Rezension
Nach dem autobiografischen Roman „Im Zwielicht der Zeit“, in dem Leben und Leiden einer Familie in den Jahren 1912 bis 1945 geschildert werden, legt die Autorin nun den abschliessenden zweiten Teil mit dem Titel „Im Bann der Vergangenheit“ vor, der die Zeit von 1945 -1975 zum Gegenstand hat. Anna, einer so genannten Mischehe zwischen einem Juden und einer Christin entstammend, sucht nach den traumatischen Erlebnissen der Kindheit ihren Weg, den Weg zu beruflicher Erfüllung, aber auch zu menschlicher Geborgenheit. Beide Versuche scheitern. Mit bemerkenswerter Energie versucht Anna, Schauspielerin zu werden. Sie macht Atem-und Sprechübungen, nimmt Schauspielunterricht, doch ausser kleinen Rollen in Provinztheatern bekommt sie keine Aufgabe, die sie ausfüllen würde. So lässt sie sich schliesslich durch Verwandte und Bekannte in eine Ehe drängen, die sie letztlich nicht nur nicht glücklich macht, sondern im Lauf der Jahre zu immer stärker werdenden Depressionen führt. Schliesslich erfüllt sich Annas Lebensplanung doch noch auf eine überraschende Weise: Sie absolviert ein Pädagogikstudium und wird Lehrerin. Diese neue Herausforderung erfüllt sie und gibt ihrem Leben Sinn. Zwei Gesichtspunkte machen dieses Buch, wie auch Ellinor Wohlfeils Prosa insgesamt, in hohem Masse lesenswert: Es ist einmal die für unsere Zeit erfreulich gepflegte Sprache und die straffe erzählerische Konzeption. Zum anderen aber die ehrliche Schilderung des Lebensweges einer Halbjüdin, eine Schilderung, die sich so wohltuend abhebt von der Unzahl von Druckerzeugnissen, die sich mit der Judenverfolgung beschäftigen und lediglich auf Hörensagen beruhen oder in den trüben Gewässern der Kriegs-und Nachkriegspropaganda gründeln. Wir wünschen diesem Buch von Herzen Erfolg und einen grossen Widerhall.(c) Siegfried Jahnke(Der Giesserjunge Oktober-Dezember 2007)