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Ladina Bordoli

«Ich habe das bis jetzt noch nicht verarbeitet»


Für Ladina Bordoli hat sich ein Traum erfüllt, den viele Schreibende hegen: Ein grosser Verlag veröffentlicht ihr neustes Werk, «Die Mandelli-Saga». Diese besteht aus gleich drei Bänden. Wie hat das die Prättigauerin, die hauptberuflich im Baugeschäft der Familie arbeitet, geschafft? Oder anders gefragt: Wie wird man eigentlich Erfolgsautorin?


Interview: Marius Leutenegger, November 2021

Sind Sie ein romantischer Mensch?

Ladina Bordoli: Es kommt darauf an, in welcher Rolle ich mich gerade befinde. Im Beruf bin ich pragmatisch, da denke ich sehr unternehmerisch. Privat mag ich es gemütlich. Klischeehafte Romantik ist nicht so mein Ding, ich habe aber Freude an der Natur, mag ruhige Stimmungen und bin sicher affin für künstlerische Sachen.

 

Ich frage, weil Bücher wie Ihre jetzt erschienene Mandelli- Saga meist sehr romantisch aufgemacht sind und wohl auch auf ein entsprechendes Publikum abzielen. Ich war überzeugt, Sie würden vor allem von Frauen gelesen – und staunte dann, wie stark Ihre Werke auf den Buch-Communitys auch von Männern kommentiert werden.

In meinem Umfeld gibt es tatsächlich viele Männer, die alle meine Bücher lesen. Das hat mich erstaunt – da sind sogar Leute darunter, von denen ich überzeugt war, dass sie überhaupt nie lesen! Klassische Frauenromane handeln oft von einer Protagonistin, die tendenziell stark ist; wohl deshalb, weil viele Frauen ja auch Mut schöpfen aus solchen Geschichten. Diesbezüglich ist die Mandelli-Saga sicher eher für ein weibliches Publikum konzipiert, aber ich glaube, sie enthält viele Themen, die auch Männer ansprechen. Natürlich gibt es wie immer in solchen Büchern eine Liebesgeschichte, aber sie ist nicht die Hauptsache. Ich glaube, mein Vater hätte die Bücher nicht mit so viel Begeisterung gelesen, wenn sie nicht ein paar andere Themen als die Liebe enthielten.

 

Bücher wie die Mandelli-Saga werden vom Feuilleton eher als Unterhaltung denn als seriöse Literatur abgestempelt. Stört Sie das?

Die Unterscheidung stört mich nicht, ich selbst habe immer gern Unterhaltungsliteratur gelesen, mit Hochliteratur konnte ich nie viel anfangen. Es stört mich aber, wenn Bücher wie die Mandelli-Saga belächelt werden. Da steckt sehr viel Arbeit, Handwerk, technisches Know-how drin, man schreibt so etwas nicht einfach rasch zur Entspannung. Ich finde das Verfassen solcher Romane sogar recht anspruchsvoll, denn man unternimmt damit stets eine Gratwanderung: Man muss poetisch sein, darf aber nicht zu sehr in diese Richtung abdriften, weil die Geschichte Zug braucht. Auf einem gewissen Niveau zu unterhalten, das ist jedenfalls nicht einfach. 

 

Auf Ihrer Website steht, das Schreiben sei zeitlebens ihre grosse Leidenschaft gewesen. «Schreiben ist für mich wie Atmen, es bedeutet für mich, lebendig zu sein.» Wie fühlen Sie sich, wenn Sie schreiben?

Dieses Gefühl hat sich verändert. Früher war ich einfach eine Geschichtenliebhaberin, ich wollte meine Gedankenspiele festhalten. Heute ist Schreiben auch ein Leistungsjob, mit all den Abgabeterminen. Aber was gleich geblieben ist: Wenn ich schreibe, versetze ich mich voll und ganz in die jeweilige Szene. Ich versuche, alles, was darin vorkommt, zu empfinden, mich in jede Figur einzuleben. Vieles kann ich aus eigenen Erfahrungen ableiten, anderes kenne ich aus Erzählungen von anderen. Es ist wie Schauspielerei, ich überlege mir: Wie fühlt sich diese Figur in diesem Moment, was macht sie mit den Händen? In verschiedene Rollen zu schlüpfen, ist für mich sehr reizvoll. 

 

Sie besuchten die bekannte Evangelische Mittelschule Schiers – wie «Wolkenbruch»-Autor Thomas Meyer, Adolf Muschg oder Linard Bardill. War das ein besonders guter Boden für Ihre Schriftstellerei?

