März 2011, die arabische Welt ist in Aufruhr, alles scheint möglich. In Damaskus schart die Studentin Joséphine eine Gruppe junger Leute um sich. Sie alle eint die Hoffnung auf ein selbstbestimmtes Leben, eine freiere Welt. Sie haben Träume, Pläne für die Zukunft, sie verlieben sich. Youssef und Mohammad. Youssef und Joséphine. Chalil und Joséphine. Homosexualität und ein gesellschaftlich konservatives Milieu prallen aufeinander. Zusehends verflechten sich die Ideale der jungen Generation mit einer Revolution, die ein ganzes Land erfasst und in einen Bürgerkrieg mündet.
Omar Youssef Souleimane ergründet die Herzen der syrischen Jugend am Beginn des Arabischen Frühlings. Sie trat für ein Ende der Diktatur und eine Demokratisierung ihres Landes ein, sollte aber an den brutalen Schergen des Regimes und an gewaltbereiten Islamisten scheitern. Ein ebenso poetisches wie schockierendes Plädoyer für die Freiheit des Individuums, für eine Gesellschaft, die allen einen Raum lässt.
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Die Früchte des Zorns der Ahnungslosen
Almut Scheller-Mahmoud am 08.02.2023
Bewertungsnummer: 1875919
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
In 70 Miniaturen, die prägnant die einzelnen Protagonisten und ihre Gemütszustände, ihre Ängste, ihre Zweifel, aber auch ihre Zuversicht aufzeigen, versucht Omar Youssef Souleimane in seinem Romandebüt einigen Menschen des syrischen Arabischen Frühlings im Jahre 2011 ein Gesicht zu geben. Sie bestehen aus einem Beziehungsgeflecht von Youssef, Mohammad und Sarah, Joséphine und Chalil, Bilal, Raschid, Adel und Said, sie sind alle jung und sagen dem bestehenden Regime, das seit dem Militärputsch 1963 durch Bashar Assads Vater, existiert, den Kampf an. Mit Engagement und Phantasie, gewaltfrei, nicht bedenkend, dass ein diktatorischer Staat so nicht zu besiegen ist. Nicht ahnend, dass daraus ein internationaler Konflikt erwächst, ein Stellvertreterkrieg mit roten Linien und islamistischen Gruppierungen.
Nach Jahren des Schweigens und Unterdrückung der Schrei nach Freiheit. Dieser Schrei kommt wie aus einer Echokammer und pflanzt sich fort von Tunesien über Libyien, Ägypten und dem Yemen bis nach Syrien.
Ein spontaner Aufstand junger Leute, von denen keiner weiß, wie man die Gewalt bekämpft, von denen keiner die Bedingungen und Möglichkeiten einer revolutionären Bewegung kennt. Alles, was sie wissen, ist, dass sie der Barbarei die Stirn bieten wollen.“ (Miguel Otero Silva).
Gekonnt baut der Autor in die Portraits der jungen Menschen die politische und gesellschaftliche Situation ein: die verschiedenen Ethnien und religiösen Strömungen des Landes, die Geschichte Syriens, das immer von außen überflutet wurde von den Heerscharen der Kalifen, der Mongolen und der Osmanen. Nicht zu vergessen die geopolitischen westlichen Interessen (Sykes-Picott- Abkommen) und ihre Folgen.
Und er lässt der Hoffnung Raum mit wunderbar poetischen Passagen.
Raschid: Ich habe die Erde verletzt, man muss sanft auf sie treten. Sie ist unsere Mutter und wir sind ihre verlorenen Kinder. Mohammad: Ich habe meine Sachen gepackt, die Bücher im Garten vergraben: der Bücherbaum. Das Wort ist mächtiger als das Schwert.
Auch die Sexualität verfängt sich im Netzwerk der Freiheit. In diesem Falle die der Homo- sexualität. In einer alternierenden Mailkorrespondenz zwischen Mohammad und Youssef gewinnt die Unterdrückung des eigenen Begehrens, die Fernsteuerung durch festgefügte Traditionen sehr deutlich Gestalt. Es scheint mir jedoch, als ob diese Unterdrückung speziell dem Islam zuge- ordnet wird und weniger den allgemeinen patriarchalischen Strukturen (auch im orthodoxen Judentum ist Homosexualität ein widernatürlicher Akt). Und dass ein frei gelebtes homosexuelles Leben als westliche Freiheit übergewichtig gewertet wird. Westliche Beispiele: In der Bundes- republik Deutschland war Homosexualität erst seit 1969 straffrei und in vielen Bundesstaaten der USA sogar erst 2003.
Sexualität und Religion waren immer auch Macht- und Unterdrückungsinstrumente der herr- schenden Klassen. Das hat sich bis heute nicht geändert, wenn auch die Mechanismen camoufliert sind.
Die Folterszenen mögen für manche Leser und Leserinnen schwer erträglich sein, zeigen aber doch nur die Realität nicht nur in syrischen Folterkammern.
