Christine Brand
«Ein Krimi darf alles»
Christine Brand ist die erfolgreichste Krimiautorin der Schweiz. Dieses Jahr erscheinen gleich drei Bücher von ihr. Besonders sehnsüchtig erwartet wurde der dritte Teil ihrer Milla-Nova-Reihe: «Der Bruder».
Interview: Marius Leutenegger, Juni 2021
«Der Bruder» handelt von Kindsentführung, Kindsmord und Pädophilie – für die meisten gibt es wohl kaum Verwerflicheres. Haben Sie keine Skrupel, etwas so Grauenhaftes in einem Unterhaltungsroman zu thematisieren?
Christine Brand: Nein. Für mich sind Kriminalromane und Thriller auch Spiegel der Gesellschaft. Warum soll man etwas beschönigen? Pädophilie ist nun einmal ein Thema. Ich arbeitete 20 Jahre lang als Gerichtsreporterin. Ich kenne die wahre Kriminalität, und die ist meistens viel schlimmer als das, was sich Krimiautorinnen und -autoren ausdenken können.
Darf denn ein Krimi alles – wie die Satire?
Ein Krimi darf tatsächlich fast alles. Wohl sogar alles – ob man ein Buch liest oder nicht, kann ja jeder und jede selbst entscheiden. Aber ehrlich gesagt habe ich manchmal schon das Gefühl, ich sei ein bisschen seltsam, weil ich mir all die Sachen ausdenke, die in meinen Büchern vorkommen. Als ich Krimis nebenbei schrieb, war ich nur in meiner Freizeit seltsam. Jetzt bin ich es hauptberuflich.
Was finden Sie denn so seltsam?
Vor allem, dass ich im Kopf eines Mörders stecke – und 40 Seiten weiter dann im Kopf des Polizisten, der herausfinden will, was im Kopf des Mörders vorgeht. Ich muss dann so tun, als hätte ich keine Ahnung. Man muss wohl speziell gelagert sein, um solche Geschichten schreiben zu können.
Aber warum schreibt man über Dinge oder liest man von Dingen, die man niemals im eigenen Leben haben möchte? Warum unterhält man sich mit Bösem?
Das weiss ich auch nicht genau. Hierzulande geht es den meisten ja sehr gut – vielleicht will man aus sicherer Distanz eine gewisse Aufregung erleben, weil im eigenen Leben nicht so viel läuft. Ich arbeitete in einem Flüchtlingscamp in Griechenland, und dort liest bezeichnenderweise niemand Krimis. Schön ist ja auch, dass Krimis die Welt meistens in Ordnung bringen: Am Schluss wird der Täter, die Täterin überführt.
In «Der Bruder» folgen Sie einem Fall, der die Schweiz einst erschütterte: Werner Ferrari missbrauchte und tötete in den 1980er-Jahren nachweislich mehrere Kinder, viele weitere Fälle von verschwundenen Buben und Mädchen aus dieser Zeit blieben ungeklärt. Warum dieser Themenkomplex?
Keine Fälle haben mich so lang und intensiv begleitet wie diese Kindermorde. Ich war selbst ein Kind, als sie sich ereigneten. Ich erinnere mich so gut an die Kinder, die Namen haben sich mir eingebrannt. Als ich ein kleines Mädchen war, beschäftigte es mich ungemein, dass andere Kinder einfach spurlos verschwinden. Ich erinnere mich auch an die Angst meiner Eltern. Diese Fälle waren immer in meinem Hinterkopf.
Hatten Sie jemals beruflich mit dieser Mordserie zu tun – und mit Werner Ferrari?
Ich habe 30 Jahre nach dem Verschwinden eines der Kinder für einen grossen Artikel über die ungeklärten Fälle recherchiert. Über Werner Ferrari habe ich nie geschrieben. Aber der leider verstorbene Journalist Peter Holenstein, der ein Buch über Werner Ferrari geschrieben hat, war ein guter Freund von mir. Er übergab mir auch etliche Briefe von Ferrari.
