Mama
Wer im Buchhandel arbeitet, liest gern – und diskutiert auch gern über Bücher. Deshalb laden wir jeweils zwei Mitarbeitende von Orell Füssli mit einer Neuerscheinung ihrer Wahl zu einem Streitgespräch ein. Die verbalen Klingen kreuzen Simon Lüthi und Laura Masakorala vom Stauffacher Bern.
Laura Masakorala, 24, schloss vor einem Jahr ihre Lehre zur Buchhändlerin ab. Seither arbeitet sie in der Belletristik-Abteilung im Stauffacher Bern. Daneben büffelt sie für die Berufsmatura. «Bücher sind einfach meine Leidenschaft», sagt sie.
Simon Lüthi, 30, wohnt in Bern. Zwei Jahre lang arbeitete er in der Buchhandlung von Orell Füssli im Bahnhof Bern, seit Frühjahr 2020 leitet er im Stauffacher den Sach- und Fachbuchbereich im ersten Stock. «Ich lese querbeet», sagt Simon Lüthi. Neben Büchern mag er Reisen, Sprachen, Kochen und Musik.
Laura, du hast «Mama» der Österreicherin Jessica Lind im Gepäck …
Laura Masakorala (LM): Die Geschichte handelt von einem Paar, Amira und Josef. Amira hat einen sehr starken Kinderwunsch, Josef sagt zumindest nicht Nein zu einem Kind. Um sich eine Auszeit zu nehmen, ziehen sich die beiden in eine Waldhütte zurück.
Simon Lüthi (SL): Man erfährt, dass sich in diesem Wald einst etwas Schlimmes im Zusammenhang mit Josefs Vater ereignete. Josef ist zum ersten Mal wieder hier, und er will die Geschichte aufarbeiten.
LM: Dann gibt es einen Schnitt, wie er für dieses Buch typisch ist, und der zweite Teil beginnt. Dieser spielt wiederum in diesem Wald und in dieser Hütte. Das Paar will seine letzten Ferien zu zweit geniessen – denn Amira ist hochschwanger. Sie hadert aber mit ihrer Situation, vor allem mit ihrem Körper, den sie als abstossend empfindet. Auf einem Spaziergang begegnet sie dann einer trächtigen Hündin.
SL: Diese Hündin kommt zu ihnen und wirft. Amira sieht, wie die Hündin den zuletzt geborenen Welpen zu Tode beisst; sie ist schockiert und fürchtet, alle Neugeborenen müssten jetzt sterben, deshalb jagt sie die Hündin fort. Josef klärt sie darüber auf, dass Hündinnen geschwächte oder kranke Welpen immer töten, den anderen aber nichts tun würden. Trotzdem wird die Hündin jetzt zu Amiras Gegenspielerin.
LM: Wieder gibt es einen Schnitt. Im dritten Teil haben Amira und Josef ein Kind, aber jetzt verschwimmt alles, Raum und Zeit, Geschichten und Figuren … SL: Ich finde den Beschrieb auf der Rückseite des Buchs sehr schlecht. Da heisst es, «Mama» sei «eine Parabel über die Urgewalt der Mutterschaft». Zu Beginn ist das auch so, aber dann entwickelt sich der Roman zu einer Horrorstory. Die Familie ist in diesem Wald gefangen und findet nicht mehr hinaus.
LM: Ja, das ist tatsächlich eine Art Horrorgeschichte – nicht blutig, aber sehr unheimlich und bedrückend. Man weiss nie so recht, wem man trauen kann.
Das heisst: Wer dieses Buch aufgrund des Klappentextes kauft, wird die Lektüre mit falschen Erwartungen beginnen?
SL: Ich glaube schon. Aber mir hat das Buch dann auch viel besser gefallen, als ich erwartete. Nur der Schluss war nicht so befriedigend, weil die Autorin die Geschichte nicht auflöst.
LM: Genau das finde ich aber gut, dass es keine Erklärung gibt. Die Geschichte wird einem sozusagen an den Kopf geworfen, und man kann damit tun, was man will.
