Lennard Salm ist fünfzig und als Künstler weltweit durchaus erfolgreich. Als seine älteste Schwester stirbt, kehrt er zurück nach Hamburg und in die Familie, der er immer entkommen wollte. So schnell wie möglich will er wieder zurück in sein eigenes Leben. Aber was ist das, das eigene Leben? Salms jüngere Schwester Bille verliert ihren Job, sein Vater nähert sich immer schneller der Hilflosigkeit. Einen funkelnden Winter lang entdeckt Salm, dass niemand jemals alleine ist. Er lernt seine Eltern und Geschwister neu kennen. Rolf Lappert erzählt vom Wunder der kleinen Dinge und von dem, was heute Familie bedeutet. Jedes Detail leuchtet in diesem zarten, grossen Familienroman.
Kundinnen und Kunden meinen
4.2/5.0
Bewertung
aus Bergisch Gladbach
5/5
29.05.2021
Buch (Gebundene Ausgabe)
Den Mut haben zur Revision des Lebens
Ein wirklich schönes und lesenswertes Buch ist Rolf Lappert mit diesem Werk gelungen. Es geht um den Endvierziger Lennard Salm, einen Performencekünstler und Globetrotter, der nach dem Tod seiner älteren Schwester nach Hamburg zurückkehrt und sich sich mit seiner Familie und den schwierigen Verhältnissen seiner Jugend auseinandersetzen muss. Lennard, der sich in einer Sinnkrise befindet, entdeckt, dass Familie wichtig sein kann und nicht nur lästige Verpflichtung. Er klärt das Verhältnis zu seinen Eltern und den anderen Geschwistern und beschließt, bei Null anzufangen obwohl er nicht weiss, wovon er zukünftig leben soll. Eine solche Revision der Biographie erfordert viel Mut und ich finde es bewegend und überzeugend, wie der Autor seine Figur schildert. Jede Krise bietet die Chance für den Neuanfang. Wer selbst um die Fünfzig ist und sich in einer ähnlichen Lebenslage befindet, wird an dem Buch viel Lesespaß haben.
Bewertung
5/5
16.03.2016
Buch (Gebundene Ausgabe)
Das Motto von Lappert lautet:...
Das Motto von Lappert lautet: "Hinter die Kulissen schauen". Das bringt bei einer Familiengeschichte so einiges zutage! Sehr einfühlsam geschrieben. Der Roman spielt in Hamburg.
Bewertung
4/5
29.05.2021
Buch (Gebundene Ausgabe)
Hat mich gefesselt!
Als Lennard Salm vom Tod seiner geliebten Schwester hört reist er nach langer Zeit wieder nach Deutschland, wo man fast gar nicht mehr mit seinem Erscheinen gerechnet hat. Nach und nach öffnet Salm sich seiner Vergangenheit und der teils schwierigen Beziehung zu seinen Eltern.
Rolf Lappert erzählt auf eine sehr kluge und atmosphärische Weise was Familie bedeutet ohne je ins kitschige abzurutschen. Empfehlenswert!
Xirxe
aus Bad Pyrmont
3/5
23.02.2016
Buch (Gebundene Ausgabe)
Lennard Salm, ein nicht…
Lennard Salm, ein nicht erfolgloser Konzeptkünstler (oder etwas in der Art), erhält die Nachricht, dass seine ältere Schwester gestorben ist. Er kehrt nach Hamburg zurück, wo sein pflegebedürftiger Vater und seine jüngere Schwester lebt. Sein Leben gerät aus dem scheinbaren Gleichgewicht, in dem es sich die letzten Jahre befand und er ist sich nur bei einem sicher: dass er seinem Vater nahe sein möchte. All das, was sein Leben bisher bestimmte, die Kunst, Reisen, Ausstellungen, interessiert ihn nicht mehr. Doch was statt dessen sein soll, weiß er nicht. Es ist kein ereignisreiches Buch. Man begleitet Salm während seiner Wintertage in Hamburg und erhält Einblick in seine Gedanken- und Gefühlswelt, wobei letztere eher wenig ausgeprägt ist. Ich empfand ihn als einen Menschen auf der Suche nach dem, was er wirklich will. Seine Vergangenheit war bis dahin mehr durch Zufälligkeiten geprägt, die ihn dahin und dorthin brachten, ohne dass wirkliche Entscheidungen zu treffen waren. Wie bei seinem verloren gegangenen Koffer, der durch die Welt reist und ihn erst am Ende des Buches wieder erreicht. Und auch jetzt ist es keine aktive Suche. Vielmehr ein Sichtreibenlassen ohne sich tatsächlich offen zu etwas bekennen zu müssen. Vieles in diesem Roman hängt mehr miteinander zusammen als man auf den ersten Blick ahnt, zumindest habe ich es so wahrgenommen (siehe auch den verlorenen Koffer). Im Prolog befindet sich Lennard an einer nicht näher bezeichneten Küste im Süden Europas (?). Und im ersten Kapitel ist es auf den ersten drei Seiten völlig unklar, wo er sich befindet: Noch immer in dem unbekannten Land? Nun aber im Hotel? Erst in der Mitte auf Seite 50 wird deutlich, dass es sich um Hamburg handelt. Alles scheint austauschbar, nichts von Bestand - ganz so wie Lennards Leben. Es ist eine langsame Entwicklung, die der Protagonist hier durchläuft und damit umso glaubwürdiger. Sein Erschrecken, dass auch Menschen in seiner unmittelbaren Nähe teils existentielle Probleme haben. Oder die unerwartete Freundlichkeit und das aufrichtige Interesse an seiner Person, die ihn zu deutlich überhöhten Trinkgeldern greifen lässt. Erlebnisse, die sein bisheriges Leben in Frage stellen, ohne dass er diese laut äussert. Die Lektüre regte mich zum Nachdenken an: zum Einen über das Buch selbst, zum Andern über mich. Nicht das Schlechteste, was man über ein Buch sagen kann :-)
