Ein Liebesroman, ein Kriminalroman, ein philosophischer Roman, eine jüdische Familiensaga. Leo Singer, Philosophiestudent und Sohn jüdischer Eltern, die in der Zeit des Nationalsozialismus nach Brasilien emigrierten, kehrt Anfang der 60er Jahre mit seinen Eltern nach Wien zurück. Er verliebt sich in die Jüdin Judith Katz. Sie soll seine Muse sein im Versuch, die Welt ein letztes Mal in ein philosophisches System zu zwingen. Judiths Tod eröffnet ihm das Geheimnis des Lebens - aber ist sie wirklich tot? Das Leben jedenfalls verläuft in den erstaunlichsten Bahnen.
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4.0/5.0
Zitronenblau
5/5
16.05.2011
Buch (Taschenbuch)
Ein Philosoph, der pendelt zwischen Kopf und Herz
Menasses Roman "Selige Zeiten, brüchige Welt" gehört zu seiner Triologie der Entgeisterung. Der Protagonist, Leo Singer, ist Sohn einer vor dem Krieg nach Brasilien, Sao Paulo, ausgewanderten, jüdischen Familie. Gleiches gilt für die Judith Katz, einer unnahbaren Frau mit der "Maske". Sie treffen sich in Wien als Studenten. Er, Singer, studiert Philosophie, in besonderer Weise ist er Exeget der Hegelschen Phänomenologie. Sein Lebensziel wird die Vollendung dieser durch ihren logischen Abschluss: "Phänomenologie der Entgeisterung. Geschichte des verschwindenden Wissens."
Zugleich liebt er Judith abgöttisch. Sie bleibt jedoch unnahbar, unliebbar, sie ist seine Hoffnung und sein Hass. So zieht er zurück nach Brasilien. Während seine Eltern im Laufe der Jahre versterben, erhält Singer moralische, finanzielle sowie materielle Obhut bei einem Ex-Bankier und großen Kunstsammler, Löwinger. Irgendwann erreicht ihn der Brief, Judith sei durch Selbstmord ums Leben gekommen. Singer treibt seine Studien voran, um dieses letzte philosophische System zu bilden, wird zu seiner Sternstunde ans Podium der philosophischen Fakultät zum Referat berufen, welches jedoch in den politischen Tumulten nicht einmal den Anfang erreicht. Und plötzlich erscheint Judith wieder. Sie war nie tot. Und alles beginnt von vorn: die Sehnsucht nach ihr, seine unerträgliche Liebe zu ihr, die ihn auffrisst, die seine schöpferische Kraft vernichtet, die ihn in den Wahnsinn treibt. Zwischendurch begegnen sie einem jungen Mann, Roman, dem Menasse in der Triologie ein Buch widmet: "Sinnliche Gewißheit". Während Judith sich am Ende dem Kokainkonsum hingibt und mehr und mehr zerfällt, entschließt sich Singer zu einer letzten, alles beendenden Handlung. Schließlich veröffentlicht er doch noch sein Werk, um die Welt zu verändern. Das Echo ist kaum zu hören...
Menasse schreibt im Wesentlichen aus der Singer-Perspektive. Manchmal wechselt er auch zu Judith über. Dabei wird der Fortgang des Buches bewusstseinsstromartig vorangetrieben, sodass eine sehr starke Identifikation mit Singer stattfindet. Der Leser leidet mit dem Protagonisten. Die vollzogene Lebensleere, dieses unerträgliche Pendeln zwischen Geisteswerk und sehnsüchtiger Hassliebe wird zur Odyssee der Sinnlosigkeit. Doch niemand wartet in Ithaka auf ihn. Singer wird zum Opfer seiner eigenen Phänomenologie der Tragik: das traurige Bewusstsein wird Opfer seiner einer Dialektik der Täuschung.
Bewertung
3/5
10.04.2010
Buch (Taschenbuch)
Zwiespältiges Leseerlebnis
Das Buch interessierte mich wegen der Schicksale nach Brasilien geflohener Wiener Juden und ihrer Nachfahren. In ausführlichen psychologischen Beschreibungen erzählt Robert Menasse das Scheitern der Lebensentwürfe aller Personen des Romans. Eine eher deprimierende Lektüre