Ein Königreich für eine Schnecke
Roman | Ein verspielter, mitreißender, humoristischer Roman, der sich der schwierigen Frage stellt, wie Literatur den Schrecken der Gegenwart begegnen kann
Unwillige Katalogbräute, unwissende Junggesellen und ein seltener Schneckenkönig – der Angriffskrieg der Russen auf die Ukraine 2022 macht aus diesen Figuren und ihrer Autorin eine skurrile Schicksalsgemeinschaft
Ukraine, 2022. Jewa ist eine Schneckenforscherin, die aussterbende Arten – sogenannte Endlinge – in einem mobilen Labor retten will. Die immer erfolglosere Arbeit finanziert sie mit ihrer Schönheit. Als „Braut“ einer Heiratsagentur unterhält sie westliche Männer auf der Suche nach einer fügsamen Frau fürs Leben. So lernt sie die Schwestern Nastia und Sol kennen, die das aktivistische Werk ihrer vermissten Mutter fortsetzen wollen. Ihr Plan: Heiratstouristen in Jewas Transporter kidnappen und aufmerksamkeitsträchtig im Wald aussetzen. Bald geht's los: drei wütende Frauen, dreizehn ahnungslose Junggesellen und Lefty, eine linksgewundene Schnecke, das letzte Exemplar ihrer Art – doch dann überfallen die Russen das Land ... Und der Roman nimmt eine ungeahnte Wendung. Oder zwei. Denn wenn die Wirklichkeit in die Fiktion einfällt, wird es wild und scharzhumorig.
›Ein Königreich für eine Schnecke‹ ist ein meisterhaftes Debüt über Liebe und Verlust, über Zerstörung in vielen Facetten und die rettende Kraft des Humors.
Ausgezeichnet mit dem Atwood Gibson Writers' Trust Fiction Prize 2025 und nominiert für den Booker Prize 2025
»Dieses Buch ist witzig und intelligent, voller naturwissenschaftlicher Fakten zu Schnecken, Sehnsucht und Abenteuer, und erinnert uns gleichzeitig immer daran, was die Welt zu verlieren hat, und was schon verloren ist.« Ann Patchett
»Originell und eindringlich. Die Erinnerung daran, dass die Figuren fiktiv sind, führt uns effektiv vor Augen, wie real Schrecken und Gewalt des Krieges sind.« The Sunday Times
Kundinnen und Kunden meinen
4.3/5.0
Eternal-Hope
aus Österreich
5/5
18.07.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Genreübergreifendes Meisterwerk zu Krieg, Schnecken, Heiratsindustrie und Autorinnensein
Die ukrainische-kanadische Autorin war gerade dabei, ein Buch über den Heiratstourismus hoffnungsvoller Junggesellen aus westlichen Ländern in die Ukraine zu schreiben, als im Februar 2022, nach einigen Vorboten im Jahrzehnt davor und dennoch unerwartet und schockierend, Russland die Ukraine überfiel und in einen seitdem bestehenden Krieg verwickelte.
Was macht man als Autorin in so einem Fall?
Einfach weiterschreiben, als ob nichts geschehen wäre? Unmöglich!
Das bestehende Romanvorhaben aufgeben? Das wäre doch schade gewesen.
Stattdessen ist der begabten und für die Longlist des Man Booker Prize 2025 nominierten Autorin ein ganz besonderes Kunststück gelungen: ihr bestehendes Romanfragment um die in die Gegenwart einbrechenden Ereignisse zu erweitern und daraus ein überzeugendes, genial konstruiertes, genreübergreifendes Meisterwerk aus beklemmender, tiefschwarzer Gesellschaftssatire mit naturwissenschaftlichen Einsprengseln zum Artensterben am Beispiel der Schnecke, kombiniert mit der Vermittlung von Wissen über die aktuelle Situation der Ukraine und als Sahnehäubchen einer intensiven Selbstreflexion des Schaffensprozesses als Autorin, zu erschaffen, das literarisch auf hohem Niveau und gleichzeitig äußerst unterhaltsam und damit zugänglich geschrieben ist.