SL: «Mama» hat mich stark an «Shutter Island» von Dennis Lehane erinnert; dort ist der Protagonist
psychisch krank und bildet sich alles ein.
LM: Stimmt. Ich dachte bei der Lektüre aber auch an «Die Wand» von Marlen Haushofer; dort geht es ebenfalls um eine Frau, die in einer Berghütte lebt und nicht mehr wegkommt.
SL: Mir gefällt das Buch wirklich sehr gut. Das Unheimliche ist stark präsent, aber auf eine subtile, sich schleichend steigernde Weise.
LM: Ich mag auch den Schreibstil dieser Autorin, die hier ihr Romandebüt vorlegt. Jessica Lind ist Drehbuchautorin, und das spürt man. Durch die harten Schnitte gibt es viele Lücken in der Erzählung, die man selbst füllen muss.
SL: Trotzdem kann man der Geschichte problemlos folgen.
Für wen eignet sich «Mama»?
LM: Für alle, die wieder einmal ein extrem spannendes Buch lesen wollen. Ich konnte es jedenfalls kaum mehr weglegen.
SL: «Mama» ist ein toller Schauerroman. Den Klappentext finde ich daher wirklich völlig unpassend. Das ist ein gutes Buch?
SL: Das ist ein gutes Buch!
LM: Ja!
Schauen wir, ob ihr über den zweiten Roman auch so einhelliger Meinung seid, über die Empfehlung von Simon – «Herren der Lage» von Castle Freeman.
SL: Dies ist der vierte Roman von Freeman mit Lucian Wing als Protagonist. Wing ist eine Art Hinterwäldler-Sheriff in einem Kleinststädtchen in den USA; er gilt als Entschleuniger, denn er redet lieber mit den Leuten, als viel zu unternehmen. Im neusten Fall taucht ein schneidiger Anwalt aus der Grossstadt auf, und er gibt Wing den Auftrag, die Tochter seines schwerreichen Mandanten aus der City zu suchen. Die noch jugendliche Tochter ist mit einem jungen Mann aus der Schule durchgebrannt, und sie wird in Wings Kleinstadt vermutet. Der Sheriff findet die beiden Ausreisser ziemlich schnell, lässt sie aber ihr Ding durchziehen, weil sie damit niemandem schaden. Bald zeigt sich, dass der Anwalt ein Spielchen spielt: Er will die Tochter selbst finden, mit allen Mitteln, damit er ein Lösegeld erpressen kann.
LM: Wing macht wirklich nicht viel, um diesen Fall aufzulösen. Es fällt ihm alles zu – zufällig eben!
SL: Die Frage lautet: Ist Wing einfach so brillant, dass er nichts machen muss?
Es handelt sich bei «Herren der Lage» um einen
Krimi?
SL: Es geht schon in diese Richtung, aber der Roman ist kein klassischer Whodunit, bei dem man sich fragt, wer der Mörder ist. Das Buch lebt eher von der humorvollen Zeichnung der Figuren.
LM: Für einen Krimi ist «Herren der Lage» zu wenig spannend. Das Buch ist eher komisch.
Laura, du hast Castle Freeman noch nicht gekannt?
LM: Nein. Und ich will wirklich nicht sagen, mir hätte «Herren der Lage» nicht gefallen – aber es fehlte mir schon ein wenig an Substanz. An einer Stelle sagt Sheriff Wing: «Manchmal kommt es mir so vor, als würde ich zwei Drittel meiner Arbeitszeit damit verbringen, an einen Wagen zu lehnen» – so kam mir das auch vor.
SL: Genau das finde ich aber toll. Ich lese viele Krimis, und meistens lösen die Helden dort alles mit brillanten Gedanken und scharfem Verstand auf. Aber in der Wirklichkeit ist es wohl viel eher so wie bei Freeman: Dinge ergeben sich.
Für wen eignet sich «Herren der Lage»?
SL: Sicher für alle, die seine früheren Bücher gelesen haben. Die werden nicht enttäuscht sein. Krimileserinnen und -lesern kann man diesen Roman aber auch geben.
LM: Ich werde das Buch Leuten empfehlen, die gute Unterhaltung suchen.