„Diese junge Frau versucht als Schülerin, ihren nur wenige Jahre älteren Lehrer zu verführen. Er ist Ende Zwanzig. Und es gelingt ihr auch. … Wie eng und wie miefig dieses Deutschland Anfang der 1960er Jahre war, und wieviel noch von den Ressentiments und Vorurteilen aus der Nazizeit da war, das vermag Elfi Conrad mit ihrem Roman wirklich anschaulich zu erzählen. Und wissen Sie, Bücher sind ja auch eigentlich die einzig funktionierenden Zeitmaschinen, die wir haben. Mit diesem Roman kann man sich in die damalige Zeit einfühlen und das würdigen und preisen, was wir in den vergangenen sechzig Jahren erreicht haben.“
Anfang der 1960er Jahre: sexuelle Tabus, veraltete Frauenbilder, patriarchale Strukturen. Für die Erniedrigung, die sie jeden Tag erlebt, will sich die 17-jährige Dora rächen. Ihr Opfer ist der Musiklehrer, ihre Waffe ist ihre Weiblichkeit. Mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln möchte sie ihn verführen.
Der Verführer von Doras Mutter war Adolf Hitler. Als Geflüchtete aus Schlesien hängt sie ihrer Heimat und dem NS-Regime nach. Die Erzählungen der Mutter und die Folgen des Zweiten Weltkriegs prägen Doras Leben. Sechzig Jahre später schaut die Ich-Erzählerin auf ihre Jugend im Oberharz zurück, ordnet kritisch ein und verknüpft ihre Erinnerungen mit der Gegenwart.
Elfi Conrad, geboren 1944, wuchs im Harz auf, studierte Musik und Deutsch in Hamburg und lebt jetzt in Karlsruhe. Mit Leib und Seele lehrte sie dort an Schulen und an der Pädagogischen Hochschule. Daneben vertiefte sie sich in die Fächer Kognitionswissenschaft und Semiotik, in denen sie promovierte. Sie veröffentlichte bisher „Gedächtnis und Wissensrepräsentation“ (Olms-Verlag) und mehrere Romane unter ihrem Pseudonym Phil Mira.
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Gelungenes Zeitzeugnis
MarieOn am 11.12.2024
Bewertungsnummer: 2361686
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Die achtzigjährige Frau blickt zurück in das Jahr 1962, als sie siebzehn war. Dora ging auf das Gymnasium, das befürwortete vor allem die Mutti. Sie war selbst auf ein Jungengymnasium gegangen, die einzige höhere Schule im Ort. Doras Traum von einem Studium wird vehement gestört, denn zu ihrer Zeit hatten die Mädchen gut auszusehen, um sich einen Mann zu angeln. Kochen mussten sie können, den Haushalt organisieren, die Kinder hüten und dem Mann gefällig sein, wenn der allabendlich aus dem Ernst des Lebens heimkehrte.
Dora stört sich massiv an den verstockten Lehrern, die Jungen bevorzugen und vorlauten Mädchen schlechte Noten geben. Jeden Tag drohen Demütigungen. Nach der Schule räumt sie auf, putzt, kauft ein, kümmert sich um ihre kleine Schwester und massiert der Mutti den Rücken, weil die mit ihrem Rheuma kaum das Bett verlässt. Die Mutti kramt dann in ihren Erinnerungen und lässt die Tochter unfreiwillig daran teilhaben. Der Vati, der mindestens einmal am Tag die Mutti unter sich wissen will und die klebrigen Taschentücher, die diese findet, wenn sie sich ihm entzieht. Der Vati führt noch das Konto allein und dürfte bestimmen, ob die Mutti arbeiten geht, wenn sie denn könnte. Bis 1997 darf der Vati die Mutti sogar schlagen, ohne dass sich jemand daran stören würde, wenn er das täte.
Dora hat das intensive Gefühl revoltieren zu müssen. Aufbegehren gegen diese Welt der Männer. Sie fasst ihren Musiklehrer ins Auge. Der trägt die glatten Haare schulterlang. Seine Kleidung ist lässig, die Lederjacke steht ihm gut zu den Stiefeln. Ihn zu besitzen wird ihr geschundenes Gemüt abkühlen.