«Der Bruder» ist Teil einer Reihe um die Fernsehreporterin Milla, den blinden Nathaniel und den Berner Kommissar Sandro. Beruhen auch die früheren Bücher der Reihe – die Bestseller «Der Blinde» und «Die Patientin» – auf realen Ereignissen?
Ja, ich lasse mich gern von realen Fällen anregen, die ich aber abändere – wie in «Der Bruder». In meinen Krimis steckt viel Realität. Ich arbeitete zum Beispiel selbst beim Fernsehen, und die Reportagen, die Milla macht, sind grösstenteils meine.
Sie sind Milla?
Nein! Milla trinkt Kaffee, das tue ich nicht. Darüber hinaus ist sie viel krasser drauf, als ich es je war. Vielleicht ist sie einfach die Journalistin, die ich gern gewesen wäre.
Sie geben in Ihren Romanen viel Einblick in die Polizeiarbeit. Woher wissen Sie, wie diese funktioniert?
Ich war als Journalistin oft mit der Polizei unterwegs. Ein Polizist der Kantonspolizei Zürich, der kurz vor der Pensionierung steht, liest zudem alle meine Bücher und korrigiert mich, wenn ich mich verrenne. Dann gibt es auch einen Rechtsmediziner, der mich berät. Er findet es übrigens schrecklich, dass meine Rechtsmedizinerin Irena Jundt bei der Arbeit Musik hört. Er hält das für pietätlos.
Sie siedeln «Der Bruder» auch im Berner Oberland an. Innertkirchens Bevölkerung kommt ziemlich schlecht weg. Trauen Sie sich künftig noch ins Dorf?
Dass ein Teil der Handlung in Innertkirchen spielt, hat einen einfachen Grund: Ich musste Irena an einen Ort bringen, der noch im Kanton Bern liegt – damit Kommissar Sandro zuständig ist –, der sich aber zu weit weg von ihrem Wohnort Bern befindet, als dass sie am Abend noch nach Hause fahren könnte. Ich hätte lieber einen Ort im Emmental gehabt, wo ich selbst aufgewachsen bin, aber da ist die Distanz zu gering. Innertkirchen war einfach ideal. Ich weiss aber tatsächlich nicht, ob ich jetzt zu einer Lesung in diesem Dorf eingeladen werde.
Sie hätten ja auch ein Fantasiedorf nehmen können.
Das wäre seltsam, weil sonst alles in «Der Bruder» so real ist.
Der Roman ist stark strukturiert. Sie entwickeln mehrere Stränge parallel, ehe Sie diese zusammenführen. Wie viel Planung steckt hinter einem solchen Buch? Wird es wie ein Gebäude entworfen – und dann erst ausgeführt?
Beim Verlag Blanvalet muss ich immer ein Exposé abliefern, bevor ich den Vertrag für ein neues Buch erhalte. Das ist für mich eine richtige Qual. Das Exposé gibt die Geschichte einigermassen verlässlich vor, aber ich schreibe das Buch dann sehr intuitiv von Anfang bis Schluss. Habe ich eines meiner kurzen Kapitel fertig, frage ich mich: Zu wem gehe ich jetzt? Und dann schreibe ich an diesem Strang weiter, bis ich zu einem Cliffhanger komme; dann wechsle ich den Strang. Weil ich das Buch eben nicht auf einem Clipboard entwerfe, bekomme ich dann manchmal ein Gnusch, etwa mit den Tageszeiten. Ich habe aber zum Glück ein grösseres Team, das mir auf die Finger schaut. Dennoch unterlaufen mir manchmal Fehler, die unentdeckt bleiben – und auf die ich dann vielleicht von Leserinnen und Lesern aufmerksam gemacht werde.