Für meine Arbeit als Schriftstellerin ist der Primarlehrer der 6. Klasse die Schlüsselperson. Er ist heute fast 90 Jahre alt. Er unterstützte mich uneingeschränkt, bestärkte mich und gab mir Raum zu schreiben. An der Mittelschule schätzte ich dann die Einstellung, dass die Leute sich selbst sein sollten. Individualisten erhielten viel Spielraum. Die Haltung, dass man das, was man richtig findet, tun soll, unabhängig von der Meinung anderer, nahm ich mit. 

Wie entwickelte sich nach der Mittelschule Ihre berufliche Laufbahn?

In einer Hinsicht ähnle ich Aurora, meiner Hauptfigur in «Das Fundament der Hoffnung»: Ich tue oft nicht das, was man von mir erwartet oder was man in meiner Position üblicherweise tut. Das machte mich manchmal recht einsam. Meine Familie unterstützte mich zwar immer, aber ausserhalb gab es kaum jemand, an dem ich mich orientieren konnte. Nach der Mittelschule gingen fast alle studieren, ich wusste aber, das ist nichts für mich. Ich bin zwar sehr wissbegierig, aber ich brauche einen bunteren Input. Darum ging ich erst an die Hotelfachschule, doch das gefiel mir nicht. So begann ich, als Industriemalerin auf dem Bau zu jobben. Ich musste Pick-ups fahren, Gerüste aufstellen…


Fast wie Aurora!

Ja. Ich erfuhr dabei etwas Interessantes: Wie gross die Wertschätzung der Menschen gegenüber Handwerkern ist. Die Leute waren immer nett zu uns Malern, es gab Kaffee und Komplimente zur Arbeit. Nie wurden wir angeblafft wie die Leute im Service oder Verkauf. Und ich genoss die körperliche Arbeit sehr. Dann fragte mich die Familie, ob ich ins Familienunternehmen einsteigen wolle, man brauche jemanden im Büro. Heute arbeite ich bei Bordoli Erben in Jenaz, wir sind die fünfte Generation. Im Sommer beschäftigen wir bis zu 35 Mitarbeitende, im Winter etwa 10. Ich bin im administrativen und betriebswirtschaftlichen Bereich tätig. Nebenher führe ich noch eine kleine Firma mit drei Angestellten im Bereich der Werbetechnik. Der Geschäftsführer ist vom Fach, ich verantworte den betriebswirtschaftlichen Teil.  

Stets haben Sie nebenher geschrieben. Ihr erstes Buch «Wild Cherry» veröffentlichten Sie 2008 bei einem Druckkosten-Zuschuss-Verlag. Danach habe eine acht Jahre andauernde Phase der Ernüchterung eingesetzt, schreiben Sie auf Ihrer Website – Verlage zeigten kein Interesse. Warum wollen Sie unbedingt Bücher veröffentlichen? Sie haben es wirtschaftlich nicht nötig – und können für sich und Ihr Umfeld auch ohne Verlag schreiben.

Wenn ich etwas mache, dann richtig. «Wild Cherry» war toll, um Erfahrungen zu sammeln, die Reaktionen des Publikums bei Lesungen zu spüren. Ich erkannte: Was ich mache, ist nicht schlecht, aber ich muss professioneller werden. Doch was heisst das, professionell schreiben? Ich begann zu recherchieren. Und im Internet stand immer nur, es sei schlicht unmöglich, Verlagsautorin zu werden. Ich versuchte es trotzdem, schrieb viele Blindbewerbungen, doch ich war tatsächlich chancenlos. Längere Zeit traute ich mich gar nicht mehr an den Computer heran, ich sagte mir: Du musst ehrlich zu dir sein und akzeptieren, dass du nicht gut genug bist. Die Motivation zu schreiben und der Wunsch, etwas zu veröffentlichen, waren aber immer da. Dann wurden Literaturagenten immer wichtiger – also Leute, die Autorinnen und Autoren betreuen und Manuskripte an Verlage vermitteln. Ich dachte, jetzt machst du einen letzten Anlauf und suchst dir eine Agentin. Wenn das nicht klappt, druckst du deine Bücher fortan auf eigene Rechnung bei einer lokalen Druckerei. Es gab ein langes Hin und Her – bis es schliesslich klappte: Ich kam bei der deutschen Agentur Ashera unter. Die Inhaberin Alisha Bionda ist sehr gut vernetzt, sie hat schon über 800 Werke vermittelt, und ihre besondere Stärke ist der Aufbau von Newcomern. Sie band mich schnell in kleinere Projekte ein und unterstützte mich bei meiner Entwicklung als Autorin.   

 

Wie vermittelt eine Agentin zwischen Autorin oder Autor und Verlag?

