Meine letzte RezensionIn einer dunkelblauen Stundevon Peter Stamm
Zu seinem 60. Geburtstag hat Peter Stamm sich und uns ein Buch geschrieben über ein fiktives Dokumentatoren Team (bestehend aus Andrea und dem Kameramann Tom), das eine Dokumentation über den Schriftsteller Wechsler drehen möchte. Das Konzept des Films wird von der Protagonistin (oder ist sie die Antagonistin?) Andrea so beschrieben: «Unser Film zeigt Richard Wechsler in seiner Wahlheimat Paris und begleitet ihn auf seiner Reise zurück in das Dorf seiner Kindheit. Wir treffen Weggefährten und unterhalten uns mit Literatursachverständigen über Richard Wechslers Werk.»
So die Idee des Vorhabens – allerdings entzieht sich im Roman der dem Autor Peter Stamm zum Verwechseln ähnliche bzw. unähnliche Richard Wechsler dem Film-Doku-Team immer mehr und droht schliesslich ganz zu verschwinden. So warten Andrea und Tom in Stamms, äh Wechslers Heimatort auf die Ankunft oder zumindest ein Lebenszeichen des Protagonisten (oder Antagonisten?) und versuchen derweil, zumindest Anwohner aus dem Dorf vor die Kamera zu bekommen. Doch auch diese geben sich verschlossen und wortkarg. Andrea gibt sich immer mehr ihren Phantasien bezüglich Richard Wechslers hin und macht sich zugleich auf die Suche nach einer Frau und möglichen Jugendliebe Wechslers, die immer wieder in seinen Büchern auftaucht und vielleicht noch immer in der Gegend lebt, sofern sie überhaupt im wirklichen Leben existiert.
Wie schon in Peter Stamm letztem Roman «Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt» (mit der der international erfolgreiche Autor den Schweizer Buchpreis 2018 gewann) wird man auch «In einer dunkelblauen Stunde» (der Titel ist eine Anspielung an das Parfum «L`Heure Bleue» von Guerlain und wohl daran angelehnt an eine ganz bestimmte erzählerische Stimmungslage: «In einer blauen, dunkelblauen Stunde, und wenn sie ging, weiss keiner, ob sie war») vom Autor in ein «virtuos konstruiertes Labyrinth geführt, in dem wir uns glücklich verlieren» (Zitat der Literaturpreis Jury 2018). Und auch hier greift wieder einmal mehr das von Peter Stamm durchexerzierte erzählerische Prinzip: «Andere Bücher haben eine Handlung. Hier ist die Handlung das Buch; nichts sonst.»
Einen weiteren Hinweis zu Inhalt und Form des Textes gibt es im Buch auf Seite 42f., wo Peter Stamm seine Protagonistin Andrea ein anderes Doku-Film-Team zitieren lässt: «Ich war es leid, Realität in Geschichten zu zwingen, und suchte nach einer Form, bei der das Bild genügt … Ich will jedenfalls nicht noch mal einen Film machen, in dem ich über das Leben lüge…» Und so wissen wir auch nach der Lektüre von «In einer dunkelblauen Stunde» am Ende nur eins relativ genau: «Der der schreibt ist nicht der der spricht und der der spricht ist nicht der der ist.» (Zitat von Martin Kippenberger).
Neben dem vergnüglich zu lesenden 252 Seiten starken Buch "In einer dunkelblauen Stunde" von Peter Stamm gibt es parallel und in Wechselwirkung zur Buchvorlage eine vom SRF produzierte Film-Doku mit dem Titel «Wechselspiel – wenn Peter Stamm schreibt» über das fiktive Doku-Team Andrea und Tom, in dem sich Peter Stamm als gefilmten und interviewten Schriftsteller augenzwinkernd ganz einfach selbst spielt.