»Die Elenden von Lódz« ist ein einzig artiger Roman mit vielen Stimmen. Er
porträtiert neben der zentralen Figur Rumkowskis das Leben zahlreicher
Gettobewohner und gibt ihnen so einen Namen und ein Schicksal.
»Wie ein
Historiker beschwört Steve Sem-Sandberg die Vergangenheit herauf, wie ein
Romancier erhöht er Geschichte ins Allgemeingültige – ein dokumentarischer
Roman, der auf grandiose Weise die Stärken dieses Genres aufzeigt.«
Ilija
Trojanow
Steve Sem-Sandberg wurde für die »Die Elenden von Lódz« mit dem
schwedischen »August-Priset« ausgezeichnet , der dem Deutschen Buchpreis
entspricht.
Kundinnen und Kunden meinen
3.5/5.0
Thomas Fritzenwallner
aus Wiener Neustadt
5/5
04.10.2011
Buch (Gebundene Ausgabe)
Ein dunkles Kapitel erschreckend dokumentiert
Steve Sem-Sandbergs gewaltiger Roman erzählt von den Jahren 1940-1945.
Man hat die Bilder von Stacheldrähten vor Augen, den Blick der Getto-Bewohner, die sadistischen Foltermethoden von Gestapo und SS.
Aber Sem-Sandberg interessiert an der Geschichte des Gettos von Łódź noch etwas Anderes: wie das Leben, an dessen systematischer Liquidierung die Nazis arbeiteten, aussah und wer sich - als Jude - an dessen Auslöschung mitschuldig machte, bevor er 1944 selbst in Auschwitz-Birkenau ermordet wurde. Mordechai Chaim Rumkowski war der Judenälteste des Gettos von Łódź, der die Nazis bei der Durchführung ihrer Verbrechen alles andere als behinderte. Im Gegenteil: Man nannte ihn früh "Pan Śmierć, Herr Tod", und seine Kritiker sagten von ihm, "er würde, wenn es dazu käme, selbst mit dem Teufel zusammenarbeiten".
In der Tat paktierte er mit seinen späteren Henkern. Rumkowski war Fabrikant und Waisenhaus-Direktor, nach Aussage anderer Juden "ein Monstrum" und "Fanatiker", "unfassbar dünkelhaft und dumm", der als Oberster in der Getto-Hierarchie Heinrich Himmler sagte: "Ich bin reich, Herr Reichsführer, weil ich ein ganzes Volk zu meiner Verfügung habe." Seine Kollaboration sah so aus: Brachen Hungerkrawalle oder Streiks im Getto aus, strafte der Präses Rumkowski die "verweichlichten Parasiten und Arbeitsverweigerer" sofort ab, indem er sie vor die Alternative "Fäkaliendienst" oder Deportation stellte.
Er half mit bei der "Aussiedlung", indem er zuerst die Alten und Kranken, danach die Kinder den Deutschen ans Messer lieferte. Die im Getto-Gefängnis Inhaftierten waren ihm nichts weiter als "ein Depot brauchbaren Menschenmaterials". Der "Allerhöchste des Gettos" war ein tüchtiger Mitverwalter im Vernichtungsapparat. Sein Credo: "Arbeit ist der Fels Zions!" Retten könnten sich die Juden nur, glaubte er, wenn die Nähmaschinen in den Schneiderwerkstätten des Gettos, die Wehrmachtsuniformen ebenso fertigten wie "Damenunterwäsche für Neckermanns Modefirmen in Berlin", nicht stillstünden.
So folgte er der Logik seiner Feinde. Ein fataler Irrtum - auch als "Arbeiterstadt" hatten die Juden von Łódź, deren Getto bald ein Durchgangslager wurde für Juden aus Prag, Berlin, Wien und anderen Orten auf dem Weg ins KZ, keine Überlebenschance. Den die Realität ignorierenden Rumkowski stellt Steve Sem-Sandberg in den Mittelpunkt seines Buches: "Und der große Chaim ging in seiner Lüge umher wie ein Kaiser in seinem Palast." Die große Leistung dieses außergewöhnlichen Dokumentarromans besteht darin, uns die Welt des Gettos unter Zuhilfenahme aller verfügbaren Fakten nahezu unerträglich plastisch vor Augen zu führen. Es geht ihm dabei bei weitem nicht nur um "den Alten", sondern um viele Einzelschicksale. So wird "Die Elenden von Łódź" zu einer einzigartigen Dokumentation der Inhumanität.
Lisa Lauermann
aus Baden
2/5
24.02.2012
Buch (Gebundene Ausgabe)
Kampf
Dieser dokumentarischer Roman bietet einen nüchternen Einblick in das Gettoleben von Lódz.
Viele setzen ihre ganze Hoffnung in den Judenältesten, Chaim Rumkowiski. Den ganzen Roman über fragt man sich, ob er wirklich nur das Beste für sein Volk möchte oder im Endeffekt rein aus eigennützigen Motiven handelt. Menschen werden auf seine Anweisungen hin deportiert, Essensrationen gekürzt und die Arbeitszeiten verlängert. Das Leben erweist sich als einziger Kampf - anscheinend gegen einen aus den eigenen Reihen.
Ein trockener Schreibstil verschafft einer einen anderen Blick auf die Geschichte und das Leiden der Juden im 2. Weltkrieg.