Gesichter der Zeit
Kalender gibt es seit eh und je: Schon in der Jungsteinzeit navigierten sie Menschen sicher durchs Jahr. Heute dienen sie nur noch selten ihrem ursprünglichem Zweck – dafür umso häufiger der Dekoration, dem Vergnügen oder als Geschenk.
TEXT: Michelle Becht, September 2021
Lebewesen erleben den Jahresablauf und reagieren auf ihn – die meisten Tiere wohl instinktiv, der Mensch aber sehr bewusst. Weil Wetterschwankungen und Tierwanderungen sein Leben seit jeher massiv beeinflussten, beobachtete er den Lauf der Zeit intensiv, und er hielt seine Erkenntnisse fest. Der Turm von Jericho und die berühmten Anlage von Stonehenge in England zum Beispiel sollen errichtet worden sein, um die wiederkehrenden Himmelsereignisse exakt bestimmen zu können. Im dritten Jahrtausend v. Chr. wurde die 365-Tage-Basis durch einen ägyptischen Verwaltungskalender zum ersten Mal festgehalten, und um 1800 v. Chr. führten die Babylonier den siebentägigen Wochenzyklus ein. Etliche Kalenderreformen und neue Berechnungstechniken führten Ende des 16. Jahrhunderts zum gregorianischen Kalender, wie wir ihn heute kennen.
Stets viele Funktionen
Ein gedruckter Kalender erinnerte einst an Heiligenfeste, an astronomische Ereignisse, an viele Aspekte rund um die Landwirtschaft – und er fungierte auch als wichtiges Werkzeug der Volksaufklärung: Kaum ein anderes Druckerzeugnis erreichte so viele Menschen aller Schichten. Via «Bauernkalender» oder vergleichbaren Publikationen gelangten hauswirtschaftliche, ökonomische und medizinische Informationen zum Beispiel an die bis anhin oft eher unkundige Landbevölkerung. Heute hat der Kalender viele seiner einstigen Zwecke eingebüsst. Jedes digitale Gerät verfügt mittlerweile über eine Kalenderfunktion, im App-Store kann man sich Unmengen an Apps zur Lebensorganisation herunterladen. Und trotzdem: «Das physische Element eines Kalenders ist unersetzbar », wie Hans-Peter Wicki meint. Er leitet die Buchhandlung von Orell Füssli in Bern – eine Buchhandlung, die seit kurzem über eine eigene Kalenderwelt verfügt (mehr dazu in untenstehendem Kasten). «Die Digitalisierung verdrängt das Haptische nicht, man hat das Bedürfnis, etwas in der Hand zu haben, etwas an die Wände zu hängen», so Hans-Peter Wicki. Dies gelte nicht nur für die ältere Generation, die mit Kalendern aufgewachsen sei. «Die junge Generation führt diese Tradition weiter – oftmals einfach deshalb, weil man Kalender cool findet.» So hängen heute auch viele Kalender in Wohngemeinschaften oder Startups.
Junge Frauen lieben Agenden
Auch Sebastian Inhauser, der als Verlagsvertreter auf Kalender spezialisiert ist, glaubt nicht, dass der digitale Kalender den physischen je ersetzen wird. Warum nicht? «Wegen des Mehrwerts, der durch einen physischen Kalender generiert wird: Man kauft einen Kalender wegen seines visuellen Reizes, hängt ihn wegen der schönen Bilder auf, die regelmässig wechseln, und geniesst zusätzlich die Funktion eines Kalenderiums.» Doch auch physische Agenden ohne grosse visuelle Reize sind immer noch hoch im Kurs. Vor allem junge Frauen seien wichtige Kundinnen in diesem Bereich, so Hans-Peter Wicki: «Auch auf den sozialen Netzwerken sind Agenden ein Trend. Alles, was Tradition hat, wird von den Jungen neu entdeckt!» Ein Beispiel für einen beliebten Taschenkalender ist «Daphne’s Diary», der mit vielen visuellen Ideen und sogar einem Stickerbogen das ganze Jahr über Freude macht.
Was hängt an der Wand?
