Mehr als dreissig Jahre haben Hanno Holtz und Susanne Dreyer sich nicht gesehen, obwohl sie direkt nebeneinander aufgewachsen sind. Nun ist Hanno in die Kleinstadt seiner Kindheit zurückgekehrt und kümmert sich nach dem Tod seiner Mutter um den Vater. Unsicher streift er durch die kleine Welt, aus der er als Jugendlicher vor Jahrzehnten ausgebrochen ist. Susanne sieht ihm dabei zu. Sie hat ihr Elternhaus und besonders den Platz am Fenster im Obergeschoss mit Blick auf das Haus der Familie Holtz nie verlassen. Als sie sich entschliesst, Hanno ihre Hilfe anzubieten, wird die Ruhe des Ortes gestört. Denn plötzlich treffen alte Erinnerungen aufeinander, in deren verschleiertem Zentrum eine Geburtstagsfeier im Sommer 1986 steht. Niemand ist davon unversehrt geblieben und niemand kann den Blick abwenden, als nach fast dreissig Jahren nun Licht durch die Risse der kleinen Paläste dringt.
Kundinnen und Kunden meinen
4.2/5.0
Bewertung
5/5
13.09.2024
Buch (Gebundene Ausgabe)
Großartig
Der Roman hat mich sehr begeistert, klug und vielschichtig.
1986 Familie Holtz und Familie Dreyer sind Nachbarn. Man kennt sich aber für eine engere Verbindung ist Familie Holtz zu perfekt und Familie Dreyer im Gegenzug etwas zu gewöhnlich. Die Kinder Hanno und Susanne verbindet eine Freundschaft und sie verbringen viel Zeit miteinander. Nach einer großen Feier von Familie Holtz verändert sich auf einmal so einiges. Susanne zieht sich zurück und Hanno geht weg.
2018 Hanno kehrt zurück um sich um seinen Vater zu kümmern. Die Mutter ist verstorben und der Vater sitzt im Rollstuhl und leidet an Demenz. Hanno ist zunehmend überfordert und sehr froh als Susanne aus dem Nachbarhaus ihre Hilfe anbietet. Susanne lebt immer noch im Haus ihrer Eltern, hier sind beide schon verstorben, sie geht kaum raus und beobachtet das Familienleben der Familie Holtz mit einem Fernglas. So ist sie bestens vertraut mit ihren Gewohnheiten und kann bei der Pflege des Vaters unterstützen.
Der Roman erzählt von schwierigen Familienkonstellationen, Schuldgefühlen, Sprachlosigkeit, vom Neid unter Nachbarn, Konflikten unter Generationen untereinander und dem Anspruch immer nach Außen perfekt scheinen zu müssen.
Vielschichtige Story, großartig erzählt, einfach ein ganz wunderbarer Roman.
Ganz große Empfehlung!
mimitatis_buecherkiste
aus Krefeld
5/5
09.02.2022
Buch (Gebundene Ausgabe)
Trautes Heim, Glück allein. Nicht.
Hannos Mutter Sylvia ist verstorben, ermordet vom Hund. Das teilt sie mir sofort zu Beginn des Buches mit und auch, dass es nicht der erste Mordversuch des Hundes war, aber der erfolgreichste. Weil nun ist sie ja tot. Da Carl, Hannos Vater, dadurch alleine ist, kehrt Hanno nach Hause zurück, fast dreißig Jahre war er weg. Aus Gründen. Susanne, die Nachbarstochter wiederum, die war nie weg. Die wohnt nach dem Tod ihrer Eltern immer noch nebenan und beobachtet. Als Hanno Hilfe bei der Pflege von Carl braucht, der dement und auf den Rollstuhl angewiesen ist, ist Susanne zur Stelle. Auch sie hat ihre Gründe, die sie seit Jahrzehnten verschweigt.
Schon der erste Satz ist grandios und zeigt die Richtung an, in die sich die Geschichte entwickelt. Sylvia ist zwar tot, aber ihre Gedanken und Gefühle bekomme ich als Leser mit. Die Story springt zwischen Sylvia, Hanno und Susanne hin und her, dazu noch zwischen den Jahren. Was damals im Jahre 1986 geschah, bleibt lange unklar. Was in 2018 passiert, das bekomme ich hautnah mit. Die Sprünge halten eine gewisse Spannung aufrecht und über allem schwebt eine unterschwellige Gefahr, die ich nicht näher benennen kann. Ich spüre, dass etwas Gewaltiges der Grund dafür ist, dass die Beteiligten zerrissen, zerstört, ja fast schon dysfunktional durch ihr Leben stolpern. Als ich den Grund dann irgendwann erfahre, bin ich entsetzt, aber endlich macht vieles einen Sinn. Die gutbürgerliche Fassade hat lange gehalten. Bis sie es nicht mehr tut.
