Peter Stamm
«Ohne Erinnerung wäre das Leben nicht lebenswert»
Peter Stamm nutzte die Zeit während der Pandemie dafür, einen neuen Roman zu schreiben. «Das Archiv der Gefühle» ist aber kein Corona-Roman geworden, sondern eine scharfsinnige Betrachtung menschlicher Verhaltensweisen.
Interview: Erik Brühlmann, August 2021
Sie ziehen sich zum Schreiben oft ins Thurgauer Literaturhaus in Gottlieben zurück. Entstand dort auch «Das Archiv der Gefühle» – trotz Pandemiebeschränkungen?
Peter Stamm: Ja, das war problemlos möglich. Es handelt sich dabei um eine kleine Wohnung, in die man sich einmieten kann. Es fanden in dieser Zeit ja keine Lesungen statt, deshalb funktionierte das gut. So bin ich auch für diesen Roman wieder zwischen Zuhause und Gottlieben gependelt.
Sie führen wie gewohnt eine feine, präzise Klinge im Umgang mit der Sprache. Wie viel Arbeit steckt dahinter?
Es ist viel Arbeit, aber nicht in dem Sinn, dass ich ein 500-Seiten-Manuskript auf 200 Seiten komprimiere. Ich sehe bei Workshops mit Schreibenden immer wieder die Tendenz, zu viel sagen zu wollen. Dabei werden Bücher lebendiger, wenn sie den Lesenden Raum lassen, ihre eigenen Bilder und Gefühle einzubringen. In allen Bereichen der Kunst gilt, glaube ich: Es ist selten zu wenig, aber oft zu viel. Letztlich ist das jedoch Geschmacksache.
Sind Sie ein romantischer Mensch?
Ladina Bordoli: Es kommt darauf an, in welcher Rolle ich mich gerade befinde. Im Beruf bin ich pragmatisch, da denke ich sehr unternehmerisch. Privat mag ich es gemütlich. Klischeehafte Romantik ist nicht so mein Ding, ich habe aber Freude an der Natur, mag ruhige Stimmungen und bin sicher affin für künstlerische Sachen.
Ich frage, weil Bücher wie Ihre jetzt erschienene Mandelli- Saga meist sehr romantisch aufgemacht sind und wohl auch auf ein entsprechendes Publikum abzielen. Ich war überzeugt, Sie würden vor allem von Frauen gelesen – und staunte dann, wie stark Ihre Werke auf den Buch-Communitys auch von Männern kommentiert werden.
In meinem Umfeld gibt es tatsächlich viele Männer, die alle meine Bücher lesen. Das hat mich erstaunt – da sind sogar Leute darunter, von denen ich überzeugt war, dass sie überhaupt nie lesen! Klassische Frauenromane handeln oft von einer Protagonistin, die tendenziell stark ist; wohl deshalb, weil viele Frauen ja auch Mut schöpfen aus solchen Geschichten. Diesbezüglich ist die Mandelli-Saga sicher eher für ein weibliches Publikum konzipiert, aber ich glaube, sie enthält viele Themen, die auch Männer ansprechen. Natürlich gibt es wie immer in solchen Büchern eine Liebesgeschichte, aber sie ist nicht die Hauptsache. Ich glaube, mein Vater hätte die Bücher nicht mit so viel Begeisterung gelesen, wenn sie nicht ein paar andere Themen als die Liebe enthielten.
Bücher wie die Mandelli-Saga werden vom Feuilleton eher als Unterhaltung denn als seriöse Literatur abgestempelt. Stört Sie das?
Die Unterscheidung stört mich nicht, ich selbst habe immer gern Unterhaltungsliteratur gelesen, mit Hochliteratur konnte ich nie viel anfangen. Es stört mich aber, wenn Bücher wie die Mandelli-Saga belächelt werden. Da steckt sehr viel Arbeit, Handwerk, technisches Know-how drin, man schreibt so etwas nicht einfach rasch zur Entspannung. Ich finde das Verfassen solcher Romane sogar recht anspruchsvoll, denn man unternimmt damit stets eine Gratwanderung: Man muss poetisch sein, darf aber nicht zu sehr in diese Richtung abdriften, weil die Geschichte Zug braucht. Auf einem gewissen Niveau zu unterhalten, das ist jedenfalls nicht einfach.
Auf Ihrer Website steht, das Schreiben sei zeitlebens ihre grosse Leidenschaft gewesen. «Schreiben ist für mich wie Atmen, es bedeutet für mich, lebendig zu sein.» Wie fühlen Sie sich, wenn Sie schreiben?
Dieses Gefühl hat sich verändert. Früher war ich einfach eine Geschichtenliebhaberin, ich wollte meine Gedankenspiele festhalten. Heute ist Schreiben auch ein Leistungsjob, mit all den Abgabeterminen. Aber was gleich geblieben ist: Wenn ich schreibe, versetze ich mich voll und ganz in die jeweilige Szene. Ich versuche, alles, was darin vorkommt, zu empfinden, mich in jede Figur einzuleben. Vieles kann ich aus eigenen Erfahrungen ableiten, anderes kenne ich aus Erzählungen von anderen. Es ist wie Schauspielerei, ich überlege mir: Wie fühlt sich diese Figur in diesem Moment, was macht sie mit den Händen? In verschiedene Rollen zu schlüpfen, ist für mich sehr reizvoll.
Sie besuchten die bekannte Evangelische Mittelschule Schiers – wie «Wolkenbruch»-Autor Thomas Meyer, Adolf Muschg oder Linard Bardill. War das ein besonders guter Boden für Ihre Schriftstellerei?
