Thomas Duarte
Jedes Magazin lassen wir bei einem Absacker mit einem Autor oder einer Autorin ausklingen. Diesmal trafen wir Thomas Duarte zum vormittäglichen Kafi im Restaurant Grosse Schanze in Bern.
Aufzeichnung: Erik Brühlmann
Du bist von Haus aus Sachbearbeiter. Was hat dich dazu bewogen, mit dem Schreiben anzufangen?
Thomas Duarte: Ich habe immer gern und viel gelesen. Irgendwann kam der Wunsch auf, Teil dieser Welt zu werden und selbst etwas zu schreiben. Also verfasste ich ein Manuskript, das ich einigen Verlagen anbot – aber vergeblich. Es liegt jetzt zu Hause in einer Schublade.
Also ist «Was der Fall ist» eigentlich dein Zweitling!
Genau. Mir fiel die Szenerie, die Geschichte in groben Zügen ein, also setzte ich mich hin und schrieb sie auf. Alles in allem arbeitete ich etwa zehn Jahre daran, aber natürlich immer wieder mit teilweise langen Unterbrüchen. Das lief komplett nebenher, sodass ich manchmal wochenlang mit dem Schreiben aussetzte. Vor etwa vier Jahren hatte ich das Manuskript schliesslich fertig.
Und seither bietest du es den Verlagen an?
Nur wenigen. Seit dem ersten Manuskript wusste ich, dass das recht hoffnungslos ist und man eingereichte Manuskripte oft kommentarlos zurückbekommt. Also versuchte ich, Testleser zu finden, die mir Rückmeldungen auf die Geschichte geben konnten. Über die Literaturkommission beider Basel kam ich zu einem Mentorat mit dem Schriftsteller Dieter Zwicky. Das war eine tolle Erfahrung, wir arbeiteten den ganzen Text durch. Trotzdem war mir bewusst: Hätte ich dieses Manuskript nicht bei einem Verlag untergebracht, hätte ich mir etwas anderes überlegt, das ich mit meinem Leben anfangen kann.
Das wäre schade gewesen! Denn man merkt, wie viel Arbeit in «Was der Fall ist» steckt. Das beginnt nur schon damit, dass es sich ja eigentlich um eine Geschichte in einer Geschichte in einer Geschichte handelt …
Das hat sich so ergeben. Ich fing einfach mit dem ersten Satz an. Ich hatte fast keine Figuren, keine komplette Story und kein Konzept. Die Struktur entstand daraus, dass ich eine Rahmenhandlung brauchte, die erklärt, warum die Hauptfigur überhaupt die Geschichte erzählt. Diese Rahmenhandlung ist ein nächtlicher Dialog mit einem Polizisten, dann aber auch ein geschriebener Bericht, weshalb ich wieder eine Rahmenhandlung benötigte, die erzählt, warum die Hauptfigur diese Geschichte aufschreibt. Mit der Zeit begannen die verschiedenen Stränge, sich ineinander zu verschachteln. Eine echte Tüftelei!
Bist du katholisch?
Nein, warum?
Weil die Geschichte im Kern eine Beichte der Hauptfigur des Sachbearbeiters ist.
Ich nenne es lieber Rechtfertigungsprosa. Es gibt ja keinen Beichtvater, der etwas entschuldigen könnte, es geht dem Protagonisten vielmehr um Selbstrechtfertigung – vielleicht etwas typisch Protestantisches.
Der Sachbearbeiter wirkt wie eine Mischung aus Walter Roderers Nötzli und Forrest Gump – ein typischer Vertreter seiner Zunft?
An diese beiden hatte ich nicht speziell gedacht, aber Schweizer Cabaretfiguren sind in meinem Sachbearbeiter sicherlich zu finden. Zum Beispiel in der stockenden und um Wörter ringenden Sprache, wie vielleicht bei Emil Steinberger oder Joachim Rittmeyer. Ob das typisch Sachbearbeiter ist? Ich weiss es nicht. Aber dass sich auch meine Berufserfahrung im Roman niederschlägt, ist klar.
Auf jeden Fall gelingt es dir, eigentlich ernste Themen – illegale Einwanderung, Betrug, Veruntreuung – so zu präsentieren, dass man am Schluss doch das Gefühl hat, eher eine Komödie als eine Tragödie gelesen zu haben. War dir das wichtig?
Ja, Humor musste seinen Platz im Buch haben. Wobei es ja auch immer sehr auf den Schluss ankommt, ob eine Geschichte als tragisch oder komisch in Erinnerung bleibt. Mir war es wichtig, dass der Schluss eine Leichtigkeit, eine Offenheit hat. Aber von langer Hand geplant war dieser Schluss auch nicht, es hätte alles auch richtig schlimm ausgehen können.
«Was der Fall ist» hat mit dem Gewinn des Debütpreises der Studer/Ganz-Stiftung 2020 schon vor der Veröffentlichung Vorschusslorbeeren erhalten. Ist das Druck oder Motivation für dein weiteres Schreiben?
Beides! Ich möchte auf jeden Fall weiterhin schreiben. Die Frage ist nur: Wie? Bisher konnte ich mir ja unendlich viel Zeit nehmen, ich arbeitete quasi im Verborgenen. Nun gilt es, einen Weg zu finden, wie ich das effizienter tun kann. Davor, etwas Neues zu beginnen, habe ich viel Respekt – auch weil ich gar nicht weiss, ob mir das noch einmal gelingt. Es ist ein Abenteuer, auf das ich mich gern einlassen will. Aber zuerst muss ich einmal schauen, ob «Was der Fall ist» überhaupt auf Interesse beim Publikum stösst.
Der Autor im Portrait
Flurin Jecker wurde 1990 in Bern geboren. Nach einem Bachelorstudium in Biologie studierte er von 2013 bis 2016 Literarisches Schreiben am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel. Während des Studiums arbeitete er als Freier Journalist beim «Bund» – und als Velokurier. Seinen Debütroman «Lanz» veröffentlichte Flurin Jecker 2017. Er wurde unter anderem mit dem Kranichsteiner Jugendliteratur-Stipendium ausgezeichnet. Flurin Jecker gibt Workshops in Kreativem Schreiben, unterrichtet Hatha Yoga und lebt als freier Schriftsteller in Bern oder unterwegs in seinem Van.