Mit diesem Werk hat die Autorin etwas ganz Neues geschaffen, das ich auf diese Art noch nicht gelesen habe und meine Perspektiven auf die Ukraine, aber auch auf Schnecken, den internationalen kommerziellen Heiratsmarkt und auf die Art, wie eine Autorin in Kontakt mit ihren Themen und mit sich selbst geht, in vielfacher Weise erweitert hat.
Was lesen wir, wenn wir dieses Buch lesen?
Zuerst einmal einen scheinbar "normalen", schwarzhumoristisch geschriebenen und detailliert betrachteten, unterhaltsamen ersten Teil über Männer aus westlich geprägten Ländern, die in ihren Heimatländern nicht viel Erfolg mit der Suche nach einer Partnerin hatten und denen die angeblich so perfekten ukrainischen Frauen von den jeweiligen Agenturen in den schillerndsten Tönen gezeichnet wurden:
„Sehen Sie her! schrien die Internetseiten. Bestaunen Sie das Phänomen der ukrainischen Frau! Gut gepflegt, mit den Beinen einer Antilope und den Augen einer Katze. Das Haar der ukrainischen Frau ist lang und ihr Körper ist schlank, aber sie hat einen Masterabschluss und beherrscht mehrere Musikinstrumente! Ein ehemaliger US-Präsident und Eigner des Miss-Universe-Wettbewerbs bestätigte, die Ukraine sei unter den Teilnehmerinnen stets gut vertreten.“ (S. 77)
Dabei werden die Junggesellen durchaus differenziert dargestellt und es gibt auch den einen oder anderen Sympathieträger unter ihnen, etwa Pascha, in Kanada lebend und selbst mit ukrainischen Wurzeln und auf der Suche nach der großen Liebe:
„Auf seinem Bildschirm lockten die Sirenen mit ihrem wallenden Haar und ihren meerblauen Augen. Natürlich war er nicht dumm. Er wusste, dass nicht alle Frauen in seinem Heimatland so aussahen. Aber was konnte es schon schaden, sich die Website anzusehen?“ (S. 139)
Vor allem aber lernen wir die Frauen kennen, die dort eine Rolle vorspielen, aber gar nicht diesem Klischee entsprechen und bei denen es sich um sehr intelligente, unabhängige und selbstbewusste Frauen handelt, die teilweise sehr mit sich kämpfen müssen, um sich zu verstellen:
„Das Problematische war ihr Gesicht. Nicht sein Aussehen an sich – mit dem richtigen Make-up hatte Nastja nie Schwierigkeiten, bei den Touren angenommen zu werden -, sondern wozu es in der Lage war. Obwohl sie sich intensiv mit dem warmherzigen Gemüt der ukrainischen Frau auseinandergesetzt hatte, das diese Junggesellen erwarteten, fiel es ihr schwer, diese Erwartungen zu erfüllen.“ (S. 69)
Eine davon ist Schneckenforscherin Jewa. Eigentlich asexuell und nicht wirklich interessiert an einer Beziehung, verdient sie sich mit den Hoffnungen der Junggesellen das Geld, das ihre naturwissenschaftliche Berufung nicht abwirft. In Wirklichkeit schlägt ihr Herz nur für ein Thema: möglichst viele Schneckenarten vor dem Aussterben zu bewahren. Wenn das letzte Exemplar einer Spezies stirbt, dann wird das wie folgt vermerkt: „Ein Zeitstempel. Genauer gesagt, ein Todeszeitstempel. Der Moment, in dem eine Art für immer verschwand.“ (S. 31)
Dieses "Buch im Buch" endet mitten im Buch abrupt. Mit Abschluss und Danksagung. So, wie der bisherige Alltag der Ukrainerinnen und Ukrainer im Februar 2022 für immer endete, plötzlich und schockierend.