Fazit: Elfi Conrad ist ein rasantes Zeitzeugnis gelungen. Wertfrei erzählt sie aus ihrer Zeit als junge Frau. Mädchen und Frauen werden von allen Seiten unterdrückt, durch Väter, Mütter, Lehrer und Medien. Dank Sophia Loren, Brigit Bardot und Gina Lolobrigida werden Frauen darauf gedrillt, ihre Weiblichkeit nach allen Regeln der Kunst zur Schau zu stellen und sich schmackhaft unterzuordnen. Die Bestimmung ist geheiratet zu werden. Der Unterricht ist geprägt durch Kriege, Schlachten und männliche Eroberungen. Männer insgesamt sind in ihrem Auftreten gedrillt, humorlos und frei von Mitgefühl. Es ist die Zeit nach den verlorenen Kriegen. Die Protagonistin entdeckt ihre Lust, über die Anpassung an das Elternhaus hinaus, Befreiung zu erleben. Dora leidet unter der emotionalen Ausbeutung einer zutiefst unglücklichen Mutter und dem emotionslosen Vater. Interessant an dieser (autofiktionalen?) Geschichte ist, dass die Autorin stets aus der Sicht einer heutigen emanzipierten Frau, das damalige Verhalten und die gesellschaftlichen Gegebenheiten hinterfragt. Ein solider Rückblick, frei von Pathos, der mir geholfen hat, meine eigene Mutter besser zu verstehen.
Von Denis Scheck in „druckfrisch“ enthusiastisch besprochen und empfohlen
Bewertung aus Renchen am 17.04.2024
Bewertungsnummer: 2179983
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Dieser Roman von Elfi Conrad ist inzwischen ein Bestseller! Er ist NDR Buch des Monats geworden, auf der SWR-Bestenliste und wurde von Insa Wilke und anderen bekannten Rezensent*innen durchweg begeistert aufgenommen. Und ich muss sagen: zu Recht:
Was für ein Wurf!
Ich bin hin und weg von diesem Roman. Er ist tiefsinnig, weitgreifend, poetisch und gleichzeitig scharfkantig. Dazu noch voller Humor!
Die Geschichte ist sehr gut im Klappentext zusammengefasst, die muss ich hier nicht wiederholen. Dass sich der Erzählstrang der Verführung des Musiklehrers anders als vermutet entwickelt, will ich hier nicht verraten. Das ist eine der Qualitäten des Romans.
Eine weitere Qualität ist die Erzählhaltung, sie ist wirklich bestechend! Dieser aufgefächerte Blick der Ich-Erzählerin: einerseits der raffinierte unbekümmerte der 17jährigen, andererseits der kritische emanzipierte der fast 80jhrigen.
Das gilt besonders für die patriarchalen Strukturen in Schule und Gesellschaft, mit denen das Mädchen kämpft und denen sie sich doch teilweise beugt. Zum Beispiel, indem sie das manierierte Getue der Sexikonen Anfang der 1960er nachahmt und damit die Verführung einleitet. Erhellend auch, wie diese Künstlichkeit mit der heutigen verglichen wird, die weiterhin von Profitgier beherrscht wird und die für die heutigen Jugendlichen noch viel krassere Zustände und Vorbilder bereithält: Modelshows, plastische Operationen, Pornos.
Interessant und teilweise erschreckend bzw. traurig die Erzählungen und Ereignisse rund um die Mutter des Mädchens, die als Geflüchtete der NS-Zeit nachhängt, obwohl sie weiß, dass das Regime verbrecherisch war und sie nur sein Spielball.
Schließlich gibt die Rahmenerzählung erfrischende Einblicke in das Leben einer 80jährigen, deren Begehren sich kaum von dem einer 17jährigen unterscheidet, und damit mit einigen Vorurteilen aufräumt.
Und diese Sprache! Sie hat einen ganz eigenen Klang und Rhythmus, nicht nur in den eingestreuten Gedichten. Man kann sich darin verlieren!
Sehr schön auch, dass sich der Verlag mikrotext, dessen Roman "Unser Deutschlandmärchen" den Belletristikpreis der Leipziger Buchmesse gewonnen hat, sich dieses Textes angenommen hat.
Große Leseempfehlung für Menschen zwischen 18 und 100 und darüber hinaus!