Im großen und ganzen ist der kleine Roman ein Spiegelbild jeglicher Insurrektion, der es mitunter gelingt zu einer wahrhaften Revolution zu werden. Hier bleibt es bei einer Rebellion, der die jungen Menschen nicht gewachsen sind. Es bleibt das Opfer oder das Exil. Und der Funke Hoffnung für das syrische Volk, dass sich irgendwann irgendwie alle Parteien zur Versöhnung, zur Aussöhnung, zum Frieden entschließen. Das ist wohl das Schwierigste: Kompromisse finden, um Frieden schließen. Damals und heute.
Unbedingt lesenswert für Leserinnen und Leser, die die Verknüpfungen von Persönlichem und Politischem schätzen. Die den Nahen Osten und besonders Syrien besser verstehen wollen.
Die Früchte des Zorns der…
Almut Scheller-Mahmoud aus Hamburg am 08.02.2023
Bewertungsnummer: 2793645
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Die Früchte des Zorns der Ahnungslosen In 70 Miniaturen, die prägnant die einzelnen Protagonisten und ihre Gemütszustände, ihre Ängste, ihre Zweifel, aber auch ihre Zuversicht aufzeigen, versucht Omar Youssef Souleimane in seinem Romandebüt einigen Menschen des syrischen Arabischen Frühlings im Jahre 2011 ein Gesicht zu geben. Sie bestehen aus einem Beziehungsgeflecht von Youssef, Mohammad und Sarah, Joséphine und Chalil, Bilal, Raschid, Adel und Said, sie sind alle jung und sagen dem bestehenden Regime, das seit dem Militärputsch 1963 durch Bashar Assads Vater, existiert, den Kampf an. Mit Engagement und Phantasie, gewaltfrei, nicht bedenkend, dass ein diktatorischer Staat so nicht zu besiegen ist. Nicht ahnend, dass daraus ein internationaler Konflikt erwächst, ein Stellvertreterkrieg mit roten Linien und islamistischen Gruppierungen. Nach Jahren des Schweigens und Unterdrückung der Schrei nach Freiheit. Dieser Schrei kommt wie aus einer Echokammer und pflanzt sich fort von Tunesien über Libyien, Ägypten und dem Yemen bis nach Syrien. Ein spontaner Aufstand junger Leute, von denen keiner weiß, wie man die Gewalt bekämpft, von denen keiner die Bedingungen und Möglichkeiten einer revolutionären Bewegung kennt. Alles, was sie wissen, ist, dass sie der Barbarei die Stirn bieten wollen.“ (Miguel Otero Silva). Gekonnt baut der Autor in die Portraits der jungen Menschen die politische und gesellschaftliche Situation ein: die verschiedenen Ethnien und religiösen Strömungen des Landes, die Geschichte Syriens, das immer von außen überflutet wurde von den Heerscharen der Kalifen, der Mongolen und der Osmanen. Nicht zu vergessen die geopolitischen westlichen Interessen (Sykes-Picott-Abkommen) und ihre Folgen. Und er lässt der Hoffnung Raum mit wunderbar poetischen Passagen. Raschid: Ich habe die Erde verletzt, man muss sanft auf sie treten. Sie ist unsere Mutter und wir sind ihre verlorenen Kinder. Mohammad: Ich habe meine Sachen gepackt, die Bücher im Garten vergraben: der Bücherbaum. Das Wort ist mächtiger als das Schwert. Auch die Sexualität verfängt sich im Netzwerk der Freiheit. In diesem Falle die der Homosexualität. In einer alternierenden Mailkorrespondenz zwischen Mohammad und Youssef gewinnt die Unterdrückung des eigenen Begehrens, die Fernsteuerung durch festgefügte Traditionen sehr deutlich Gestalt. Es scheint mir jedoch, als ob diese Unterdrückung speziell dem Islam zugeordnet wird und weniger den allgemeinen patriarchalischen Strukturen (auch im orthodoxen Judentum ist Homosexualität ein widernatürlicher Akt). Und dass ein frei gelebtes homosexuelles Leben als westliche Freiheit übergewichtig gewertet wird. Westliche Beispiele: In der Bundesrepublik Deutschland war Homosexualität erst seit 1969 straffrei und in vielen Bundesstaaten der USA sogar erst 2003. Sexualität und Religion waren immer auch Macht- und Unterdrückungsinstrumente der herrschenden Klassen. Das hat sich bis heute nicht geändert, wenn auch die Mechanismen camoufliert sind. Die Folterszenen mögen für manche Leser und Leserinnen schwer erträglich sein, zeigen aber doch nur die Realität nicht nur in syrischen Folterkammern. Im großen und ganzen ist der kleine Roman ein Spiegelbild jeglicher Insurrektion, der es mitunter gelingt zu einer wahrhaften Revolution zu werden. Hier bleibt es bei einer Rebellion, der die jungen Menschen nicht gewachsen sind. Es bleibt das Opfer oder das Exil. Und der Funke Hoffnung für das syrische Volk, dass sich irgendwann irgendwie alle Parteien zur Versöhnung, zur Aussöhnung, zum Frieden entschließen. Das ist wohl das Schwierigste: Kompromisse finden, um Frieden schließen. Damals und heute. Unbedingt lesenswert für Leserinnen und Leser, die die Verknüpfungen von Persönlichem und Politischem schätzen. Die den Nahen Osten und besonders Syrien besser verstehen wollen.