Dann ist auf einmal alles anders, außer erst einmal die Realität der Junggesellen in deren Köpfen, denn da kommt es zu Täuschungen und Verwirrspielen, auf die sich die wohlstandsverwöhnten Männer, die nicht mit einem plötzlichen Krieg rechnen, nur allzu bereit einlassen und lieber an "den Weihnachtsmann", also einen landesweit stattfindenden Pyrotechnikwettbewerb glauben wollen, der die plötzlichen Explosionen erkläre, als an einen tatsächlichen Krieg, weil nicht sein kann, was nicht sein darf:
„Heute sei ein besonderer Tag, hatte die sanfte Frauenstimme den Junggesellen über die Lautsprecheranlage des Wohnmobils mitgeteilt. Jedes Jahr finde in der Ukraine ein landesweiter Pyrotechnik-Wettbewerb statt. Das hätten die Männer drei Stunden nach Beginn ihrer Reise zu hören bekommen – die Feuerwerker versuchten sich gegenseitig zu übertrumpfen; landauf, landab verlobten sich Liebende unter dem funkelnden Firmament. Was könnte romantischer sein?“ (S. 220)
Ab da entwickelt sich die Handlung rasant weiter, doch Details verrate ich natürlich keine, um nicht zu spoilern. Sehr gefallen haben mir aber auch die eingeschobenen kurzen Zwischenkapitel der Autorin zu ihrem Schreibprozess und zur Beantragung von Förderungen dafür in ihrem kanadischen Heimatland, die oft die Absurdität des Autorinnendaseins in Verbindung mit einem Land, in dem Krieg herrscht, so deutlich aufzeigen, hierzu noch eine Stelle:
„Schildern Sie im Detail, wie Sie durch die Einhaltung der Covid-19-Sicherheitsvorschriften sichere Arbeitsbedingungen für sich selbst und andere gewährleisten werden:
Zum gegenwärtigen Zeitpunkt ziehen sich die russischen Truppen aus Kyjiw zurück, um ihren Angriff auf die Donbass-Region im Osten zu konzentrieren, wodurch der Zugang zu Covid-19-Testkliniken, soweit es sie noch gibt, wieder möglich wird. (…) Sollte ich mich während eines Luftangriffs mit nicht meinem Haushalt angehörenden Personen zusammen in einem Schutzraum befinden, werde ich den angemessenen Abstand von anderhalb Metern einhalten und die Menschen in meiner Umgebung aktiv dabei unterstützen, dies ebenfalls zu tun; für ein wenig Aufklärung über öffentliche Gesundheit ist kein Moment unpassend.“ (S. 187/188)
Aus diesem Buch habe ich außergewöhnlich viel zitiert, weil es mir wichtig war, Interessierten einen Einblick in die Schreibweise und Themenvielfalt dieses ganz besonderen Werkes zu geben.
Insgesamt kann ich sagen, dass es definitiv eines meiner Jahreshighlights und ein ganz besonderes Buch war, das nicht nur mit seinen Themen, sondern mit der außergewöhnlichen Art und Weise, wie es sich diesen annähert, bei mir intellektuell und emotional noch lange nachhallen wird und das ich allen für neue Schreibweisen offen eingestellten Menschen, die sich für das aktuelle Weltgeschehen interessieren und gerne tolle Literatur dazu lesen, absolut empfehlen kann!
Maria Revas "Ein Königreich für eine Schnecke" hat mich aus zwei Gründen angesprochen: Zum einen habe ich mich sofort in den Titel verliebt, zum anderen fand ich die Inhaltsangabe toll. Was mich besonders freut: Ich wurde nicht enttäuscht, auch wenn der Roman teilweise ganz anders war, als ich erwartet hatte.
Worum geht es denn nun? Jewa, eine Schneckenforscherin, hat es sich zur Aufgabe gemacht, vom Aussterben bedrohte Schneckenarten in ihrem mobilen Labor zu retten. Unter anderem finanziert sie ihre Arbeit, indem sie für eine Heiratsagentur heiratswilligen westlichen Männern vorgaukelt, sie habe Interesse an ihnen. Auf diesem Weg lernt sie Nastja und Sol kennen. Diese wollen einige der Männer entführen, um sie irgendwo auszusetzen und ein aktivistisches Video zu verbreiten, das die Arbeit der Heiratsagenturen an den Pranger stellen soll. Doch dann greift Russland die Ukraine an und die Pläne ändern sich schlagartig.
