Ein verschwundenes Gemälde, eine geheimnisvolle Frau und die Schuld einer Familie. Ein 100 Jahre umspannender Roman mit viel Lokalkolorit von der Münchner Autorin Tanja Weber
Die 38-jährige Elsa ist Kunsthistorikerin und soll einem Diebstahl nachgehen. Es ist ein ganz besonderer Auftrag, denn es handelt sich um ein Gemälde, das Elsas Familie seit Generationen gehörte und der Familienlegende nach ihre Urgrossmutter Anneli Gensheim darstellt. Elsas Vater hatte das Gemälde jedoch vor einigen Jahren an ein Auktionshaus veräussert. Auf der Suche nach dem verschwundenen Bild taucht die Kunsthistorikerin immer tiefer in ihre eigene geheimnisvolle Familiengeschichte ein und entdeckt so nicht nur die wahre Identität der Frau auf dem Gemälde, sondern auch, wer ihre Urgrossmutter Anneli wirklich war.
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4/5
01.02.2018
Buch (Taschenbuch)
Wer ist „Mon Amour“?
Vielleicht ist Ihnen Tanja Weber schon einmal als Drehbuchautorin aufgefallen? Von ihr stammen nämlich die Drehbücher zu „Verliebt in Berlin“ und „Türkisch für Anfänger“. Ich persönlich kannte sie bis dato noch nicht. Mich hat nur einfach der Buchtitel „Die Frauen meiner Familie“ angesprochen. Und der Klappentext versprach eine spannende Geschichte.
Tanja Weber erzählt die Geschichte von drei Frauen. Den Rahmen bildet die Geschichte um Elsa, einer Enddreißigerin, die als Kunsthistorikerin in München für eine Versicherungsgesellschaft arbeitet. Ihr aktueller Auftrag lautet, sich um den Diebstahl mehrerer Bilder aus einer Galerie in Belgien zu kümmern. U.a. wurde dort das Bild „Mon Amour“ des Malers Rudolf Newjatevs gestohlen. Als sie ein Foto von diesem Bild sieht, ist sie ganz überrascht, denn dieses Bild kennt sie nämlich aus ihrer Kindheit. Es hing früher bei ihren Großeltern und wurde die bunte Frau genannt. Obwohl sie Kunsthistorikerin ist, war ihr nicht bewusst, dass es sich um ein expressionistisches Bild aus dem Umkreis des Blauen Reiters handelte. Außerdem hatte sie dieses Bild zwischenzeitlich völlig vergessen. Als ihre Großeltern gestorben waren, hatte ihr Vater die Wohnung entrümpelt. Doch nun ist sie völlig überrascht, dass das Bild bei einer Ausstellung gestohlen wurde. Sie fängt an, sich für die Hintergründe zu interessieren und macht eine Entdeckung, die ihr ganzes bisheriges Bild über ihre Familie ins Wanken bringt. Ist das auf dem Bild wirklich ihre Urgroßmutter, wie es ihr immer erzählt wurde? Es heißt, dass das Bild während des 3. Reichs zu einem Spottpreis von dem Vater des jüdischen Malers gekauft wurde. Was steckt dahinter?
Der zweite Haupterzählstrang beginnt 1912. Dort erzählt die anfänglich 19jährige Anneli Gensheim ihre Geschichte. Anneli lebt in Schwabing in einer schönen Wohnung mit ihren Eltern, zwei Geschwistern und 2 Dienstboten. Der Vater ist ein angesehener Arzt, die Mutter eine moderne und sehr kunstinteressierte Frau. Anneli hatte ursprünglich eine Anstalt besucht, wo gebildete Damen zu Lehrerinnen ausgebildet werden sollten. Doch diese Ausbildung hat sie abgebrochen. Stattdessen möchte sie Journalistin werden. Durch ihren Vater kommt sie bei der Münchener Post unter, einer Tageszeitung, die der SPD nahesteht. Sie beginnt als Stenotypistin, schafft es aber relativ schnell, dass sie kleine Texte selber schreiben darf.
Doch Anneli lebt nicht nur für ihren Beruf, sondern sie interessiert sich auch für die Menschen in ihrer Umgebung. Und da kommt Rosa ins Spiel- ein blutjunges Dienstmädchen, frisch vom Lande, die gänzlich rein und unerfahren scheint. Anneli nimmt sie unter ihre Fittiche. Durch Anneli lernt Rosa eine andere Welt kennen. Doch diese Welt meint es nicht gut mit ihr. Eines Tages wird sie ermordet aufgefunden. Und Anneli gibt sich die Schuld daran. Sie meint auch, den Mörder Rosas zu kennen und versucht, diesen der gerechten Strafe zuzuführen.
Was haben diese Geschichten miteinander zu tun? Elsa als auch Anneli versuchen eine Schuld zu begleichen. Und beide müssen dabei feststellen, dass die eigene Wahrnehmung nicht automatisch auch die Wahrheit ist. Herausgekommen ist eine ausgesprochene spannende Geschichte, die uns einerseits in das Thema „Beutekunst“ mitnimmt und andererseits ein interessantes Bild von München, ganz speziell Schwabing, aufzeigt. Dem Schwabing, welches Anfang des 20. Jahrhunderts der Wohnsitz vieler Künstler und moderner Menschen war. Mich faszinierte an dieser Geschichte der Aspekt, dass man eine Geschichte, die schon über eine längere Zeit zurückliegt, ohne Zeugen nicht unbedingt mehr bis ins Detail auflösen kann.
Es ist ein toller Roman für Leserinnen, die Charlotte Roths Roman „Als wir unsterblich waren“ und Micaela Jarys Roman „Das Bild der Erinnerung“ sehr mochten. Ich freue mich schon auf weitere Romane dieser Autorin!