Max Küng

Jedes Magazin lassen wir bei einem Absacker mit einem Autor oder einer Autorin ausklingen. Diesmal trafen wir Max Küng bei ihm zu Hause in Zürich.


Aufzeichnung: Erik Brühlmann



In deinem neuen Buch «Fremde Freunde» machen drei Paare und deren Kinder zusammen Urlaub in einem Ferienhaus in Frankreich. Klassische Ferienlektüre ist die Geschichte aber nicht … 

Max Küng: Doch, das Buch ist der ideale Begleiter für die Ferien! So kann man die eigene Situation reflektieren. 


Sehr erholsam sind diese Ferien aber nicht!

Ferien sind doch immer problematisch – man steht unter grossem Erfolgsdruck.

Ein bisschen wie an Weihnachten?

Schlimmer, denn bei Weihnachten weiss man: Diese paar Tage muss man halt durchstehen. Ferien müssen hingegen unbedingt schön werden. Denn was soll man erzählen, wenn man wieder zu Hause ist? Dass die Ferien totaler Mist waren? Das macht doch niemand. Problematisch ist oft auch, dass man plötzlich den ganzen Tag mit seinem Partner oder seiner Partnerin verbringen muss. Dazu kommen Kinder, Alkohol … Alles sehr schwierig.


Im Buch bemühen sich alle Erwachsenen darum, ihre wahren Ichs hinter Fassaden zu verbergen. All the world’s a stage?

Man muss sich in der Gesellschaft halt zusammenreissen, will ein gewisses Bild von sich abgeben. Man sieht ja deutlich bei Instagram, dass die Menschen sich öffentlich anders darstellen, als sie eigentlich sind. Da fragt man sich, wie gut man die anderen und sich selbst überhaupt kennt.

Ist deshalb keine der Figuren rundum sympathisch?

Es ist aber auch niemand rundum unsympathisch, oder? Wir haben alle unsere schönen Seiten und unsere Abgründe. Ich musste grad heute gegen den Bünzli in mir kämpfen, als ich mich dabei ertappte, wie ich mich über einen Autofahrer, der zu schnell unterwegs war, aufregte.


Kein Wunder, erkennt man sich beim Lesen manchmal selbst …

Das kann ich nicht beurteilen! Aber beim Schreiben ging es mir durchaus manchmal so.


Dann könnten sich Menschen in deinem Freundes- und Bekanntenkreis im Buch ebenfalls erkennen?

Mein Gewissen ist absolut rein. Ich bin ausgebildeter Journalist und es gewohnt, zu beobachten und das Beobachtete wahrheitsgetreu abzubilden. Ganz anders ist es in der Schriftstellerei: Da geniesse ich die Freiheit, alles zu erfinden. Nur das Setting mit dem Ferienhaus in Frankreich habe ich von Freunden entlehnt, die ein solches Haus haben.


Ebenfalls anders als beim Journalismus ist, dass du dich nicht in einem engen Rahmen bezüglich des Textumfangs bewegen musst. Man merkt, dass du das geniesst. 

In der ursprünglichen Version war das Buch sogar doppelt so lang! Der Reduktionsprozess ist aber wichtig, und er braucht Zeit. Das ist wie bei einem Sugo, der auch immer besser wird, je mehr man ihn reduzieren lässt. Bei «Fremde Freunde» hat sogar die Pandemie noch zur weiteren Reduktion beigetragen. Denn das Buch war eigentlich im letzten Jahr fertig für den Druck. Meine Lektorin fragte mich dann, ob ich das Manuskript noch einmal bearbeiten wolle. Also habe ich mich noch einmal zehn Monate lang hingesetzt.


Wie lang hast du schliesslich am Buch gearbeitet?

Vier Jahre. Aber ich war daneben natürlich als Journalist tätig. Das war wie ein Reality Check, der verhindert hat, dass ich mich zu sehr im Buch verliere. Schreiben ist, für mich immer eine Art Blindflug, ich bin kein Plot-Schreiber. Oder wie E. L. Doctorow, einer meiner Lieblingsautoren, es sinngemäss formulierte: «Schreiben ist wie nachts im Nebel zu fahren. Man sieht nur so weit, wie die Scheinwerfer reichen, aber man schafft es auf diese Weise, die ganze Strecke hinter sich zu bringen.» Manche Dinge bleiben dabei am Strassenrand liegen. Dazu braucht es etwas Brutalität sich selbst gegenüber und eine Lektorin, der man vertraut. Drei Wochen an einem Kapitel zu schreiben und dann zu hören: «Toll geschrieben, aber eigentlich lenkt es nur ab» – das kann schon weh tun. Ich habe jedenfalls genug ausgemustertes Material für einen Director’s Cut zusammen.

 

«Fremde Freunde» liesse sich sowieso wunderbar verfilmen!

Das habe ich jetzt schon öfter gehört. Vielleicht liegt es daran, dass ich mir beim Schreiben viele französische Filme anschaute, auch Werke der Nouvelle Vague, und deshalb szenisch dachte. Ich wäre auf jeden Fall für eine Verfilmung zu haben: mit Gérard Depardieu, Sharon Stone, Tim Roth … und einem Cameo-Auftritt von mir selbst. Ich wäre der Dorftrottel auf dem Töff!

Der Autor im Portrait

Max Küng wurde 1969 in Maisprach (BL) geboren. Nach einer KV-Ausbildung bei einer Bank und einer anschliessenden Ausbildung zum Computerprogrammierer folgte eine Anstellung als Debitorenbuchhalter bei einer Druckerei. Mit 25 Jahren begann er die eineinhalbjährige Ausbildung bei der Ringier-Journalistenschule. Seit 1999 ist er Reporter und Kolumnist beim Magazin des Tages-Anzeigers. Sein Romandebüt «Wir kennen uns doch kaum» erschien 2015, es folgte 2016 «Wenn du dein Haus verlässt, beginnt das Unglück». Die besten hundert Kolumnen aus dem Magazin wurden in «Die Rettung der Dinge» gesammelt und veröffentlicht.