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Monumentale Beobachtungen


Mit «Crossroads» veröffentlicht Jonathan Franzen nach vielen Jahren endlich wieder einen neuen Roman: ein Monumentalwerk, in dem man sich beim Lesen regelrecht verlieren kann.


TEXT: Erik Brühlmann, November 2021


Seit Jonathan Franzen vor zwei Jahrzehnten den National Book Award für seinen damals dritten Roman «Die Korrekturen» erhielt, ist er eine feste Grösse in der Literaturszene – auch wenn er zwischen seinen Romanen stets viele Jahre verstreichen lässt: «Freiheit» erschien erst 2010, «Unschuld» 2015. Und bis zu seinem neusten Werk, «Crossroads», liess der passionierte Vogelbeobachter wieder sechs Jahre verstreichen. Schon wenn man das Werk aus dem Regal zieht, weiss man, weshalb. «Ich habe mich von der Illusion verabschiedet, dass ich 150-Seiten-Romane schreiben kann», sagte der 62-jährige US-Amerikaner einmal in einem Interview. «Crossroads» umfasst ganze 800 und ist erst noch nur der Anfang einer Trilogie. Wahrhaft episch!


Die Pastorenfamilie

Natürlich: Textlänge und Qualität stehen nicht in einem direkten Zusammenhang. Bei «Crossroads», das kurz vor Weihnachten 1971 seinen Anfang nimmt, tun sie es aber. Franzen ist ein Menschenversteher, und das zeigt er bei seinem vielschichtigen Porträt der Familie Hildebrandt deutlich. Da wäre Russ, der Vater und zweiter Pastor einer Vorortsgemeinde Chicagos. Hinund hergerissen zwischen seinem Glauben und einer möglichen ehelichen Untreue nutzt er jede Gelegenheit, sich selbst zu martern, und sei es auch nur im Geist. Hinzu kommt die Erniedrigung, vor Kurzem aus der kirchlichen Jugendorganisation Crossroads rausgeworfen worden zu sein. Ein deutliches Zeichen, dass er den Kontakt zur Gemeinde und zur Jugend verloren hat – oder? Es ist nur folgerichtig, dass Rick Ambrose, der Crossroads jetzt sehr erfolgreich leitet, zur Nemesis von Russ geworden ist.


Kinder, Kinder!

Wie schief der Hildebrandt’sche Familiensegen hängt, zeigt sich unter anderem daran, dass zwei der Kinder bei Crossroads eingestiegen sind, wenn auch nicht aus den Gründen, die der Pastor wohl vermutet. Perry, das Wunderkind der Familie, hat nämlich beschlossen, ein besserer Mensch zu werden. Nicht aus einem inneren Antrieb heraus, sondern weil er kühl-rational, wie er nun einmal ist, zum Schluss gekommen ist, dass es für ihn der logische Schritt sein muss. Dass er bei Crossroads  in der Beliebtheitsskala gleich nach oben schiesst, stört seine Schwester Becky enorm. Denn sie kennt ihren Bruder zu gut, um ihm sein menschenfreundliches Verhalten so einfach abzunehmen. Wenn Perry überhaupt jemanden mag, dann höchstens seinen kleinen Bruder Judson, mit dem er sich ein Zimmer teilt. Becky landete bei Crossroads, weil ihr heimlicher Schwarm es ihr empfohlen hatte. Zu seiner Überraschung fühlt sich das überall beliebte Mädchen in der Gruppe pudelwohl und macht sich daran, sein Leben zu ändern. Und dann ist da noch Clem, der Älteste unter den Hildebrandt-Kindern. Er studiert bereits an der Universität, hat aber beschlossen, zur Armee zu gehen und damit mit ziemlicher Sicherheit nach Vietnam zu kommen. Mutter Marion schliesslich ist das vielleicht komplexeste Puzzleteil der Hildebrandt-Familie. Als Kind vernachlässigt, fand sie zu Gott und dadurch zu Russ. Doch die Ehe der beiden ist nicht, was sie einmal war. Was vielleicht ein Grund dafür ist, dass Marion noch immer einer Affäre nachhängt, die sie vor vielen Jahren hatte.

Produktbild Crossroads
Band 1

Crossroads

Jonathan Franzen

Ein Roman über eine Familie am Scheideweg: über Sehnsucht und Geschwisterliebe, über Lügen, Geheimnisse und Rivalität. Der Auftakt zu Jonathan Franzens Opus magnum «Ein Schlüssel zu allen Mythologien» – einer Trilogie über drei Generationen einer Familie aus dem Mittleren Westen und einem der größten literarischen Projekte dieser Zeit.

 

Es ist der 23. Dezember 1971, und für Chicago sind Turbulenzen vorhergesagt. Russ Hildebrandt, evangelischer Pastor in einer liberalen Vorstadtgemeinde, steht im Begriff, sich aus seiner Ehe zu lösen – sofern seine Frau Marion, die ihr eigenes geheimes Leben lebt, ihm nicht zuvorkommt. Ihr ältester Sohn Clem kehrt von der Uni mit einer Nachricht nach Hause zurück, die seinen Vater moralisch schwer erschüttern wird. Clems Schwester Becky, lange Zeit umschwärmter Mittelpunkt ihres Highschool-Jahrgangs, ist in die Musikkultur der Ära ausgeschert, während ihr hochbegabter jüngerer Bruder Perry, der Drogen an Siebtklässler verkauft, den festen Vorsatz hat, ein besserer Mensch zu werden. Jeder der an einem Scheideweg stehenden Hildebrandts sucht eine Freiheit, die jeder der anderen zu durchkreuzen droht.

