1963, als Lektor für deutsche Literatur im S. Fischer Verlag, veröffentlichte ich ihren ersten Gedichtband, ein lächerlich dünnes Bändchen von nicht einmal 60 Seiten mit dem lapidaren Titel Gedichte. Sie erhielt dafür den Bremer Literaturpreis: ich holte sie in Berlin ab und nach der Grenze sagte sie mir »Ich bleibe hier«. Wir haben dann »The Bell of Freedom« von Trini Lopez und anderen Quatsch gesungen. Klaus Wagenbach
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H. Seewald
aus Berlin
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02.02.2021
Buch (Paperback)
Eine der bedeutendsten deutschen Lyrikerinnen
Besonders umfangreich ist das lyrische Werk dieser Dichterin nicht, auch hat sie ihre besten Gedichte bis Mitte der 60er geschrieben, während dann ihre dichterische Kreativität nachließ, so dass sie Ende der 70er beschloss, keine Gedichte mehr zu schreiben, sondern ausschließlich Prosa. Dass das lyrische Vermögen bei Dichtern nicht bis ins hohe Alter reicht, sondern Jahrzehnte früher verebbt, ist nichts Besonderes, sondern eher die Regel. Nur schreiben viele munter unmunter weiter, ohne wirklich Neues zu schaffen.
Die Gedichte Christa Reinigs aber, die sie bis Mitte der 60er Jahre schrieb, sind in ihrer Mehrheit faszinierend, radikal, von großer Bildkraft und gehören zum Besten der deutschen Literatur, wie etwa "Die Ballade vom blutigen Bomme" (mit welcher sie bekannt wurde), "Der Rächer", "Der Henker", "Robinson", "Der Hirte", "Der Soldat", "Der Enkel trinkt", "Hört weg!".
Hier eine Leseprobe:
DER RÄCHER
ich habe nie den mund verzogen
vor nackten spiegeln nie gezuckt
ich habe haß wie gift gesogen
und kalt enttäuschung ausgespuckt
mich ekeln nicht mehr eure fressen
mich trifft kein wort mehr wie ein stein
was ich euch wünschte sei vergessen
ich könnte beinah glücklich sein
ich habe alles aufgegeben
was mir geschieht ich weiß es nicht
es reißt mich fort aus meinem leben
das langsam auseinander bricht