"Heute wissen alle Bescheid, und keiner hat Ahnung"
Es gibt Sätze, die ganze Erfahrungswelten infrage stellen. Meinen schlechten Angewohnheiten folgend wollte ich dieses ABC erst einmal von hinten beginnend durchblättern. Doch weit kam ich nicht. Denn ich las unter dem Stichwort "Zunge" folgende verstörende Aussage: "Die Zunge ist ein Organ, mit dem in einen Menschen tiefer eingedrungen werden kann als mit dem Penis." Und das schreibt ein Mediziner, der es schließlich wissen muss. Vielleicht ist ja bei dem einen etwas zu groß, was bei dem anderen etwas zu klein ist. Meine Vorstellungskraft stößt bei diesem Satz an Grenzen.
Andere Aussagen in diesem als Nachschlagewerk getarnten "Notizen eines Sexualforschers" besitzen ein ebenso hohes Verwirrungspotential. Bei "Glück" steht zum Beispiel nur der folgende Satz: "Unerkanntes Glück ist auch, wenn wir uns dort kratzen können, wo es juckt." So habe ich das noch nie gesehen.
Volker Sigusch, so liest man im Klappentext, ist einer der angesehensten Sexualwissenschaftler weltweit. Was ist das eigentlich, was da hochtrabend als Sexualwissenschaft bezeichnet wird? In der Produktbeschreibung eines anderen Buches des Autors erfährt man zur wissenschaftlichen Leistung von Professor Sigusch Folgendes: "Der Kern der Sigusch-Theorie lautet: Keine Sexualität eines Menschen ist mit der eines anderen identisch. Weil das Sexuelle sich der Systematisierung entzieht, kann darüber theoretisch nur in Fragmenten gesprochen werden." Das ist verblüffend, denn wenn sich etwas der Systematisierung entzieht und man darüber theoretisch nur in Fragmenten sprechen kann - wo ist dann Platz für eine wissenschaftliche Herangehensweise? Vielleicht besteht sie darin, dass man bestimmten sexuellen Praktiken und Neigungen lateinische Namen geben kann.
Wenn man aber nun denkt, in diesem Buch gehe es ausschließlich ums Sexuelle, dann irrt man sich. Beispielsweise findet man in ihm das Schlagwort "Attentat". Darunter verfasst der Autor seine Meinung zu Anders Behring Breivik und zu Aussagen aus dem Alten Testament. Das Sexuelle dient auch als Verpackung, die den Leser zur persönlichen Weltsicht des Autors führen soll. Da tritt dann gelegentlich der marxistische Soziologe Sigusch auf und verkündet beispielsweise dem wahrscheinlich völlig überraschten Leser unter anderem: "Die aporetische Paradoxie von subjektivem Selbstbewusstsein einerseits und gesellschaftlicher Verstofflichung andererseits spannt die Welt zum Zerreißen an."
In diese zum Zerreißen angespannte Welt prasselt dann auch gleich noch: "Seit Auschwitz beinhaltet jeder Zustand der Lust und des Glücks nicht nur die lautlosen Schreie der proletarischen Mütter, er ist von den Schreien der auf die Rampe Geschleppten durchgellt. Das macht jedes Wohlbehagen in der Kultur objektiv ruchlos." Das steht alles unter dem Stichwort "Kultur und Gesellschaft in Splittersätzen".
"Heute wissen alle Bescheid, und keiner hat Ahnung" ist eine Behauptung, bei der sich Sigusch selbstverständlich ausnimmt. Und natürlich stellt sich der Autor auch gegen Ausgrenzungen, Diskriminierungen und Diffamierungen. Und dies insbesondere bei den unzähligen Geschlechtern, die inzwischen angeblich kulturell erzeugt wurden. Das hindert ihn aber nicht daran ganze Volksgruppen in Deutschland mit Attributen zu belegen, die nicht zitierfähig sind (nachzulesen beispielsweise unter dem Stichwort “Quittung”).
Vor diesem Buch seien also alle diejenigen gewarnt, die auf den Titel hereinfallen könnten. Die Nebenwirkungen dieses Produkts können erheblich sein, denn in ihm steckt jede Menge Ideologie und eine ins Moralisierende abgleitende absurde Weltsicht, die "jedes Wohlbehagen" mit herbeigeredeten kollektiven Schuldgefühlen infiziert.