 

Jonathan Franzen ist berühmt für seine Gegenwartspanoramen mit ihren unvergesslich lebendigen Figuren. Jetzt, in «Crossroads», einer aus mehreren Perspektiven erzählten Geschichte, die sich im Großen und Ganzen an einem einzigen Wintertag entrollt, nimmt er den Leser mit in die Vergangenheit und beschwört eine Welt herauf, die in der heutigen noch nachhallt. Ein Familienroman von beispielloser Kraft und Tiefe, mal komisch, mal zutiefst bewegend und immer spannungsreich: ein fulminantes Werk, in dem Jonathan Franzens Gabe, im Kleinen das Große zu zeigen, in Erscheinung tritt wie nie zuvor.

 

«Jonathan Franzen ist einer der größten lebenden Schriftsteller, und seine Romane gehören zum Kanon der großen amerikanischen Familien- und Sozialepen.»

DER SPIEGEL

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Buch (Gebundene Ausgabe)

Fr. 41.90

Kinder, Kinder!

Wie schief der Hildebrandt’sche Familiensegen hängt, zeigt sich unter anderem daran, dass zwei der Kinder bei Crossroads eingestiegen sind, wenn auch nicht aus den Gründen, die der Pastor wohl vermutet. Perry, das Wunderkind der Familie, hat nämlich beschlossen, ein besserer Mensch zu werden. Nicht aus einem inneren Antrieb heraus, sondern weil er kühl-rational, wie er nun einmal ist, zum Schluss gekommen ist, dass es für ihn der logische Schritt sein muss. Dass er bei Crossroads  in der Beliebtheitsskala gleich nach oben schiesst, stört seine Schwester Becky enorm. Denn sie kennt ihren Bruder zu gut, um ihm sein menschenfreundliches Verhalten so einfach abzunehmen. Wenn Perry überhaupt jemanden mag, dann höchstens seinen kleinen Bruder Judson, mit dem er sich ein Zimmer teilt. Becky landete bei Crossroads, weil ihr heimlicher Schwarm es ihr empfohlen hatte. Zu seiner Überraschung fühlt sich das überall beliebte Mädchen in der Gruppe pudelwohl und macht sich daran, sein Leben zu ändern. Und dann ist da noch Clem, der Älteste unter den Hildebrandt-Kindern. Er studiert bereits an der Universität, hat aber beschlossen, zur Armee zu gehen und damit mit ziemlicher Sicherheit nach Vietnam zu kommen. Mutter Marion schliesslich ist das vielleicht komplexeste Puzzleteil der Hildebrandt-Familie. Als Kind vernachlässigt, fand sie zu Gott und dadurch zu Russ. Doch die Ehe der beiden ist nicht, was sie einmal war. Was vielleicht ein Grund dafür ist, dass Marion noch immer einer Affäre nachhängt, die sie vor vielen Jahren hatte.


Viele Wahrheiten

Klingt kompliziert? Aber so ist das Leben! Nicht umsonst wird Jonathan Franzen nachgesagt, ein scharfer Beobachter zu sein. Gekonnt beleuchtet er jede Frage, jedes Motiv, jede Situation aus allen nur möglichen Blickwinkeln. Dabei stellt sich schnell heraus, dass nichts einfach nur schwarz oder weiss ist. Dasselbe Bild kann, je nach Perspektive, unendlich verschieden gesehen und interpretiert werden. Die Entscheidung, ob die eine Perspektive besser ist als die andere, überlässt Franzen seinem Publikum. Vermutlich im Wissen, dass es auch hier keine einfache und eindeutige Antwort gibt. «Es scheint, als würde mir ein Standpunkt einfach nicht genügen», erklärte der Autor einmal sein Hang zum Monumentalen. «Ich brauche Raum, um die Dinge ihren Lauf nehmen zu lassen und sie vor dem Hintergrund des Lebens vieler Charaktere zu betrachten, nicht nur eines einzelnen.» Das neuste Resultat dieser literarischen Vorliebe, «Crossroads», wird seine alten Fans begeistern, ihm viele neue bescheren und Lesefreunden auf der ganzen Welt Lust auf den nächsten Teil der Trilogie machen – der hoffentlich nicht erst in einem halben Jahrzehnt erscheint!

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Der Autor im Portrait

Jonathan Franzen, 1959 geboren, erhielt für seinen Weltbestseller «Die Korrekturen» 2001 den National Book Award. Er veröffentlichte ausserdem die Romane «Die 27ste Stadt», «Schweres Beben», «Freiheit» und «Unschuld», das autobiographische Buch «Die Unruhezone», die Essaysammlungen «Anleitung zum Alleinsein», «Weiter weg» und «Das Ende vom Ende der Welt» sowie «Das Kraus-Projekt» und den Klima-Essay «Wann hören wir auf, uns etwas vorzumachen». Er ist Mitglied der amerikanischen Academy of Arts and Letters, der Berliner Akademie der Künste und des französischen Ordre des Arts et des Lettres. 2013 wurde ihm für sein Gesamtwerk der WELT-Literaturpreis verliehen, 2022 der Thomas-Mann-Preis. 2015 erhielt er für seinen Einsatz zum Schutz der Wildvögel den EuroNatur-Preis. Er lebt in Santa Cruz, Kalifornien..Bettina Abarbanell, geboren in Hamburg, lebt als Übersetzerin – u. a. von Rachel Kushner, Jonathan Franzen, Denis Johnson, Jane Campbell, Rebecca Makkai und James Baldwin – in Potsdam. Ihr Werk wurde vielfach ausgezeichnet, etwa mit dem Heinrich Maria Ledig-Rowohlt-Übersetzerpreis.