Die vielfältigen Aufgaben moderner Kalender führen zu einer riesigen Palette an Typen, Formaten, Sujets. «Allgemein ist der Bildkalender der beliebteste Typ auf dem Markt», weiss Sebastian Inhauser. Damit liessen sich die verschiedensten Sujetpräferenzen abdecken. Katzenfreunde kaufen zum Beispiel den «Literarischen Katzenkalender»: Jede Woche gibt’s ein neues Katzenfoto zu bewundern und dazu einen passenden Text aus der Feder eines Schriftstellers oder einer Schriftstellerin zu lesen. Während der Pandemie, so Hans-Peter Wicki, stillten vor allem Sehnsuchtskalender das Bedürfnis nach Reisen und Outdoor-Aktivitäten. Auch Sebastian Inhauser hat erlebt, wie Naturkalender einen Aufschwung erlebten. Beliebt sind etwa die «Traumziele»-Wochenplaner, die einen mit qualitativ hochstehenden Fotografien jede Woche in eine neue Welt entführen – mal blickt man in die Ostsee, mal auf eine Elefantenherde in Botswana. Wen es geistig weniger weit weg zieht, ist mit dem «Schweiz»-Kalender des renommierten Schweizer Naturfotografen Roland Gerth bestens bedient. Die spektakulären Landschaftsaufnahmen bringen die Berge ins Wohnzimmer, in die Küche oder wo immer man einen besonderen Einblick geniessen will. Ein anderer Bestseller ist der «Lebensglück-Kalender» – er präsentiert nebst beruhigenden Bildern ermutigende Sprüche und Lebenstipps.
Familienplaner immer beliebter
Nebst den Bildkalendern liegen laut Hans-Peter Wicki auch Familienplaner voll im Trend. Sie gibt es in allen möglichen Ausprägungen: für Singles, Kleinfamilien, Wohngemeinschaften oder generationenübergreifende Haushalte. Und auch hier sind der Gestaltung keine Grenzen gesetzt: der Familienplaner «Einer für alle» trumpft nach dem Motto «weniger ist mehr» mit minimalistischem Design auf. Aufgepeppt wird er durch positive Impulse und inspirierende Familien-Mottos – da steht dem glücklichen Zusammenleben nichts mehr im Weg! Wer eher humorvoll durch die Woche geleitet werden will, greift hingegen nach dem vom deutschen Cartoonisten Uli Stein gestalteten Familienplaner. Es ist wirklich für jeden Geschmack etwas im Angebot.
Jedes Bedürfnis gedeckt
«Es gibt heute für jedes Bedürfnis und jeden kulturellen Aspekt einen Kalender», sagt Hans-Peter Wicki, «man kann Sprachen lernen oder sich von philosophischen Gedanken berieseln lassen.» Der von Dan Zetterström illustrierte Buchkalender 2022 zum Beispiel lässt das Herz von Vogelliebhabern höherschlagen oder lädt Neuinteressierte ein, jede Woche einen neuen Vogel kennenzulernen. Mit dem «365-Tage-Gelassenheit »-Postkarten-Wochenkalender bewahrt man durch inspirierende Lebensweisheiten die Ruhe, und man behält gleichzeitig den Überblick im vollen Terminkalender. Das Beste daran: Man kann die Weisheiten sogar an jemand anderen weiterschicken! Ein Trend-Setter ist auch der Abreisskalender: Der Kalender «NEON – Unnützes Wissen 2022» präsentiert skurrile Fakten aus der ganzen Welt. Für die Kleinsten ist der Kalender «Wissen für Kids» von Christine Schlitt und Angelika Sust ein Hit: Jeden Tag erfahren Kinder etwas Spannendes aus der Welt des Wissens. Da freut man sich auf morgen!
NEUE KALENDERWELT BEI ORELL FÜSSLI BERN
Orell Füssli Bern hat diesen Sommer die erste Kalenderwelt der Schweiz eröffnet: eine Abteilung, die einzig den Kalendern gewidmet ist. Bevor die Filiale an der Spitalgasse im letzten November ihre Türen öffnete, war Orell Füssli im Warenhaus Loeb einquartiert. Dort fing die Kalenderfaszination an, erklärt Hans-Peter Wicki: «Das dortige Kalenderangebot war eines der grössten der Schweiz und zog Kalenderliebhaber aller Art an. Als die Filiale im Loeb sich auflöste, war klar: Diese Tradition muss weitergeführt werden – am besten noch grösser!» Darum gibt es ab jetzt bis Ende Februar die Kalenderwelt in der Buchhandlung an der Spitalgasse: 180 Quadratmeter werden auf einem eigenen Stock den Kalendern gewidmet. Höhepunkte der Ausstellung sind zum Beispiel der Bern-Kalender aus der Rolle, ein Bestseller der letzten Jahre, oder Liebhaberstücke wie der qualitativ hochwertige Geo-Fotokalender. Ziel ist, das Kalenderangebot für 2022 adäquat und vielfältig zu präsentieren. Damit alle den passenden Kalender finden!