Revolution morgen 12 Uhr
Wer im Buchhandel arbeitet, liest gern – und diskutiert auch gern über Bücher. Deshalb laden wir jeweils zwei Mitarbeitende von Orell Füssli mit einer Neuerscheinung ihrer Wahl zu einem Streitgespräch ein. Diesmal kreuzen Simon Lüthi und Laura Masakorala vom Stauffacher Bern verbal die Klingen.
Simon Lüthi, 30, wohnt in Bern. Zwei Jahre lang arbeitete er in der Buchhandlung von Orell Füssli im Bahnhof Bern, seit Frühjahr 2020 leitet er im Stauffacher den Sach- und Fachbuchbereich im 1. Stock. «Ich lese querbeet», sagt Simon Lüthi. Neben Büchern mag er Reisen, Sprachen, Kochen und Musik.
Laura Masakorala, 24, schloss vor einem Jahr ihre Lehre zur Buchhändlerin ab. Seither arbeitet sie in der Belletristik-Abteilung im Stauffacher Bern. Daneben büffelt sie für die Berufsmatura. «Bücher sind einfach meine Leidenschaft», sagt sie.
Wie bist du auf deine heutige Empfehlung «Revolution morgen 12 Uhr» von Minu D. Tizabi gestossen, Laura?
Laura Masakorala (LM): Ein Buchblogger empfahl den Titel, und ich bekam Lust, ihn zu lesen. Erzählt wird die Geschichte von Sean, 24, der sich wegen einer Angststörung in einer psychiatrischen Anstalt befindet. Dort bekommt er immer wieder mysteriöse Anrufe aus Paris. Schliesslich beschliesst Sean mit einer Gruppe anderer Patientinnen und Patienten der Station, den Anrufen nachzugehen und das Rätsel dahinter zu lüften. Die zusammengewürfelte Truppe fährt erst nach Berlin, dann geht es weiter nach Paris. Die Geschichte ist allerdings gar nicht so wichtig; es geht eher darum, wie Sean die Welt sieht. Das Buch ist in der Ich-Form geschrieben, als Tagebuch, und das in einer sehr modernen Sprache.
Das heisst?
Simon Lüthi (SL): Es enthält viele englische Ausdrücke und sehr viel Slang.
SL: Diese Hündin kommt zu ihnen und wirft. Amira sieht, wie die Hündin den zuletzt geborenen Welpen zu Tode beisst; sie ist schockiert und fürchtet, alle Neugeborenen müssten jetzt sterben, deshalb jagt sie die Hündin fort. Josef klärt sie darüber auf, dass Hündinnen geschwächte oder kranke Welpen immer töten, den anderen aber nichts tun würden. Trotzdem wird die Hündin jetzt zu Amiras Gegenspielerin.
LM: Wieder gibt es einen Schnitt. Im dritten Teil haben Amira und Josef ein Kind, aber jetzt verschwimmt alles, Raum und Zeit, Geschichten und Figuren … SL: Ich finde den Beschrieb auf der Rückseite des Buchs sehr schlecht. Da heisst es, «Mama» sei «eine Parabel über die Urgewalt der Mutterschaft». Zu Beginn ist das auch so, aber dann entwickelt sich der Roman zu einer Horrorstory. Die Familie ist in diesem Wald gefangen und findet nicht mehr hinaus.
LM: Ja, das ist tatsächlich eine Art Horrorgeschichte – nicht blutig, aber sehr unheimlich und bedrückend. Man weiss nie so recht, wem man trauen kann.
Das heisst: Wer dieses Buch aufgrund des Klappentextes kauft, wird die Lektüre mit falschen Erwartungen beginnen?
SL: Ich glaube schon. Aber mir hat das Buch dann auch viel besser gefallen, als ich erwartete. Nur der Schluss war nicht so befriedigend, weil die Autorin die Geschichte nicht auflöst.
LM: Genau das finde ich aber gut, dass es keine Erklärung gibt. Die Geschichte wird einem sozusagen an den Kopf geworfen, und man kann damit tun, was man will.
SL: «Mama» hat mich stark an «Shutter Island» von Dennis Lehane erinnert; dort ist der Protagonist
psychisch krank und bildet sich alles ein.
