Ein trügerisch sanfter, inspirierender Roman über eine Ehe und ihre existenziellen Konsequenzen.
Ein Mann kauft seiner Frau ein grosszügiges Apartment über der Stadt. Dort soll sie sich Zeit für sich nehmen und ihren Neigungen nachgehen. Aber die Sache hat einen Haken: Die Frau kann die Wohnung nicht mehr verlassen. »Hier oben brauche ich niemanden, keinen Liebhaber, keinen Ausblick und Meinenmann schon gar nicht«, sagt sie trotzig. Nun ist sie hoch über der Stadt sich selbst, ihren Wünschen und Fantasien ausgeliefert, während ihr Mann seine ganz eigenen Interessen verfolgt.
»Eine sprachgewandte, reflektierte Autorin, die sich auf Zwischentöne versteht.« DLF
Kundinnen und Kunden meinen
3.5/5.0
Bewertung
4/5
12.03.2024
Buch (Gebundene Ausgabe)
Regt zum Nachdenken an
Ein Roman, der aufgebaut ist wie ein ewig langes Gedicht, das einen mit einem beklemmenden Gefühl zurücklässt. Eine leise Emanzipationsgeschichte die zum Nachdenken anregt. Man bekommt einen Einblick in die Gedanken einer Frau, die ihre Wohnung nicht verlässt. Was dies für Gründe hat und ob diese ganz freiwillig sind, wird im Laufe der Geschichte subtil eingestreut.
Lust_auf_literatur
4/5
28.02.2023
Buch (Gebundene Ausgabe)
leise Emanzipationsgeschichte
Das ist weniger ein Roman, als ein literarisches Experiment.
Eine Frau, alleine in einer Wohnung.
Sie verlässt die Wohnung nie, hat keine Verbindung zu Außenwelt mehr.
Ab und zu kommt Meinmann vorbei, um…ja um was?
Wieviel von diesem Arrangement ist freiwillig, wieviel aufgezwungen?
Die Frau als zu Hause wartende Männerfantasie?
In wie vielen Beziehungen begrenzen toxische Abhängigkeiten einen Part auf einen immer kleiner werdenden Wirkungsradius?
Es gibt keinen wirklichen Grund, der die Frau daran hindert die Wohnung zu verlassen und das Arrangement zu beenden.
Auf der Suche nach einem Motiv für dieses unterwürfige Verharren stoße ich auf allerlei Minderwertigkeits- und Unterlegegnheitsgefühle Meinemmann gegenüber.
Ist es das was Pehnt mit dem Adjektiv „schmutzig“ symbolisiert?
Der Schmutz als Stellvertretter für alles was Männern an einer Frau nicht gefallen könnte, eigener Wille und Widerspruch? Ein Gefühl von Scham, das sich nicht abwaschen lässt?
„ ü , ö“
„ , , “
Pehnt lässt ihre Erzählerin Geschichten schreiben, die autofiktional (?) geprägt sind, dadurch findet ein leiser, innerer Emanzipationsprozess statt
„ , “ doch sie stellt fest, genau das ist sie.
Schlimmer noch,
„ , “
Ich glaube, solches devote Verhalten schon bei Frauen gegenüber (ihren) Männern in meinem Umfeld erlebt zu haben. Dieses Verstummen, um den Männern das Wort zu überlassen. Dieses Verschwinden aus der Öffentlichkeit.
Dennoch lese ich in Pehnts Text auch eine Ambivalenz zwischen dem Wunsch, die Verantwortung für sich selbst abzugeben, Meinenmann entscheiden zu lassen und dem Wunsch nach eigenen Entscheidungen. Das bringt mich zum Nachdenken.
Ihr seht es schon an meinen vielen Fragezeichen, nichts ist wirklich klar in dieser Geschichte.
Und doch spricht mich der Text unglaublich persönlich an. Er resoniert mit alten Ängsten und Erinnerungen in meinem Inneren.
Für mich durchaus ein kurzes lesenswertes Literaturvergnügen, das nachdenklich macht und das ich auf Grund seiner speziellen, individuellen Art nicht in Kategorien wie Highlight oder Empfehlenswert einordnen möchte.
literaturbine (ehemalige Buchhändlerin Osiander)
aus Speyer
4/5
22.02.2023
Buch (Gebundene Ausgabe)
Stimmt nachdenklich
Eigentlich möchte sich eine Frau von ihrem Mann trennen. Stattdessen kauft er ihr eine Wohnung, in die sie alleine zieht, sie soll ihren Neigungen nachgehen. Stattdessen fügt sich, wird gelebt durch die Besuche ihres Mannes, verliert sich selber immer mehr.
