Ein heisser Sommer im Prag der Fünfzigerjahre: Jana Honzlová, eine junge Sängerin in einem Folklore-Ensemble, darf nicht mit auf Tournee gehen, denn seit ihr Vater ins kapitalistische Ausland geflüchtet ist, gilt sie im kommunistischen System als politisch unzuverlässig. Stattdessen soll sie im Betriebsbüro die Stellung halten, wo sie ihr Leid mit der freundlichen Putzfrau teilt und heimlich internen Intrigen nachforscht. Aber auch ihre komplizierte Familiensituation hält die Ich-Erzählerin in Atem, die alles, was ihr widerfährt, mit Unverblümtheit und Strassenwitz schildert. Denn Jana Honzlová ist eine, die nicht so schnell aufgibt und sich ihre Chuzpe bewahrt. Umso erschütternder ist es für sie, als die Verhältnisse am Ende doch mächtiger erscheinen.
Salivarová, die viele eigene Erfahrungen in den Roman einfliessen liess, erzählt gewissermassen die Vorgeschichte des Prager Frühlings; dabei verzichtet sie auf Klischees oder Moralpredigten. Ihr gelingt das authentische Porträt einer vergangenen Zeit, das mit Leichtigkeit und Witz vorgetragen wird, ohne die Tragik und Absurdität auf die leichte Schulter zu nehmen. „Ein Sommer in Prag“ (im Original: „Honzlová“) erschien erstmals 1972 im kanadischen Exil und gehört für viele Kritiker*innen zum Besten, was in der tschechischen Literatur der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts geschrieben wurde. Nun liegt endlich die deutsche Erstausgabe vor.
Kundinnen und Kunden meinen
5.0/5.0
Bewertung
aus Quickborn
5/5
05.07.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
„Warum können wir den Film nicht noch einmal zurückspulen.“
Die Autorin Zdena Salivarová kam 1933 in Prag zur Welt, nach der Niederschlagung des „Prager Frühlings“ emigrierte sie 1969 aus der besetzten ČSSR, gemeinsam mit ihrem Ehemann Josef Škvorecký lebte und arbeitet sie in ihrer Wahlheimat Kanada. 2025 ist sie verstorben, zwei Jahre nach ihrem Ehemann, mit dem sie im eigenen Exilverlag ´68 Publishers über 200 Bücher veröffentlichte, darunter auch diesen wunderbaren, autofiktionalen Roman unter dem Originaltitel „Honzlová, Protestsong“.
Ähnlich wie die Autorin ist Jana Honzlová, die Ich-Erzählerin des Romans, Sängerin, ob ihre Lebensverhältnisse tatsächlich auch so prekär waren, wie es der Roman schildert, weiß ich nicht. Aber alles, was sie über ihre Familie, über die Arbeitsbedingungen, über die Wohnung und die Menschen schreibt, liest sich wahrhaftig. Jana Honzlová ist bei der Vereinigung Sedmikrása, die sich dem Volksliedgut verschrieben hat, angestellt, sie singt im Chor, ist ansonsten das Mädchen für alles und hofft, einmal eine Solosängerin zu werden. Aber alle Hoffnungen verwehen im Wind der Bespitzelung und Missgunst und enden in purer Verzweiflung. Es ist ein Sommer Mitte der 1950er Jahre, vielleicht 1954, da wäre die Autorin 21 Jahre alt, die Protagonistin Jana ist es auch. Und ich wurde in diesem Jahr geboren. So ist es kein Wunder, dass meine ersten Erinnerungen an Ereignisse in der Tschechoslowakei erst um 1967/1968 beginnen. Noch vor der Wende war ich zweimal, dreimal in Prag und in Karlsbad, aber die politischen Verhältnisse bleiben Touristen meist verborgen, insbesondere, wenn es um die damals alles beherrschende und bespitzelnde Staatssicherheit (StB) ging. Durch umfangreiche Recherchearbeiten habe ich über die DDR-Staatssicherheit und ihre Tätigkeit in der DDR einen recht guten Überblick erhalten, dass in der CSSR die Bevölkerung genauso behandelt wurde, darüber habe ich nur wenig gelesen. Umso mehr berührt mich das Schicksal der Jana Honzlová, die auch wegen ihrer bereits inhaftierten Brüder und ihres geflüchteten Vaters massiv bespitzelt wird. Dass sich aus Denunziationen dann Entscheidungen ableiten, die ihr ganzen Leben beeinflussen werden, erkennt sie Stück für Stück.
