Jahreshighlight. Was für ein geniales Buch.
Schon die Prämisse mit dem gestohlenen Manuskript ist von Anfang an packend, aber was dieses Buch für mich wirklich besonders macht, ist die Art, wie Rebecca F. Kuang erzählt. Ihr Schreibstil ist pointiert und die Hauptfigur ist brillant geschrieben: egoistisch, neidisch, manipulativ und ständig auf der Suche nach Anerkennung. Eine moralisch fragwürdige Protagonistin ist schon interessant an sich, aber wenn man sich dann plötzlich dabei erwischt, wie man ihr die Daumen drückt, dann wird's wirklich spannend. Genau das schafft dieses Buch auf erschreckend gute Weise.
Yellowface ist aber weit mehr als nur eine Geschichte über eine unsympathische Protagonistin. Es ist ein Buch, das permanent zum Nachdenken anregt. Man hinterfragt nicht nur die Figuren, sondern auch die eigenen Reaktionen auf sie.
Besonders beeindruckt hat mich, wie vielschichtig die angesprochenen Themen sind. Rebecca F. Kuang greift Themen wie Cancel Culture, Cyber-Lynchjustiz und moralische Inszenierung auf, beschäftigt sich aber genauso mit Macht, Neid, Sichtbarkeit, Anerkennung, kultureller Aneignung, Rassismus und der Frage, wem Geschichten eigentlich gehören. Nichts davon wird einfach in Schwarz und Weiss erzählt. Stattdessen zeigt sie immer wieder, wie unterschiedlich ein und dieselbe Situation interpretiert werden kann und wie sehr unser Gerechtigkeitsempfinden von der eigenen Perspektive abhängt.
Gerade diese Grauzonen machen das Buch so stark. Es gibt kaum einfache Antworten, sondern ständig neue Fragen. Wie weit würden Menschen gehen, um Erfolg, Aufmerksamkeit oder Relevanz zu behalten? Wann wird berechtigte Kritik zur digitalen Hetzjagd? Und wie leicht lassen wir uns selbst von einem Narrativ beeinflussen?
Besonders spannend fand ich auch, wie sich all diese Themen im Verlagswesen widerspiegeln. Die Einblicke in die Vermarktung von Büchern und die Rolle von Trends, öffentlicher Wahrnehmung und Identität im Literaturbetrieb verleihen der Geschichte noch einmal eine zusätzliche Ebene.
Für mich war Yellowface deshalb nicht nur unglaublich unterhaltsam, sondern auch eines dieser Bücher, das einen zwingt, die eigenen Urteile immer wieder zu hinterfragen. Intelligent, bissig, provokativ und definitiv eines meiner Jahreshighlights.