Rezension
aus: HNO-Praxis, Heft 4, 1990„. Zur Grundidee des Therapieplanes gehören das Verlernen fehlangepasster Reaktionen und die Bekämpfung von Sprechangst. Der Patient soll lernen, „mit seinem Stottern“ fertig zu werden und angestrebt wird „der flüssige Stotterer“.Die Therapie gliedert sich in 4 Abschnitte.1. IDENTIFIKATIONDer Patient muss sich bewusst werden, was er macht, wenn er stottert. Im wesentlichen muss der Stotternde seine gewohnheitsmässigen Vermeidungsreaktionen als Schwindel gegenüber der Umwelt erkennen. In diese Phase gehört auch die visuelle Selbstkonfrontation, d.h. der Stotternde muss sich im Spiegel dem Bilde stellen, mit dem er seinen Mitmenschen erscheint. Zur Selbsterkennung gehören demnach Frustrations- und Schamgefühl.2. DESENSIBILISIERUNGMit dem Erkennen negativer Emotionen sollen diese, besonders Verspannungen, Hemmungen und Sprechangst im Sinne eines Abhärtungsprozesses durch Stress-Dosierung zur Stress-Toleranz abgebaut werden. Über Rollenspiele und Pseudostottern soll Selbstsicherheit aufgebaut werden.3. MODIFIKATIONFehlangepasste Reaktionen sollen angepassten Reaktionen weichen. Flüssiges Stottern bedeutet, keine Angst vor dem Sprechen zu haben. Der Patient soll erkennen, dass er mit dem krankhaften „sich selbst Hören“ aufhören muss. Methodisch greift der Therapeut hier zum Einsatz verzögerter Rückkopplung, Elektrokehlkopf und Pantomime.4. STABILISIERUNGIn dieser Phase muss der Stotternde lernen, die Rolle des normalen Sprechers zu akzeptieren und mancher wird sich damit abfinden müssen, auf die „kleinen Vorteile seines Stotterns“ zu verzichten. Der Patient wird sein eigener Therapeut und der Therapeut wird Berater. In den Kontrollsitzungen wird der Erfahrungsaustausch innerhalb der Gruppe betrieben und es werden „alte traumatische Situationen“ durchgespielt. Als stabilisierend gilt das „Puffern“, das sind Verhöhnungssitzungen, in denen mit Beschimpfungen und mutwilligem Spott gearbeitet wird.Die letzten Abschnitte des Buches befassen sich mit der Vorbeugung und mit der Behandlung des Stotterns beim Kind. VAN RIPER hält es nach seinen Erfahrungen für möglich, Kinderkrippen, Kindergärten und Vorschulen für alle Kinder mit Sprechproblemen zu nutzen. Beim plötzlichen Stottern hält er therapeutische Notfallmassnahmen (wie bei einer Nervenkrankheit) für angebracht und empfiehlt beim kindlichen Stottern nach emotionellem Stress immer Psychotherapie in geeigneter Form.VAN RIPER, der selbst schwerer Stotterer war, ging in seiner Haltung gegenüber Patienten immer davon aus, dass Stottern keine Krankheit im medizinischen Sinne sei und nannte (anders als z.B. FROESCHELS und FERNAU-HORN) als therapeutische Zielstellung den normalen Sprecher, der stotternd spricht. Seine Behandlungsmethoden Stotternder sind nicht pauschal für den europäischen Kulturkreis annehmbar bzw. übertragbar. Der Autor gibt jedoch mit seinem aufschlussreichen Erfahrungsbericht einen tiefen Einblick in den Therapie-Alltag rund um das Stottern.“H. Zehmisch
aus: Logos, Nr. 3, 23. Jahrgang, Sept. 2015 Die Fachzeitschrift für akademische Sprachtherapie und Logopädie Bücher, die mich und mein Stottern begleitet haben Ein Essay …Nach meinem Zivildienst habe ich Sonderpädagogik studiert. Und las auch deshalb schon Bücher zur Logopädie und Lerntheorie. Das Werk jedoch, das ich wahrscheinlich mitnehmen würde auf die berühmte einsame Insel, lernte ich nicht an der Uni kennen: „Die Behandlung des Stotterns“ von Charles Van Riper (1992). Kein anderes Buch in meinem Bücherregal ist so zerlesen und zerfleddert und kann nur noch mit einer Unmenge an Klebstreifen einigermassen zusammengehalten werden. Wie Hoods „An einen Stotterer“ vermittelt auch Van Riper eine absolut wohltuende Entspannung. Stottern ist in Ordnung, man darf stottern, alles kein Problem. Doch niemand muss weiterhin auf die Art und Weise stottern, wie er es gerade tut, so Van Ripers Botschaft. Man kann sein Stottern verändern, wenn man nur will, so dass es einem besser gefällt, es vielleicht weniger stört. Ich verschlang das Buch, machte mir Notizen in einer Kladde, probierte die beschriebenen Techniken in den Unterschiedlichsten Zusammenhängen immer wieder aus und nahm mich dabei sogar selbst mit einem Diktiergerät auf, um zusätzliches Feedback zu erhalten. Pull-Outs und Vorbereitende Einstellungen praktiziere ich heute noch, Nachbesserungen