Meine letzte RezensionFleur de Lavande (Band 2) - Wie du strahlstvon Gabriella Santos de Lima
Gabriella Santos de Lima schreibt Bücher wie kaum jemand anderes. Zum einen wegen ihres wunderschönen, poetischen Schreibstils, aber vor allem wegen der Themen, die sie anspricht. Ihre Geschichten sind nie einfach nur Liebesgeschichten. Oft denkt man zuerst, sie würden in eine klassische Richtung entwickeln, und dann überrascht sie einen mit einer viel realistischeren, ehrlicheren Perspektive. Genau das hat dieses Buch für mich so besonders gemacht.
Die Protagonistin fand ich unglaublich authentisch geschrieben. Vor allem ihr innerer Konflikt zwischen dem Wissen, dass ihre Überzeugungen richtig sind, und dem Gefühl, trotzdem immer wieder von den eigenen Gedanken verraten zu werden, wurde sehr treffend gezeigt.
Auch die ganze Social-Media-Thematik fand ich extrem gelungen. Dieses endlose Doomscrolling, die Ablenkung, die Betäubung und das ständige Konsumieren von Inhalten, die einem eigentlich gar nicht guttun, fühlten sich beim Lesen unangenehm vertraut an. Besonders gelungen fand ich, wie das Bedürfnis beschrieben wurde, einfach nur gewollt zu werden, Bestätigung über männliche Aufmerksamkeit zu suchen und gleichzeitig das Gefühl zu haben, dass der eigene Körper nie genug ist und gerade deshalb das Einzige zu sein scheint, was Männer an einem wollen. Gabriella Santos de Lima hat viele dieser Gefühle und Gedanken sehr präzise auf den Punkt gebracht.
Positiv aufgefallen ist mir ausserdem, wie multidimensional die Charaktere geschrieben waren. Niemand wirkte einfach nur gut oder schlecht, richtig oder falsch. Alle Figuren hatten ihre eigenen Macken, Unsicherheiten und Widersprüche. Dazu kamen noch das wunderschöne Setting an der Côte d’Azur sowie die besondere Atmosphäre rund um Fleur de Lavande, das Marketing und die Fotografie.
Mein einziger wirklicher Kritikpunkt hängt ehrlich gesagt eher mit meinen eigenen Erwartungen zusammen als mit dem Buch selbst. Kleine Spoiler voraus:
Ich war lange überzeugt, dass die Geschichte in eine ähnliche Richtung gehen würde wie ein anderes Buch der Autorin und dass die beiden am Ende vielleicht gar nicht zusammenkommen. Ich dachte, der Twist wäre, dass sie sich gegenseitig nur als Ablenkung benutzen und irgendwann erkennen, dass diese Dynamik ihnen eigentlich nicht guttut. Deshalb habe ich einen grossen Teil des Buches mit genau dieser Erwartung gelesen und dadurch vermutlich viele romantische Entwicklungen zwischen den beiden nicht richtig zugelassen oder überlesen.
Als die Liebesgeschichte dann emotional ernster wurde, fiel es mir deshalb schwerer, die Anziehung zwischen ihnen komplett nachzuvollziehen. Im Nachhinein glaube ich aber, dass das eher an meiner eigenen Lesart lag als an der Geschichte selbst, weshalb ich das dem Buch nicht wirklich negativ anrechnen möchte.
Eine kleine Anmerkung hätte ich trotzdem noch zu Antoine. Ich mochte es sehr, dass er nicht einfach nur der perfekte Bookboyfriend ohne eigene Probleme war. Gerade sein Druck durch die Familie und sein Imposter-Syndrom fand ich spannend. In seinem Point of View sieht man auch deutlich, dass er selbst mit vielem kämpft. In der Beziehung zu Julia bleibt er ihr gegenüber aber lange dieser fast schon zu perfekte, verständnisvolle Gegenpol, der immer die richtigen Dinge sagt.
Ich hätte mir deshalb gewünscht, dass wir seine Verletzlichkeit innerhalb ihrer Beziehung noch etwas früher und ausführlicher erlebt hätten. Erst gegen Ende öffnet er sich emotional wirklich, und da waren wir schon fast am Epilog angekommen. Trotzdem ist das Kritik auf hohem Niveau.
Insgesamt fand ich das Buch sehr lesenswert. Es ist ehrlich, emotional, teilweise schmerzhaft realistisch und gleichzeitig wunderschön geschrieben. Ein Buch, das ich sehr vielen ans Herz legen würde.