Die vorliegende Studie deckt die Paradoxien und Widersprüche der Aufklärung bei Bernardin de Saint-Pierre unter dem Blickwinkel der postkolonialen Theorie auf. Ausgehend von einer Analyse seiner Erzählung mit dem Titel "Voyage à l'île de France" beleuchtet sie die Schattenseiten der Aufklärung, wie sie im Werk dieses Schriftstellers der "Aufklärung" erkennbar sind. Das 18. Jahrhundert ist in der Tat geprägt vom Erwachen des philosophischen Geistes, dessen grundlegendes Ziel der Kampf für die universelle Förderung der Menschenrechte und Freiheiten ist. Aber hält dieses Ideal auch stand, wenn man es auf den Reisebericht von Bernardin de Saint-Pierre anwendet? Letzterer, der zwar von vielen Analytikern aufgrund seines Antisklavismus und Antikolonialismus als grosser Vertreter seiner Zeit angesehen wird, zeichnet sich in "Voyage à l'île de France" durch seine karikaturistische Darstellung der Schwarzen, sein Lob der Sklaverei, seine Hymne zugunsten des Kolonialismus und seinen Eurozentrismus aus. Dank der postkolonialen Analyse wird die diesem Philosophen zugeschriebene universelle Menschenliebe somit widerlegt: Sein Humanismus hat die europäischen Grenzen nie wirklich überschritten und muss daher relativiert werden.
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