Das Buch stimmt sehr nachdenklich. Sachlich und distanziert wird ohne Namen erzählt, bei der Zeichensetzung fehlt der Punkt am Ende der Sätze. So scheint die Punktlosigkeit die Standpunktlosigkeit der Frau widerzuspiegeln, so dass das eigene Ich dem Zustand kein Ende bereiten kann. Auch nennt sie ihren Mann "Meinmann", scheint sie doch durch die Heirat zu einem Besitz, einem Zusammen geworden zu sein, das nicht zu trennen ist. Die äußere Form spiegelt den Inhalt des Buches wider. Das ist sehr gut gemacht. Gibt es eine Lösung? Warum lässt frau das mit sich machen? Frauenliteratur, die sehr lesenswert ist!
Aischa
aus Kissing
3/5
15.12.2023
Buch (Gebundene Ausgabe)
Sehr experimentell
Ehrlich gesagt fällt es mir schwer, diesen Roman zu bewerten. Nicht zuletzt deshalb, weil ich den Verdacht habe, dass ich nicht alles verstanden habe.
Dies beginnt bereits bei der Form: Pehnt hat hier erklärtermaßen einen Versroman veröffentlicht. Ich muss gestehen, dass ich dies ohne entsprechenden Hinweis nicht bemerkt hätte, dass der Text nicht gänzlich in Prosaform geschrieben ist. Wohl aber gibt es einige sprachliche Auffälligkeiten, etwa das Fehlen von Satzzeichen oder die Benennung des Ehemanns der Ich-Erzählerin mit dem Neologismus "Meinmann". Des weiteren finden sich im Roman zwei Ebenen, einerseits die Frau, die in ihrem (selbstgewählten oder geschickt aufgedrängten?) Rückzugsort fernab der Familie lebt, um in Ruhe schreiben zu können, andererseits die von ihr verfassten Geschichten, über eine "schmutzige Frau" die selbst schreibt. Was ist hier Rahmenhandlung und was Binnenerzählung? Ich weiß es nicht.
Pehnt thematisiert geschlechtsspezifische Erziehung (Jungs dürfen sich beim spielen schmutzig machen, Schmutz an Mädchen ist schambehaftet) und eine subtil-toxische Beziehung: "Meinmann" ist charismatisch und gewinnend, manipuliert seine Frau aber geschickt, die Grenzen zwischen Zuwendung und Gewalt scheinen fluid.
Viele interessante Aspekte also, die mich in ihrer Gesamtheit leider etwas überfordert und verwirrt zurücklassen. Ein sehr interessanter und zugleich schwer zu lesender Roman.
libri17
aus Neufeld
2/5
04.09.2023
Buch (Gebundene Ausgabe)
Was ist aus mir geworden
"Vielleicht steht gelegentlich jemand am Fenster (…) und fragt sich, wo ich wohl geblieben bin und was aus mir geworden ist
Das wüsste ich auch gern"
Das scheint die zentrale Frage des neuen Romans „Die schmutzige Frau“ von Annette Pehnt zu sein.
Eine Frau – Ehefrau und Mutter erwachsener Kinder – lebt isoliert in einer Wohnung hoch über den Dächern der Stadt, die ihr Mann ihr aufgrund ihres Wunsches nach einem eigenen Raum zum Schreiben renoviert und eingerichtet hat. Was dem Umzug vorangegangen ist, erfährt man nicht. Möglicherweise waren es Entwicklungen, deren Auswirkungen sich in vielen Beziehungen nach Jahren zeigen. Man weiß es nicht und wird auch bis zum Ende im Unklaren gelassen. Es scheint jedoch ein Arrangement zwischen den beiden zu sein, mit dem sie sich einverstanden erklärte und auch zufrieden scheint. Dennoch wirkt es seltsam – als ob diese Wohnung mehr ein Gefängnis als ein Raum zur Selbstfindung wäre und die Frau von ihrem Mann hier festgehalten würde, denn die Frau verlässt die Wohnung nie.
"Es ist wahr, niemand hält mich hier fest, Meinmann ist
kein Wärter und ich keine Gefangene, die Tür ist nicht abgeschlossen (…)"
„Meinmann“ kommt fast täglich auf Besuch, versorgt sie mit Lebensmitteln. Sie haben auch weiterhin Sex miteinander, allerdings fehlt wirkliche Nähe. Im Laufe des Romans eröffnet sich dem/der Leser:in eine kühle, sachliche, wenn nicht sogar toxische Beziehung, an deren Verlauf beide Schuld tragen, soferne von Schuld gesprochen werden kann/muss.
