Verstecken gilt nicht, nicht in diesem Leben. Atemlos und unentwegt auf der panischen Suche nach einem sicheren Unterschlupf schlägt sich die Erzählerin in dieser bodenlosen Erzählung durch feindliches Gebiet. Sie verwischt ihre Spuren, zieht sich zurück, und doch ist der Tod immer schon da. Er scheint in einem verlassenen Haus zu lauern, das ihr im Traum immer wieder begegnet und in dem sie auf sich gestellt bis zur Erschöpfung gegen Schatten und Gespenster kämpft, die ihrer eigenen Vergangenheit entwachsen sind. Sie trägt eine Schuld, doch sich dieser zu stellen und ihr Schweigen zu brechen, kommt nicht infrage. In einem letzten Versuch, die sie jagenden Geister zu vertreiben, kehrt sie im wachen Zustand zur Kulisse ihrer Alpträume zurück. Erbarmungslos beunruhigend und auf vielen falschen Fährten führt uns Olivia Rosenthal in unwirtliche Gefilde, die wir nie betreten wollten und die dennoch einen unwiderstehlichen Sog ausüben.
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22.07.2019
eBook (ePUB 3)
Eine unbestimmte Welt der Schatten
Eine junge Frau fühlt sich verfolgt. Sie ist auf der Flucht. Unmöglich zu wissen, ob es sich um die Realität, einen totalitären Staat, eine Dystopie, eine unwirkliche Traumwelt oder albtraumhafte Erinnerungslandschaft handelt. Tatsächlich ist es eine Mischung aus allem. Der Protagonistin geht es nicht gut. Ihre Erinnerungen scheinen ihr Streiche zu spielen, grausame Streiche. Der Psychoterror der eigenen Gedanken.
Niemand hat einen Namen in dieser Welt. Es gibt wenige Figuren, die allesamt gesichtslos bleiben. Eine anonyme Gefährtin wird auf der Flucht zurückgelassen, ihrem Schicksal, den sie verfolgenden Horden und Patrouillen überlassen. Die Flucht ist ganz plötzlich vorbei.
Die Erzählerin leidet unter einem Trauma, und sicherlich nicht nur einem. In ihrem überwältigenden aber nicht näher benannten Schmerz wird sie in die völlige Isolation gedrängt, drängt sich selbst in die Isolation. Es ist eine Strategie, um den Schmerz aushalten zu können. Sie befindet sich in einer Art Versteckspiel mit anderen Menschen in ihrer Umgebung, vertrauten wie fremden, wähnt sich in Todesgefahr.
Sie findet Zuflucht in ihrem Elternhaus. Ihre Schwester ist verschwunden, vielleicht ums Leben gekommen durch Unfall oder Freitod, wir wissen es nicht genau, und die Eltern auf der Suche nach ihr ebenfalls. Die Protagonistin leidet unter Angstzuständen und Verfolgungswahn, auch während sie allein das Elternhaus “bewacht”: “Sie werden das Haus betreten. Früher oder später werden sie genau das tun. Sie werden kommen. Das Tor öffnen, die Tür aufschließen, und eintreten. Ich erwarte sie. Ich hüte den Ort. Ich überwache die Umgebung. Horche auf die Geräusche.” Das Hirn wird zum Horror, wenn die Protagonistin hineinschlüpft, “wo der Eindringling sein Nest gebaut hat, in die unzähligen Falten, zwischen das schleimige Gewimmel in den Wänden, ich verlasse alle anderen Räume des Hauses für diesen hier, den kompaktesten, den unergründlichsten…” Ein Jäger ist hinter ihr her: “Er begnügt sich damit, zu überprüfen, dass die üblichen Verstecke leer sind, er wird nachsehen, betasten, anheben, rütteln, lockern, öffnen, zerreißen und aufschlitzen. So machen es die Raubtiere.” Alles sind Metaphern für etwas, das aufgespürt werden muss. So schreibt sie wie aus einer anderen Dimension, wie unter Wasser, im Nebel, in dichte Watte gepackt, in einem seltsam gleißenden Licht, wie im Koma.
Kursiv gesetzt tauchen tatsächlich in den Text eingestreute klinische und forensische Berichte über Patienten, u.a. im Koma oder mit Nahtoderfahrungen auf. Sie haben Namen, wobei die lediglich mit Anfangsbuchstaben und Punkt gesetzten Familiennamen dafür sorgen, dass Anonymität gewahrt bleibt. Wie ergeht es Menschen im Koma, was denken, was fühlen sie? An Brutalität wird nicht gespart. Ist der Bericht über die Überlebensmechanismen eine Art komatöse Phantasie? Eine eindeutige Verbindung wird zu keinem Zeitpunkt hergestellt. “Alle schlafen, alle träumen, alle vergessen.” Als Schattengestalt, als gespenstische Silhouette versucht die Schwester später, sich wieder an die Protagonistin zu klammern.
Dieser anspruchsvolle Roman ist ein in jeder Hinsicht magisches Buch, auch wenn es sich eher um “dunkle” Magie handeln mag, die ungleich realistisch wirkt. Es ist ein Roman der Zustände, er ist dringlich, drängend und fordernd. Gemütszustände und die ganze Unzumutbarkeit des Lebens werden hier mit großer Wucht in unfassbar starke, oft angsteinflößende Bilder gefasst, wo eines das andere so atem- wie gnadenlos jagt. Auch sprachlich ist der Roman hervorragend. Nicola Denis hat mit ihrer bewundernswerten Übersetzung aus dem Französischen Großes geleistet.
“Später bin ich im Wald, oben auf dem Hügel, ich suche eine Lichtung, stolpere über den dornenüberwucherten Pfad, meine Kleider sind schlammverkrustet, ich habe einen Schuh verloren, ich hinke, meine Arme und Beine sind zerkratzt, mir wird immer kälter, vor mir hoppelt ein Kaninchen, ein Reh steht fröstelnd zwischen den Bäumen, eine Fledermaus flattert und blockiert mir den Weg, ich störe die Waldbewohner, sie rufen es mir in all ihren Sprachen zu, ich laufe blindlings weiter, Eulenrufe, Summen, Klagen, Krächzen, Gebrüll über mir und rings um mich, ich bin ein kleines Mädchen und habe meinen einzigen Bezugspunkt verloren. Ich schlafe auf der feuchten Erde ein, zwischen den Tieren des Abends.”