Ich fand die Lektüre sehr spannend und wollte immer wissen, wie es weitergeht. Wie baut man Spannung auf? Kann man das einfach, oder gibt es Kniffe?
Ich nutze keine besondere Technik, ich schreibe einfach so, wie ich es richtig finde. Ich habe nie gelernt, Krimis zu verfassen. Aber ich habe beim Fernsehmachen viel hinsichtlich Dramaturgie gelernt. Und einen Trick habe ich tatsächlich bei Henning Mankell abgeschaut: dass man ein Kapitel mit einem Cliffhanger beendet und die Leserin, den Leser so quasi zum Weiterlesen zwingt.
Wie würden Sie Ihren Stil beschreiben?
Kurze Sätze, kurze Kapitel, keine hochstehende Sprache – ich bin auf Unterhaltung aus. Wenn jemand sagt, er oder sie habe mein Buch nicht weglegen können, ist das ein schönes Kompliment.
Alle Ihre Figuren sind sympathisch, selbst der Kindermörder Klostermann wirkt gewinnend. Warum?
Alle sind sympathisch? Das war nicht meine Absicht – und mir auch nicht bewusst. Aber klar: Der Bösewicht ist immer aus einem bestimmten Grund böse. Als Gerichtsreporterin lernte ich, dass niemand einfach ein Monster ist, dass hinter allem eine Geschichte steckt. Grautöne sind mir wichtig, ich will immer ein gutes Motiv haben. Ein Psychopath, der einfach Lust am Morden hat, wäre mir zu billig.
In «Der Bruder» bleibt am Ende einiges offen – vor allem hinsichtlich der Beziehungen der Protagonisten. Folgt ein Liebesroman?
Nein, auf keinen Fall, das könnte ich nicht. Ich bin kein romantischer Mensch.
Was kommt also?
Am 29. Juli erscheint bei Kampa mein Buch «Bis er gesteht». Das ist die literarische Nacherzählung eines wahren Verbrechens. Noch näher an der Realität ist mein Buch «Wahre Verbrechen», das am 27. September von Blanvalet veröffentlicht wird. Darin zeichne ich die dramatischsten Fälle nach, die mir während meiner Zeit als Gerichtsreporterin begegneten. Schön war, dass ich endlich viel Platz hatte, um die Fälle zu beschreiben; bei Zeitungen ist die Länge eines Berichts ja immer stark limitiert.
Warum sind Ihre Bücher eigentlich immer so dick?
Weil ich manchmal einfach nicht mehr mit Schreiben aufhören kann. Ich sage mir zwar: «Noch zwei Kapitel, dann ist Schluss» – aber dann fällt mir noch etwas ein ... Ich habe mir aber geschworen, dass das nächste Buch um Milla Nova nur 400 Seiten hat.
Wann gehen Sandro, Milla, Irena und Nathaniel denn wieder auf Verbrecherjagd?
Ich muss im Herbst das nächste Manuskript abgeben – bin aber leider erst auf Seite 9!
Die Autorin im Portrait
Christine Brand, 48, wuchs im Emmental auf. Sie war Redakteurin bei der NZZ am Sonntag, Reporterin beim Schweizer Fernsehen und Gerichtsreporterin.
Seit 2008 veröffentlicht sie Bücher. Im Gerichtssaal und durch Recherchen und Reportagen über die Polizeiarbeit erhielt sie Einblick in die Welt der Justiz und der Kriminologie. Mit «Blind» startete sie 2019 eine höchst erfolgreiche Krimireihe um die Journalistin Milla Nova. Nach »Blind« und »Die Patientin« ist mit »Der Bruder« der dritte Fall für das Ermittlerduo Milla Nova und Sandro Bandini erschienen.
Christine Brand lebt theoretisch in Zürich – theoretisch, weil sie die meiste Zeit rund um den Globus unterwegs ist. «Der Bruder» entstand vor allem in Sansibar und Indonesien.