Jesus war kein Europäer, sondern lebte in einer Kultur, die uns fremd ist. Dieses faszinierende, leicht verständliche Sachbuch liefert Einblicke in die Denkwelt Jesu und des Neuen Testaments. Durch die Beschreibung des kulturellen Umfelds, in dem Jesus gelebt und gewirkt hat, bekommt man ein tieferes Verständnis seiner Aussagen. Der Autor Kenneth E. Bailey hat Jahrzehnte lang im Nahen Osten gelebt und gelehrt. Für seine Analysen zieht er noch weitere arabisch-christliche Bibelausleger des Mittelalters heran. So erfährt man zum Beispiel, warum Jesus in der Krippe, aber nicht im Stall geboren wurde, oder warum er in den Staub schrieb, als die Ehebrecherin vor ihm stand. Eine wertvolle Neu-Interpretation vieler biblischer Texte.
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aus Greifswald
5/5
27.10.2018
Buch (Gebundene Ausgabe)
Ein Horizont-Erweiterer
Blond und blauäugig, so sah der Jesus aus, den ich als Kind immer wieder malte. Dass diese Vorstellung natürlich meinem europäischen Kontext geschuldet war und weniger auf Sachkenntnis schließen ließ ist offensichtlich. Aber nicht nur in Bezug auf das Aussehen Jesu gibt es immer wieder kulturelle Vorstellungen, die mit dem Nahen Osten als Lebens- und Entstehungsraum des Neuen Testaments wenig tun haben.
An dieser Stelle setzt das nun ins Deutsche übersetzte Buch von Kenneth E. Bailey an, der selbst viele Jahrzehnte im Nahen Osten lebte und so faszinierende Einblicke geben kann, die uns helfen, Jesus besser zu verstehen.
Es sind viele Kleinigkeiten, die mir Impulse geben, die biblischen Berichte mit einem breiteren Horizont zu sehen: Ob es um die Geburt Jesu geht, die in einem herkömmlichen Haus stattfand; die Tatsache, dass ausgerecht vier nicht-jüdische Frauen im Stammbaum Jesu zu finden sind oder weshalb Jesus in der Gegenwart der Ehebrecherin etwas in den Sand malte.
Ausführlich beschreibt der Autor einzelne Bibeltexte, die höchst unterschiedliche Auslegungen hervorrufen, wie die Bergpredigt, den Umgang Jesu mit Frauen sowie seine Gleichnisse. Dabei geht Bailey unterschiedliche Interpretationen durch, gliedert die Texte übersichtlich, bringt den nahöstlichen Kultur- und Lebensraum in die Exegese ein und schließt jedes Kapitel mit einer kurzen Zusammenfassung. Für theologisch Interessierte ist dieses Buch eine lohnenswerte Investition.
Fazit: Wie sehr das europäische Denken unseren Blick auf Jesus und sein Wirken prägt, ist mir durch dieses Buch bewusst geworden. Kenneth Bailey hat meinen Horizont, die neutestamentlichen Texte zu verstehen, erweitert!