Meine Agentin fragt bei Verlagen an, welche Stoffe gesucht sind – und sie spielt diese Informationen dann ihren Autorinnen und Autoren zu, die alle exklusiv bei ihr unter Vertrag stehen. Wir Schreibenden können dann ein Exposé schicken, die Agentin prüft es, gibt Anregungen, alles wird besprochen. Auf diese Weise kam auch die Mandelli-Saga zustande. Alisha Bionda sagte bei einem mehrtägigen Brainstorming-Treffen, Verlage hätten ein grosses Interesse an Dreiteilern über Familiendynastien. Irgendwann fand sie: «Du, das wäre doch etwas, eine Familiensaga entlang deiner eigenen Geschichte und in deinem Umfeld, mit dieser ganzen Auswanderergeschichte. Ihr erlebt so viel in eurem Umfeld, das hat derart viel Potenzial – für einen Roman mit einem unüblichen Stoff.» Meine Familie stammt ursprünglich aus Italien, aus Cerano d’Intelvi, wo auch die Mandelli-Saga beginnt. Unsere Geschichte bildet aber nur ein grobes Grundgerüst für die Bücher. Ich habe sie mit der Idee einer starken Frauenfigur kombiniert – gerade auch deshalb, weil ich selbst als Frau in einer Männerwelt und Führungsposition tätig bin.

 

Die Mandelli-Saga erzählt von drei Frauengenerationen. In Band 1, «Fundament der Hoffnung», steht Aurora im Zentrum, in Band zwei deren Tochter Rosalba und in Band 3 die Enkelin Eleonora. Alle drei sind begeisterte Maurerinnen und Leiterinnen eines Baugeschäfts – und alle haben mit erheblichen Widerständen zu kämpfen, weil sie sich als Frauen in einer Männerdomäne bewegen. Wie wurde die Geschichte bei den Verlagen aufgenommen?

Der erste Verlag biss nicht an – man wollte dort lieber etwas Klischeehaftes mit einer Kaffeefabrik oder so. Das Exposé blieb ein Jahr lang liegen, bis wir auf vielen Umwegen mit der Programmleiterin von Heyne ins Gespräch kamen. Sie war total begeistert. Ihr gefiel gerade, dass der Stoff ungewöhnlich ist, dass die Geschichte in der Schweiz spielt – was offenbar eher selten vorkommt – und dass die Saga mit meiner Familiengeschichte verquickt ist.

 

Erinnern Sie sich noch, was Sie fühlten, als Sie die Zusage des Verlags erhielten?

Ich erinnere mich noch sehr gut an den Moment, als mich die Agentin anrief und sagte, es sehe wirklich gut aus mit dem Projekt, der Tenor im Verlagsteam sei einhellig gut. Das war das, was ich immer für völlig unerreichbar hielt! Ich hatte ja schon Bücher bei grösseren Verlagen veröffentlicht, aber nur auf den digitalen Labels, nie im Haupthaus. Das war jetzt aber eine ganz andere Liga! Ich habe das bis jetzt noch nicht verarbeitet.

 

Aurora beschreiben Sie als Schmetterling, als ein Wesen, das nach einer Entpuppung die Flügel ausbreitet und wegfliegt. Sehen Sie sich selbst so?

Ja, auf eine Art schon. Ich erlebte bei der Arbeit auch viel Unerfreuliches, die Tatsache, dass ich eine Frau bin, war für manche Mitarbeitende ein Problem. Ich mag aber solche Herausforderungen – und wachse an ihnen.

 

Gab es denn Beispiele für Frauen wie Aurora – die sich Mitte des letzten Jahrhunderts in die Baubranche wagten?

Nein, diese Figur ist völlig fiktiv, im ländlichen Italien wäre es einer Frau damals wohl nicht möglich gewesen, als Maurerin zu arbeiten.

 

Ihre Hauptfiguren sind ganz schön graziös. Man stellt sich unter Maurerinnen andere Frauen vor als jene filigranen und gut gekleideten Damen auf den Covers Ihrer Bücher …

Da täuscht die Vorstellung. Ich war einmal an einer Lehrabschlussprüfung, bei der die erste Frau die Maurerlehre abschloss. Sie war zierlicher als ich. Meine drei Hauptfiguren sind aber auch keine Modepüppchen, obwohl sie einen Sinn für Weiblichkeit haben.

 

Wie stark haben Agentin und Verlag die Mandelli-Saga mitgestaltet?

Der jetzt veröffentlichte Text entspricht wohl zu 98 Prozent dem, was ich ursprünglich vorgeschlagen habe. Der Verlag empfahl kleine Sachen, zum Beispiel, eine Figur in eine bestimmte Richtung zu lenken, den Schluss anders zu gestalten. Es hiess dann: Kannst du einen anderen Vorschlag machen? Alles sind nur Anregungen, niemand verlangt, dass etwas geändert wird. Weil die Leute im Verlag aber ein grosses Interesse daran haben, das Beste aus meinem Text herauszuholen, habe ich diese Anregungen immer ernst genommen. Ich war stets offen für Kritik, Eitelkeit hat bei einem solchen Projekt keinen Platz.