Bories vom Berg
aus München
3/5
13.11.2015
Buch (Gebundene Ausgabe)
Vom Gewinn beim Scheitern…
Vom Gewinn beim Scheitern Hochaktuell erscheint uns Rolf Lapperts neuer Roman «Über den Winter» gleich im Prolog, der mit dem letzten Kapitel eine lose Klammer bildet um die Handlung, eines verschwundenen Koffers wegen, aber das nur nebenbei. Das Thema Bootsflüchtlinge nämlich leitet den Plot ein, bleibt jedoch auf die Einleitung begrenzt. Meine anfängliche Vermutung, dass die Wahl dieses Romans unter die Finalisten des Deutschen Buchpreises 2015 dieser Thematik wegen erfolgt sein könnte, erwies sich somit als falsch. Auch in diesem Roman etabliert der Schweizer Schriftsteller einen typischen Antihelden, und man fragt sich unwillkürlich und auch ein wenig skeptisch, wo diese melancholische Prosa hinführen soll. Lennard Salm, mäßig erfolgreicher, knapp fünfzigjähriger Objektkünstler mit illegalem Atelier in einem Abrisshaus in New York, sammelt am Strand des Mittelmeers Treibgut von gekenterten und ertrunkenen Bootsflüchtlingen für eine geplante neue Installation. Der plötzliche Tod seiner Schwester Helene jedoch zwingt ihn, nach Hamburg zu reisen, wo seine Familie wohnt, von der er sich seit Jahren entfremdet hat. Er scheut das Wiedersehen mit seinen Angehörigen, würde am liebsten zur Beerdigung nicht erscheinen. Der ewig zaudernde, völlig irrational handelnde Protagonist verkörpert den Prototyp des gescheiterten Künstlers, seine Kreativität ist auf den Nullpunkt gesunken, was dazu führt, dass er seinem Manager und Mäzen schließlich das Ende seiner künstlerischen Tätigkeit verkündet. Wovon er denn leben wolle, fragt der belustigt, Lennard verweist auf seine Ersparnisse, mit denen er bescheiden zwei bis drei Jahre leben könne. Auf die Frage: Und dann? weiß er keine Antwort. In einer Art Gegenentwicklung zu seinem Niedergang als Künstler erwickelt der introvertierte, lethargische Antiheld allmählich empathische Züge, nähert sich sehr langsam seinen Angehörigen, die wie er in prekären Verhältnissen leben. Der Vater verarmt und fast erblindet, als Pflegefall von einer Polin betreut, die unkonventionelle Schwester Billie, die in seinem Beisein ihren Job als Regieassistentin verliert, von einer selbstbetriebenen Suppenküche faselt. Er lernt die anderen Mieter im Haus des Vaters kennen, kommt einer Mitbewohnerin und ihrem chaotischen Sohn näher, kümmert sich mit ihm zusammen schließlich um ein ausgemergeltes, herrenloses Pferd. Trotz aller deprimierenden Umstände, in denen Lapperts diverse Figuren leben, strahlt seine im Grunde traurige Geschichte allmählich doch Zuversicht aus, entsteht zaghaft menschliche Nähe, wächst das Verständnis füreinander. Der Klappentext spricht von einem Familienroman, mir waren viele der anderen Figuren, die der Autor so überaus subtil beschreibt, ebenso wichtig. Berührend menschlich zum Beispiel fand ich eine Szene mit einem türkischen Schneider, bei dem Lennard gleich zu Beginn seinen schwarzen Anzug für die Beerdigung kauft, aber auch seine Begegnungen mit Hotelportiers, Taxifahrern, dem Bauern, bei dem er Heu und Stroh für das Pferd kauft oder dem durchgeknallten Schauspieler, der beim Vorsprechen für eine Rolle ausrastet und um sich schießt. All dies wird in einer leicht lesbaren, klaren Sprache einsträngig erzählt, wobei sich der Autor viel Zeit lässt, seine Szenen wunderbar anschaulich zu beschreiben. Die immer wieder thematisierte klirrende Kälte dieses Winters überstrahlt metaphorisch das gesamte Geschehen. Und auch wenn der traurige Held überzeichnet erscheint in seiner Weltfremdheit und seine Metamorphose vom Künstler zum Familienmenschen etwas unglaubwürdig, so ist die Wirkung auf den Leser im Verlaufe seiner Lektüre gleichwohl angenehm berührend in ihrer allmählich erfreulicheren emotionalen Entwicklung. Das alles ist gekonnt erdacht und in Szene gesetzt, ein nachdenklich machender Roman vom Scheitern also, von den nicht geglückten Lebensläufen, lesenswert mithin, wenn man auf die subtilen Zwischentöne zu achten gewillt ist - und die erforderliche Geduld mitbringt.