Ein literarischer Genuss, der von mir verdiente fünf Sterne bekommt. Lesenswert!
Bewertung
5/5
16.12.2021
Buch (Gebundene Ausgabe)
Eines dieser Bücher, die einen...
Eines dieser Bücher, die einen mit ihrer Sprache einfangen & parallel unterschiedliche und teilweise schockierende Geschichten erzählen... Man merkt wie es zu eskalieren droht und kann sich nicht losreißen. So viel Wahrheit und Emotionen, die schon fast wehtun. Brilliant erzählt.
Bewertung
aus Baden-Württemberg
5/5
29.09.2021
Buch (Gebundene Ausgabe)
Blick hinter die glänzenden Fassaden
Kleine Paläste“ ist die Geschichte der Familien Holtz und Dreyer, die nebeneinander in ihren Einfamilienhäusern leben. Bereits der Einstieg überrascht, kommt nämlich dabei sofort Sylvia Holtz zu Wort, die ihren eigenen Tod als vom Hund inszeniertes Attentat schildert. Das mutet zunächst skurril an (und hätte mich vermutlich um den Lesegenuss dieses Buches gebracht, wenn ich zuvor etwas über diese Geistererscheinung gewusst hätte), ist aber insgesamt ein spannender Kunstgriff des Autors. Mutter Holtz ergänzt das Geschehen nämlich immer wieder um eine zusätzliche Perspektive, gibt Kommentare über Hintergründe, Erfahrungen und Beziehungskonstellationen, die sie mit ihrem ureigenen zynisch-überzogenen Humor präsentiert. Sie ist oft präsent und beobachtet die Szenerie, ohne allerdings konkret ins Geschehen eingreifen zu können.
Der Roman spielt zudem auf zwei Zeitebenen. In der Gegenwart von 2018 kommt Hanno Holtz anlässlich der Beerdigung seiner Mutter nach rastlosen Jahren in der Fremde nach Hause. Sein Vater Carl sitzt im Rollstuhl, leidet an fortgeschrittener Demenz und benötigt intensive Pflege, die Hanno immer mehr überfordert. Im Gegensatz zu ihm hat die fast gleichaltrige Nachbarstochter Susanne ihr Elternhaus nie verlassen. Sie lebt noch immer dort, obwohl ihre Eltern bereits verstorben sind. Offensichtlich verbindet Hanno und Susanne eine alte Freundschaft. Susanne hilft dem überforderten Hanno, obwohl sie seinem Vater gegenüber sehr schwer zu definierende Gefühle hegt.
Genau 31 Jahre und acht Monate zuvor, im September 1986, spielt die zweite Zeitebene. Sylvia Holtz hat das Haus nach dem Tod der Schwiegereltern komplett entkernen und renovieren lassen. Das Ergebnis soll mit einer pompösen Einweihungsparty gefeiert werden. Alle Freunde sind eingeladen, natürlich auch die Familie Dreyer von nebenan. Es schwebt etwas Dunkles über diesem Event, früh ist klar, dass dort etwas passiert sein muss, das tiefgreifende Auswirkungen auf die beteiligten Personen gehabt hat.
Beide Zeitebenen wechseln sich ab. Man erfährt immer mehr Persönliches über die Familien, über Verletzungen und Schwächen der einzelnen Mitglieder. Sehr vieles wurde zeitlebens verdrängt und verschwiegen, man sprach nicht offen miteinander. Was auf den ersten Blick nach nachbarschaftlicher Freundschaft aussieht, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als fadenscheinige Inszenierung, bei der keine aufrichtigen Gefühle im Spiel sind, sondern Missgunst, Täuschung und Konkurrenz das Fundament bilden. Außerdem sind die wirtschaftlichen Verhältnisse stark unterschiedlich. Natürlich hat das alles auch Konsequenzen für Hanno und Susanne.