Für meine Arbeit als Schriftstellerin ist der Primarlehrer der 6. Klasse die Schlüsselperson. Er ist heute fast 90 Jahre alt. Er unterstützte mich uneingeschränkt, bestärkte mich und gab mir Raum zu schreiben. An der Mittelschule schätzte ich dann die Einstellung, dass die Leute sich selbst sein sollten. Individualisten erhielten viel Spielraum. Die Haltung, dass man das, was man richtig findet, tun soll, unabhängig von der Meinung anderer, nahm ich mit.
Weitere Bücher von Peter Stamm
Würde es Sie denn reizen, das dunkle Potenzial dieser Geschichte auszuschöpfen, vielleicht in einer Art «Remix»?
Überhaupt nicht. Das Thema Stalking ist mir zu böse. Davor scheue ich zurück. Ich mag auch keine Horror-Filme! Ich habe zwar in «Wenn es dunkel wird» unheimliche Geschichten veröffentlicht, aber die sind nicht böse-unheimlich. Nach dem Lesen der ersten Version des Manuskripts von «Das Archiv der Gefühle» fühlte sich mein Lektor noch an Stephen King erinnert. Das wollte ich auf keinen Fall, deswegen machte ich den Dokumentalisten etwas menschlicher und gab ihm mehr Berührungspunkte mit der Realität.
Im Buch spielen vor allem Frauen kleinere und grössere Rollen. Weshalb?
Es kommen sowieso nicht viele Figuren vor – der Dokumentalist hat eben kein sonderlich aktives Sozialleben. Die Beziehungen des Dokumentalisten zu den anderen Frauenfiguren sind vor allem vor dem Hintergrund seiner Beziehung zu Franziska zu sehen.
Warum haben Sie dem Dokumentalisten keinen Namen gegeben?
Wenn jemand die meiste Zeit allein ist, braucht er seinen Namen nie. Wenn ich über mich nachdenke, dann bin ich nicht Peter, obwohl ich so heisse. Der Dokumentalist hatte von Anfang an keinen Namen, und dabei blieb es.
Aber auch viele der anderen Figuren – mit Ausnahme von Franziska – bleiben namenlos, zumindest über weite Strecken …
Sobald die Figuren einen Namen erhalten, signalisiert das einen Wendepunkt in der Beziehung zwischen dem Dokumentalisten und der Figur. Das gilt besonders für die Beziehung zu Anita, Franziskas Freundin. Ähnlich verfuhr ich mit Namen bereits in «Ungefähre Landschaft», wo sich die Beziehung der Mutter zum Kind verändert, als sie es endlich nicht mehr nur das Kind nennt.
Also geht es letztlich doch nur um ein Label an einem Archivordner?
Nein, es geht um die Wahrnehmung. Sobald jemand einen Namen bekommt, nimmt man ihn als eigenständige Person wahr. Als Anita zu einer eigenständigen Person wird, gelingt dem Dokumentalisten vielleicht zum ersten Mal ein Perspektivwechsel in seiner Wahrnehmung.
Der Dokumentalist erhält bei Franziska eine zweite Chance. Doch dafür muss er tabula rasa machen und sein Archiv auflösen. Warum?
Er muss sich von den Bildern befreien, die seine Welt bisher ausmachten. Er muss sich auf die echte Franziska einlassen, und das kann er nur, wenn er nicht immer auf die Person zurückgreifen kann, die er in seinem Archiv zusammengestellt hat. Es ist im Grund ähnlich wie bei sehr langen Beziehungen: Man stellt sich über die Jahre Bilder und Geschichten über den Partner oder die Partnerin zusammen und sieht gar nicht mehr, wie die Person jetzt gerade wirklich ist. In dem Moment, als das Archiv in die Mulde wandert, wird Franziska für den Dokumentalisten zu Fabienne – die Frau, die sie in der Gegenwart ist.
Ein klassisches Happyend gibt es für die beiden trotzdem nicht.
Das ist eine Frage der Glaubwürdigkeit. Franziska kann nach so vielen Jahren der Abwesenheit dem Dokumentalisten nicht plötzlich um den Hals fallen, und alles ist gut. Beide sind nicht mehr die Menschen, die sie in ihrer Jugend waren. Sie beginnen sozusagen eine ganz neue Beziehung. Aber ich denke, die neue Beziehung hat eine bessere Chance, als es eine Jugendbeziehung gehabt hätte.
Abschliessend: Die Pandemie ebbt langsam ab. Heisst das für Sie, dass der normale Literaturbetrieb wieder Fahrt aufnimmt?
So langsam, ja. Man merkt allerdings bei den Lesungen, dass die Normalität noch nicht erreicht ist. Es herrscht Maskenpflicht, es gelten Einlassbeschränkungen. Aber es wird besser!
Die Autor im Portrait
Peter Stamm wurde 1963 in Scherzingen (TG) geboren und wuchs in Weinfelden auf. Er absolvierte eine kaufmännische Lehre sowie auf dem zweiten Bildungsweg einige Semester Studium in Anglistik, Psychologie und Psychopathologie an der Universität Zürich. Seit 1990 arbeitete er als freier Autor und Journalist unter anderem für den Nebelspalter, die NZZ und das Magazin des Tages-Anzeigers. 1998 erschien sein erster Roman, «Agnes». Peter Stamm widmete sich auch dem Theater und schrieb über ein Dutzend Hörspiele. Für seine Prosa wurde er vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Preis der Schweizerischen Schillerstiftung, dem Kulturpreis der Stadt Winterthur, dem Bodensee-Literaturpreis und, für «Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt», mit dem Schweizer Buchpreis 2018. Peter Stamm lebt mit seiner Familie in Winterthur.