Meine letzte RezensionDer Judas-Schreinvon Andreas Gruber
Andreas Gruber schafft in diesem Roman, was ich nur für schwer möglich gehalten habe: Lovecraft in die Gegenwart zu übersetzen. Nicht den Stil, nicht die akribisch genauen Beschreibungen, dafür aber die Atmosphäre und nicht zuletzt die Ursache – aber ich greife vor. Denn zu Beginn und über eine erheblich lange Zeit “tarnt” sich das Buch als Kriminalroman, was mich normalerweise abschrecken würde - aber die Ermittlung ist eher Mittel zum Zweck, wenn auch in sich selbst spannend. Doch im selben Mass wie Kommissar Körner und seine kleine Gruppe Indizien sammeln, steigt der Druck – bei mir als Lesendem, im positiven Sinn! Bis die Story ihren Wendepunkt passiert – ab da war es unmöglich, das Buch nochmals wegzulegen.
Ich habe mich in letzter Zeit wieder ins Horror Genre eingelesen; dies ist der erste Roman, der mir richtig eingefahren ist, den ich mit dieser gewünschten Mischung von Lese- bzw. Entdeckungsfreude und unterschwelligem angenehm-unangenehmem Grauen erlebt habe. Gänsehaut an den richtigen Stellen; Gruber beherrscht den letzten Satz im Kapitel, mehr als einmal musste ich kurz innehalten – um dann unweigerlich weiterlesen zu müssen. Schockmomente sind spärlich gesät, überraschen aber gerne – und an der einen Stelle, die er kurz zuvor bereits ankündigt, die dann auch nicht überrascht - an dieser Stelle doppelt er nur zwei Seiten weiter gleich noch einmal nach. Grossartig.
Ich könnte noch weiterschwärmen, zum Beispiel über diese Stelle, an der er den Übergang von Realität zu Traum meistert – aber was er ausserordentlich gut macht, dazu jetzt eine Spoilerwarnung, man mag den nächsten Abschnitt überspringen.
Was er ausserordentlich gut macht, ist die Beschreibung und vor allem die Erfahrung seitens der Hauptfigur was “das Wesen aus der anderen Welt” angeht. Stärke wie auch Schwäche der Lovecraftschen Figuren ist, dass sie sich ausserhalb des (menschlichen) Vorstellungsvermögens befinden und sich in ihrer Gesamtheit nicht beschreiben lassen. Was sichtbar wird, sind Teile des Gesamtwesens, die Wahrnehmung der Wesen verursacht Schwindel und Schlimmeres, die euklidische Geometrie verliert stellenweise an Gültigkeit. Gruber arbeitet dezent mit diesen Elementen, findet das richtige Mass – er will Lovecraft weder kopieren noch imitieren, und genau so gelingt ihm die Hommage.
Wer einen düsteren Kriminalroman sucht, wird hier über lange Zeit sehr gut bedient. Wer jedoch eine “realistische” Auflösung erwartet, liegt hier falsch.
Wer einen zeitgemässen Horrorroman mit deutlicher und gelungener Hommage an H.P. Lovecraft sucht – greift zu!
Meine aktuelle Messlatte für Horrorromane.