorbei. Vater fiel hin und stand nicht mehr auf. Ich hockte über ihm und bettelte: „Papa, mach die Augen auf … Papa, mach die Augen auf …“ Leute riefen: „Deutsche!, und zogen mich mit sich fort. Ich begriff nicht, dass Vater nicht mehr aufstehen würde, dass ich ihn hier im Staub, mitten auf dem Weg, liegenlassen musste. Zum zudecken benutzten wir unsere Mäntel. Unsere Wäsche wuschen wir selbst, in Wasser mit Eis – wir weinten, so weh taten uns die Hände. Wir aßen Wasser. Wenn die Mittagszeit heran war, stellte Mama einen Topf heißes Wasser auf den Tisch. Das verteilten wir in Schüsseln. Abend. Abendbrot. Auf dem Tisch ein Topf heißes Wasser. Farbloses heißes Wasser. Im Winter gibt es nicht mal was, womit man es färben könnte. Nicht einmal Gras. Und ich als Geburtstagskind bekam eine Extraportion: noch ein halbes Löffelchen Zucker … Am letzten Tag… Bevor die Deutschen abzogen, zündeten sie unser Haus an. Mama stand da, starrte ins Feuer und weinte keine einzige Träne. Und wir drei liefen herum und riefen: „Nicht brennen, liebes Haus! Nicht brennen, liebes Haus!“ Wer hat uns gerettet im deutschen Konzentrationslager, wie? Den Kindern wurde Blut abgenommen für deutsche Soldaten, die Kinder starben. Wie kamen mein Bruder und ich ins Kinderheim, wie erreichte uns gegen Kriegsende die Nachricht, dass unsere Eltern gefallen waren? Irgendetwas ist mit meinem Gedächtnis passiert. Ich erinnere mich an keine Gesichter, an keine Worte… Die Nachbarstochter, drei Jahre zwei Monate alt … Ich erinnere mich, wie ihre Mutter am Sarg immerzu sagte: „Drei Jahre und zwei Monate“. Sie hatte eine „Zitrone“ gefunden, eine Granate. Und wiegte sie wie eine Puppe. Wickelte sie in Lumpen ein und wiegte sie. Die Granate war so klein wie ein Spielzeug, nur schwer. Die Mutter rannte los, schaffte es aber nicht mehr… Ein Soldat fragte mich: „Wie heißt du, Mädchen?“ Aber ich hatte es vergessen. „Und dein Familienname?“ Ich erinnerte mich nicht. Wir saßen bis nachts neben Mamas Grabeshügel, bis man uns auf ein Pferdegespann setzte. Der Wagen war voller Kinder. Ein alter Mann fuhr uns, sammelte unterwegs alle ein. Wir kamen in ein fremdes Dorf, fremde Leute nahmen uns zu sich. Ich habe lange nicht gesprochen. Nur geschaut. „

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