Sie erhält keine Reiseerlaubnis für eine Tournee nach Finnland und verbleibt in den Büros von Sedmikrása, hütet das Telefon und die Putzfrau Pelikánová. Als diese unvermittelt bei Janas Besuch verstirbt, schickt man ihr eine weitere, die sie bespitzeln und verleumden wird. Jana verliert die einzige Vertraute und das Unglück nimmt seinen Lauf.
Doch dann fasst Jana sich ein Herz und marschiert mitten hinein ins Verderben, sie will im Innenministerium erfahren, warum ihr die Reise nach Helsinki verweigert wurde. Nun ist sie in den Fänger der Spitzel, allen voran „Blaubart“, und die lassen nicht mehr locker. Es ist der einzige Teil des Romans, den ich für märchenhaft (abgesehen von Hugos Märchen über Gut und Böse) halte, ich kann mir nicht vorstellen, dass diese kluge Jana so unsagbar naiv gewesen ist.
Parallel zu ihren Querelen mit der neuen Putzfrau Fantová senior hat sie zu Hause jede Menge Ärger und Verdruss, mit den beiden Schwestern, mit der hilflosen Mutter. Nur der elfjährige Hugo ist aller Augenstern, ein liebes, intelligentes Bürschen mit dem Hang zu Eisenkunst. Auf der Pawlatsche (ich kannte den Ausdruck gar nicht, eine Art Balkon, Veranda oder Umlauf im Hof) stapelt er seine Fundstücke und bastelt für jeden erdenklichen Zweck. Hugi, wie er liebevoll gerufen wird, nimmt sich auch der Katze und der fünf Katzenbabys der verstorbenen Putzfrau Pelikánová an, kümmert sich um sie und geht ab und zu mit Jana auf die Pirsch, ins Kino, zur Kirche, zum Baden.
Salivarová erzählt das alles in einer sehr alltäglichen Sprache, jeder Protagonist hat seine Eigenheiten, manche erkennt man sofort am Gang, manche am Geruch oder Hundebellen. Wie Klatsch und Tratsch, Erpressung und Beförderung zu Denunziation und Verrat führen, lässt einem das Blut in den Adern gefrieren. Das Endlosgerede der Fantová senior ist der gnadenlose Höhepunkt, den Jana immer schwerer erträgt. Dieser Roman liest sich aber auch wie das Tagebuch eines jungen Mädchens, mit Rückblicken auf verflossene Liebhaber und Lieben, auf Kindheitserlebnisse und Tränen im Übermaß, auf lange Fußmärsche durch ihre geliebte Heimatstadt Prag. Mir ist diese Jana, die vor rund 70 Jahren um ihre Zukunft kämpfte, sich in unsagbaren Zwickmühlen befand und schreckliche Verluste erlitt, sehr ans Herz gewachsen. Das halboffene Ende liegt mir immer noch schwer auf der Seele.
Das Cover zeigt wahrscheinlich die Autorin mit Anfang 20, der freundliche, offene Blick in die Kamera und der Titel EIN SOMMER IN PRAG ziehen sofort den Blick an, das Softcover liegt angenehm in der Hand, die Fadenheftung lässt das Buch auch nach intensivem Gebrauch fast unberührt aussehen. Und ich liebe das Lesebändchen! Leider ist die Grundschrift für mich recht klein geraten, aber mit Extralesebrille gelang es mir, das Buch in drei Tagen auszulesen. Das Nachwort des Literaturwissenschaftlers Michael Špirit sollte der Leser keinesfalls überspringen, es erklärt einige Details, auch die langen Wege durch die Stadt. Die Übersetzung von Sofia Marzolff ist aus meiner Sicht gut gelungen, ihre Erklärungen im Anhang leuchten ein. Mir fehlte aber ein kleines Glossar und eine Lesehilfe für die Aussprache der insbesondere der Namen der Protagonisten. Im Tschechischen werden sehr vielen Akzente verwendet, deren Aussprache mir nicht bekannt ist.