Seit Sie eine Agentin haben, läuft es Ihnen hervorragend. Seit 2016 sind von Ihnen elf Romane erschienen, Ihre Agentur listet noch sieben nicht veröffentlichte Romane auf. Wie viel schreiben Sie eigentlich?

Die sieben nicht veröffentlichten Romane sind nur Exposés. Ein achtes Exposé ist bereits an Heyne vermittelt. Bislang schrieb ich jedes Jahr etwa zwei Bücher, das ist aber eigentlich zu viel; will ich auch noch Freizeit haben und mich im Job richtig en- gagieren, brauche ich etwa neun Monate für ein Buch. Nun habe ich in den letzten Jahren fünf Bücher geschrieben, die drei Bände der Mandelli-Saga, den humorvollen Krimi «Der Tod lässt kein Schwein kalt» für Piper und dann noch «Verliebt in den Highlands», der als eBook und Print on Demand erschien. Als ich den Vertrag mit Heyne unterzeichnete, wusste ich: Ich muss mir mehr Zeit zum Schreiben freischaufeln. Ich stand ständig unter Adrenalin, ging am Morgen zur Arbeit, erledigte das Wichtigste, zog mich dann für ein paar Stunden in ein Bauführerzimmer zurück und arbeitete unter Vollgas am Buch.  

Warum setzen Sie nicht ganz aufs Schreiben?

Einerseits mache ich die Arbeit im Bau- und Werbetechnikunternehmen sehr gern. Ich finde sie kreativ und inspirierend, ich lerne ständig neue Leute kennen, es passiert jeden Tag etwas. Ich wäre nur noch halb so kreativ, wenn ich nicht mehr an diesem Leben teilnähme und ausschliesslich am Computer sässe. Andererseits bin ich keine Tagträumerin. Als Autorin verdient man nicht viel, ich will in meinem Leben aber selbstständig bleiben – da wäre es riskant, alles auf die Karte Buch zu setzen. Vielleicht ist mein Schreibstil schon morgen nicht mehr gefragt.

 

Wenn eine junge, noch gänzlich unbekannte Autorin an Sie herantreten und Sie nach dem Königsweg zum Erfolg als Schriftstellerin fragen würde – was antworteten Sie?

Wichtig ist, dass man viel schreibt. Man kann noch so viel Talent haben, es gibt immer etwas, das man noch lernen muss. Wichtig ist, offen für Kritik zu bleiben. Und es braucht sehr viel Einsatz und Durchhaltewillen, man muss an sich selbst glauben und sich auf das, was man tut, konzentrieren. Alles andere entwickelt sich, wenn man Glück hat.

 

Sie hatten Glück?

Auf jeden Fall. Man muss an die richtigen Leute herankommen, die einen auch persönlich mögen. Es gab und gibt so viele Leute, die mich immer wieder unterstützen.

 

Wohin zieht es Sie als Autorin? Ich habe keine Zielrichtung, sondern will offen bleiben. Vom Typ her bin ich eher vielseitig – Sauerkraut und Pralinés schliessen einander nicht aus. Meine Agentin sagt immer, sie wolle Autorinnen und Autoren, die etwas ausprobieren, der Markt verändert sich ja ständig. Plötzlich heisst es: Von dieser Art Krimi haben wir genug, jetzt ist High Fantasy gefragt. Wir mögen deinen Stil, kannst du uns etwas liefern? Aber erst mache ich jetzt mal Kreativpause, ich möchte am Leben teilnehmen und selbst wieder mehr lesen. Freizeit hat mir echt gefehlt!

Die Autorin im Portrait

Ladina Bordoli kam 1984 in Jenaz, Graubünden, als älteres von zwei Kindern zur Welt. Im Juni 2003 schloss sie die eidgenössische Matura an der Evangelischen Mittelschule Schiers mit Schwerpunkt Englisch und Latein ab. Nach einigen Umwegen arbeitet sie heute hauptberuflich als «Fachfrau Unternehmensführung KMU» im elterlichen Bauunternehmen in Jenaz und in ihrer eigenen Werbetechnik-Firma in Küblis. In ihrer Freizeit schreibt sie Romane verschiedener Genres.

Auf orellfuessli.ch ist über ein Dutzend ihrer Romane erhältlich, die meisten als eBook.

Ladina Bordoli liest am 12. November um 20 Uhr bei Orell Füssli Frauenfeld.

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