Das alles klingt witzig und tatsächlich musste ich immer wieder schmunzeln und vereinzelt laut auflachen. Aber Maria Reva hat mehr als eine Komödie geschrieben. Tatsächlich vereint ihr Roman so viele Dinge, dass es mir unmöglich ist, sie allesamt adäquat in dieser Rezension aufzuführen. Aber stark zusammengefasst ist "Ein Königreich für eine Schnecke" sowohl eine Liebeserklärung an die Ukrainer*innen und ihren Überlebenswillen als auch an das Leben an sich, an die Freundschaft, die Liebe, die Absurditäten des Lebens, die Familie. Der Roman ist auch eine Erinnerung daran, wie wichtig Ziele sein können - egal, welcher Art: ob es sich nun um die Rettung von Schnecken handelt oder das Auffinden einer verschwundenen Mutter, ob es das Finden einer Ehefrau ist oder die Rettung des Großvaters aus Cherson.
Maria Reva gelingt das Kunststück, ein zugleich zugängliches als auch sperriges Werk zu schaffen. Der Roman funktioniert die meiste Zeit ziemlich konventionell. Sperriger wird der Roman an drei oder vier Stellen; dort bricht Maria Reva ihre Erzählstruktur: So wendet sie sich unter anderem direkt an ihre Leser*innen. Erst stellte sich mir die Frage, was das soll. Persönlich wären mir die Einschübe als Nachwort lieber gewesen. Aber wer liest schon Nachwörter? Insofern kann ich die Einschübe nachvollziehen, zumal sie - und dafür liebe ich sie dann doch - uns "Westlern" unsere Erwartungshaltung in Bezug darauf, wie Ukrainer*innen zum Beispiel in Meinungsbeiträgen über den russischen Angriff zu berichten haben, unter die Nase reibt. Der zugänglich erzählte Roman überwiegt aber.
Es gibt absurde Szenen, skurrile Charaktere und Situationen, die zum Lachen oder Schmunzeln einladen, doch scheint immer wieder eine Ernsthaftigkeit durch, die uns Leser*innen klar macht, dass dieser Roman nicht einfach nur unterhalten will, sondern ein Leben, eine Wirklichkeit abbildet, die es ganz real gibt. Das Leben - weder in der Ukraine noch irgendwo sonst - ist kein Witz: die wirtschaftlichen Zwänge zum Beispiel, die überhaupt dazu führen, dass die Heiratsagenturen florieren, werden zwar nicht in den Mittelpunkt gestellt, aber doch deutlich genug thematisiert, um den Leser*innen die Wirklichkeit nahe zu bringen. Solche kleinen Wirklichkeitsfragmente gibt es immer wieder.
Tja, und dann bricht der Krieg aus. Und spätestens hier wird klar, dass Maria Reva eine verdammt gute Schriftstellerin ist: Denn sie schafft es ganz wunderbar, weiterhin die humorvolle Komponente beizubehalten und trotzdem die fast beiläufig ausgeführten Grausamkeiten der russischen Soldaten einzuarbeiten. Der Ton des Romans kippt nicht, sondern fängt vielmehr ein, dass man zwar einerseits seinen Humor behält, andererseits aber selbstverständlich Angst um die Familie hat, Angst um das eigene Leben, Angst vor dem Krieg und Angst vor dem Tod.
Der scheinbare Widerspruch von Humor und grausamer Wirklichkeit wird den Leser*innen in "Ein Königreich für eine Schnecke" wieder und wieder vor Augen geführt. Er existiert - nicht nur in Büchern oder Filmen, sondern ganz real. Dass Maria Reva diesen Widerspruch nicht auflöst, dass sie ihn genau so in ihrem Roman aufnimmt, das ist seine große Stärke. Und diesen Widerspruch muss man aushalten; wenn man das kann, dann entfaltet der Roman eine emotionale Verbindung zu den Protagonist*innen des Romans und eine emotionale Wucht, die lange nachhallt.