habe ich im Laufe meiner Reise allerdings über Bord geworfen. Das Buch hat mir zudem viel Freude beschert, Betroffene, die ebenfalls nach dem Ansatz arbeiten und die ich regelmässig treffe, um mich mit ihnen auszutauschen und gemeinsam mit ihnen zu lachen, auch über unser Stottern. Ich habe noch andere Veröffentlichungen zum Nichtvermeidungs- und Modifikationsansatz in der Stottertherapie gelesen, etwa „Verhaltenstherapie des Stotterns“ (Wendlandt, 1980) oder „Techniken in der Stottertherapie“ (Ham, 2000). Van Riper bleibt für mich jedoch die unangefochtene Nummer Eins. Wie mir hat Van Riper vielen stotternden Menschen geholfen, das weiss ich sicher. Er selbst schreibt über sich und seine Methode, das Stottern zu therapieren, im Alter von 67 Jahren (Van Riper, 1993, S. 130): „Jahrelang versuchte er, dem Stottern aus dem Wege zu gehen, und es wurde nur noch schlimmer. Erst als er lernte, dass es möglich ist, leicht und ohne Kampf zu stottern, wurde er flüssig. Er ist im Alter von dreissig Jahren geboren worden und hat seitdem ein wunderbares Leben geführt.“ Natürlich wurde seit Van Ripers Buch weitere therapeutische Literatur zum Stottern publiziert, ich aber bin zwischenzeitlich ausgestiegen, habe meinen Frieden mit dem Stottern gemacht und muss nicht mehr ständig auf dem neuesten Stand bleiben. Steffen Paschke, Siegen aus: HNO-Praxis, Heft 4, 1990 „... Zur Grundidee des Therapieplanes gehören das Verlernen fehlangepasster Reaktionen und die Bekämpfung von Sprechangst. Der Patient soll lernen, „mit seinem Stottern“ fertig zu werden und angestrebt wird „der flüssige Stotterer“. Die Therapie gliedert sich in 4 Abschnitte. 1. IDENTIFIKATION Der Patient muss sich bewusst werden, was er macht, wenn er stottert. Im wesentlichen muss der Stotternde seine gewohnheitsmässigen Vermeidungsreaktionen als Schwindel gegenüber der Umwelt erkennen. In diese Phase gehört auch die visuelle Selbstkonfrontation, d.h. der Stotternde muss sich im Spiegel dem Bilde stellen, mit dem er seinen Mitmenschen erscheint. Zur Selbsterkennung gehören demnach Frustrations- und Schamgefühl. 2. DESENSIBILISIERUNG Mit dem Erkennen negativer Emotionen sollen diese, besonders Verspannungen, Hemmungen und Sprechangst im Sinne eines Abhärtungsprozesses durch Stress-Dosierung zur Stress-Toleranz abgebaut werden. Über Rollenspiele und Pseudostottern soll Selbstsicherheit aufgebaut werden. 3. MODIFIKATION Fehlangepasste Reaktionen sollen angepassten Reaktionen weichen. Flüssiges Stottern bedeutet, keine Angst vor dem Sprechen zu haben. Der Patient soll erkennen, dass er mit dem krankhaften „sich selbst Hören“ aufhören muss. Methodisch greift der Therapeut hier zum Einsatz verzögerter Rückkopplung, Elektrokehlkopf und Pantomime. 4. STABILISIERUNG In dieser Phase muss der Stotternde lernen, die Rolle des normalen Sprechers zu akzeptieren und mancher wird sich damit abfinden müssen, auf die „kleinen Vorteile seines Stotterns“ zu verzichten. Der Patient wird sein eigener Therapeut und der Therapeut wird Berater. In den Kontrollsitzungen wird der Erfahrungsaustausch innerhalb der Gruppe betrieben und es werden „alte traumatische Situationen“ durchgespielt. Als stabilisierend gilt das „Puffern“, das sind Verhöhnungssitzungen, in denen mit Beschimpfungen und mutwilligem Spott gearbeitet wird. Die letzten Abschnitte des Buches befassen sich mit der Vorbeugung und mit der Behandlung des Stotterns beim Kind. VAN RIPER hält es nach seinen Erfahrungen für möglich, Kinderkrippen, Kindergärten und Vorschulen für alle Kinder mit Sprechproblemen zu nutzen. Beim plötzlichen Stottern hält er therapeutische Notfallmassnahmen (wie bei einer Nervenkrankheit) für angebracht und empfiehlt beim kindlichen Stottern nach emotionellem Stress immer Psychotherapie in geeigneter Form. VAN RIPER, der selbst schwerer Stotterer war, ging in seiner Haltung gegenüber Patienten immer davon aus, dass Stottern keine Krankheit im medizinischen Sinne sei und nannte (anders als z.B. FROESCHELS und FERNAU-HORN) als therapeutische Zielstellung den normalen Sprecher, der stotternd spricht. Seine Behandlungsmethoden Stotternder sind nicht pauschal für den europäischen Kulturkreis annehmbar bzw. übertragbar. Der Autor gibt jedoch mit seinem aufschlussreichen Erfahrungsbericht einen tiefen Einblick in den Therapie-Alltag rund um das Stottern. ...“ H. Zehmisch