Vieles ist nicht so, wie es scheint. Hinter den bürgerlich intakten Fassaden knirscht und bröckelt es gewaltig. Andreas Moster hat ein überaus komplexes psychologisches Kammerspiel geschrieben, in dem die Dysfunktionalität der beiden Familien ziemlich schnell offensichtlich wird. Weder Hanno noch Susanne ist es gelungen, ein erfülltes eigenes Leben zu führen. Beide stellen sich als beschädigte, vielschichtige Charaktere dar, denen es nicht gelingt, Nähe zu anderen zuzulassen. Im Verlauf des Romans werden immer mehr Puzzlesteine zusammengetragen. Der Leser erfährt viel über die komplexen Beziehungen, Gefühlslagen, Gedanken und Handlungen der Protagonisten sowie ihres Umfeldes.
Insbesondere Hanno und Susanne kommt man im Verlauf des Romans sehr nahe, man versucht ihre Handlungsweisen nachzuvollziehen. Beide sind gefangen, beide wollen sich befreien, nur weiß man als Leser zunächst nicht, wovon. Diese inneren und äußeren Kämpfe werden ausdrucksstark beschrieben. Der Roman entwickelt eine ausgeprägte Sogwirkung. Man erfährt viel über das Schicksal der Familien und am Ende natürlich auch alles, was es über den Verlauf der Party zu wissen gibt. Die Grundstimmung ist weitgehend melancholisch, tiefsinnig und nachdenklich. Alles hängt mit allem zusammen. Lediglich Sylvia lockert das Geschehen mit ihrem originellen Geister-Duktus auf.
Moster verzahnt Zeiten und Perspektiven äußerst gelungen. Sein wirklich virtuoser Sprachstil sucht seinesgleichen. Der Autor findet treffende Formulierungen, kann sich in seine Figuren detailliert hineindenken, so dass das ganze Setting sehr authentisch wirkt. Er benutzt eine kluge, sehr poetische Sprache, die ihren ganz eigenen nachdenklichen Sound entwickelt, in den man wunderbar eintauchen kann. „Kleine Paläste“ ist ein ruhiges Buch, eine Familiengeschichte, die nach ihrer kompletten Offenlegung enormen Nachhall erzeugt. Viele Themen werden eingeflochten, ohne dass es in irgendeiner Weise überfrachtet wirkt.
Ich empfehle es allen Menschen, die sich gerne in komplexe Familiengeschichten hineindenken, Freude an virtuoser Sprache haben und nicht auf alles eine Antwort brauchen. „Kleine Paläste“ ist ein grandioser Roman, der auch literarische Ansprüche befriedigt.
Riesige Lese-Empfehlung!
Bewertung
aus Hamburg
5/5
11.09.2021
Buch (Gebundene Ausgabe)
Unter den Teppich gekehrt
Ich bin froh, Andreas Moster als Autor entdeckt zu haben. Der Beginn seines Romans „Kleine Paläste“ gehört schon jetzt für mich zu den genialsten Romananfängen, die ich je gelesen habe. Dabei sind es die präzise Beobachtungsgabe, die bildgewaltige Sprache, der leicht schwarze Humor, die nachvollziehbaren, zugleich skurrilen Gedanken sowie die Rolle des „Mörderhundes“, die die Anfangsszene, in der Sylvia Holtz stirbt, so einzigartig machen.
Der Roman setzt im Jahr 2018 ein. Sylvia hinterlässt ihren schwer an Alzheimer erkrankten und pflegebedürftigen Ehemann Carl und ihren Sohn Hanno, der vor mehr als 30 Jahren dem elterlichen Haus und der kleinstädtischen Atmosphäre entflohen ist.
Hanno reist an, kümmert sich um die Pflege seines Vaters und trifft auf der Beerdigung Susanne Dreyer, in die er einst verliebt war und die immer noch in unmittelbarer Nachbarschaft zu seinem alten Elternhaus lebt.
Schon bald zeigt sich, dass sich hinter den schönen Fassaden Abgründe auftun. Was passierte damals im Jahre 1986 auf dem Sommerfest? Wer wusste davon und welche Folgen hatte es für die Beteiligten? Die über Jahrzehnte aufrecht erhaltenen Fassaden beginnen zu bröckeln.
Andreas Moster erzählt auf sehr poetische und spannende Weise eine beklemmende Geschichte über Täter, Opfer, Lebenslügen, mangelnde Unterstützung und das Nicht-Sehen-Wollen. Dabei nimmt er ungewöhnliche Perspektiven und Blickwinkel ein. "Kleine Paläste" entfaltet einen Sog, überrascht immer wieder und ist - trotz der immer vorhandenen Beklemmung und Schwere, die diesen Roman durchdringen - ein absolutes Leseerlebnis .