Eingebettet in die äußere Handlung verfasst sie „Geschichten“. Ist das Schreiben der Eintönigkeit und der Langeweile geschuldet oder entspringt es dem tatsächlichen Wunsch der Frau – auch das erfährt man nicht. „Meinemmann“ gefällt, dass sie eine künstlerische Neigung hat und es wirkt durchaus so, als ob er sie dabei unterstützen wollte, erneut eine kluge und wortgewandte Frau zu werden, ihren Neigungen nachzugehen und wieder zu sich zu finden. Der Roman endet, indem die Ebene der Realität und der letzten Geschichte in gewisser Weise ineinander aufgehen und sie nach einem Wasserrohrbruch doch die Wohnung verlässt.
Die Empfindungen, Wahrnehmungen und Überlegungen der Frau und Rückblenden des bisherigen gemeinsamen Lebens werden in der Rahmenhandlung sichtbar gemacht. Anfangs ist die äußere Form des Versromans gewöhnungsbedürftig, da der Text nicht linksbündig, sondern teil eingerückt und ohne abschließende Satzzeichen gedruckt ist (womit auch die Ähnlichkeit zu Versen endet). Als Stilmittel zur Betonung eingesetzt, verliert es im Laufe des Lesens an Bedeutung, da man sich an die ungewohnte Schriftsetzung gewöhnt.
Die Frau lässt den/die Leser:in in der Ich-Form - teils mittels innerem Monolog- an ihren Gedanken teilhaben, wodurch zunehmend ihre Unsicherheit und Unselbstständigkeit erkennbar wird. Obwohl eine studierte Frau, hat sie scheinbar „nur“ als Hausfrau gearbeitet und sich dabei mehr und mehr den Regeln, die von „Meinemmann“ im Laufe der Beziehung aufgestellt wurden, gefügt und unterworfen.
Der Name ihres Mannes wird nie erwähnt, es ist „Meinmann“, womit die Dominanz des Mannes deutlich wird, der offensichtlich bereits die längste Zeit die Entscheidungen für die Familie trifft.
Die Frau ist bestrebt, die Wünsche und Vorstellungen von „Meinmann“ zu erfüllen; von ihren Bedürfnissen erfährt man wenig. Anfangs scheint es, als ob die Frau aufgrund der dominanten Präsenz von „Meinmann“ ihr Selbstwertgefühl im Laufe der Zeit verloren hätte. Kann man von Bevormundung sprechen, wenn auf der anderen Seite nur Entschlusslosigkeit oder Zurücknahme steht? Nach und nach wird ihre Passivität erkennbar, vieles wurde von der Frau hingenommen oder geschehen lassen. Sie bemerkt, dass sie keine eigene Meinung mehr hat, vieles, das sie früher gern gemacht hat, hat sie aufgegeben, wie es scheint, auch sich selbst. Sie wertet sich immer wieder ab; auch ihre Kinder haben sie schon überholt, wie sie selbst sagt. Sie lebt im ständigen Bewusstsein ihrer (vermeintlichen?) Makel und hat ständig Angst, Fehler zu begehen. Diese Unsicherheit wird durch das Weglassen von Satzzeichen am Ende eines Satzes noch unterstrichen – die flatternden Gedanken, die Entschlusslosigkeit, die so kennzeichnend für die Frau sind.
Die sieben Geschichten, wie andere Ebenen, die von einer „kleinen“ und/oder „schmutzigen“ Frau handeln, scheinen bis zu einem gewissen Grad die Befreiung bzw. Emanzipation der Frau darzustellen und möglicherweise auch autobiografische Züge zu tragen. Der Schmutz, der ständig an ihr zu haften scheint und von allen anderen wahrgenommen wird, aber nur durch äußerst heftiges und schmerzhaftes Reiben bis zum blutig Scheuern entfernt werden kann, scheint ein Synonym für ihr Gefühl von Makel, Versagen und auch innerer Leere zu sein.
Annette Pehnt, mit einigen Preisen ausgezeichnet und Leiterin des Literaturinstituts an der Universität Hildesheim, thematisiert in ihren Werken „Grenzen, die befragt, beschritten und überschritten werden.“ Auch im vorliegenden Roman geht es um Grenzen, die einengen, nicht hinterfragt und auch überschritten werden. Letztendlich nimmt sich die schmutzige Frau der Geschichten die Freiheit, einfach zu gehen und andere zurückzulassen.
So wie Annette Pehnt auch den/die Leser:in verwirrt zurücklässt. Das Verhalten der Protagonistin hinterlässt einen eigenartig unklaren und unbefriedigenden Nachgeschmack – bricht sie tatsächlich auf und damit möglicherweise auch aus?