Flurin Jecker

Jedes Magazin lassen wir bei einem Absacker mit einem Autor oder einer Autorin ausklingen. Diesmal trafen wir Flurin Jecker in der Gartenbeiz der «Turnhalle» in Bern.


Aufzeichnung: Erik Brühlmann


Du warst gerade in Berlin. Bist du dorthin geflüchtet wie die Figur Held in deinem neuen Roman «Ultraviolett»?

Flurin Jecker: Diesmal nicht! Ursprünglich bin ich aber tatsächlich mal nach Berlin geflüchtet. Doch anders als Held habe ich nie dort gewohnt, ich war nur sehr oft dort – einige Jahre lang fast jeden Monat. Bern und die Schweiz waren mir zu jener Zeit einfach zu klein. Ich flüchtete also nicht wie Held vor meinen Kindheitsängsten.


Was hat denn Berlin, das Bern nicht hat?

Wildheit, Chaos, Grossstadtfeeling – und Berlin ist der Mittelpunkt der Technoszene.

Und in dieser spielt «Ultraviolett». Bist du Technofan?

Ja, schon seit Jahren. Deswegen begann ich ursprünglich auch damit, nach Berlin zu reisen. Aber seit der Pandemie hat sich die Technoszene dort sehr verändert, denn die Musik gehört einfach untrennbar in die Clubs. Ich bin gespannt, wie es wird, wenn diese Clubs nun wieder öffnen dürfen.


Zum Techno gehören auch Substanzen. Man könnte dir vorwerfen, dass du im Roman deren Einnahme gutheisst.

Wie du sagst, sie gehören dazu. Man spricht dann von aussen gern von der Schattenseite der Technoszene – aber dem würde ich widersprechen. Natürlich sind solche Substanzen nicht nur lustig, aber was auf der Welt ist schon nur lustig? Bei der Entstehung von «Ultraviolett» spielten sie jedenfalls ebenso eine Rolle wie der Techno.

Du gehst damit sehr offen um!

Ich finde, in einem Buch muss man mit allem sehr offen sein, sonst kommt man nirgends hin. Ich habe kein Kinderbuch geschrieben, und ich muss meinen Leserinnen und Lesern zutrauen können, mit diesem Thema umzugehen. Sie sehen ja jeden Abend im Fernsehen, wie getrunken wird und Drogen genommen werden, und sie können damit auch umgehen. Aber diese Antwort ist jetzt für dich als Erwachsenen. Würde ich bei einer Lesung in einer Schule danach gefragt, würde ich anders antworten. Denn es gibt wohl mehr Menschen, die mit Substanzen ihr Leben zerstört haben, als solche, die ihre Kreativität damit erweiterten.


Da stellt sich die Frage, wen du beim Schreiben von «Ultraviolett» als Publikum vor Augen hattest.

Niemand Bestimmtes, und zwar mit voller Absicht. Denn ich glaube nicht, dass man «für jemanden» schreiben kann – zumindest nicht zwei Jahre lang am Stück. Ich wollte einfach ein Buch schreiben, das gelesen wird, von wem auch immer.


Von Menschen, die auf der Suche nach sich selbst sind?

Um Selbstfindung geht es durchaus, aber es geht darüber hinaus. Denn sich selbst zu finden, ist nur der halbe Weg. Danach geht es immer darum herauszufinden, wie man mit dem Ich, das man gefunden hat, leben und umgehen kann. Das ist die grosse Frage, der Held nachgeht.


Formell gesehen tut Held dies, indem er über seine schwierigen Lebensthemen schreibt. Seinem toten Freund Eule zum Beispiel oder seiner Freundin Mira. Schreiben als Instrument zur Heilung? 

Schreiben ist sicherlich ein mächtiges Werkzeug, das einen an Orte führt, die man sonst vielleicht nicht finden würde. Vielleicht ist das dann ähnlich, wie wenn man bei Sport in den Flow kommt oder ganz in die Musik eintaucht.


Schreibst du über schwierige Themen also lieber, als dass du über sie sprichst?

Über schwierige Themen zu sprechen, finde ich sehr anspruchsvoll. Zu jedem geäusserten Gedanken kommt sofort eine Reaktion – Zustimmung, eine Frage, Ablehnung. Auf diese muss man dann ebenfalls sofort reagieren. Beim Schreiben hat man dagegen unendlich viel Zeit, und das leere Blatt ist unendlich geduldig und verständnisvoll. Man kann alles behaupten, was man will. Und wenn man irgendwann feststellt, dass die Behauptung gar nicht stimmt, ändert man sie eben wieder. An «Ultraviolett» schrieb ich zwei Jahre lang mehr oder weniger den ganzen Tag. Ich hatte viel Zeit, gedanklich sehr weit zu gehen.


Genau wie Held warst du an der Universität. Du hast dein Biologiestudium jedoch abgeschlossen, während Held sein Germanistikstudium gar nicht richtig antrat. Warum wurdest du nicht Biologe?

Biologie als Thema hat mich immer interessiert, und ich bin auch gern zur Uni. Aber wenn ich mir vorstelle, auf einem Feld einen Monat lang Schnecken einzusammeln und zu schauen, ob ihre Grösse in einem Bezug steht zum Fundort – das reizt mich als Lebensentwurf dann doch eher nicht. 


Zum Schluss: Currywurst oder Berner Platte?

Keins von beidem – ich bin Vegetarier!

Der Autor im Portrait

Thomas Duarte wurde 1967 geboren und wuchs bei Basel auf. Er studierte Geschichte und Philosophie, gab das Studium jedoch auf und arbeitete zuerst als Tramchauffeur, dann als kaufmännischer Angestellter und Sachbearbeiter. Später absolvierte er ein Studium der Kulturwissenschaften und der Literaturwissenschaft. Seit etwa einem Jahr lebt und arbeitet er in Bern. Kurz nach dem Gespräch mit Thomas Duarte wurde sein Buch «Was der Fall ist» für den Schweizer Buchpreis nominiert – als eines von vier Werken. Ob es gewonnen hat, ist erst nach dem Druck dieses Hefts bekannt geworden.