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Autorenbild von Albert Londres

Albert Londres

Albert Londres war der bekannteste Reporter Frankreichs der zwanziger Jahre, Galionsfigur des investigativen Journalismus sowie Verfechter des Journalismus als literarischer Form. Auf einen Schlag bekannt wurde er mit seinem Bericht über die brennende Kathedrale von Reims 1914. Während der Kriegsjahre war er zuerst für »Matin« und später für »Le Petit Parisien« an allen Fronten unterwegs, während er in den zwanziger Jahren als Auslandsberichterstatter Reisen in alle Welt unternahm. Er berichtete als einer der ersten aus der jungen Sowjetunion, aus Japan, Afrika und China, verfasste bedeutende Reportagen über Irrenhäuser, über die Strafsysteme in Guayana und Algerien, über politischen Terror auf dem Balkan, über die Tour de France, über Mädchenhandel in Argentinien. Auf der Rückfahrt von Shanghai, wo er eine Reportage über organisierte Kriminalität vorbereitet hatte, kam er 1932 bei einem Schiffsunglück im Golf von Aden ums Leben. Seit 1933 wird an seinem Todestag, dem 16. Mai, der Prix Albert Londres verliehen, der bedeutendste Journalistenpreis Frankreichs.

Afrika, in Ketten von Albert Londres

Neuerscheinung

Afrika, in Ketten
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Die Geschichte des Kolonialismus in Afrika holt uns immer wieder ein: in Gestalt von Flucht und Migration oder im Streit um die Rückgabe von Kulturgütern. Mit dem grossen Reporter Albert Londres schauen wir auf das französische West- und Nordafrika in den 1920er-Jahren.
»Afrika, in Ketten« versammelt zwei Berichte aus dem französischen Kolonialreich: In »Schwarz und Weiss« bereist Londres Französisch-West- und Äquatorialafrika, sein Weg führt ihn von Dakar über Bamako und Timbuktu im Westen nach Niger und weiter in den Sudan, bis er im Kongo den Äquator überquert. Sein Gegenstand ist das Leben der weissen »Staatsbürger Frankreichs« und der schwarzen »Untertanen« in den sogenannten Überseegebieten, die willkürliche Rechtsprechung der Kolonialverwalter und die Geschicke der zahllosen Glücksritter, die fern von Europa zu schnellem Reichtum zu gelangen versuchen. 1928, genau achtzig Jahre nach der Ächtung der Sklaverei in Frankreich 1848, zeigt Londres: Das Herrschaftsverhältnis von Herr und Knecht ist intakter denn je.
Sein literarischer Journalismus ist für die französische Öffentlichkeit skandalös. Während die Pariser Boulevards sich an exotischen Kolonialwaren und Kakao- Reklametafeln erfreuen, sich an der Idee der Zivilisierung der Einheimischen und an der eigenen Wohltäterschaft erheben, präsentiert Londres die echte, die zynische Perspektive der Kolonisatoren; so beim Bau der »Kongo-Ozean-Bahn«, bei der das »Negermaterial« noch weniger wert ist als blosses »Menschenmaterial«.
In »Biribi« besieht Londres die Strafkompanien in Französisch- Nordafrika, die er 1924 besuchte. Ihr Name leitet sich ab vom französischen Glückspiel Biribi: Der Bankvorteil ist enorm, die Wahrscheinlichkeit des Gewinns verschwindend gering, der Einsatz – das Leben.
In Biribi sitzen sie ein: Straffällige aus den in Afrika für den Ersten Weltkrieg rekrutierten Truppen Frankreichs, aus dem China-Regiment, aber auch noch die letzten Lebenden aus der Rheinarmee, die 1870/71 im Deutsch-Französischen Krieg kämpften. Ihre Vergehen: Desertion, Fahnenflucht, »Feigheit vor dem Feind«, »Wehrkraftzersetzung«, Befehlsverweigerung, Beleidigung von Vorgesetzten. Diese Zwangsarbeiter bis zum Tode nennt man Untote – sie bewohnen die Unterwelt von Biribi zahlreich.
In diese Hölle, in der mittelalterliche Strafen erlitten werden, steigt Londres hinab und kann mit Recht sagen: »Dante hat gar nichts gesehen.«

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