Fazit: Dieser Roman ist ein echtes Highlight und mein Lesesommer 2026 wird mir wegen Jana Honzlová und Hugi unvergessen bleiben.
Diese Rezension gibt meine eigene Meinung wieder und wurde nicht mit Hilfe von KI erstellt.
Johanna
aus München
5/5
30.11.2024
Buch (Gebundene Ausgabe)
Zum Lachen und zum Weinen - eine Geschichte aus dem realen Sozialismus
Auch im Winter zu lesen. Zum Lachen und zum Weinen.
Über Bösartigkeit, Hinterlist, Mut, Witz, Vertrauen, Liebe und Lebensfreude. Und die sieben Todsünden kommen auch vor. Mitreißend und geradlinig erzählt. Leicht zu lesen.
Eine Geschichte aus dem realen Sozialismus im Prag der 50er Jahre. Die junge Ich-Erzählerin Jana Honzlová kommt aus einer armen Familie, die böse Erfahrungen mit dem tschechoslowakischen Staat gemacht hat. Mehr als Kartoffeln mit Milch gibt’s oft nicht. Zwei Brüder sind in Arbeitslagern interniert. Der Vater ist nach Übersee geflohen. Mutter, Bruder und Schwester müssen von dem bisschen Geld leben, das Jana nach Hause bringt. Sie hat nach dem Abitur eine Stelle in einem folkoristischen Sing- und Tanzensemble gefunden. Einmal durfte sie mit ins Ausland, nach Frankreich. Für die Reise nach Finnland hat man ihr nun keine Ausreiseerlaubnis mehr erteilt. Sie soll derweil im leeren Prager Büro die Stellung halten und Telefondienst machen. Glücklicherweise bringt ein Versehen des Direktors erstes Licht ins Dunkel der Behördenwillkür. Jana erfährt aus den Kaderakten, die im Safe des Direktors lagern (er hat die Zahlenkombination am Schlüsselbund hängen lassen), was für ein Mensch sie laut den Denunzianten in ihrem Kollegium ist:
„J. Honzlová ist eine leichtfertige, durchtriebene Person, […] kennt keine Skrupel … lebt in einem moralischen Sumpf … hat in unserem Kollektiv nichts zu suchen …“ Die Mutter schimpfe öffentlich „auf unsere sozialistische, demokratische Ordnung. Das zumindest kann Jana nachvollziehen, da ihre Mutter öfter mal den VEB Obst und Gemüse kritisiert hat, „weil es da nie Zwiebeln gab“.
Jana möchte aber genauer wissen, warum sie die begehrte Erlaubnis, ins kapitalistische Ausland zu fahren, nicht bekommen hat, da sie doch für ihren Einsatz in Frankreich zumindest mündlich belobigt worden ist. Sie begibt sich also ins Kultusministerium und setzt damit eine ganz Kette von Behörden- und Spitzel-Aktivitäten in Gang. In ihrer Verzweiflung will sie sich sogar taufen lassen, um Trost zu finden. Der auserwählte Pfarrer ist der ehemalige Bewerber um ihre Gunst…
Obwohl das alles deprimierend klingt und die Geschichte auch tragisch endet, ist das kein trauriges Buch. Die liebenswerte Erzählerin berichtet von sich und ihrem Leben, ihren falschen Entscheidungen und ihrer Umgebung mit viel schnoddrigem Witz, oft umgangssprachlich. Exzellent ins Deutsche übersetzt von Sophia Marzolff.
Besonders beeindruckend: das haarsträubende Verhör im Innenministerium, bei dem man ihr einen Mord anhängen will, um sie zur informellen Mitarbeit zu zwingen. Das Märchen am Ende hätte ich nicht gebraucht. Ein Quäntchen zu viel Rührseligkeit für meinen Geschmack.
Zdena Salivarová hat in ihren eindrucksvollen Roman viele autobiographische Elemente eingebaut, wie aus dem Nachwort zu entnehmen ist. Sie gründete im Exil in Toronto einen Verlag und veröffentlichte den Roman dort im Jahr 1972. Das Buch stand 2024 auf der Hotlist der unabhängigen Verlage.