LM: Stimmt. Ich dachte bei der Lektüre aber auch an «Die Wand» von Marlen Haushofer; dort geht es ebenfalls um eine Frau, die in einer Berghütte lebt und nicht mehr wegkommt.
SL: Mir gefällt das Buch wirklich sehr gut. Das Unheimliche ist stark präsent, aber auf eine subtile, sich schleichend steigernde Weise.
LM: Ich mag auch den Schreibstil dieser Autorin, die hier ihr Romandebüt vorlegt. Jessica Lind ist Drehbuchautorin, und das spürt man. Durch die harten Schnitte gibt es viele Lücken in der Erzählung, die man selbst füllen muss.
SL: Trotzdem kann man der Geschichte problemlos folgen.
Für wen eignet sich «Mama»?
LM: Für alle, die wieder einmal ein extrem spannendes Buch lesen wollen. Ich konnte es jedenfalls kaum mehr weglegen.
SL: «Mama» ist ein toller Schauerroman. Den Klappentext finde ich daher wirklich völlig unpassend. Das ist ein gutes Buch?
SL: Das ist ein gutes Buch!
LM: Ja!
Simon, du hast bereits die Sprache deiner Empfehlung «Nur eine kleine Insel» gelobt. Was ist das für ein Buch?
SL: Die Autorin Jamaica Kincaid wuchs auf der Karibikinsel Antigua auf. Dann ging sie nach New York, arbeitete als Au-Pair, studierte Fotografie und begann zu schreiben. Die Familie billigte ihre schriftstellerische Tätigkeit nicht, deshalb nahm sie ihren heutigen Namen an. «Nur eine kleine Insel» ist ein Essay über ihre Heimat Antigua – und ein leidenschaftliches Pamphlet gegen Kolonialismus, Rassismus, Kapitalismus und Tourismus.
LM: Speziell finde ich, dass die Autorin die Leserschaft direkt anspricht, als wäre man selber ein Tourist.
Sie klagt einen an?
LM: Ja, man fühlt sich sehr betroffen, selbst wenn man noch nie in der Karibik war. Den Kolonialismus anzuprangern ist eigentlich nichts Neues, aber hier ist eine enorm starke persönliche Wut spürbar – sie zeichnet dieses Werk aus. Die Wut der Autorin übertrug sich beim Lesen auf mich, und mit der Zeit regte ich mich sehr über die Touristen und den Kolonialismus auf.
SL: Es macht einen einfach sauer, was die Einheimischen erlebten. Die Engländer drängten ihnen ihren Lebensstil auf, diskriminierten sie aber zugleich; sie verbrachten ihre Freizeit in Clubs, die Schwarze höchstens betreten durften, wenn sie dort arbeiteten. Die Einheimischen lachten über die Engländer, die sich als Gentlemen gebärdeten, aber letztlich einfach ungehobelt waren.
Das Buch erzählt aber von vergangenen Zeiten, oder? Antigua ist heute unabhängig.
SL: Dieses Buch ist tatsächlich ein früheres Werk von Jamaica Kincaid, es erschien im Original 1988 und war 1990 schon einmal auf Deutsch erhältlich. Jetzt hat es Kampa neu herausgebracht, weil der Verlag das gesamte Werk der Autorin veröffentlicht.
Ist es denn noch aktuell?
LM: Auf jeden Fall. Es geht ja nicht nur um Antigua, sondern um die Muster der Unterdrückung. Für mich ist das ein sehr wichtiges Buch, das auch sehr gut geschrieben ist. Seine so schlichte wie treffende Sprache verleiht ihm eine hohe literarische Qualität.
SL: Ich bin überzeugt, das bleibt ein wichtiges Buch, weil man sich immer Gedanken rund um den Tourismus machen sollte. Wem werdet ihr «Nur eine kleine Insel» empfehlen?
SL: Da gibt es keine bestimmte Gruppe, dieses Buch können alle lesen – im Unterschied zu «Revolution morgen 12 Uhr». Ein gewisses Interesse am Thema Rassismus sollte aber vorhanden sein.
LM: Ich glaube, das ist eine Art Geheimtipp, eine persönliche Empfehlung, die man Kundinnen und Kunden machen kann. Ich fand das Buch wirklich sehr gut.
SL: Ich habe jetzt jedenfalls grosse Lust, mehr von dieser Autorin zu lesen!