Wenn Matthias Röhricht von seinem Job in einem grossen Konzern spricht oder zu jeder Dienstreise eine andere Assistentin mitnimmt, vermutet man nichts von seiner streng religiösen Erziehung. Als Erwachsener tut der Sohn eines evangelisch-freikirchlichen Pastors und einer Flüchtlingsfrau aus Polen so, als habe er mit seinen Eltern nichts zu tun. Das Dogma, die Gewalt und das Schweigen, die er als Kind erlebt hat, versucht er zu vergessen. Auch seine Schwester Adele lebte jahrelang distanziert von den Eltern. Sie nähert sich ihrer Mutter Jad erst wieder, als diese ihre Erinnerung verliert und nicht mehr weiss, dass Adele ihre Tochter ist. Der Tod der Mutter wird für die beiden zur Zäsur. Matthias zieht sich aus allen bisherigen Beziehungen zurück. Adele beginnt rastlos Orte aus Jads Vergangenheit zu suchen und verfällt einer Suchsucht nach der eigenen Zugehörigkeit.Neben einer Erzählerin berichten vier Frauen über Matthias Röhricht und seine Herkunftsfamilie: Röhrichts Frau, seine Schwester, eine Tante und eine Cousine. Sie weiten die Geschichte von Matthias und Adele zu einer Geschichte der Schmerzpunkte des 20. Jahrhunderts. Krieg, Rassismus, Flucht und Vertreibung melden sich in den Nachgeborenen in Form von Unruhe, seelische Erstarrung oder Phantomschmerz. Die Geschichte mit dichten, poetischen Bildern erzeugt einen Sog, dem man sich kaum entziehen kann.
Kundinnen und Kunden meinen
4.5/5.0
Larissa
5/5
26.09.2019
Buch (Paperback)
Gegenwartsliteratur, die sich mit der Aufarbeitung der NS-Zeit beschäftigt
Die Geschichte, die Hanna Sukare in diesem Werk erzählt, gibt die Auswirkungen der Nachkriegszeit auf die Kindergeneration wieder und zeigt, wie eines dieser Kinder (Adele) auf der Suche nach ihrer Herkunft ist. Diese wurde nämlich von ihren Eltern nie wirklich thematisiert, sodass sie anfangs glauben, dass jedes Kind nur eine Großmutter hat (die väterliche Herkunft inkl. Verwandte wird völlig abgeschnitten).
Die Erzählung wird durch die verschiedenen Perspektiven der Personen, die zu Wort kommen, sehr spannend und gerade die letzten 70 Seiten verschlingt man, weil man mit Adele ins Such-Fieber taucht. Es ist wirklich ein hervorragendes Buch, das für alle Interessierten eine Bereicherung sein kann.
AMCL
aus Wien
4/5
31.05.2016
eBook (ePUB)
Einprägsame Bilder, schöne Sprache
In einprägsamen Bildern und aus wechselnden Perspektiven wird die Geschichte von Jad, einer deutschen Polin (oder polnischen Deutschen?) erzählt. Erst nach ihrem Tod setzt sich ihre Tochter Adele mit dem früheren Leben ihrer Mutter auseinander, sucht und findet einiges, was wie unter einer Staubzunge begraben war.
Fast alle wichtigen Familienmitglieder Jads kommen zu Wort und zeichnen ein unterschiedliches Bild einer Frau, die trotz allem irgendwie fremd bleibt. Berührend sind die Szenen, in denen Adele die demente Mutter pflegt, sich ihr nach all den schweigsamen Jahren annähert und die die Tochter schlußendlich dazu bringen, sich auf Spurensuche in die Vergangenheit zu begeben. Mit Adeles Bruder Mathias und dessen Frau vermag man sich nicht anzufreunden, vorallem weil sie sich weniger mit dem Bild von Jad beschäftigen, sondern nur mit ihrer eigenen freudlosen Geschichte.
Mir fehlt irgendwo der rote Faden, es ist mehr eine Aneinanderreihung von einfachen, aber bestechenden Bildern, die ein Stück der Vergangenheit aufrollen, spannend und nachvollziehbar geschrieben, aber die Spurensuche Adeles hätte man durchaus noch ausbauen können.